Der älteste Hass der Geschichte

Jeff Jacoby, The Boston Globe, 11. März 2009

Antisemitismus ist eine uralte Störung, der älteste allen Hasses; daher ist es seltsam, dass ihm ein Name mit Bedeutung fehlt. Die falsche Bezeichnung „Antisemitismus“ – ein Begriff, der 1879 vom deutschen Agitator Wilhelm Marr geprägt wurde, der einen wissenschaftlich klingenden Euphemismus für Judenhass haben wollte – ist besonders geistlos, da Feindseligkeit gegenüber Juden nie etwas mit Semiten oder semitisch sein zu tun hatte.

Vielleicht gibt es keinen guten Namen für einen Virus, der so wandelbar ist wie der Antisemitismus. „Die Juden sind Hassobjekte für heidnische, religiöse und säkulare Gesellschaften gewesen“, schreiben Joseph Telushkin und Dennis Prager in „Why the Jews?“, ihrer klassischen Studie des Antisemitismus. „Die Faschisten haben ihnen vorgeworfen Kommunisten zu sein und die Kommunisten haben sie als Kapitalisten gebrandmarkt. Juden, die in nicht jüdischen Gesellschaften leben, wurden beschuldigt doppelte Loyalitäten zu haben, während Juden, die im jüdischen Staat leben, sind als ‚Rassisten‘ verurteilt worden. Arme Juden werden drangsaliert und reichen Juden grollt man. Juden sind sowohl als wurzellose Kosmopoliten, wie auch als ethnische Chauvinisten gebrandmarkt worden. Juden, die sich assimilieren, werden eine „fünfte Kolonne“ genannt, während die, die zusammenhalten, Hass auslösen, weil sie für sich bleiben.“

Es gab Judenhass, bevor es das Christentum und den Islam gab, vor dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus, vor dem Zionismus und dem Nahost-Konflikt. Diese Woche feiern die Juden das Purim-Fest; sie versammeln sich in Synagogen, um das Buch Esther zu lesen. Die Geschichte läuft im antiken Persien ab; sie erzählt von Haman, einem mächtigen königlichen Berater, der beleidigt ist, als der jüdischer Weise Mordechai es ablehnt sich vor ihm zu verbeugen. Hamas entschließt sich alle Juden des Reiches auszulöschen und bringt die Argumente für den Völkermord in einem Appell vor dem König:

„Es gibt ein Volk, zerstreut und abgesondert unter allen Völkern in allen Ländern deines Königsreichs, und ihr Gesetz ist anders als das aller Völker, und sie tun nicht nach des Königs Gesetzen. Es ziemt dem König nicht, sie gewähren zu lassen. Gefällt es dem König, so lasse er schreiben, daß man sie umbringe.“

Als der König zustimmt, macht Haman Pläne zu „vertilgen, töten und umbringen alle Juden, jung und alt, Kinder und Frauen, auf einen Tag … und ihr Hab und Gut plündern.“

Das treibt solchen Blutdurst an? Hamans Anklage beschuldigt die Juden des Fehlens nationaler Loyalität, sich im ganzen Reich einzuschmeicheln, das Gesetz des Königs zu verspotten. Aber die Juden Persiens hatte nichts getan, um Hamas mörderischen Antisemitismus zu rechtfertigen – genauso, wie Juden in späteren Zeitaltern nichts taten, das ihre Verfolgung durch die Kirche oder den Islam rechtfertigte oder ihre Unterdrückung durch die Hand der russischen Zaren und sowjetischen Kommissaren oder ihre Abschlachtung durch Nazideutschland. Wenn der Präsident des Iran heute die Ausmerzung des jüdischen Staates fordert, wenn in London, Paris und Chicago Brandbomben auf Synagogen geschleudert werden, dass ist das nicht deshalb, weil die Juden es verdienen schikaniert zu werden.

Viele Juden sind keine Heiligen, aber der paranoide Wahn des Antisemitismus wird nicht durch das erklärt, was Juden tun, sondern was sie sind. Sie sind das Objekt des Antisemitismus, nicht seine Ursache. Das ist der Grund, dass die Erklärungen der Hassenden so irre unvereinbar sind und ihre Pläne so widersprüchlich. Was haben die, die Juden als habgierige Banker verleumden mit denen gemeinsam,die sie als teuflische Bolschewisten verunglimpfen? Nichts, außer einer irrationalen Besessenheit wegen den Juden.

Dann lässt Haman die Maske fallen. Er prahlt Freunden und Familie gegenüber von der „Herrlichkeit seines Reichtums und der Menge seiner Söhne und alles, wie ihn der König so groß gemacht habe, und dass er über die Fürsten und Großen des Königs erhoben sei.“ Doch er kochte vor Wut und Frust: „Aber das alles ist mir nicht genug, solange ich den Juden Mordechai sitzen sehe im Tor des Königs.“ Das ist das nicht zu vergebende Vergehen: „Mordechai, der Jude“ lehnt es ab sich einzufügen, wie es jeder andere zu sein. Er sitzt einfach weiter da – unverdaut, unassimiliert und daher nicht ertragbar.

Natürlich hat Haman einen angeblichen Grund dafür die Juden anzugreifen. Den hatten auch Hitler und Arafat, den hat auch Ahmadinedschad. Manchmal konzentriert sich der Antisemit auf die Religion des Juden, manchmal auf seine Gesetze und seinen Lebensstil, manchmal auf seine professionellen Leistungen. Unter all dem ist es jedoch das Jüdische des Juden, das der Antisemit nicht ausstehen kann.

Mit all ihren Fehlern und Schwächen bestehen die Juden weiter; ihre Rolle in der Geschichte ist noch nicht zu Ende. Also besteht auch der älteste Hass der Welt weiter, so obsessiv und unzerstörbar – und tödlich – wie schon immer.

14 Gedanken zu “Der älteste Hass der Geschichte

  1. Antisemitismus ist ein Synonym für Hass auf Leistungsträger, es hätte da auch bspw. die Schweizer oder die Russen erwischen können.
    Erwischt hat es die Juden, da diese fähig und gut verteilt waren.
    Ist im Prinzip auch mit „Antikapitalismus“ zu vergleichen, siehe auch den linken Mob (bzw. den rechten oder bärtigen Mob, wenn die könnten, wie sie wollten in Europa).

  2. Aus dem Buch Esther abzuleiten, es hätte in der Antike ein Phänomen gegeben, das mit dem Antisemitismus vergleichbar gewesen wäre, ist doch recht gewagt. Dann könnte man auch gleich den Pharao zur Zeit des Moses unterstellen, er wäre Antisemit gewesen. Antisemitismus ist eine Erscheinung der Moderne. Eben darin liegt seine eigentliche tödliche Gefahr.

  3. Was, bitte, ist der Hass Hamans und sein Versuch „alle Juden“ zu ermorden anderes? Das war so etwas wie der erste Holocaust-Versuch.
    Antisemitismus als der „wissenschaftliche“ Judenhass ist ein Phänomen der Moderne. Mörderischer Judenhass an sich nicht.

  4. Lassen wir einmal die Frage unbeantwortet, ob das Buch Esther historisch ist – Quellen gibt es dafür nicht, was angesichts von fünfundsiebzigtausend Getöteten erstaunlich wäre -, so zeigt es doch genau, wie eine Minderheit zum Objekt eines Mächtigen wird und wie man sich dagegen wehren kann. Aber n.m.M. belegt es nicht, dass es einen verbreiteten Judenhass gab. Die Texte bei Stern, M. (Hrsg., übers. u. komm.), Greek and Latin authors on Jews and Judaism, Jerusalem 1976 lassen davon wenig erkennen.

  5. Es ist mir schnurzpiepegal, ob Judenhass „verbreitet“ ist oder nicht – in diesem Fall hat ein Mensch ausgereicht. Er hat sich Vorurteilen bedient, um einen Völkermord begehen zu können. Das reicht ja wohl! Da kommt es nicht drauf an, ob noch Tausende oder Millionen oder auch nur Hunderte andere auch Judenhasser waren. Sie hätten mitgemacht, aus welchen Gründen auch immer (Habgier, Neid, was weiß ich.) Muss Antisemitismus ein Massenphänomen sein, um zu existieren? Um sich zu manifestieren? Um zu einer Bedrohung des jüdischen Volkes zu werden? Das wird von dir impliziert. Und das ist Blödsinn.

  6. @sapientia
    Noch was: ‚Die Texte bei Stern, M. (Hrsg., übers. u. komm.), Greek and Latin authors on Jews and Judaism, Jerusalem 1976 lassen davon wenig erkennen.‘
    Wenn das so ist, dann frage ich mich, ob Stern sich alle Quellen angesehen hat. In Thiede/Stingelin: Die Wurzeln des Antisemitismus. Judenfeindschaft in der Antike, im frühen Christentum und im Koran jedenfalls finden sich reihenweise Beispiele für Judenhass. Und warum wohl hat Josephus Flavius seinen Aufsatz „Gegen Apion“ geschrieben? Wegen wenig erkennbarem Judenhass? Wegen einer Marginalie? Deine Argumentation ist mehr als dünn!

  7. Es ist mir schnurzpiepegal,…Das ist nun ein Argument, bei dem man schweigen muss.
    Nur zur Information: Wer das Werk von Menaḥēm Stern, das immerhin 1425 Seiten umfasst, mit dem Büchlein einem auch als Judemissionars aufgefallenen Autors vergleicht, der sollte nicht behaupten, dass andere Argumentationen dünn sind.

  8. Mit anderen Worten: Wenn mir ein Autor nicht passt, dann sind die von ihm angeführten Fakten bedeutungslos.
    So „argumentieren“ sämtliche Israelhasser und -verleumder auch. Damit können wir natürlich sehr weit kommen. Nur nicht dahin, die Wahrheit zu kennen. Selektive Wahrnehmung zum Prinzip zu machen hilft ungemein!

  9. Lassen wir es dabei; Du liest Deine Autoren, ich die meinen. Ich nehme an, Du hast noch nie den Namen Menaḥēm Stern gehört oder eine Zeile von ihm gelesen. Und außer dem genannten Buch hast Du wahrscheinlich auch nichts von Carsten Thiede gelesen, sonst hättest Du Dir die Peinlichkeit des Vergleichs überlegt.
    Pesach sameach vekascher!

  10. Deine Argumentation ist lächerlich. Was Thiede zitiert, das hat er nicht erfunden, das ist nicht Meinung. Es sind Zitate. Die Äußerungen und die Schilderungen stammen nicht von ihm. Wenn dir das nicht passt, dann hast du ein gewaltiges Problem. Es geht nicht um das, was Thiede daraus macht, sondern um das, was er an Fakten anführt. Über Interpretationen können wir uns streiten, so viel du willst. Aber es ändert nichts daran, dass schon in der Antike Judenhass ein Phänomen war, das Wirkung zeigte. Da ist es egal, ob der Papst oder der Dalai Lama oder Herr Küng oder Mosche Zimmermann (um ein paar Leute anzuführen, die ich nicht sonderlich ausstehen kann) die Tatsachen aufschreibt – sie bleiben Tatsachen.

  11. sapientia schreibt:

    Aus dem Buch Esther abzuleiten, es hätte in der Antike ein Phänomen gegeben, das mit dem Antisemitismus vergleichbar gewesen wäre, ist doch recht gewagt. Dann könnte man auch gleich den Pharao zur Zeit des Moses unterstellen, er wäre Antisemit gewesen. Antisemitismus ist eine Erscheinung der Moderne. Eben darin liegt seine eigentliche tödliche Gefahr.

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    Es geht nicht darum, ob der Begriff „Antisemitismus“ zur Zeit der Abfassung des Buches Esther bekannt war (jeder halbwegs Gebildete weiß, dass Antisemitismus ein Begriff aus der Aufklärung ist [für Sie wahrscheinlich ein Problem]), sondern es geht darum, dass das jüdische Volk damals ebenso in seiner Existens bedroht war wie Israel heute. Und wenn Israel seitdem Purim feiert, dann deshalb – und nicht (ursächlich), weil es 1933 gab.

    Sie sollten irgendwann begreifen, warum Israel biblische Feste feiert bzw. an historische Ereignise erinnert, die biblisch belegt sind.

  12. sapientia — 6. April 2009 #

    Lassen wir einmal die Frage unbeantwortet, ob das Buch Esther historisch ist – Quellen gibt es dafür nicht, was angesichts von fünfundsiebzigtausend Getöteten erstaunlich wäre -, so zeigt es doch genau, wie eine Minderheit zum Objekt eines Mächtigen wird und wie man sich dagegen wehren kann. Aber n.m.M. belegt es nicht, dass es einen verbreiteten Judenhass gab. Die Texte bei Stern, M. (Hrsg., übers. u. komm.), Greek and Latin authors on Jews and Judaism, Jerusalem 1976 lassen davon wenig erkennen.

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    Okay, wenn Sie schon darauf beharren, dass Esther historisch (und meinetwegen auch archäologisch) nicht nachweisbar ist, was ja auch bei Hiob zutrifft, das eindeutig lyrischen Charakter trägt:

    Wieso erkennen Sie dann nicht an, dass mittels Literaturkritik ein theologischer Kern enthalten ist, der die Verfolgung der Israelis generell zum Thema und einen Traditionshintergrund hat?

    Wenn Sie sich so belesen geben, dann wissen Sie doch genauso gut wie wir (ich), dass die mündliche Tradition in der Bibel eine sehr große und überaus wichtige Rolle spielt -; nicht weil sie unzuverlässig wäre, sondern aus dem Gegenteil heraus. Die mündliche Tradition war in der Antike und in der Zeit davor immer sicherer als die schriftliche. Interessant übrigens, dass man Muslimen die Genauigkeit in der mündlichen Tradition nie abspricht, nur weil auf Arabisch tradiert wurde. Arabisch: Eine heilige Sprache? Zweifel sind mehr als angebracht.

    In der (jüdischen) Antike war die Mund-Tradition wesentlich zuverlässiger als die schriftliche Variante. So sind übrigens auch die Vorformen der Evangelien entstanden (von Markus vielleicht abgesehen, weil ab Kapitel 16 ein Bruch festzustellen ist).

    Auch wenn Theologen heute vom Standpunkt der historisch-kritischen Exegese heraus versuchen, Textschichten in einen historischen und literarischen Zusammenhang zu stellen („Sitz des Lebens“), dann bedeutet das noch lange nicht, dass die mündliche Tradition damit ad absurdum geführt werden würde. Dann hat man die moderne Bibelwissenschaft nicht begriffen.

    Und Gott hat uns auch einen Verstand gegeben, so weit ich weiß.

    Sie sollten sich vielleicht mehr Gedanken darüber machen, wie Tradition und Schrift im Kontext des theologischen Kerns bewertet werden müssen.

    Umd der theologische Kern ist Jesus Christus. Niemand sonst.

  13. sapientia scheint ihren Menachem Stern nicht wirklich vollständig gelesen zu haben. Rivkah Fischman Duker stützt sich in ihrem Aufsatz über Jerusalem als Hauptstadt der Juden hauptsächlich auf Stern – einschließlich einiger heftiger antiker judenfeindlichen Kampagnen.
    (Der Aufsatz wird demnächst vollständig in deutscher Übersetzung auf den Nahost-Infos erscheinen. Eine gekürzte Fassung gibt es bereits sein Ende 2008 beim Jerusalem-Zentrum.)

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