Eine kleine Mahnung zur Zielsetzung

Daniel Gordis, 24. April 2009

Es gibt so ein gewisses Aussehen einer Witwe, die Mitte zwanzig ist, deren Ehemann im Januar im Gazastreifen getötet wurde: Die Augen geschwollen von Tränen, doch gleichzeitig voll stählerner Entschlossenheit. Immer noch eine gewisse Verletzbarkeit auf ihrem sehr jungen Gesicht, das gleichzeitig für ihr Alter alt erscheint. Ein Bild von Schmerz und unaussprechlicher Traurigkeit, aber keine Bitte um Mitleid. Sah nur ich es oder war es klar, dass sie selbst inmitten ihrer untragbaren Last sehr genau wusste, dass sie – wie der junge Ehemann, der ihr viel zu früh genommen wurde – Teil von etwas viel Größerem als sie selbst ist? Ist das der Grund, dass ich, als ich sie ansah, mehr als alles andere ein Gefühl von Kraft empfand?

Ich wäre mir lieb gewesen, viel mehr Leute hätten sie gesehen. Präsident Obama zum Beispiel, während er sich auf einen weiteren Stich des Nahost-Friedensmachens vorbereitet. Hillary Clinton, die uns jetzt sagt, wir müssten Frieden machen, wollten wir nicht die Unterstützung Amerikas in der drohenden Auseinandersetzung mit dem Iran verlieren. All die Juden da draußen, die sich an die Brust schlagen, die daran verzweifeln, dass der jüdische Staat so „unjüdisch“ ist in seinem anscheinenden Widerwillen Frieden zu machen.

Wir hören all diese Leute – natürlich hören wir sie. Und während wir das tun, können wir nur den Kopf schütteln und uns fragen, ob die Welt begonnen hat unserer müde zu werden, die Entscheidung zu bereuen, die sie am 29. November 1947 traf. (Wir wissen z.B. zweifellos, dass OIsrael, sollte die UNO heute abstimmen, nicht gegründet würde.) Forderungen an Israel mit der Hamas zu verhandeln, obwohl die sich der Vernichtung Israels verschrieben hat, die giftige Umgebung von Durban II und die Bereitschaft der Obama-Administration sich mit dem Iran zusammenzusetzen, obwohl der weiterhin Uran anreichert, tragen alle zu diesem Gefühl bei.

Daher möchte ich allen, die wegen Israels Unnachgiebigkeit und Unbeugsamkeit verzweifelt gestikulieren, am Vorabend des diesjährigen israelischen Unabhängigkeitstages ein kurzes Wort über Nationen und Staaten und Entschiedenheit mitgeben. Denn ohne Entschiedenheit zu begreifen, ist Israel nicht zu begreifen.

Die Israelis wählten 1999 Ehud Barak, weil der Frieden mit den Palästinensern versprach. Als Barak fast die ganze Westbank und sogar Teile von Jerusalems auf den Verhandlungstisch legte, zogen die meisten Israelis mit. Der Handel fiel in sich zusammen, weil die Palästinenser die Zweite Intifada lostraten. Die Mehrheit der Israelis unterstützte Ariel Sharons Entscheidung aus dem Gazastreifen abzuziehen und alle jüdischen Gemeinden dort zu entfernen. Sie wählten 2006 sogar Ehud Olmert, nachdem er seinen Wahlkampf auf einer Plattform weiterer Rückzüge aus der Westbank führte. Wie konnte ein Land, das ständig schmerzliche Zugeständnisse für den Frieden favorisierte, mit Benjamin Netanyahu und Avigdor Lieberman als Premierminister und Verteidigungsminister enden? Das müssen Obama, Clinton und all die verzweifelt Gestikulierenden begreifen, wenn sie irgendeine Hoffnung haben wollen hier gehört zu werden.

Um das heutige Gefühl Israels wertschätzen zu können, wäre es für all diese Leute gut zwei ikonenhafte Fotografien im Hinterkopf zu behalten, zu denen praktisch jeder Israeli aufgezogen wird. Diese Bilder sind zu Repräsentanten zweier radikal unterschiedlicher Zeitalter geworden – jüdischer Machtlosigkeit unter den Nazis und Juden auf der Höhe ihrer Macht, als sie die Altstadt Jerusalems von den Jordaniern eroberten.

Das erste Zeitalter ist im Gedächtnis vieler Israelis vom Schwarzweiß-Foto eines jüdischen Jungen dargestellt, der vermutlich nicht älter als neun oder zehn ist, gekleidet in seinen besten Mantel und Mütze, seine schwarzen Strümpfe fast bis zu den Knien hochgezogen. Er ist das Muster der Unschuld, des europäisch-jüdischen finanziellen und sozialen Erfolgs; und doch ist er bemitleidenswert – genau das Bild der Verletzbarkeit. Seine Eltern sind nicht bei ihm und keiner der Zuschauenden ist gekommen, um ihn zu trösten. Seine Hände als Zeichen der Ergebung erhoben, während ein Nazi ein Gewehr in seine Richtung hält, liegt das Schicksal des Jungen voll und ganz in der Hand seiner Feinde und deren Laune. Er könnte genauso gut schon tot sein.

Ein völlig anderes Foto wurde an der Westmauer infolge der Eroberung der Altstadt durch die Fallschirmjäger im Sechstagekrieg des Juni 1967 gemacht. Dieses Foto von David Rubinger ist gleichermaßen eine Ikone. Es zeigt ebenfalls Juden und Soldaten – drei sind es. Aber diesmal sind die Juden und Soldaten ein und dieselben. Der Jude ist nicht länger der verängstigte Junge, der irgendwo in Europa mit dem Blick der Waffe des Nazis ausweicht. Er ist zuhause, in Jerusalem, für sein Schicksal selbst verantwortlich.

Nicht in diesem Bild feiert den Krieg. Die Waffen der Soldaten sind nirgendwo zu sehen. Ihre Helme haben sie abgenommen. Die Person in der Mitte ist jung, wirkt fast wie ein Junge. Was die jüdische Vorstellungskraft gefangen nimmt, war nicht der Jude als Soldat, sondern das Bild eines Juden, dessen Daseinsbedingung in der Zeit zwischen den zwei Fotos vollkommen verändert worden ist, nur durch die Gründung des jüdischen Staates. Der jüdische Staat, versprach der Zionismus, würde die Bedingungen für die Juden in der Welt verändern. Juden sollten nicht länger nach der Laune anderer leben und sterben. Die Sicherheit unserer Kinder sollte nicht davon abhängig sein, was unserer Feinde beschlössen.

Heute machen sich die Israelis Sorge, dass das angefangen hat sich zu ändern; dass wir unausweichlich in die Wirklichkeit abrutschen, die das erste Bild repräsentiert. Seit acht Jahren verwandeln palästinensische Raketen und Mörser die Kindheit von Israelis in Sderot und anderen Städten in Jahre der ununterbrochenen Angst. Tausende israelischer Kinder lernten und schliefen – und einige starben – ganz nach der Laune Qassams abschießender Palästinenser. Und als Israel endlich antwortete, kam im selben Moment die Wut der Welt.

Jetzt fragen sich die Israelis, ob die Amerikaner sich still einem atomaren Iran ergeben haben. Wenn die Israelis überzeugt sind, dass dies der Fall ist, wird es weder Netanyahu noch Liebermann sein, sondern die amerikanische Politik, die die israelische Unnachgiebigkeit verursacht haben wird. Denn eine iranische Atomwaffe, selbst wenn sie nie benutzt würde, würde die Veränderung in der existenziellen Bedingungen für den Juden umkehren, der Israel möglich machte. Hat der Iran erst einmal Atomwaffen, werden alle israelischen Eltern ihre Kinder nachts in dem Wissen ins Bett bringen, dass wieder einmal unser Überleben und das unserer Kinder nicht von dem abhängt, was wir tun, sondern was andere entscheiden, wie unser Schicksal aussehen soll. Eine iranische Atomwaffe wird nicht nur ein Versagen der amerikanischen Abschreckung darstellen, sondern das Versagen des Versprechens des Zionismus einen jüdischen Staat zu schaffen und auf Dauer zu erhalten, der seinen Bürgern ein sicheres Leben bietet.

Eine internationale Gemeinschaft, die sich bedeutsamem Fortschritt im israelisch-arabischen Konflikt verschrieben hat, muss zuerst die Israelis überzeugen, dass sie nicht im Stich gelassen werden, dass die Welt dem Ziel verpflichtet ist, für das Israel gegründet wurde. Sehr wenige unter uns finden Geschmack daran unsere Söhne und Töchter in den Krieg zu schicken, lebenslang die Narben des Kampfes zu tragen oder Schlimmeres. Auch wir würden nichts lieber haben als ein Ende dieses fürchterlichen Konflikts. Das wird dadurch bewiesen, wie wir in der Vergangenheit gewählt haben.

Aber während wir uns darauf vorbereiten wieder einmal unseren Unabhängigkeitstag zu feier, muss eine Tatsache deutlich bleiben: Wir werden diesen Konflikt nicht um jeden Preis beenden. Die internationale Gemeinschaft muss demonstrieren, dass sie das begreift. Denn an diesem Erev Yom Ha-Atzma’ut, wie an allen anderen, wissen zumindest wir sehr gut, was auf dem Spiel steht. Vor die Wahl gestellt, unsere Kinder einmal mehr in den Kampf zu schicken oder zu der Welt dieser ersten Fotografie zurückzukehren, in der jemand anderes entscheidet, ob wir leben oder wie lange wir leben, werden fast alle von uns Ersteres wählen.