Wie mündig darf der Bürger denn nun sein?

Die EU macht hü, aber der deutsche Bundestag macht hott – und trotzdem widerspricht es sich wohl nicht: Seit Anfang Mai gilt, dass keine Packungsgrößen mehr vorgeschrieben sind. Und können wir irgendwann nicht nur 1l, und 0,5l Milch kaufen, sondern vielleicht auch 0,45l oder 0,9l. Und statt z.B. 450g Marmelade finden sich jetzt 380g (überwiegend zum selben Preis). Angeblich, weil der Verbraucher es gerne so hätte und damit er wählen kann. Schließlich ist der Verbraucher mündig und kann rechnen. Außerdem muss der Kilogramm-Preis am Warenregal angezeigt werden. Ist eigentlich auch geregelt, wie gut lesbar der sein muss?

Es wurde immer mächtig mit der Mündigkeit des Bürgers argumentiert. Nicht nur in Brüssel/Strasbourg, auch in Berlin und den Landeshauptstädten. Allgemein war in der Politik nichts grundsätzlich Kritisches zu hören, wenn man von vereinzelten Stimmen absieht. Gleichzeitig soll das als Bürokratieabbau gelten.

Jetzt kommt aus Berlin die neue Segnung des Verbrauchers: Der Bundestag hat beschlossen, dass eine Packung Zigaretten mindestens 19 Glimmstengel enthalten muss. Die Erlaubnis von Packungen mit 17 Zigaretten wird gestrichen.

Was sagt uns der Bundestag damit in Sachen „mündiger Bürger“? Dieser ist offenbar in der Lage bei Lebensmitteln auch die krummsten Größen zu meistern, aber bei Zigaretten geht das nicht? Marmelade, Milch, Wurst, Käse, usw. sind Freiwild für die Verpackungswut der Hersteller, aber ein Mäßigraucher darf keine Packung mit 6, 10, 12 oder 15 Sargnägeln kaufen können? (Ich bin übrigens militanter Nichtraucher.) Bei Lebensmitteln ist der Bürger obermündig, bei allem anderen muss er gegängelt werden?

Okay, wer fragt mal bei der EU an, ob das im Sinne des Bürgers oder seiner Mündigkeit sein kann. Dann haben sie im Spielzeug-Parlament und bei den Vorschriften-Erfindern von der EU-Kommission wieder ein paar Jahre zu tun, bis sie auch das wieder per bürokratischer Verordnung von oben ohne demokratischen Entscheid entbürokratisiert haben. Dann kann der Bundestag sein Verordnungswut wieder an etwas anderem auslassen; die EU-Bürokratie wird weiter ihre eigenen Gängelungsmechanismen aktivieren. Aber Hauptsache, sinnvolle Einschränkungen werden aus Freiheitsgründen über Bord gekippt, Unsinniges findet den Weg in dicke Vorschriften-Werke und sorgt dafür, dass Bürokraten niemals arbeitslos werden können…

Ein Gedanke zu “Wie mündig darf der Bürger denn nun sein?

  1. Der Preis pro Verpackungseinheit ist für den Verbraucher eigentlich uninteressant, da ausschließlich der Liter- bzw. Kg-Preis für den Vergleich maßgeblich ist.

    Wenn man diese Preise, die oft über Wochen und Monate relativ konstant bleiben regelmäßig notiert, kann man nach fünf oder zehn Jahren sehr schön sehen, wie irreführend die offiziellen Zahlen zur Inflation sind. Ob ein Flachbildfernseher billiger wird oder nicht, ist nicht soo interessant, da ich ja nicht monatlich einen kaufen gehe. Essen muss ich dagegen täglich.

    Und was den vielbeschworenen „mündigen Bürger“ betrifft – Grüßen Sie ihn bitte recht herzlich von mir, wenn Sie ihn sehen 😉

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.