Die Mutter aller Mythen

Michael J. Totten, Commentary Magazine contentions, 29. Mai 2009

Von Dennis Ross, Sonderberater der Außenministerin für den Iran, kommt nächsten Monat ein Buch auf den Markt, das unangenehmerweise nicht mit der These der „Verknüpfung“ de Obama-Administration einverstanden ist. „Unter allen politischen Mythen, die uns davon abgehalten im Nahen Osten wirkliche Fortschritte zu machen“, schreibt Ross in einem Kapitel mit der Überschrift „Die Mutter aller Mythen“, „steht eine wegen ihres Einflusses und Langlebigkeit heraus: Die Vorstellung, dass, wenn nur der palästinensische Konflikt gelöst würde, all anderen nahöstlichen Konflikte wegschmelzen würden.“ In der Zwischenzeit setzt die Obama-Administration – für die Ross derzeit arbeitet – Israel zum Teil unter Druck, weil der Präsident hofft Fortschritte hin zu einer Lösung des palästinensischen Konflikts helfen wird den Drang des Iran zur Entwicklung von Atomwaffen entgleisen zu lassen.

Ross beendete das Manuskript und verkaufte es an Viking Press, bevor der Präsident ihn einstellte, aber er hatte recht, als er es schrieb und er hat heute immer noch recht. Die größten Probleme des Nahen Ostens – und Irans Streben nach Atomwaffen gehört sicherlich dazu – haben wenig bis gar nichts mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu tun. Der Hass des iranischen Regimes auf Israel ist selbstverständlich real, und Atomraketen in seinem Arsenal würden eine ernste Gefahr darstellen, aber der Iran würde sich in aller Wahrscheinlichkeit mit den stärksten Waffen der Welt auch dann bewaffnen, wenn es Israel nicht gäbe.

Der Forscher Martin Kramer identifiziert neun regionale „Konflikt-Bündel“ und argumentiert: „Diese vielen Konflikte sind Symptome ein und derselben Krankheit: fehlender Ordnung im Nahen Osten zur Ersetzung der alten islamischen und europäischen Reiche. Aber sie sind unabhängige Symptome; ein Konflikt verursacht nicht einen anderen und seine ‚Lösung‘ kann keinen anderen lösen.“

Ross klingt beinahe als entlarve er einen Strohmann, wenn er sagt, wer an die „Verknüpfungs“-Theorie glaubt denke „alle andere Nahost-Konflikte würden wegschmelzen“, wenn nur die Palästinenser einen Staat hätten. Ich weiß nicht, ob Präsident Barack Obama so weit gehen würde, aber der ehemalige Präsident Jimmy Carter tut es beinahe. „Selbst unter der Bevölkerung unserer ehemals engen Freunde in der Region“, sagt Carter, „Ägypten und Jordanien, betrachten weniger als 5 Prozent die USA heute positiv. Der Grund dafür ist nicht, dass wir in den Irak einmarschiert sind; sie hassten Saddam. Es ist so, weil wir nichts zum palästinensischen Leid unternehmen. Ohne Zweifel geht der Weg zu Frieden im Nahen Osten durch Jerusalem.“

Die Bevölkerung von Ägypten, Jordanien und anderen arabischen Ländern hat eine fast unerschöpfliche Liste an Beschwerden gegenüber den Vereinigten Staaten. Viele gründen auf fantasmagorischen und staatlich fabrizierten Verschwörungstheorien, die nichts mit der Westbank, Gaza oder irgendetwas anderem in der realen Welt zu tun haben. Und ihre Bevölkerung wäre mit Sicherheit von der Invasion des Irak aufgeheizt, egal, was sie von Saddam hielt. Amerikanische Unterstützung für Israel geht einer riesigen Zahl arabischer Muslime auf die Nerven, aber die meisten der „Konflikt-Bündel“, wie Kramer sie nennt, haben wenig bis nichts mit Israel noch mit den USA zu tun.

Der ehemalige Präsident Carter, wie die meisten Westler, hat eine westzentrierte Sicht der Welt. Es könnte kaum anders sein. Die meisten Chinesen haben eine chinazentrierte Weltsicht, die Inder eine indienzentrierte Sicht usw. Eines der Probleme des ehemaligen Präsidenten Carter hier ist eine westzentrierte Analyse.

Von den fünf größten Problemen des Nahen Ostens, abgesehen vom arabisch-israelischen Konflikt, ist nur einer – der Krieg im Irak – irgendwie von Israel oder den USA verursacht. Und Israel ist in den Krieg im Irak nicht involviert. Die anderen vier – der radikale Islam, mangelnde Demokratie außerhalb des Libanon und des Irak, das iranische Streben nach regionaler Hegemonie und der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten – kann schlicht nicht den USA, Israel oder dem arabisch-israelischen Konflikt angehängt werden.

Betrachten wir die Problem der Reihe nach. In den Krieg im Irak sind die USA verwickelt, aber weder Israelis noch Palästinenser haben viel, wenn überhaupt etwas, damit zu tun. „Natürlich sind der israelisch-palästinensische Konflikt und der Irak interaktiv“, sagte der ehemalige Nationale Sicherheitsberater von Präsident Carter, Zbigniew Brzezinski 2003. Bestenfalls war das 2003 kaum wahr und die Vorstellung ist heute Unsinn. Die Aufständischen und Terrorgruppen des Irak verbrachten die letzten sechs Jahre damit die Amerikaner und einander zu bekämpfen. Was könnte eine Autobombe auf einem Markt in Bagdad, die Iraker dazu platzierten andere Iraker umzubringen überhaupt mit Israel zu tun haben? Ich habe den Irak siebenmal besucht und nur einmal hörte ich, dass ein Iraker Israel erwähnte, bevor ich dazu selbst Fragen stellte. Fast alle Iraker, mit denen ich über den arabisch-israelischen Konflikt gesprochen habe, schienen meine Fragen seltsam nicht zu Thema gehörig und für ihre Probleme und ihr Leben irrelevant zu finden.

Radikal Islamisten hassen Israel und die Vereinigten Staaten, aber sie würden weiter Ärger machen, selbst wenn Israel und die USA aufhörten zu existieren. Die moderne sunnitische Variante des radikalen Islam begann mit dem Aufstieg des Wahhabismus in Saudi-Arabien im 18. Jahrhundert und ist seitdem auf sechs Kontinente expandiert. Dieses Problem vom arabisch-israelischen Konflikt zu entkoppeln ist ganz einfach, wenn man den Blick über den Nahen Osten hinaus richtet. Die Taliban kämpfen in Pakistan und Afghanistan nicht, um Gaza zu „befreien“. Sie spritzen Säure in die Gesichter unverschleierter Frauen. Sie jagten antike Buddha-Statuen in Bamiyan mit Luftabwehr-Geschützen in die Luft. Ein unabhängiger Palästinenserstaat könnte ihren Fanatismus oder ihren Appetit auf Vernichtung anderer nicht stillen. Und das ist nur ein Beispiel.

Es ist kaum Israels Fehler, dass die meisten arabischen Regime nicht demokratisch sind; und den arabisch-israelischen Konflikt mit arabischem Despotismus zu verknüpfen dient nur den Tyrannen der Region. Jay Nordlinger spießte praktisch das auf, was er Entschuldigungen-Macher nennt, nachdem er vor ein paar Wochen am Weltwirtschaftsforum zum Nahen Osten in Jordanien teilnahm. „Arabische Länder können den sie verkrüppelnden Sozialismus nicht fallen lassen, bis Israel die Westbank verlässt“, schrieb er in Wiedergabe der Worte dieser Entschuldigungs-Macher. „Die Vetternwirtschaft muss weiter gehen, bis Israel die Westbank verlässt. Frauen können nicht Auto fahren, bis Israel geht – und ‚Ehrenmorde‘ müssen weiter gehen. Die Korruption muss in den arabischen Ländern die Oberhand behalten, so lange Israel die Westbank besetzt, usw. usw. Diese Haltung ist nicht nur geistesgestört – sie ist schädlich bis zur Zerstörungswut.“

Kein Zweifel, das iranische Regime hasst Israel ernsthaft und eine iranische Atombombe würde für die Israelis eine schwer wiegende Bedrohung darstellen, aber es ist nicht allzu wahrscheinlich, dass die Iraner den Drang zu diesen Waffen aufgeben würden, wenn die Westbank und der Gazastreifen souverän würden. Die gegenwärtige Regierung des Iran hat aggressiv regionale Dominanz über die arabischen Staaten angestrebt, seit die Khomeinisten als stärkste Kraft aus dem nachrevolutionären Machtkampf aufstanden. Der Iran oder, wie er früher genant wurde, das persische Reich hat schon zu Zeiten um regionale Dominanz gekämpft, als es den Islam noch nicht einmal gab.

Seit der Gründung des Staates Israel 1948 wurden weit mehr Menschen von Sunniten und Schiiten getötet, die mit einander kämpften (allein im Iran-Irak-Krieg eine Million; Zehntausende vor kurzem im Irak), als jemals im arabisch-israelischen Konflikt getötet wurden. Der Hass der Sunniten und Schiiten auf einander geht der Gründung Israels um mehr als 1.000 Jahre voraus.

Es wird ein großer Tag sein, wenn der arabisch-israelische Konflikt eines Tages gelöst sein wird. Aber der Nahe Osten wird gewalttätig dysfunktional und rückständig bleiben, würde er morgen enden. Er wird mit größter Wahrscheinlichkeit ohnehin nicht während Präsident Obamas Amtsführung enden. Das wird nicht der Fehler des Präsidenten sein. Nichts, das irgendjemand kurzfristig tun kann, wird so jemanden wie die Hamas überzeugen den Traum von der Vernichtung Israels aufzugeben, ganz zu schweigen davon einen dauerhaften Friedensvertrag mit Benjamin Netanyahu zu unterschreiben. Es wird natürlich nicht passieren, bevor der Iran Atomwaffen entwickeln kann, wie der Präsident hofft. Die Zeit auf dieser Uhr reicht überhaupt nicht aus.

2 Gedanken zu “Die Mutter aller Mythen

  1. Irgendwie übersetzt du in letzer Zeit immer Texte, bei denen ich mir denke: die müsste doch mal jemand übersetzen 😉

    • Halt‘ dich nicht zurück – kannst ja immer gern schicken, was du meinst, was übersetzt werden muss. Geht dann Hand in Hand… 🙂

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