„Die muslimische Welt”

Mark Steyn schreibt in der National Review über Einweg-Multikulturalismus:

Erst letzten Sommer wäre es die größte Story der Woche gewesen, dass General Motors Insolvenz anmeldet. Aber es kein so großer Schritt vom Undenkbaren zum Unvermeidlichen; und als dieses dann tatsächlich eintraf, nahm der Markt kaum Notiz und die Medien konzentrierten sich auf des Präsidenten „Rede zur muslimischen Welt“. Wie es so geht, sind diese beiden Storys ein und dieselbe: im Inland wie im Ausland Schnappschüsse der Hypermacht in der Verfinsterung. Es ist lange her, dass irgendjemand GM als Symbol-Marke Amerikas anpries – Was gut für GM ist, ist gut für Amerika usw. Fakt ist, es symbolischer als je zuvor: Wie General Motors gibt die US-Regierung mehr aus als sie einnimmt und hat sich unbekümmert immer unhaltbareren Leveln der finanziellen Zuwendungen verpflichtet. GM hat rund 95.000 Mitarbeiter, bietet aber einer Million Menschen Gesundheits-Leistungen: Das ist kein Geschäft, sondern ein riesiger Wohlfahrtsplan eines winzigen, Verluste bringenden kommerziellen Sektors. Geht so, wie GM dahin geht, Amerika dahin?

Aber wen kümmert das? Im Ausland hielt der coolste Präsident der Geschichte eine Rede. Oder, wie die offizielle Pressemitteilung es auf der Internetseite des Außenministeriums überschrieb: „Präsident Obama spricht aus Kairo zu der muslimischen Welt.“

Machen wir genau hier eine Pause: Es ist interessant, wie leicht die Worte „die muslimische Welt“ links-säkularen Progressiven von der Zunge gehen, die bei jeder äquivalenten Erwähnung „der christlichen Welt“ würgen müssten. Wenn solche hyper-aufmerksamen Polizisten auf der Grenze zwischen Kirche und Staat befürworten die erste, aber nicht die letzte; sie geben implizit zu, dass der Islam nicht einfach ein Glaube ist, sondern auch ein politisches Projekt. Es gibt eine „Organisation der Islamischen Konferenz“, die bereits der größte Einzel-Stimmblock bei der UNO ist, der weiter neue Mitglieder bekommt. Stellen Sie sich vor, jemand schlüge eine „Organisation der Christlichen Konferenz“ vor, die Gipfeltreffen abhält, an der Premierminister und Präsidenten teilnehmen und in übernationalen Körperschaften als Block stimmt. Aber natürlich gibt es keine „christliche Welt“: Europa ist größtenteils pro-christlich und Amerika ist, wie Präsident Obama es letzte Woche gegenüber einem europäischen Interviewer so bizarr behauptete, „eines der größten muslimischen Länder der Welt“. Vielleicht sind wir für die Mitgliedschaft in der OIC qualifiziert.

Ich mutmaße, die gütigste Interpretation ist die, dass Obama als Staatschef der letzten Supermacht sich einer harmlosen, kleinen Herablassung hingibt. In seiner Rede in Kairo gratulierte er den Muslimen zur Erfindung der Algebra und zitierte zustimmend einen der das Blut weniger erstarren lassenden Teil des Koran. Wie es mit der sozialgeschichtlichen Forschung so ist, stellte ich fest, dass ich mich an den Augenblick im der Dämmerung des Habsburger Reiches erinnerte, als Kronprinz Rudolph und seine Geliebte tot in der kaiserlichen Jagdhütte in Mayerling aufgefunden wurden – entweder ein Doppel-Selbstmord oder etwas weit Unheimlicheres. Glücklicherweise emigrieren die unter einem schlechten Stern stehenden Liebenden in der Musicalversion des Broadway nach Amerika und lassen sich auf einer Farm in Pennsylvania nieder. Vor kurzem hielt mein alter Kumpel Stephen Fry einen amüsanten Vortrag an der Royal Geographical Society in London zum beliebten amerikanischen Spruch: „Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach‘ Limonade“ – oder: wenn etwas bitte und schwer zu schlucken ist, dann füge Zucker hinzu und verkaufe es. Das ist es, was der Präsident mit dem Islam machte: Er fügte Zucker hinzu und verkaufte ihn.

Trotzdem beeindruckte die Rede viele Konservative, einschließlich Rich Lowry, meinen geschätzten Redakteur bei der National Review, wobei „geschätzter Redakteur“ so etwas ist, das man sagt, bevor man den Boss zwischen die Beine tritt. Rich meinte, der Präsident habe eine Hauptaufgabe erfolgreich absolviert: „Im Grunde war Obamas Ziel der muslimischen Welt zu sagen: ‚Wir respektieren und schätzen euch, eure Religion und eure Zivilisation und verlangen nur, dass ihr uns im Gegenzug nicht hasst und umbringt.‘“ Aber diese Bedingungen sind zu beschränkt. Man muss einen Typen nicht umbringen, wenn er sich präventiv ergibt. Und man muss ihn nicht einmal hassen, wenn man zu sehr damit beschäftigt ist ihn zu verachten. Die gerisseneren der muslimischen Potentaten haben keinerlei Wunsch in einer stinkenden Höhle am Hindukusch zu sitzen, eine Latrine mit einem Dutzend vertrottelter Ziegenhirten zu teilen, während sie an Komplotten arbeiten, wie man das Empire State Building sprengen kann. Trotzdem: Sie teilen Schlüsselziele mit den Höhlenbewohnern – darunter den Wunsch die Grenzen „der muslimischen Welt“ auszudehnen und (wie in bei der Anti-Blasphemie-Offensive in der UNO) den Islam weltweit außerhalb von Kritik zu stellen. Der nicht terroristische Vormarsch des Islam ist eine bedeutende Herausforderung für westliche Vorstellungen von Freiheit und Pluralismus.

Als Obama dann das eher allgemeine Islamo-Geschmuse zugunsten der Details hinter sich ließ, wurde der Subtext – die Abwesenheit amerikanischen Willens – deutlich. Er nutzte den Deckmantel des Multikulturalismus und der moralischen Gleichstellung, um beständig amerikanische Schwäche zu vermitteln: „Keine Einzelnation sollte aussuchen dürfen, welche Staaten Atomwaffen besitzen.“ Vielleicht meint er mit „keine Einzelnation“, die „Weltgemeinschaft“ sollte aussuchen, was heißen würde: der UN-Sicherheitsrat – was die Big Five bedeuten würde, was wiederum bedeutet, dass Russland und China ihren eigenen dunklen Interessen verfolgen und dass, in Abwesenheit amerikanischer Führung, Großbritannien und Frankreich ihr Auskommen mit einem atomaren Iran, einem atomaren Nordkorea und mit jedem anderen Psycho-Staat erzielen werden, den es dünkt sich ihnen anzuschließen.

Andererseits hat eine „Einzelnation“ natürlich das Recht einer anderen Nation alles zu sagen, was sie will, wenn diese Nation zufälligerweise das zionistische Gebilde ist: So, wie Hillary Clinton gerade Israel bezüglich seiner Westbank-Kommunen Anweisung gab, es müsse „einen Stopp der Siedlungen“ geben – „nicht ein paar Siedlungen, keine Außenposten, keine Ausnahmen für natürliches Wachstum“. Kein „natürliches Wachstum“? Soll das heißen, wenn Sie und Ihre Frau ein Kind bekommen, dann müssen Sie die Oma überreden auszuziehen? Nach Tel Aviv oder Brooklyn oder wohin auch immer? Mit einem Schlag hat die Administration die Sicht „der muslimischen Welt“ zu diesen Nichtmuslimen befürwortet, die sich ausgerechnet in dem Bereich befinden, den „die muslimische Welt“ als Land betrachtet, das dem Islam gehört. Den jüdischen und christlichen Gemeinden steht es frei still zu stehen oder zu schrumpfen, aber nicht zu wachsen. Würde Obama sich wohl fühlen, Israels eineinhalb Millionen Muslimen „kein natürliches Wachstum“ anzuordnen? Nein. Aber die Administration hat sich die Verpflichtung „der muslimischen Welt“ zum Einweg-Mulitkulturalismus zu eigen gemacht, mit dem der Islam sich im Westen ausbreitet, aber Christentum und Judentum im Nahen Osten unerbittlich verkrüppelt.

Und so geht es weiter. Wie General Motors ist Amerika „zu groß, um zu scheitern“. Also wird es das auch nicht, nicht sofort. Es wird in einer Dämmer-Existenz erstarrt und belanglos fortbestehen, in eine Art soziale Demenz verfallen, unfähig, mit den Ereignissen Schritt zu halten und mit einem immer schwächeren Griff auf seine Vergangenheit, aber in der Lage gelegentlich mit eindrucksvollen Worten um sich zu werfen, auch wenn diese ohne viel Bedeutung zusammengebunden werden: befähigen, Frieden, Gerechtigkeit, Wohlstand – um nur eine Windböe der Rede des Präsidenten in Kairo zu nehmen.

In der aktuellen Ausgabe von Foreign Affairs drückt man sich besser aus, mit einer Formulierung von Leslie Gelb, dem Präsident emeritus des Committee on Foreign Relations. Der Präsident emeritus ist ein nüchternes, verständiges Vorbild starrer gängiger Meinung. Trotzdem schreibt er, über den amerikanischen Niedergang grübelnd: „Der Wirtschaft des Landes, der Infrastruktur, den öffentlichen Schulen und dem politischen System wurde erlaubt zu verfallen. Das Ergebnis sind nachlassende wirtschaftliche Stärke, eine weniger vitale Demokratie und eine mittelmäßige Stimmung.“ Dieser letzte Punkt ist der, auf den man achten muss: Eine Großmacht kann vieles überleben, aber keine „mittelmäßige Stimmung“. Eine reiche Nation, die von dem angesammelten kulturellen Kapital einer glorreichen Vergangenheit lebt, kann ihrem Rendezvous mit dem Schicksal aus dem Weg gehen, aber nur eine bestimmte Zeit lang. Der Klang, den wir in Kairo hören konnten, ist der Glockenanschlag einer ausgehöhlten Supermacht.