Verzerrter Spiegel: Amalek und SPON

Vorbemerkung: Marquardt-Bigman schreibt über die auf SPON eingestellte englische Übersetzung; der Druck-Artikel im Nr. 26/22.06.09 wird im Inhaltsverzeichnis mit „Droht ein Krieg zwischen Iran und Israel“ angekündigt und folgt auf den Seiten 104-107 unter dem Titel „Das Duell der Auserwählten“ und stand zur Zeit nicht online (ist inzwischen erfolgt). Der englische Teaser ist dort nicht vorhanden. Die Zitate aus dem Aufsatz sind der deutschen Printausgabe entnommen.

Petra Marquardt-Bigman, Jerusalem Post-blogs, 24. Juni 2009

Kein Zweifel, wenn es um die Dämonisierung Israels geht, dann ist das Rennen in vollem Gang – obwohl nicht völlig klar ist, ob die Ziellinie am Grund des Journalismus oder ganz oben in der Heuchelei angesetzt ist. Auf jeden Fall haben wir einen starken Bewerber: Unter dem Titel „Potenzial für die Apokalypse“ fragte das deutsche Nachrichten-Magazin Der Spiegel am Montag: „Ist Krieg zwischen Iran und Israel unvermeidlich?“ Die Einführung des langen Aufsatzes (etwa 4.000 Worte) liefert eine sensationalistische Zusammenfassung, um den Appetit der Leser zu wecken:

Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu und der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad mögen sehr verschieden erscheinen, aber sie sind in ihren apokalyptischen religiösen Visionen vereint. Ihr jeweiliger Glaube könnte sie auf einen Kollisionskurs mit möglicherweise fürchterlichen Folgen bringen.

Ich rieb mir ungläubig die Augen und las noch einmal – und noch einmal – aber das steht da so: Bibi Netanyahu, der säkulare Premierminister einer säkularen Demokratie, hat „apokalyptische religiöse Visionen“, die ihn irgendwie mit dem den Holocaust leugnenden, fanatisch religiösen Mahmud Ahmadinedschad „vereinen“, der gerade durch „göttliche Bewertung“ die Wiederwahl „gewonnen“ hat, weil der „oberste Führer“ der iranischen Mullahkratie das sagt.

Der Autor dieses Geschwafels ist offenbar ein altgedienter Journalist, Erich Follath, der als Experte dieser Art von Vergleich posiert, weil er Netanyahu ein paar Mal getroffen hat – erstmals 1976, kurz nachdem Yonatan Netanyahu in Entebbe getötet wurde – und er auch im Iran gewesen ist und sogar Mahmud Ahmadinedschad interviewte. Nun denn, der Mann muss wissen, wovon er redet!!!

Wie sich herausstellt, ist dies nicht das erste Mal, dass Follath seine Meinung zu einem Mitglied der aktuellen Regierung Israels von sich gibt: Angelegentlich des Besuchs von Avigdor Lieberman vor kurzem in Berlin machte sich Follath die Arbiet mit einer „Rede“ oder eher einer Vortrag aufzuwarten, von der er meinte, dass Deutschlands Außenminister ihn halten sollte, um seinen israelischen Kollegen zurechtzuweisen. Mehrere deutschsprachige Blogger haben diesen von Follaths Fantasie-Rede zur Schau gestellten unverfrorenen Hass und Antisemitismus kommentiert.

Diesmal hat sich Follath sehr bemüht kultivierter zu erscheinen:

Wer verstehen will, was Irans Präsident und Israels Premier umtreibt, welche Überzeugungen ihre Politik leiten, muss sich auf tiefreligiöse Konzepte einlassen, die Ahmadinedschad wie Netanjahu prägen du die sie fast zwangsweise aufeinanderprallen lassen: das islamische „Hakkami“, das jüdische „Amalek“. … hilft es auch ein wenig, die Akteure aus eigenem Erleben zu kennen und das Umfeld der Mächtigen bei zahlreichen Reisen nach Iran in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten recherchiert zu haben. Aus Puzzle-Teilen entsteht so ein Bild. Kein allumfassendes, alles erklärendes, aber immerhin ein Bild, das auf konkreter Spurensuche und Annäherung beruht.

Ist das nicht eindrucksvoll? Follath hat „das Umfeld der Mächtigen“ recherchiert! Da nun Follath glaubt, dass Netanyahu und Ahmadinedschad „Zwillinge im Geiste“ sind, lohnt es sich ein paar Glanzstücke seiner Beschreibung des „Umfelds“ des Mahmud Ahmadinedschad zu zitieren:

… dann lernte er mit Mitte zwanzig Mesbah Jasdi kennen und verfiel dem mystischen Fundamentalismus. Schon längst bekennt er sich nun wie sein Vorbild zur selben ultrareligiösen Schule des Schiitentums – in ihrem religiösen Fieber erinnert diese Hakkani-Gruppierung an die zelotischen Glaubenseiferer einer anderen Religion, der Wiedergeborenen Christen (zu denen sich auch Geroge W. Bush zählt).

Aha, George W. Bush ist auch Teil des Bildes… Nun, wie auch immer, nach Meinung Follaths traf Ahmadinedschad seinen „Mentor“ Masbah Jasdi jede Woche für ein „ideologisches tête-à-tête“ – und so beschreibt er Mesbah Jasdis Ansichten:

Ideologisch ist er ein ultrakonservativer Hardliner, ein Theoretiker der Radikalen, … Er propagiert ganz offen Selbstmordattentate, fordert die Vollstreckung des Mordaufrufs gegen den Schriftsteller Salman Rushdie, verlangt „das Blut jedes Menschen, der den Islam beleidigt“. Und er hält „die Zionisten“ für das Grundübel der Erde.

Zum Glück gibt es keinerlei Grund zur Sorge, denn, wie Follath herausstellt: „Ahmadinedschad, der Holocaust-Leugner und Israel-Hasser, hat immer wieder versichert, er wolle das ‚Zionisten-Gebilde‘ nicht militärisch angreifen.“ Natürlich kennt Follath auch Iran-Experten, die bestätigen werden, dass Ahmadinedschads angebliche Drohungen in Wirklickeit in „metaphysischer Art“ verstanden werden müssen.

So, das ist erledigt, was für eine Erleichterung. Oh nein, wartet – da ist immer noch dieser sehr, sehr Angst einflößende, unheimliche Bibi Netanyahu… Nicht, dass Follath irgendetwas Negatives über Bibi sagen würde, er zitiert lediglich andere, zum Beispiel den ehemaligen Sprecher des Weißen Hauses, Joe Lockhart; der „nannte den israelischen Premier ‚eines der anstößigsten Individuen…  einen Lügner und Betrüger‘“. Und dann ist da die „liberale und steht gut informierte israelische Tageszeitung Haaretz“, die berichtete: „Politiker, die in Verbindung mit Netanjahu stehen, sagen, er habe seinen Entschluss zur militärischen Zerstörung der iranischen Nuklearanlagen schon gefasst.“ Follath: „Und zwar unabhängig von der Zustimmung Washingtons.“

Offensichtlich kann Follath daher nur schlussfolgern: „Aber in der Frage der iranishen Atombomben wird Netanjahu aller Voraussicht nach knallhart bleiben. Auf einen Angriff zusteuern.“ Er ermerkt ebenfalls, dass Netanyahu „ein Verbleiben seines Gegenspielers Ahmadinedshad im Amt geradezu herbeizusehnen“ schient, „wie selbst die ‚FAZ‘ mit Bezug auf israelische Quellen befremdet konstatiert hat“. Auf der Suche nach einer Erklärung für all diese erstaunlichen Dinge, weist Follath seine Leser auf Jeffrey Goldberg hin: „Als der amerikanische Autor und Israel-Kenner Jeffery Goldberg kürzlich bei einem Netanjahu-Vertrauten nachfragte, wie sich diese Fixierung erklären lasse, sagte der nur: ‚Denken Sie an Amalek.‘“

Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass Sie bitte davon ausgehen sollen die Tatsache zu übersehen, dass diese überaus wichtige Bemerkung „Denken Sie an Amalek“ nicht von Netanyahu, sondern von einem „Vertrauten“ des Premierministers gemacht wurde. Kein Grund für Pedantismus hier, wirklich nicht. Nun, sind Sie bereit für das Einmaleins des Judentums zur Bedeutung von „Amalek“, mit freundlicher Genehmigung von Follath? Yallah, hier geht’s los:

Das ist der jüdische Begriff, der in unseligem Kontext zur islamischen „Hakkani“-Schule steht – ein spiegelbildliches Begriffspaar, das Krieg bedeuten könnte. Amalek ist im Wortsinn der Name des biblischen Enkels von Esau, der mit seinen Stammeskriegern aus Kanaan die Hebräer auf dem Weg ins Heilige Land Eretz Israel heimtückisch und unprovoziert überfalllen hat; Amalek meint im übertragenen Sinne die existentielle Bedrohung für das Judentum zu allen Zeiten, unter allen Umständen, durch alle Feinde. … Die Auseinandersetzung mit Amalek darf keine jüdische Generation vergessen, denn Amalek verkörpert das Böse, das Zerstörerische, das Schlechte an sich. Das gilt es zu bekämpfen, das ist für einen strenggläubigen Juden „Mizwat Asse“, ein Gebot der Tat – und laut manchen Deutungen der alten Schriften geht es noch um mehr, nämlich darum, die Urfeinde auszulöschen… Denn nach einem möglichen iranischen Nuklear-Erstschlag, so geht das apokalyptische jüdische Gedankengebäude, wird es einen Judenstaat nicht mehr geben. Im Zweifel also gegen den Angeklagten. [Im englischen Text heißt es hier: Mit anderen Worten: Es ist im Zweifelsfall besser zuerst anzugreifen.]

Wenn es also das „apokalyptische jüdische Gedankengebäude“ nicht gäbe, gäbe es kein wirkliches Problem mit einem iranischen Nuklearangriff auf Israel? Ich verstehe …

Wie erschreckend schäbig dieser Text wirklich ist, kann mit einem Blogpost hübsch illustrierte werden, den Gershom Gorenberg vor ungefähr vier Wochen schrieb, der Goldbergs Artikel aufnahm, der die verdächtige „Amalek“-Anspielung beinhaltete und versuchte die Bedeutung des Konzepts zu klären.

Es ist überflüssig zu erwähnen, dass Follath sehr davon profitiert hätte, hätte er diesen Eintrag gelesen. Einer der ersten Punkte, die Gorenberg zu recht betonte, ist der, dass es nicht Netanyahu selbst war, der auf Amalek verwies. Gorenberg vermerkte ebenfalls, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass Netanyahu dieses religiös inspirierte Konzept verwenden würde und er stellte heraus, dass Bibi als Sohn eines Historikers „dazu tendiert seine Metaphern aus der Geschichte zu nehmen“. Natürlich dachte Gorenberg, wie jeder, der etwas von Netanyahu weiß, sofort an die berühmte „Es ist 1938 und der Iran ist Deutschland“-Rede, die Netanyahu im November 2006 hielt.

Es ist nicht schwer zu verstehen, warum Follath es vorzieht diese Rede NICHT zu erwähnen… In der Tat ist es nicht nur die deutsche Geschichte, die jede Bezugnahme auf 1938 ein wenig ungemütlich gemacht hätte, sondern auch die Gegenwart: Immerhin macht Deutschland lebhaft Geschäfte mit dem Iran. Es ist schon ironisch, dass die deutschsprachige Ausgabe des SPIEGEL diese Woche einen Bericht bringt, der aufdeckt, dass unter allen westlichen Industrienationen Deutschland Irans größter Handelspartner ist, was es nach China zum zweitgrößten Exporteur in den Iran macht. Und wohlgemerkt: Der Bericht erklärt, dass deutsche Firmen gegen „voreilige“ Sanktionen gegen den Iran sind…

Aber warum sich um das deutsche Geschäfts-„Umfeld“ sorgen – schließlich gibt es „apokalyptische jüdische Gedankengebäude“, wegen derer man sich Sorgen machen muss!

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2 Gedanken zu “Verzerrter Spiegel: Amalek und SPON

  1. „[….] Das ist der jüdische Begriff, der in unseligem Kontext zur islamischen „Hakkani“-Schule steht – ein spiegelbildliches Begriffspaar, das Krieg bedeuten könnte. Amalek ist im Wortsinn der Name des biblischen Enkels von Esau, der mit seinen Stammeskriegern aus Kanaan die Hebräer auf dem Weg ins Heilige Land Eretz Israel heimtückisch und unprovoziert überfalllen hat; Amalek meint im übertragenen Sinne die existentielle Bedrohung für das Judentum zu allen Zeiten, unter allen Umständen, durch alle Feinde. [….]“
    .
    Was könnten die Schreiber des Spiegels aus der Geschichte mit Amalek (Enkel Esaus) lernen? Nun, wenn sie schon so tief in die biblische Thematik einsteigen, dann könnten sie daraus lernen, daß der biblische Gott Israel (Jakob, den Zwillingsbruder Esaus) beschützt.
    Siehe den Segen an Abraham, der auf den Enkel (Abraham, Isaak, Jakob – nicht Ismael) Jakob (Israel) weitergeleitet wurde: „Und ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verfluchen …“ (1.Mo 12,3a). Einige Generationen später prophezeite Bileam diesen Schutz über ganz Israel (4.Mo 24,9).
    Dann könnten diese Herrschaften darüber nachdenken, ob ihr Verhalten gegenüber Israel sie nicht unter diesen Fluch bringt.
    .
    MfG Paulchen

    • Nun, das geht wohl am Denken der Redaktion dort völlig vorbei. Ist somit unerheblich.
      Wir sollten eher darauf aufmerksam machen, dass diese Vermischung nicht nur unter falschen Voraussetzungen seitens des SPIEGEL(-Redakteurs) erfolgte (Netanyahu, der Endzeit-Mystiker), sondern auch dem Amalek-Verstehen und -Umgang seitens der Juden widerspricht. Dort wird Amalek als Warnung an Israel und sein Verhalten begriffen, nicht als auf ewige Zeiten geltender Mord-Aufruf.

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