Maltes Fehlgriffe

Wenn man anderen am Zeug flicken will, um die eigenen Rechtschaffenheit hervorzuheben, dann muss man ihnen aufzeigen, dass sie an den Problemen der Welt vorbei schreiben und sich an Kinkerlitzchen aufhängen.

Genau das hat Malte Lehming im Tagesspiegel versucht und den Kritikern von „Israel-Kritikerinnen“ ins Stammbuch zu schreiben probiert. Anhand des Beispiels dreier völlig unbedeutender und unbekannter „Damen“ will er aufgezeigt haben, dass die Empörung über sie völlig fehlgeleitet und proportional aus der Bahn gegangen ist. Die großen Themen würden nur gegen Obama ins Feld geführt, dem muss Kritik am US-Präsidenten anscheinend verboten werden. Weil sie in Sachen Israel/Israelkritik eben nicht ins Feld geführt, sondern Nebenkriegsschauplätze ohne Wert gegen weibliche Nichtse aufgemacht werden.

Dumm nur, wenn diese Kritik a) ungerechtfertigt ist und b) mit falschen Argumenten geführt wird. (Könnte es sein, dass da einer seiner Präsi-Anhängerschaft frönt und es nicht verknusen kann, dass jemand den Obamessias nicht mag?)

Festzustellen ist jedenfalls, dass die von Lehming angegriffenen Achse-Schreiber (die übrigens Maltes Text bei sich eingestellt haben – Gruß vor allem an Herrn Posener) sich oft genug zu den von Lehming genannten Themen äußern. Fehlgriff Nummer eins.

Zweitens ist festzustellen, dass Herr Obama eben nicht recht hat. Entgegen seiner Behauptung gibt es eben nicht die Juristen von Weltruf, die die Illegalität nicht bestreiten – oder besser gesagt: Vielleicht gibt es sie, aber sie sagen nichts. Das überlassen sie weniger kompetenten Schreihälsen. Bisher gibt es keine Äußerungen von Juristen von Weltruf, die die Illegalität der „Siedlungen“ anprangern (außer solchen, die sich selbst Weltruf attestieren, ihn aber nicht besitzen). Selbst Kofi Annan, seligen Amts-Angedenkens, hatte nur ein einziges Mal von der Illegalität der Siedlungen gesprochen – und das nie wieder gemacht, weil seine Juristen ihn offenbar zurückgepfiffen haben. Fehlgriff Nummer zwei.

Und zum Schluss noch etwas zur Unwichtigkeit der drei nach Lehmings Meinung unbedeutenden Damen, wegen denen viel zu viel Aufhebens gemacht wird (Fehlgriff Nummer drei): Gerade diese drei – gut zumindest zwei, Frau Schiffer könnte man noch ausnehmen – werden immer wieder als Kronzeugen und wichtige Persönlichkeiten hofiert, auf den Schild gehoben, prominent vorgestellt, verlinkt und auf Bühnen gestellt, die ihnen zwar eigentlich viel zu groß sind, auf die sie auch nicht gehören, die sie aber immer gerne bevölkern und die ihnen mit viel Tamtam zur Verfügung gestellt werden. Eine – Felicia Langer – hat gerade das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen bekommen. Das ist nun wirklich nicht mehr als unbedeutend zu bezeichnen. Sie äußern sich in einer Weise, die inzwischen auch juristisch bestätigt durchaus als antisemitisch bezeichnet werden kann. Sie erfreuen sich einer dubiosen Popularität, die vielleicht nicht über begrenzte Kreise hinaus geht, aber trotzdem stetig vorangetrieben wird – von Medien, von antiisraelischen Organisation und auch, wie man im Fall Langer sieht, von Politik und Prominenz.

Es wird wohl so sein, dass Frau Langer eben noch nicht so bekannt ist, dass jeder sie kennen müsste, denn sonst hätte Präsident Köhler vielleicht die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an sie nicht unterschrieben. Aber auch andere waren nicht immer weithin bekannt und haben später – besonders weil man sie ignoriert hatte – „groß“ herausgekommen.

Deshalb ist es absolut richtig und wichtig, dass über solche Leute geschrieben und ihre unsägliche Hetze offengelegt wird. Und wenn es Herrn Lehming zu viel ist, dann ist das sein Problem. Ist ihm auf der Achse zu wenig über den Iran, Afghanistan, Irak, Pakistan, Libanon, Wasserknappheit und Terrorismus zu lesen, dann ist das auch sein Problem. Die Themen werden auch dort behandelt. Aber vielleicht ist es auch mal wichtig, dass über das, worüber alle schreiben und für das extra neue Internetseiten eingerichtet werden (s. z.B. Free Iran Now!, an dem auch Achse-Autoren beteiligt sind) nicht auch noch immer und ständig etwas dazuzuhäufen, sondern sich Themen vorzunehmen, die sonst untergehen.

All das berücksichtigt Herr Lehming nicht. Statt dessen behauptet er Dinge, die so nicht stimmen und will Unangenehmes unter den Teppich kehren. Das ist auch eine Haltung – allerdings keine sonderlich sinnvolle oder ehrenhafte.

Nachtrag, 21.07.09:
Beer7 hat neben Malte Lehming auch noch Viktor Kocher von der NZZ gelesen und eine sehr richtige Feststellung gemacht: Auf die Siedlungen wird eingedroschen, der Staat Israel ist gemeint. Letztlich heißt das nur: Wir wollen nicht nur die Siedlungen weg haben, sondern den ganzen Judenstaat.

Update 22.07.09: Malte Leming antwortete auf mein Schreiben an ihn, dass Juristen von Weltruf eben NICHT die Illegalität der israelischen Siedlungen vertreten:

Sehr geehrter Herr,

wir können die Debatte über den völkerrechtlichen Status der israelischen Siedlungen lange, lange führen.
Das haben andere vor uns getan, und es werden andere nach uns tun.
Dass meine Auffassung zumindest nicht komplett gaga ist, könnten die ersten Wikipedia-Sätze zum Thema belegen:

Israeli settlements are residential areas inhabited by Jewish Israelis in the „territories“ (lands that were captured by Israel in the west bank during the 1967 Six-Day War). Such settlements currently exist in the West Bank, which is militarily occupied by Israel and is under Israeli military administration and partially under the control of the Palestinian National Authority, and in the Golan Heights, which are under Israeli civilian administration.

International intergovernmental organizations such as the Conference of the High Contracting Parties to the Fourth Geneva Convention, every major organ of the United Nations, and the European Union have declared that the settlements are a serious violation of international law. Non-governmental organizations including Amnesty International, and Human Rights Watch have also characterized the settlements as a violation of international law. In 1978, the Legal Adviser of the Department of State to the United States Congress concluded that „the establishment of the civilian settlements in those territories is inconsistent with international law.“

Schade, dass Herr Lehming sich nicht weiter mit Fakten auseinandersetzt oder richtig recherchiert. Meine Antwort an ihn:

Sorry, Herr Leming,

aber das ist ja wohl nun ganz schwach.

Abgesehen davon, dass Sie offenbar weder die israelische Rechtsposition zu berücksichtigen bereit sind, ist Wikipedia nun wirklich alles andere als die beste Quelle:

Wenn dort gesagt wird, dass internationale Organisationen die Siedlungen zu einer schweren Verletzung des internationalen Rechts seien, dann ist das nichts weiter als eine Behauptung – von Wikipedia ebenso, wie von diesen Organisationen. Weiter als bis zu diesem Hinweis auf die Vierte Genfer Konvention gehen die kaum einmal; und wenn, dann stützen sie sich darauf. Da gibt es aber ein Problem:

Die Vierte Genfer Konvention ist auf die so genannte Westbank nicht anwendbar, weil ihre Voraussetzungen nicht erfüllt sind. So gibt es beispielsweise keinen (anerkannten) Souverän vor der Eroberung 1967, als auch keiner der Siedler vom Staat dorthin umgesiedelt wurde.

Die Nichtanwendbarkeit der Vierten Genfer Konvention ist der Haupt-Knackpunkt, den zu berücksichtigen keine dieser Koryphäen zu bedenken bereit ist.

Recht ist halt nicht „demokratisch“ oder einfach das, was eine Vielzahl an Leuten behauptet – sonst bräuchten wir keine Anwälte mehr, nicht wahr?

Mit freundlichem Gruß

8 Gedanken zu “Maltes Fehlgriffe

  1. Lehming:

    Und für die oft diskutierte Frage, ob Israel die sichere Heimstatt fürs jüdische Volk bleibt, haben die politischen Ansichten dieser drei Damen absolut keine Relevanz. Nullkommanull. Wer sich dennoch mit ihnen befasst, betreibt gewissermaßen ein Hobby. […] Ist es auch wichtig? Jeder Heimwerker hält seine Bastelei für wichtig. Also, es ist auch ein bisschen wichtig.

    Ein bisschen wenig Arroganz stünde Malte Lehming gut zu Gesicht. Seine journalistischen Leistungen sind auch nicht mehr das was sie einmal waren.

  2. Hätte die Überschrift nicht lauten können: „Lehmings Fehlgriffe“?

    Ich erhol mich noch immer von meinem Schreck.

    • Och, da habe ich mir nicht so viele Gedanken drüber gemacht.
      Aber dass du das so persönlich nehmen könntest, hätte ich dir nicht zugetraut. 😉

  3. Dass Lehming auf achgut.de verlinkt wurde, ist ja nichts Neues. Das geschah schön des Öfteren, und zwar aus einem guten Grund: allzu oft fand sich zwischen „Achse-Meinung“ und der von Malte Lehming eine an 100 Prozent grenzende Übereinstimmung.
    Nun hat Lehimng einmal einen Kommentar veröffentlicht, der konträr zur Achse-Meinung geht (und womöglich hat er ein wenig daneben gehauen). Einerseits: Geschenkt. Andererseits: Widerspruch tut trotzdem Not. Anderer-andererseits: wäre es nicht auch ein bisschen weniger scharf gegangen, heplev?

    Gruß, Maladaktu

    • Das war scharf? Da kenne ich andere… (und habe selbst schon…)

      Der deutliche Hinweis auf die Veröffentlichung der abweichenden Meinung ist dem Gejammer eines gewissen Alan Posener geschuldet. Für die Achse ist es nicht ungewöhnlich, dass da kontrovers unterschiedliche Meinungen auftauchen können. Ohne die Geiferei von Posener hätte ich das gar nicht für erwähnenswert gehalten.

  4. Ok, agreed.
    Mir ging es auch mehr darum, dass ein Malte Lehming nicht gerade in Verdacht steht, einer „israel-kritischen“ Position in Deutschland Vorschub zu leisten. Nur insofern fand ich etwa die Überschrift „Maltes Fehlgriffe“ verfehlt.

    Ansonsten wie gesagt: agreed 😉

    • Und Broder schrieb mir zu Lehming: „Das ist ein Guter.“
      Er ist ja auch nicht unsympathisch.
      Aber er hat ein paar Seiten, die sind echt seltsam. 🙂

  5. „Mir ging es auch mehr darum, dass ein Malte Lehming nicht gerade in Verdacht steht, einer “israel-kritischen” Position in Deutschland Vorschub zu leisten.“

    Ja vielleicht. Aber wer Freunde wie Malte hat, braucht keine Feinde mehr. Der ist SOWAS von grottendämlich!

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