Yaacov Lozowick: Israels Existenzkampf

Yaacov Lozowick gilt als Linker. Er ist „gelernter“ Historiker, aber keiner, der sich „neu“ gibt, sondern noch den wissenschaftlichen Prinzipien seiner Disziplin treu ist. Er hat ein Buch über „Hitlers Bürokraten“ geschrieben, das sich mit Adolf Eichmann und die übrigen Planer des Judenmordes beschäftigt. Und er hat ein Buch geschrieben, das im Original „Right to Exist“, im Deutschen „Israels Existenzkampf“ heißt, Untertitel beider Versionen: „Eine moralische Verteidigung seiner Kriege“ (der Kriege Israels).

Dieses Buch hat es in sich. Natürlich werden alle Israel-„Kritiker“ sofort behaupten, dass Krieg nicht moralisch sein oder gar verteidigt werden kann. (Was natürlich nur für Kriege westlicher Staaten und Gesellschaften gilt, aber nie für Diktaturen oder Terroristen.) Lozowick aber hat eine andere Sichtweise, die er am Anfang sehr klar darlegt: Es gibt Rechtfertigung für Krieg; und es gibt eine moralische Kriegsführung. Beides muss sich nicht bedingen – man kann ungerechtfertigte Kriege auch moralisch führen oder gerechtfertigte Kriege unmoralisch. Vor diesem Hintergrund zeigt er auf, dass Israel gerechtfertigte Kriege moralisch führte.

Normalerweise lese ich Bücher lieber im Original (jedenfalls englischsprachige), aber in diesem Buch gibt es einen Vorspann extra für Deutschland, geschrieben im August 2006 (drei Jahre nach der Veröffentlichung in Englisch und mitten im Krieg gegen die Hisbollah im Libanon). Das Vorwort stammt aus dem Mai 2006 und ist auch extra für die deutsche Ausgabe geschrieben worden. Die deutschen Leser werden sehr gezielt auf das eingestimmt, was danach folgt.

In der Einleitung begründet Lozowick, warum er 2001 Ariel Sharon wählte – für einen Linken ein sehr einschneidender Schritt, der sich auf die Entwicklung des Oslo-Prozesses und das Verhalten der Palästinenser gründete. Seiner Meinung nach gab es angesichts der Geschehnisse keine andere Wahl. Er begründet das ausführlich und schlüssig.

Danach geht es richtig los. Lozowick dröselt die Geschichte des Zionismus und der jüdischen Rückkehr in das Land Israel sowie der Entwicklung dort auf. Er räumt linke Verdrehungen und Verleumdungen aus dem Weg und zeigt auf, dass Israel seine Kriege aufgezwungen wurden.

Ein besonderes Schmankerl ist dabei, dass er für die Zeit der Staatsgründung ausgerechnet die Geschichtsschreibung von Benny Morris, dem Gründervater der „neuen Historiker“ verwendet. Anhand von Morris‘ Angaben zeigt er auf, dass Israel in seiner Gründungsphase einen Krieg aufgezwungen bekam, den es moralisch weitgehend intakt führte. Er beschönigt nichts, aber er lässt auch nicht zu, dass Lügen verbreitet werden.

Weiter als bis dorthin bin ich noch nicht gekommen. Aber es ist mehr als klar, dass dieses Buch ein Muss für alle ist, die sich mit dem arabisch-israelischen Konflikt beschäftigen und wenigstens ansatzweise objektiv an ihn herangehen wollen.

Auf dem Buchdeckel steht: Er widerlegt anhand der historischen Entwicklung jene arabische und westliche Propaganda, die Israel als „imperialistischen Kolonnialstaat“ diffamiert und ihm die alleinige Verantwortung für den Konflikt zuweist. Ebenso zerstört er den Mythos von der „Gewaltspirale“, wonach beide Seiten gleichermaßen schuld an diesem Konflikt seien.

Dem ist kaum etwas hinzuzufügen außer einem weiteren Satz auf dem Deckel: Er bringt damit dem Leser die israelische Perspektive des Nahost-Konflikts näher, die in der europäischen Berichterstattung in der Regel ausgespart wird.

Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was Lozowick schreibt. Ich kritisiere z.B., dass er zwar vermerkt, dass es 1948 bei den Palästinensern „kein ausgeprägtes Nationalbewusstsein“ gab, er aber trotzdem ihre Rolle so beschreibt, als sei ein solches vorhanden oder als würden sie einen eigenen Staat angestrebt haben (das machte nur Hadsch Amin al-Husseini, der dort seinen eigenen Staat als Herrscher haben wollte). Aber das sind Nebenkriegsschauplätze, die für das große Thema des Buches nicht wirklich von Bedeutung sind. Darüber kann man sich auseinandersetzen, wenn die wichtigen Themen dieser „Streitschrift“ abgehandelt sind.

Insgesamt ist festzuhalten: Dieses Buch sollte jeder gelesen haben. Leider ist sein Preis ein Minuspunkt (aber wer will es dem Verlag verdenken – es wir nicht in den Massen gekauft werden wie die Verleumdungsliteratur eines Norman Finkelstein, Ilan Pappe oder anderer Hetzschreiber).

Yaacov Lozowick
Israels Existenzkampf. Eine moralische Verteidigung seiner Kriege.
Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2006, ISBN-Nr. 3-89458-237-5, €19,90
(Amazon; Thalia)

Eine Ergänzung folgt hier.

13 Gedanken zu “Yaacov Lozowick: Israels Existenzkampf

    • Is‘ ja’n Dingen!
      Jetzt würde ich gerne mal vergleichen – ich habe allerdings keinen Bock, das Teil bei der BpB nochmal zu bestellen.
      Übrigens: Bei denen fallen noch €4,60 für Verpackung und Versand an.

    • Ich habe es dort bestellt, vor meinem Urlaub, an eine deutsche Adresse. Obwohl ich die Bestaetigung bekam, es wuerde innerhalb von Tagen geliefert, habe ich nichts bekommen…

  1. Das Buch von Lozowick kostet, wie bereits gesagt, bei bpb 4 Euro.
    Und – b) – es wurde mir OHNE Versandkosten genau zu dem Preis von 4 Euro ins Haus geschickt.

    https://www.bpb.de/shop/

    Ich kann das Buch nur wärmstens all jenen Lesern empfehlen, die wirklich etwas über den Nahostkonflikt wissen wollen.
    Sachlich und leidenschaftlich zugleich rollt Lozowick die gesamte Historie des Nahen Ostens auf (auch die Fehlentscheidungen Israels).
    Und – das finde ich besonders gut:
    Er schreibt ohne jegliche Polemik.

    Es ist das beste Buch zum Thema, das ich je gelesen habe …

      • Bei der bpb gibt es ja noch mehr Material zu Israel. Kann jemand weitere Sachen aus dem Programm empfehlen?

  2. Also ich habe es auch auf Lilas Empfehlung hin gekauft (zwei mal 😉 ) und habe 2* 4 Euro bezahlt…

  3. Bei der BpB gibt es sogar reichlich Bücher und auch Unterrichtsmaterialien zu Israel, ich kenn allerdings nur wenig und hab mir das „Existenzrecht“ gerade erst bestellt. Die Versandkosten sind zwar relativ hoch, aber bei der Fülle an Sachen, die es oft gegen einen wirklich kleinen Obulus gibt, bekommt man schnell ein größeres Paket zusammen, damit es sich lohnt.

  4. Man kann ja auch gleich mehrere bestellen und die dann verschenken. Dafür ist der Preis dann wirklich unübertroffen – und die €4,60 zahlt man ja nicht pro Buch, sondern pro Sendung.

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