Fatah-Kongress geht heftig fehl und zeigt Extremismus – viele Medien berichten großen Erfolg, der Moderatheit beweist

Barry Rubin, 10. August 2009

Die nüchterne Financial Times schreibt von den „Höllenqualen“ der Fatah. Khale Abu Toameh von der Jerusalem Post, der beste Reporter, der über palästinensische Politik berichtet, vergleicht sie mit der irakischen Ba’ath-Partei. Der Fatah-Kongress ist ein trostloser Fehlschlag gewesen, sogar eine Katastrophe.

Das könnte man weder ganz noch teilweise aus dem größten Teil Berichterstattung der Mainstream-Medien wissen können.

Denken Sie über einige Punkte nach, die als gegeben angenommen oder heruntergespielt werden:

– Die Fatah definiert sich nicht als politische oder gar als Regierungspartei eines Staates auf dem Weg zur Unabhängigkeit, sondern als „nationale Befreiungsbewegung“. Denken Sie darüber nach, was dieser Satz heißt: Ihre Aufgabe ist es nicht eine Verwaltung zu betreiben oder zu verhandeln oder sich auf die volle Unabhängigkeit vorzubereiten oder den materiellen Bedürfnissen ihres Volkes zu dienen, sondern zu kämpfen.

Mit Worten einer Resolution, die klingen, als kämen sie aus den 1960-ern, beschreibt sich die Fatah als Teil der arabischen Befreiungsbewegung. Was bedeutet das? Wer sonst ist noch Teil dieser Bewegung? Die Kräfte, die sich heute in dieser Art definieren, sind die Hamas, die Hisbollah und Syrien. Im Gegensatz dazu schwimmt auf westlichen Spendengeldern und diplomatischem Schutz. Und doch handelt sie so, wie sie es tat, als Arafat die Fatah-Konferenz in mitreißender Verkündigung dieses alten Liedchens anführte: „Amerika ist der Kopf der Schlange.“

Implizit sagt das: Die Fatah glaubt nicht, dass es Israel ernst damit ist eine friedliche Kompromisslösung zu finden. Es ist nicht einfach nur Abneigung gegen Premierminister Bejamin Netanyahu. Sie sagten und sagen das Gleiche über Yitzhak Rabin, Shimon Peres, Ariel Sharon, Ehud Olmert und Tzipi Livni, die letzten fünf Premierminister.

– Es gibt keine Veränderung oder Moderatheit. Abu Toameh sagt, dass die auf diesem Treffen verabschiedeten Resolutionen praktisch identisch sind mit denen der letzten Konferenz vor zwanzig Jahren. Da ich damals auf dieser Konferenz dabei war, kann ich bestätigen, dass er Recht hat.

– Es gab keine ernsthafte Diskussion interner Unzulänglichkeiten, der Gründe dafür, weshalb die Fatah im Jahr 2000 keinen Staat bekam, warum sie die Wahlen und den Krieg im Gazastreifen gegen die Hamas verlor. Es wurde kein Bericht über den Zustand der Fatah gegeben oder wie sie ihr Geld ausgab, was einige Delegierte verärgerte.

– Der Kongress verabschiedete einstimmig eine Resolution, mit der behauptet wird, dass Israel Yassir Arafat ermordete. Das ist kein lustiges, marginales Dokument, sondern eine Demonstration, dass die von Verschwörungen erfüllte Weltsicht, in der Israel dämonisiert wird, die Gruppe weiter dominiert.

In einer Sache könnte die Fatah weniger extrem sein, als ihr vorgeworfen wird. Ihre Resolution zu Jerusalem ist mehrdeutig und will nicht klar ganz Jerusalem für sich beanspruchen, sondern nur den östlichen Teil. Möglicherweise hat man damit israelische Rhetorik kopiert, indem man es die „ewige Hauptstadt“ der Palästinenser nannte. Israel beansprucht nicht ganz Jerusalem. Aber bis heute hat die Fatah das seit 1993 nicht getan. Wenn diese Haltung sich geändert hat, könnte es sich um eine Spiegelung der Haltung Israels handeln, ist aber immer noch eine starke Eskalation der palästinensischen Forderungen.

Hat die Berichterstattung der New York Times über irgendeinen dieser Punkte nachgedacht? Nein, dabei handelte es sich um eine Reinwaschung, die dazu angelegt war zu zeigen, dass Abbas ein guter Führer und die Fatah moderat ist. Zum Beispiel:

„In einer Siegesrede… sagte Abbas, er wolle der Welt sagen, dass die Fatah ‚dem nationalen Projekt anhängt‘ und … weiter daran arbeitet für einen unabhängigen Palästinenserstaat zu arbeiten.“

Eine Erwähnung der Frage des bewaffneten Kampfes. Fakt ist, dass der in die Vergangenheit verbannt ist:

„Mr. Abbas zeichnete den Kurs der Fatah von ihren frühen Jahren des bewaffneten Kampfes in den 1960-ern an nach, den er eine ‚Notwendigkeit‘ nannte, bis zu ihren jetzigen Bemühungen einen Friedenshandel mit Israel zu schmieden. Die Herausforderung, sagte er, besteht darin, die Wendung der begrenzte Autonomie der Palästinenser in einen ‚normalen Staat‘ zu bewerkstelligen.“

Wir sollen also glauben, dass die Fatah in den 1960-ern einen bewaffneten Kampf führte, das aber vor langer Zeit so war. Was ist mit den 1970-ern, 1980-ern, den frühen 1990-ern und von 2000 bis 2005? Darüber hinaus: Nachdem viele Reporter derart lange die Verbindung der Al Aqsa-Brigaden, die oft Terrorakte begingen, zur Fatah leugneten oder herunterspielten, steht es uns da nicht zu zu wissen, dass das Treffen diese Gruppe ausdrücklich als offiziellen militärischen Arm der Fatah annahm?

Abbas soll auch gesagt haben, der habe „die Palästinenser gedrängt standhaft und geduldig zu sein, ‚so lange es einen Schimmer der Hoffnung gibt‘ eine Regelung zu verhandeln.“

Das klingt wie ein moderater Mann, der angesichts von Gewalt entsetzt ist und verzweifelt Frieden wünscht. Sie lassen Abbas als populären Führer erscheinen, statt als institutionellen Diktator.

Was die Hardliner und Gewalt-Advokaten angeht, so sollen wir glauben, diese seien marginale Oppositionskräfte, die nichts mit der derzeitigen Fatah-Führung zu tun haben:

„Delegierte der Konferenz haben die Fatah-Führer gedrängt eine härtere Haltung gegenüber Israel einzunehmen, sagten Teilnehmer; die die Vorstellung von Verhandlungen um der Verhandlungen willen ablehnten und auf dem Vorbehalt der Option einer Art von Widerstand bestehen, sollten die Friedensgespräche scheitern.

Verstanden? Abbas ist moderat, aber die bösen Buben sind eine kleine Randgruppe von Hardlinern, die auf härtere Politik drängen. Fakt ist, dass die ganze Hardliner-Rhetorik und –Politik (und selbst die Personen) in der derzeitigen Führung herausretuschiert werden.

Das hat nichts mit der Wirklichkeit der Fatah zu tun und kann daher ihre fortgesetzte Kompromisslosigkeit und Versagen erklären. Nach solcher Berichterstattung scheint der Fatah-Kongress ein außerordentlicher Erfolg zu sein. Sollte es also die nächsten 10, 20 oder 30 Jahr keinen erfolgreichen Friedensprozess geben, werden Sie nie in der Lage sein zu verstehen, warum.

9 Gedanken zu “Fatah-Kongress geht heftig fehl und zeigt Extremismus – viele Medien berichten großen Erfolg, der Moderatheit beweist

      • Toda – danke Beer7,

        ich werde Ihren Artikel in Ruhe lesen. Mich regt seit langem die voreingenomme Berichterstattung hier in Deutschland auf und so habe ich auf dem Blog:

        http://spiritofentebbe.wordpress.com/2009/08/06/nanu/

        einen Vorschlag eingebracht, der von einem anderen User wesentlich verbessert wurde, man könnte wirklich eine Blacklist einrichten und alle medialen Lügen entlarven, die ein wirklich verfälschtes Weltbild gegenüber Israel fördern. Was halten Sie davon ? Sie mit Fakten ad absurdum stellen.

        Shalom nach BeerSheba 🙂
        Zahal

      • eine solche Blacklist waere nicht schlecht und so aufwendig nicht. Viele Blogs haben schon ausfuehrlich Medienkritik betrieben.

        Man koennte damit anfangen, einfach diese Blogbeitraege zu sammeln und mit einem Index nach Journalisten und Medien zu versehen.

        Am besten waere es wirklich, wenn ein Blog wie Achse des Guten sich zur Verfuegung stellen wuerde.

      • Beer7, Zahal, wären meine Listen (hofierte Hetzer, organisierte Hetze, Heulsusen) ein Anfang?
        Ich habe da Links zu Beiträgen über solche Leute in den Medien (und sonstwo) gesammelt und eingestellt. Seit heute wird auch Victor Kocher da geführt, weil er nach seinem jüngsten Beitrag für mich mehr ist als eine Knallcharge; vorläufig ausschließlich mit Links auf den „Blick auf die Welt – von Beer Sheva aus“, weil ich noch nicht weiter recherchiert habe.

  1. Doch Heplev,

    Livni war ein paar Monate lang Premierminister. Olmert ist schon im Herbst zurueckgetreten und sie hat als Vize uebernommen. Waere es ihr damals gelungen, eine Koalition zu bilden, haette es Anfang des Jahres gar keine Wahlen gegeben.

  2. heplev,

    du hast ja schon eine große Sammlung, in der Tat 🙂 Ich lese sie regelmässig.

    Also an mir soll es nicht liegen und ich wäre auch bereit, ein paar Stunden meiner Freizeit dafür zu opfern…….ich melde mich auf jeden Fall.

    Shalom

    • Ich schlage vor, alles weitere machen wir per E-Mail. Ich habe dir gerade eine mit ein paar Gedanken und Fragen geschickt.

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