Wie kann man wissen, wer im Nahen Osten lügt und wer die Wahrheit sagt?

Barry Rubin, 3. September 2009

Ein Leser schrieb mir wegen der letzten (und unzählbaren) sensationalistischen Geschichten im Nahen Osten. In diesem Fall ging es besonders darum, dass die Hisbollah angeblich chemische und biologische Waffen stationiert haben soll. Das ist absurd und erinnert uns an die Sorgfalt, die angewendet werden muss, wenn man Entwicklungen in dieser Region analysiert.

In diesem Fall ist die Quelle eine Zeitung in Kuwait. Zuerst muss man fragen: Wie kommt eine kuwaitische Zeitung ohne Auslandsbüros und mit Sicherheit ohne Insider-Quellen in der Hisbollah (oder dem syrischen oder israelischen Geheimdienst) dazu dieses Geheimnis zu erfahren? Die erste Frage, die man also immer stellen muss, ist immer die: Ist es glaubwürdig, dass das Nachrichtenorgan oder andere Quellen wissen, was es/er/sie zu wissen behauptet?

Die zweite Frage ist die besondere Identität der Quelle. Es gibt Quellen, die buchstäblich immer falsch liegen (Debka, al-Quds al-Arabi, die syrische Staatspresse usw.) und deren man sich als solche erinnern sollte. In diesem Fall ist die Zeitung al-Siyassa, eine in ihrer Haltung gegen Syrien und radikale Islamisten mutige Tageszeitung, die auch pro-saudi ist. Eindeutig will as-Siyassa, wie früher schon, eine Sensations-Story haben und außerdem die Syrier (und ihre Klientel, die Hisbollah) schlecht da stehen lassen.

Die dritte Frage ist die, wie rational das ist: Es hab keine glaubwürdigen früheren Berichte gegeben, dass die Hisbollah diese Waffen besitzt. Und wenn sie sie besäße, würden israelische Quellen viel darüber reden.

Man bedenke eine weiter Geschichte aus der jüngsten Vergangenheit: die Behauptung Israel habe ein russisches Schiff entführt, das Waffen für die Hamas geladen hätte. Russland ist für Israel ein sehr wichtiges Land. Abgesehen von Handel und anderen Fragen will Israel nicht, dass Moskau fortschrittliche Flugabwehr-Raketen an den Iran verkauft, für den Fall, dass Israel sich eines Tages entscheidet die iranischen Atomanlagen zu bombardieren. Würde Israel das Risiko auf sich nehmen praktisch ein Kriegsszenario mit der russischen Regierung zu schaffen? Nicht glaubwürdig.

In der Vergangenheit gab es mythische Länder oder zumindest Länder, über die Mythen erzählt wurden. Man erinnert sich, dass Marco Polo den Hof des Kaisers von China beschrieb, aber nicht, dass Polo auch von Ländern entlang des Wegs spricht, von wo er darauf besteht, er habe Menschen mit zwei Köpfe gesehen.

Der Nahe Osten ist Teil dieser Welt geworden, in die Fantasien projiziert werden. Aber es gibt da ein Problem. Infolge der politische Korrektheit und andere dubioser Segnungen des Lebens in der Gegenwart kann man nicht einmal ehrlich darüber sprechen, was im Iran oder in Arabisch sprechenden Länder vor sich geht. Das alte Klischee, „wenn du nichts Nettes sagen kannst, dann sage gar nichts“, ist anscheinend in den Schrein der intellektuellen Tempel unseres Zeitalters verankert worden.

Folglich lässt sich ein wachsender Teil der Mythologie über dem Ort nieder, über den es erlaubt ist alles zu sagen: Israel.

Würde ich zum Beispiel behaupten, dass der Anteil absichtlicher und glaubwürdig geglaubter Lügen im öffentlichen Leben, den Medien und Universitäten in der Arabisch sprechenden Welt weit höher ist als im Westen (ohne zu leugnen, dass es davon auch im Westen reichlich gibt und von den derzeitigen Trends verstärkt wird), würde das als schockierend angesehen.

Kann ich das beweisen? Natürlich, man braucht sich nur die Geschichte der Äußerungen der Vergangenheit anzusehen, die sich als richtig oder falsch erwiesen haben.

Das muss man mit dem Fehlen institutioneller Kontrollen kombinieren. Wenn etwas Empörendes behauptet wird – den Holocaust hat es nie gegeben, Amerika steckt hinter allem Terror im Irak, Israel ermordet Palästinenser, um ihnen die Organe zu stehlen, der Mossad oder die CIA stecken hinter dem 11. S:eptember, ad finitum – dann gibt es wenige Stimmen, die sagen werden: Das ist Blödsinn! Kurz gesagt: Nicht nur wird Lügen, Verleumdungen und Verschwörungstheorien nicht entgegen getreten, alternative Sichtweisen werden zu gefährdeten Arten.

In diesem Zusammenhang ist der natürliche Impuls des Westens zu sagen, die Wahrheit müsse irgendwo dazwischen liegen oder „wir hören da zwei gleichermaßen glaubwürdige Diskussionsbeiträge“ lähmend.

Ohne diese Realitäten zu verstehen ist es jedoch nicht möglich das politische Leben der Region zu begreifen oder Politik gegenüber dem Nahen Osten festzulegen.

4 Gedanken zu “Wie kann man wissen, wer im Nahen Osten lügt und wer die Wahrheit sagt?

    • War klar, dass das kommt. Ist Rubins Meinung.
      Allerdings habe ich von allen (!) Leuten, denen ich besonders vertraue und die ich als für mich wichtigste Ratgeber und Vertraute einstufe, den Rat bekommen debka zu meiden.

  1. ok, ich habe DEBKA unter 15 anderen Middle East Infosites. Klar sind die hysterisch und sensationsgeil….

    übrigens, gute site hier !!
    weiter so….

  2. vor allem die reportagen von Hamid Gharyafi,sience fiction pur.alles was der kerl bislang geschrieben hat war sunnitischer propaganda.
    er beruft sich immer auf irgendwelche westliche geheimdienste als ob diese geheimdienste nichts anderes zu tun haben als ihn deren informationen zu verschenken.

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