Eine Erzählung unserer Zeit: Des Kaisers neue Kleider, angepasst an die Ära Obama

Barry Rubin, 10. Oktober 2009

Des Kaisers neue Kleider

Angepasst von Barry Rubin von Hans Christian Andersens Geschichte „Keiserens nye Klæder“

Vor vielen Jahren gab es einen Mann, der Kaiser sein wollte, denn nach den eigentümlichen Bräuchen des Landes, von dem ich spreche, wurde der Kaiser gewählt. Zum Glück für ihn – und zum Unglück für viele andere – traf der Mann eine Reihe politischer Berater, die ihn ihm den idealen Mandanten sahen. Zusammen würden sie die Höhen der Macht erklimmen.

Um Kaiser zu werden, erklärten sie, brauchte man ein gutes Image, musste ausgezeichnet reden können und gut aussehen.  Aber in diesen Tagen vor Fernsehen, Radio, den Internet usw. hing viel vom Image des Mannes von seiner Kleidung ab.

Es war ein glücklicher Zufall, dass der Mann äußerst versessen auf Kleider war. Er hatte kein Interesse an der Aufstellung seiner Soldaten, dem Prestige seines Landes oder dem Wohlergehen seiner Bürger, außer um mit seiner eigenen Großartigkeit anzugeben.

Die beiden politischen Berater dachten sich eine brillante Strategie aus. Sie ließen verkünden, dass sie Weber seien und sagten, sie könnten die wunderbarsten der vorstellbaren Stoffe weben. Nicht nur dessen Farben und Muster seien ungewöhnlich fein, sondern die Kleider, die aus diesem Stoff gemacht wurden, hatten die wundervolle Eigenschaft für jeden unsichtbar zu werden, der dumm ist, modisch zurückgeblieben oder über eine Art Engstirnigkeit verfügte.

Auch würden diejenigen, die ungewöhnlich dumm waren – Menschen aus kleinen Städten z.B., die besondere Liebhaberei für Schusswaffen und Gebete hatten, sowie auch die Unterstützer des vorherigen Königs – nicht in der Lage sein die Kleider zu sehen.

Sie bauten zwei Webstühle auf und gaben vor zu weben, obwohl auf den Webstühlen nichts befand. Die feinste Seide und die reinsten alten Garne wurden ihnen geliefert, aber dann an Gruppen weiter gegeben, die sie unterstützten, während sie bis spät in die Nacht an den leeren Webstühlen arbeiteten.

„Ich würde gerne wissen, wie dies Weber mit dem Stoff voran kommen“ dachten die Journalisten, aber sie fühlten sich etwas unbehaglich, als sie sich erinnerten, dass diejenigen, die Trottel, inkompetent oder, noch schlimmer, unzeitgemäß waren, nicht in der Lage sein würden den Stoff zu sehen. Trotzdem nahmen sie alle eifrig die Einladung an die neuen Kleider während des Wahlkampfes zu sehen. Also drängten sie in den Raum, in dem der Kandidat stand und die Kleider trug, was hieß, dass er nichts trug, denn es gab solche Kleider nicht.

„Himmel hilf“, dachten die Reporter. „Ich kann überhaupt nichts sehen.“ Doch sie sagten das nicht.

Die politischen Berater baten sie näherzutreten, um das exzellente Muster, die wunderschönen Farben zu begutachten. Sie zeigten auf den Kandidaten und die Reporter starrten so fest sie nur konnten. Sie konnten nichts sehen, weil es nichts zu sehen gab. „Der Himmel sei mit mir“, dachten sie. „Kann es wirklich sein, dass ich ein Trottel bin? Ich hätte das nie vermutet und niemand darf das wissen. Bin ich nicht fit genug, um der Elite anzugehören? Es kommt keinesfalls in Frage, dass ich jemanden merken lasse, dass ich den Stoff nicht sehe.“

„Zögern Sie nicht uns zu sagen, was Sie davon halten“, sagte einer der Berater.

„Oh, der Stoff ist wunderschön! Er ist hinreißend!“ Die Journalisten schwärmten und brachen in Applaus aus. Einige fühlten es kalt den Rücken herunterlaufen. „Solche Muster, welche Farben! Ich werde den Lesern und Zuschauern mit Sicherheit erzählen, wie entzückt ich bin.“

„Wir freuen uns das zu hören“, sagten die Berater. Sie fuhren damit fort alle Farben zu benennen und das aufwändige Muster zu erklären. Die Berater beschrieben, dass dies die Farben des Wandels seien und dies der Stoff der Hoffnung. Die Journalisten notierten ausführlich, so dass sie sicher sein konnten die Öffentlich darüber zu informieren, welch ein großer Mann der Kandidat sei und wie sehr er ihnen einen Gefallen tat, ihnen anzubieten ihr Kaiser zu sein. Und das taten sie auch.

Um die Sache noch aufregender zu machen, las der Kandidat, indem er die Worte, die die Berater ihm aufgeschrieben hatten, von einem schlauen kleinen Mechanismus ab, den sie gebaut hatten und der es ihm erlaubte in einen Spiegel zu sehen und die Worte zu sehen, die aufgeschrieben worden waren. Die Journalisten waren von der großen Macht seiner Rede, von seinen Schlagworten und seiner Ideen mit Ehrfurcht erfüllt, auch wenn sie sich später nicht wirklich erfolgreich an das erinnern konnten, was er sagte oder erklären konnten, was genau die brauchbaren Ideen waren, die geäußert wurden.

Bald sprach jedermann im Königreich über den Kandidaten, seine glanzvollen Kleider, seine brillante Redeweise und wie er all ihre Probleme lösen würde.

Der Kandidat nahm dann an einer riesigen Kundgebung seiner im Rausch befindlichen Unterstützer teil. „Großartig“, sagte die Menge. Immerhin sagte jeder: „Bin ich derart dumm? Soll ich meine Kollegen und Nachbarn wissen lassen, dass ich die Schönheit des Designs nicht sehe, die Großartigkeit der Rede, die Größe der Ideen?“ Und sie applaudierten heftig.

Als der Kandidat durch die Straßen paradierte, verbreiteten sich die Worte „Großartig! Exzellent! Unübertroffen!“ sich von Mund zu Mund und jeder tat sein Bestes, um sehr zufrieden auszusehen.

Auch bei Hintergrundgesprächen, die sie Großspendern führten, deuteten die Berater auf jedes einzelne Teil. Sie hoben ihre Arme, als würden sie etwas halten. Sie sagten: „Das hier sind die Hosen, hier ist der Mantel und das ist der Hut“, benannten sie jedes Kleidungsstück. „Sie sind so leicht wie Spinnweben. Man könnte glatt glauben, er habe nichts an, aber das ist es, was sie so auszeichnet.“

„Genau“, stimmten all die großen Männer des Königreichs zu, obwohl sie nichts sehen konnten, denn es gab nichts zu sehen.

Und so wurde der Kaiser gewählt und alle waren zufrieden. Die Kleider und die Spezialmaschine, die sie gebaut hatten, leisteten ihm gute Dienste. Er tat eigentlich nichts, aber jeder fand seine Pracht so fantastisch, dass niemand mehr verlangte.

Dann tourte er durch andere Länder und auch die bejubelten ihn und bewunderten seine Kleider. Denn er stimmte in allem, was sie sagten, mit ihnen überein und sagte ihnen, dass die schon immer recht hatten und alle früheren Kaiser, für die er sich entschuldigte, waren im Unrecht.

Stimmt, es gab da eine Parade, wo nicht alles so gut lief. Zuerst war alles wie immer. Der König zog seine besondere Kleidung an. Er drehte sich für einen letzten Blick in den Spiegel. „Sie passen bemerkenswert gut, nicht wahr?“ Die Adligen gaben nicht zu, dass sie nichts sahen, das gelobt werden konnte.

Und so ging der Kaiser zur Parade. Jedermann auf den Straßen und in den Fenstern sagte: „Oh, wie herrlich sind des Kaisers neue Kleider! Sitzen sie nicht perfekt?“ Niemand wollte zugeben, dass er nichts sehen konnte, denn das würde beweisen, dass er entweder als Beamter nicht geeignet für seine Position oder als Mitglied der Elite ungeeignet oder, wenn er dem gemeinen Volk angehörte, ein Trottel war. Kein Anzug, den der Kaiser früher getragen hatte und kein Kaiser hatte jemals solch völligen Erfolg.

„Aber er hat gar nichts an“, sagte ein kleines Kind.

„Hat man je etwas so Dummes gehört?“, sagte sein Vater. Und eine Person flüsterte der anderen zu, was das Kind gesagt hatte: „Er hat gar nichts an. Ein Kind sagte, er hat gar nichts an.“

„Aber er hat gar nichts an“, sagte das Kind!

„Das Kind ist nichts anderes als ein Kleiderfeind!“, murmelte ein wütender Mann. „Lasst es uns lynchen!“, sagte ein anderer.

Der Kaiser erschauderte, denn er wusste, sie hatten recht. Aber er war auch sicher, dass die Adligen und Beamten und Journalisten und andere ihn unterstützen würden. Die Menschen jubelten – wenn auch ein paar weniger als zuvor – und der Kaiser ging stolzer als jemals zuvor weiter, während seine Adligen die lange Schleppe hoch hielten, die gar nicht da war.

Schließlich kam der große Tag. Das Komitee der Adligen trat zusammen und übergab ihm seine höchste Ehre. Den Nobelpreis der Haute Couture. Es stimmt, gaben sie untereinander zu, er hatte keine Kleider an. Aber eines Tages könnte er welche tragen.

5 Gedanken zu “Eine Erzählung unserer Zeit: Des Kaisers neue Kleider, angepasst an die Ära Obama

  1. Einfach herrlich!

    @Heplev
    Wo kann ich die Statistiken über Raketen- und Granatenangriffe aus dem Gaza von 2001-2005 finden? Danke im Voraus!

  2. Eine kleine Auflistung der Raketen und Mörser (2001-Okt.2009) findet sich auf der Seite des israelischen Außenministeriums, allerdings nur nach Jahren: http://tinyurl.com/3ypjqk
    Bei Pro Bono Statistics gibt es ein Diagramm zum monatlichen Raketenverschuss aus dem Gazastreifen: http://tinyurl.com/ykxtsl5
    The Israel Project hat „nur“ Daten für Gaza UND die Westbank (Linkliste zu zahlreichen statistischen Einträgen bei TIP): http://tinyurl.com/5osr35
    Hoffe, das hilft erstmal. 🙂

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