Hört zu, was sie sagen – in ihrer Sprache, nicht auf Englisch

Barry Rubin, 23. Oktober 2009

Hier ein Tipp zum Verständnis des Nahen Ostens: Für Arabisch sprechende Länder und Gruppen gibt es zwei parallele Diskussionsstränge, die ablaufen: einer auf Englisch, einer auf Arabisch. Der englischsprachige richtet sich nach außen, an den Westen; der arabischsprachige gilt für die Richtung der politischen Entscheidungsträger, Meinungsmacher und Massen. Es überrascht nicht, dass er erste moderat ist; der zweite ist radikaler.

Die genauen Proportionen variieren je nach Land oder Bewegung. Aber selbst in Ägypten, Empfänger von großen US-Hilfsgeldern, veröffentlichen die staatlich kontrollierten Medien einen fast endlosen Strom antiamerikanischer Propaganda. Ein Schlüsselproblem ist allerdings, dass die meisten westlichen politischen Entscheidungsträger, Meinungsmacher und Journalisten entweder die nicht auf Englisch geführten Gespräche nicht ernst nehmen oder sie einfach nicht mitbekommen.

Im Gegensatz dazu sagen demokratische Staaten wie Israel oder Amerika in beiden Sprachen praktisch dasselbe mit höchstens sehr geringen Variationen. Vielleicht ist das ein Grund, warum viele oder die meisten Westler sich der großen Kluft nicht bewusst sind, die in anderen Gesellschaften existiert.

Der Unterschied zwischen wahrer und falscher Diskussion – wenn auch manchmal innerhalb derselben Sprache – ist natürlich recht alt. Im „Kommunistischen Manifest“ von 1848 schrieben Karl Marx und Friedrich Engels:

„Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern.“

Das war aber vor dem Zeitalter der Public Relations. Selbst die Kommunisten wurden schnell Meister darin zwei widersprüchliche Dinge zugleich zu sagen. Gäbe es sie heute noch, würden die Kommunisten sich als Rasse definieren und jeden, der gegen sie ist, einen Rassisten nennen oder wahrscheinlich den Begriff Kommunophobie geprägt haben. Aber ich schweife ab. Hier ein lustiges Beispiel, wie Doppelsprech gemacht wird:

Die sowjetische Führung wandte sich 1920 an das polnische Volk: „Unsere Feinde und eure täuschen euch, wenn sie sagen, dass die sowjetische Regierung wünscht den Kommunismus auf polnischem Boden mit den Bajonetten der Roten Armee zu pflanzen.“

Und hier das, wie die sowjetische Führung der Roten Armee sich 1920 an die Rote Armee wandte: „Die Straße zur Weltrevolution führt über den Leichnam Polens. Mit Bajonetten werden wir der arbeitenden Menschheit Glück und Frieden bringen.“

Ich denke, Sie wissen, was ich meine. Zurück zum Nahen Osten von heute. Je radikaler die Gruppe – wie die Hamas oder Al-Qaida zum Beispiel – desto größer der Anteil radikaler Äußerungen, die auf Englisch gemacht werden. Ihnen ist es einfach egal. Die Hisbollah ist ein wenig verschlagener. Was den Iran angeht, so ist Präsident Mahmud Ahamdinedschad diesbezüglich Mitglied der Schule des Kommunistischen Manifestes, aber Teheran lässt man bei relativ wenig Lügen recht viel durchgehen.

Aber warum sollten wir den arabischen Äußerungen mehr glauben als den englischen? Lassen Sie mich die Antwort auf drei der wichtigsten Punkte beschränken:

Zuerst legt der arabische Dialog die Hauptprinzipien und die Grenzen dessen fest, was akzeptabel ist. Ein Beispiel ist der palästinensische Diskurs. Wie soll die palästinensische Autonomie eine Zweistaatenlösung akzeptieren, die auf Grundlage der Beendigung des Konflikts, von Sicherheitsgarantien und der Ansiedlung aller Palästinenser in ihrem eigenen Staat basiert, wenn niemand das auf Arabisch zu sagen wagt? Die Grenzen zu überschreiten kann dafür sorgen, dass man umgebracht wird, dass man seinen Posten verliert, dass man als Verräter gebrandmarkt wird und seinen Feinden Munition gibt. Wenn ein palästinensischer Politiker kann sagen, dass Israel jemals etwas Gutes getan hat und einen ehrlichen Kompromiss-Frieden anstrebt, ist in etwa so, als würde ein republikanischer Politiker sich ein Kleid anziehen und mit einem Plakat die Straße entlang marschieren, auf dem die Rechtschaffenheit von Joseph Stalin proklamiert wird; und zwar in Mississippi; am 4. Juli; inmitten eines Picknicks der American Legion.

Das ist der Grund, warum es fast unmöglich ist eine moderate Äußerung von irgendeinem Palästinenserführer auf Arabisch zu finden – und ich habe viele Tausende davon gelesen. Zwei Beispiele fallen ein: Als Arafat im Fernsehen aus Gaza eine Rede hielt, von der er wusste, dass sie genau betrachtet werden würde; und ein wütender palästinensischer General, der sich, als sie Hebron betraten, beschwerte, dass Leute, die Terrorakte verübten, die Wirtschaft schädigten.

Während der Zeit des Friedensprozesses übrigens hielt Arafat eine Rede von einem amerikanisch-jüdischen Publikum und die Leiter einer Gruppe jüdischer Tauben bearbeiteten den Vortrag, um ihn angenehmer zu machen. Das meinte ich mit „Lügen für den Frieden“. Zu denken, dass irgendwie, wenn man die Fakten aufgrund von Wunschdenken falsch darstellt, am Ende alles gut ausgehen wird.

Zweitens umfasst die Diskussion auf Arabisch eine riesige Menge an Äußerungen, die in allen möglichen Situationen gemacht wurden. Im Gegensatz dazu wird jede englischsprachige Äußerung mit einer bestimmten Absicht im Sinn formuliert – um der westlichen Öffentlichkeit oder westlichen Regierungen etwas zu vermitteln.

Drittens zeigt die Erfahrung, dass sich das, was auf Arabisch gesagt wird, mit dem deckt, was die Staaten oder Gruppen tatsächlich tun.

Ich erinnere mich gerne an den größten Erfolg, den ich je bei der New York Times hatte. Bei einem Treffen mit einem offenen Journalisten zog ich einen riesigen Stapel Übersetzungen aus dem Arabischen aus der Tasche – solche der US-Regierung aus dem Auslands-Rundfunkdienst, die vor dem Computer-Zeitalter großen Raum in meinen Regalen einnahmen – und zeigte ihm, was von den Palästinensergruppen tatsächlich gesagt wurde; es war weit härter als das, was die amerikanischen Medien berichteten. Er verfasste darüber einen Artikel für die Titelseite. Ach, waren das noch Zeiten!

Heute spielt MEMRI eine sehr wichtige Rolle dabei, den Westen auf den arabischen Diskurs aufmerksam zu machen. Fakt ist, dass es derart erfolgreich gewesen ist, weil genau diese Fakten so weit entfernt von dem sind, was in den Medien erwartet und berichtet wird. Dort übersetzt man nicht nur die vielen extremistischen Äußerungen, sondern auch die weit weniger moderaten Autoren, die abweichende Dinge sagen.

Hier ist nun der Grund, weshalb man sorgfältig die Primärquellen untersuchen muss (das Originalmaterial in arabischer Sprache und nicht nur das, was die westlichen Medien sagen). Irgendjemand wird immer etwas ausplaudern. Immerhin muss man die Moral der Truppe hoch halten oder beweisen, dass man keinen Verrat begeht. Hier deshalb die MEMRI-Übersetzung eines Interviews mit Walid Sukariyya, einem Hisbollah-Mitglied im libanesischen Parlament. Er sagt, wie es ist.

Syriens Haltung zu Frieden mit Israel? Das sind nur „taktische Verhandlung-Jetons“.

Wie bekämpft Syrien Amerika? „Da Syrien aus offensichtlichen Gründen keine Konfrontation durch direkten Widerstand vornehmen kann, hat es seine Grenzen zum Irak für alle Widerstandskämpfer der Al-Qaida geöffnet, obwohl es deren Ideologie nicht teilt.“

Gemerkt? Er sagte Al-Qaida. Und natürlich ist das, wie ich früher schon berichtete, was aber auch ziemlich offensichtlich ist, eine der Hauptgruppen der irakischen Aufständischen. Mit anderen Worten also

–       arbeitet Syrien mit der Al-Qaida zusammen (dies sollte keine kontroverse Äußerung sein, aber im westlichen Diskurs wird es als solche behandelt)
–       hat sich Al-Qaida der Vernichtung Amerikas und des Westens verschrieben
–       ist daher Syrien ein Feind und selbst unter der engen Definition dessen, was „Krieg gegen den Terrorismus“ – der jetzt nur einer gegen die Al-Qaida ist – genannt wurde, steht Syrien auf der anderen Seite.

Schließlich: „Das ist der Grund, dass Damaskus den Widerstand unterstützt – weil es dem Feind nicht selbst entgegentreten will.“ Richtig: Syrien (und der Iran) nutzen Hamas und Hisbollah, um Israel ohne Risiko für sich selbst zu bekämpfen. Und sie werden nicht aufhören das zu tun.

Danke, Walid. Lasst das eine Lektion für euch alle da draußen sein: Hört zu, was die Leute im Nahen Osten wirklich sagen, besonders, wenn sie in ihrer eigenen Sprache reden.

(Der von MEMRI übersetzte Text stammt aus Al-Quds Al-Arabi (London) vom 19. Oktober 2009, Special Dispatch NR. 2612 vom 22. Oktober 2009)

2 Gedanken zu “Hört zu, was sie sagen – in ihrer Sprache, nicht auf Englisch

  1. Wieder einmal viel Wahres!

    Und wie lautete die Tage eine Meldung aus den Verteidigten Staaten? Über 1/3 der gewonnen Informationen über die Taliban, den Iran und die Araber bleiben liegen, weil es an Übersetzern fehlt.
    Und da geht es nur um unter Aufwand nachrichtendienstlich gewonnenes Material mit gegf. hohem Stellenwert!

  2. Sehr deutlich wird das, wenn man die Reden mit WORDLE (www.wordle.net) bearbeitet und darstellt.

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