Islamophobie

Jerusalem, 20. Januar 2010  – Die Diskussion um einen Vergleich von Islamophobie mit Antisemitismus, wie sie Professor Wolfgang Benz ausgelöst hat, verdient eine Prüfung des Ursprungs dieser Begriffe.Gemäß Wikipedia lasse sich „Islamophobia“ schon 1925 im Französischen nachweisen. Die zahlreichen Quellenangaben und Fußnoten bei Wikipedia zeugen jedoch davon, dass alle Autoren sich erst nach dem 11.9.2001 mit dem Thema befasst haben.

Caroline Fourest und Fiammetta Venner haben in Tirs Croisés die Geschichte dieses Wortes recherchiert. „Islamophobie“ sei als Kampfbegriff erstmals 1979 im Iran aufgetaucht, nach der Revolution des Ayatollah Khomeini. Frauen wurden als islamophob bezeichnet, wenn sie  das Tragen eines Kopftuches verweigerten. Der gleiche Vorwurf wurde auch gegen Salman Ruschdie erhoben, der als Moslem den Islam kritisierte. „Islamophobie“ bedeutete also ursprünglich inner-islamische Kritik am Islam. Nach dem 11. September griffen islamische Organisationen im Westen das Wort auf, um Kritik an islamischen Extremisten und Terroristen zum Schweigen zu bringen. Abscheu über Terrorattacken von Islamisten wurde mit Rassismus und Verunglimpfung des Islam und des Korans gleichgesetzt.

Andere Begriffe wie Islamkritik, Islamfeindlichkeit oder Anti-Islamismus haben eine ähnliche Bedeutung, sind aber emotional nicht aufgeladen und nicht mit Rassismus behaftet, wie „Islamophobie“.

Kenner des Islam und besonnene Journalisten unterscheiden zwischen der Religion des Islam, der Mehrheit der Moslems und Extremisten, „Islamisten“ oder Terroristen. Gleichwohl ist das nicht immer einfach, da selbst „gemäßigte“ Moslems wie der Großscheich von Al Azahr in Kairo, Scheich Mohammed Sayed Tantawi, Massenmorde an feindlichen Zivilisten, also Selbstmordattentate in Israel und anderswo, nicht uneingeschränkt zu verurteilen. Mangels offener Kritik muslimischer Geistlicher entstand der (falsche) Eindruck, als stünden alle Moslems hinter den übelsten im Namen des Islam begangenen Verbrechen der Neuzeit, in New York, Israel, Bagdad, Pakistan, Wien, Rom, London und Madrid.

Ähnlich gehen „Antizionisten“ vor. Sie erklären Befürworter des Existenzrechts des Staates Israel zu Rassisten, Kolonialisten und Nazis.

Den Zionismus gibt es als Bewegung, Ideologie und Begriff erst seit Ende des 19. Jahrhunderts. Die Juden definierten sich mit dem Zionismus als „Nation“ mit Selbstbestimmungsrecht und Recht auf einen eigenen Staat. Bis dahin wurden Juden im christlichen Westen nur als Angehörige einer Religion gesehen, also „mosaischen Glaubens. Seit der Aufklärung waren sie neben Ariern auch noch eine „semitische Rasse“.  Die „Zionisten“ passten das Selbstverständnis der Juden der Begriffswelt der modernen Staaten an.

Den „Antizionismus“, also eine ideologische Bewegung gegen die jüdische Nationalbewegung, gibt es erst seit Anfang der siebziger Jahre, wie der französische Linguistik-Professor George-Elia Sarfati herausfand und nachwies. In seinem Buch «The Captive Nation» über die Juden in der Sowjetunion beschrieb er, wie Antizionismus zur Ideologie wurde. „Mit dem systematischen Gebrauch des Ausdrucks Antizionismus begann das sowjetische Informationsministerium nach dem Sechstagekrieg von 1967. Neben der sowjetischen Presse erschien der Begriff dann vor allem in den Medien der extremen Linken. In Wörterbüchern erschien das Wort erst in den siebziger Jahren. Die wichtigsten kanonischen Antizionismus-Texte sind in erster Linie sowjetischer Herkunft.“

Gleichungen des Zionismus mit dem Staate Israel bedienen die vier wichtigsten negativen Eigenschaften der westlichen Geschichte des letzten Jahrhunderts: Nazismus, Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus. Sarfati: „Für die antizionistische Propaganda braucht man nur beispielsweise gegen den Nazismus zu sein – und wer ist das nicht? –, um ein Antizionist zu sein. Die Sprache dieser Pseudogleichungen unterstützt jede dem Zionismus gegenüber feindselige Initiative und macht aus ihr einen Akt des Fortschritts und des Humanismus.“

Den „Antisemitismus“ als Begriff für „Judeophobie“ oder Judenhass konnte es logischerweise erst geben, nachdem mit der Aufklärung die Menschen in „Rassen“ unterteilt wurden.  Weil es „Rassen“ unter Menschen nicht gab, behalf man sich mit der Linguistik. Denn Sprachfamilien gibt es tatsächlich. So wurden die „Semiten“ geschaffen, um weiterhin den christlich motivierten Judenhass pflegen zu können. Doch ab der Aufklärung waren christliche Hassargumente gegen Juden wie „Gottesmord“ nicht mehr anwendbar.

Dass vor 150 Jahren kein einziger Jude Hebräisch sprach, weil Neuhebräisch noch nicht erfunden war, hinderte die Rassenideologen nicht, alle Juden zu „Semiten“ zu erklären. Irrelevant war auch, dass manche Völker offenbar ihre Rasse und damit auch ihre Gene mehrfach auswechselten. Man denke an die Ägypter, die früher mal pharaonisches Ägyptisch sprachen, zeitweilig zum arischen Griechisch wechselten und schließlich mit der arabischen Eroberung zu Semiten wurden.

Wer Judentum, Zionismus und Islam hasst, ist Antisemit, Antizionist oder Islamophob. Kritik am Christentum, an Deutschland oder an der palästinensischen Nationalbewegung wurden noch nicht zur Ideologie erhoben. Deshalb gibt es dafür auch noch nicht die entsprechenden Fachbegriffe.

(Gastbeitrag von Ulrich W. Sahm, Jerusalem)

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