Analyse: Israel und die Diaspora-Juden als Prügelknaben

Benjamin Weinthal, Jerusalem Post, 25. Januar 2010

Das Ergebnis des am Sonntag veröffentlichten Berichts der Jewish Agency, der zeigt, dass der globale Antisemitismus außer Kontrolle gerät, erinnert an den denkwürdigen Satz aus dem Film Casablanca, als Polizei-Hauptmann Renault verkündet, Rick‘s Café müsse wegen illegaler Aktivitäten geschlossen werden. „Ich bin schockiert, schockiert, entdecken zu müssen, dass hier Glücksspiel betrieben wird!“, sagt Renault, während ihm die Erträge seiner Glücksspiel-Gewinne ausgehändigt werden.

Zwar sind einige Beobachter des Judenhasses in Westeuropa nicht von der größten Welle des Antisemitismus seit der Hitler-Bewegung geschockt, aber viele europäische Regierungen, politische Entscheidungsträger und Akademiker wie Renault jedoch tendieren dazu Schock vorzutäuschen oder könnten einfach nicht verstehen, dass der Hass gegen Israel allgegenwärtigste Form des zeitgenössischen Antisemitismus ist.

Wie der Bericht des Jewish Agency und die Studie der Universität Bielefeld für das Jahr 2009 dokumentieren, gibt es keinen Mangel an feindseligen, antiisraelischen Taten und Haltungen innerhalb europäischer Staaten wie Schweden, Deutschland, Norwegen, Großbritannien, Frankreich, Polen, Italien, Spanien und Griechenland. Die starke Allianz zwischen der populistischen, linksextremen venezolanischen Regierung des Hugo Chavez und der Islamischen Republik Iran hat die Schleusentore des Antisemitismus in Lateinamerika geöffnet.

Der sich verstärkende Antisemitismus könnte zu einer wachsenden Aliyah-Rate beitragen. Nach Angaben der Jewish Agency gab es 2009 im Vergleich mit 2008 einen Anstieg der Aliyah von 17 Prozent. Die Aliyah aus ganz Europa stieg von 2.402 auf einen Höchststand von 2.600; das südamerikanische Judentum zeigte einen Einwanderungsanstieg von 1.078 auf 1.230.

Letzten Dezember, als er auf dem dritten jährlichen Global Forum for Combating Anti-Semitism in Jerusalem sprach, sagte Dr. Daniel Pipes voraus, dass ein „Exodus“ der Diaspora-Juden in Europa stattfinden könnte, weil die europäischen Juden sich tödlichem Antisemitismus ausgesetzt sehen. Nach Pipes könnte Migration „den Exodus der Juden aus muslimischen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg wiederholen, wo die jüdische Bevölkerung von rund einer Million im Jahre 1948 auf heute 60.000 zusammengefallen ist“.

Die Studie der Jewish Agency zeigt die offensichtlichen Verbindungen zwischen den Diaspora-Juden und Israel auf. Während der rassistische Antisemitismus der Nazis weitgehend in Vergessenheit abgedriftet ist, versagen die europäischen Staaten darin zu sehen, dass der neue Ausbruch sich darum dreht, aus Israel und die Diaspora-Juden einen Prügelknaben zu machen. Wie die Studie hervorhebt, ist ein auf breiter Basis stehendes Bündnis linker und islamischer Organisationen mit einem Einverständnis gekoppelt, das Angriffe auf Juden und Israelis als ein gerechtfertigtes Nebenprodukt der israelisch-palästinensischen Situation zuschreibt.

Ein aufschlussreiches Beispiel war die Vermählung der deutschen Linken mit muslimischen Organisationen während der Operation Gegossenes Blei. Während mehr als 100.000 Deutsch an antiisraelischen Aufzügen teilnahmen, auf denen Hetze zu Mord an Juden und Israelis skandiert wurde, entfernte die Polizei israelische Flaggen, weil diese die antiisraelischen Demonstranten „provozierten“. Ein junger Student wurde in der Industriestadt Bochum verhaftet und mit einer Geldbuße belegt, weil er auf einer pro-israelischen Kundgebung eine israelische Flagge schwenkte. [Anmerkung: Ich glaube, hier verwechselt Weinthal etwas; es handelte sich um eine antiisraelische Kundgebung und der Student stand mit seiner Flagge am Wegrand.] Das deutsche Parlament ignorierte die Explosion des Antisemitismus und eröffnete keine Untersuchung der massiven Feste des Hasses gegen Israel.

Große europäische Gewerkschaften wie der Irish Trade Union Congress und der British Trade Union Congress haben Bemühungen angeführt Israel mit Nazideutschland gleich zu setzen und sponsern Wirtschafts- und Kultur-Boykotte gegen den jüdischen Staat. Ein Bericht der Iris Trade Union aus dem Jahr 2008 zieht Parallelen zwischen Israels Anstrengungen den Waffenschmuggel in den Gazastreifen zu unterbinden und der Schaffung des Warschauer Ghettos durch die Nazis.

England und Deutschland haben zwar Kommissionen gebildet, die Antisemitismus beobachten sollen, doch ein Kommissions-Mitglied in Deutschland drängte darauf sich auf rechtsextremen Antisemitismus zu konzentrieren, statt auf die dominante Form des Judenhasses – islamischen und linken Antisemitismus.

Dasselbe gilt für das Publikum von Präsident Shimon Peres im deutschen Parlament. Er soll am Mittwoch, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, vor dem deutschen Parlament sprechen, zu dessen Mitgliedern viele aus der Linkspartei gehören, die an pro-Hamas- und pro-Hisbollah-Demonstrationen teilnahmen, wo Forderungen nach Israels Vernichtung befürwortet wurden. Elf Abgeordnete der Linkspartei stimmten gegen eine parlamentarische Resolution, die Gegnerschaft dem jüdischen Staat mit Antisemitismus gleich setzt.

Die mehr als 100 Mitglieder der deutsch-israelischen Parlamentsgruppe aus der Bandbreite der sechs größten Parteien (Grüne, Christdemokraten, Sozialdemokraten, Christlich-Soziale Union, Freie Demokraten und Linke) werden auch die Rede von Peres anhören. Diese Abgeordneten sollen zwar die Sicherheit Israels fördern, aber sie haben weder eine Vorlage initiiert, die den Gläubigerschutz für Firmen verbietet, die im Iran aktiv sind, noch Gesetze vorgelegt, die anstregen die florierenden deutsch-iranischen Handelsbeziehungen zu beschneiden. Der Vorsitzende der deutsch-israelischen Parlamentsgruppe, Jerzy Montag von den Grünen, hat Probleme damit zu begreifen, dass Antizionismus das Gleiche ist wie Antisemitismus.

Israels Entscheidung eine interministerielle Task Force zu bilden, die den globalen Antisemitismus bekämpft, wird wenig dazu beitragen den internationalen Antisemitismus einzudämmen. Beobachter in Europa vermerken, dass die Mainstream-Ansichten der Europäer den Antisemitismus als jüdisches Problem betrachten, das von den Juden behoben werden sollte, statt getrieben als Problem von Nichtjuden, die auch für die Heilmethode verantwortlich sind. Das hilft die beunruhigenden Statistiken aus dem Bericht der Universität Bielefeld und der Jewish Agency zu erklären, die die Schuld auf die Juden zurückwerfen.

Die Ergebnisse der Studie der Jewish Agency offenbaren eine wuchernde antiisraelische Atmosphäre in Europa und Südamerika, die wahrscheinlich neue Steigerungen der Aliyah-Raten in Gang setzen wird. Doch die europäischen politischen Entscheidungsträger, Akademiker und Politiker sollten nicht zum Ausdruck bringen, sie seien „geschockt, geschockt“, wenn sie entdecken, dass Juden einmal mehr aus Europa fliehen, um Zuflucht im jüdischen Staat zu finden.