Ein Blogger-Leitfaden zum Umgang mit antisemitisch kommentierenden Trollen

Meryl Yourish, 26. Februar 2010

Dieses Frühjahr vor acht Jahren, auf der Höhe der Selbstmord-Bombenanschläge des als Zweite Intifada bekannten Terrorkriegs Yassir Arafats, begann ich über Themen zu Jüdischem und Israel zu bloggen. Das brachte natürlich die antiisraelischen Irren auf den plan. Ich entwickelte einen Folgesatz zu Godwins Gesetz, um diese Trolle zu beschreiben: „In jedem Diskussionsforum zu Israel, Politik oder Religion ist es höchstwahrscheinlich, dass antisemitische Kommentare auf dich zukommen.“ (Fakt ist: Ich habe Kommentarstränge gesehen, die absolut nichts mit Israel, Politik oder Religion zu tun haben, und dennoch in Antisemitismus und Israel-Bashing übergehen, aber das ist ein Thema für einen anderen Eintrag.)

Und so präsentiere ich hier, auf Grundlage tausender Kommentare und E-Mails, die ich über die Jahre hinweg sowohl hier wie auch auf anderen Blogs und Medien-Sites gelesen habe, den Führer für Blogger zum Umgang mit antisemitisch kommentierenden Trollen. Unten sind einige Typen antiisraelischer Kommentatoren, die ich im Verlauf der Jahre identifiziert habe, aber die Liste ist natürlich keineswegs vollständig.

Der gewöhnliche Neonazi-Judenhasser: Bla-bla-bla Juden sterbt, bla-bla-bla Juden sind Sch…,, bla-bla-bla Juden kontrollieren die Welt, bla-bla-bla Banken, Geld, Weltmedien, Zionistisch besetzte Regierung (ZOG), bla-bla-bla-bla. Das sind Judenhasser der SS-Artigen, die nie in der Lage gewesen sind herauszufinden, warum ihr Leben derart beschissen ist, also beschuldigen sie die Juden. (Hier ein Tipp: Schaut in den Spiegel. Ihr seid selbst Schuld, ihr Bübchen. Es gibt keine große jüdische Verschwörung, die euch dumm und talentfrei gemach hat; ihr habt das alles selbst gemacht. Übrigens: Gott liebt euch auch nicht. Hat er mir beim letzten ZOG-Treffen höchstpersönlich gesagt.)

Der falsche Jude: Der ist gewöhnlich leicht auszumachen. Der falsche Jude ist oft ein Neonazi, der frisch vom Stürmer-Treffen kommt, wo er mit seinen Kumplen gerade diskutierte, was sie glauben, was die Juden wirklich denken. Er kommt auf meinen Blog und gibt vor Jude zu sein, um mir mit hinterlistigen falsch-jüdischen Kommentaren Fallen zu stellen. Er fügt dem gewöhnlich überhaupt nicht jüdisch klingenden Nachnamen „stein“ hinzu. Er wird „Mosche“ oder „Hesh“ oder „Abraham“ oder einen anderen Namen benutzen, von dem er glaubt er sei typisch jüdisch. (Aus irgendeinem Grund benutzen diese ekligen Typen niemals Murray, Harry oder Joshua. Moment mal: Der Grund ist, dass sie Deppen verfluchen und nicht wirklich irgendetwas über Juden wissen.)

Der falsche Jude liebt es so zu tun, als sei er ein blutrünstiges, bigottes A…loch, der hämiche Kommentare zum Tod von Palästinensern abgibt. Er nutzt häufig das Wort „Goi“ (weil er glaubt, dass alle Juden, wenn sie unter sich sind, das Wort „Goi“ häufig und immer abwertend benutzen). Im Verlauf der Jahre habe ich etwas erkannt: Was sie wirklich von mir wollen, ist, dass ich ihren Kommentar veröffentliche und dann sage: „Richtig so, jüdischer Genosse!“ Denn, wissen Sie, das ist das, was wir tun. Ein schneller Test dafür, ob Ihr falscher Juden Stürmer-Material ist: Wenn man das Wort „Jude“ statt „Goi“ in den Kommentar einsetzt, dann wird das wahre (und hässliche) Gesicht des falschen Juden auftauchen.

Manchmal nutzt der falsche Jude gefälschte Zitate echter Juden. Ein schneller Check auf Google wird Ihnen zeigen, dass das Zitat erfunden ist, völlig aus dem Zusammenhang gerissen oder von einer Neonazi-Webiste stammt und darauf nur von Neonazi-Websites verwiesen wird. Das ist für Sie der Anhaltspunkt, dass der Kommentierende wahrscheinlich regelmäßig am jährlichen Picknick der Stürmer-Leser in Hintertupfingen teilnimmt. (Wie ich höre, sind die 50 freien Plätze für das Treffen nächstes Jahr bald vergeben, also reserviert jetzt.) Der falsche Jude wird auch jiddische Wörter benutzen, falsch buchstabiert und falsch gebraucht. Wenn Ihr Kommentierender sich so anhört, als hätte er Jiddisch aufgegriffen, indem er Mike Myers Saturday Night Live sieht, dann ist er ein falscher Jude. Sperren Sie ihn.

Die letzte Züchtung des falschen Juden ist etwas schwieriger zu entdecken. Ich hatte einen, bei dem es eine Weile dauerte, bis ich ihn herausfand, aber bei dem Troll gab es etwas, das mir von Anfang an quer lag. Die falschen Juden, die sich richtig anstrengen, werden hebräische Worte benutzen und Thora-Zitate einstreuen. Hier ist das verräterische Zeichen, dass Christen fast immer die Prinzipien der Religion anwenden, in der sie groß wurden – das Christentum. Glauben Sie mir, dass das selbst für einen nur halbherzig praktizierenden Juden wirklich feststellbar ist. Dieser Typ des falschen Juden benutzt christliches Dogma, ohne das zu merken. Es ist außerdem echt schwierig so zu tun, als sei man ein praktizierender Jude. Das verräterische Zeichen schlechthin: wenn am Sabbath gepostet wird. Das passiert öfter, als Sie glauben, denn die meisten antisemitischen Kommentar-Trolls sind nicht wirklich helle.

Die Möchtegern-Mikey Riveros: Mikey Rivero betreibt die abscheuliche und antisemitische Internetseite „What Really Happened“. Der Mann ist förmlich besessen davon auf Juden und Israel einzuprügeln und er schreibt langatmige, langweilige Artikel (und stellt solche ein), die behaupten zu beweisen, wie bösartig, übel und unmenschlich die Juden und Israelis in Wahrheit sind. Der Möchtegern-Mikey Rivero wird langatmige, langweilige Artikel einstellen, die sie/er auf verschiedenen antisemitischen Internetseiten findet. Sie/er liebt es besonders Artikel von Norman Finkelstein und Noam Chomsky zu re-posten. Die Möchtegerne haben es nie geschafft durch meine Moderations-Politik zu schlüpfen; ihre Kommentare werden gelöscht, sobald ich die Kommentarseite vom Bildschirm scrollen sehe.

Der intolerante Atheist: Dieser Kommentar-Troll liebt es vorzugeben, sie/er hasse alle Religionen gleichermaßen, aber nach der Eröffnungssalve macht sie/er immer (nur) mit den bösen Juden weiter, die glauben, Israel solle ein Land nur für Juden sein. Das ist der Tick, der sie entlarvt: Sie scheinen nie zu merken, dass hier im Staat nur für Juden große Bevölkerungsteile israelischer Araber und Christen leben. Nein, die einzige Religion, die sie beunruhigt, scheint das Judentum zu sein. Ich frage mich, warum das so ist. (nicht wirklich – s. die Überschrift)

Der „Ich bin Antizionist, nicht Antisemit“-Troll: Dieser besteht immer wieder darauf, dass sie/er nichts gegen Juden hat; es ist lediglich Israel, das sie/er nicht ausstehen kann. Bei der Verteidigung dieser Haltung scheinen jedoch immer antijüdische Bemerkungen herauszurutschen. Das sind auch die Tolle, die großen Wert darauf legen, alle ihren Aussagen ein „natürlich wirst du mich einen Antisemiten nennen, weil ich Israel kritisiere“ voranzustellen. Diese Art von Trollen verbreitet sich in den Mainstream (vgl. Mearsheimer, Carter).

Die Verteidiger von David Duke/Pat Buchanan/Ron Paul: Es ist absolut erstaunlich, wie schnell die Verteidiger dieser drei Strohköpfe hinter dem Ofen hervor kommen. Von Null auf Hundert im Judenhass in Nullkommanichts. Die bloße Tatsache, dass ich hier ihre Namen poste, wird ihre Unterstützer scharenweise auftauchen lassen und sobald sie einen schnellen Blick auf diesen Eintrag werfen, werden sie mir ihre widerwärtigen Anmerkungen zur Moderation hinterlassen (und meiner Trolle-Akte für zukünftigen Gebrauch hinzufügen; ich lasse die Kommentare dieser Idioten nie zu).

Die „Nur Fakten, bitte“-Nervensägen: Dieser Troll glaubt, dass zivile Opfer gegen tote Soldaten aufzurechnen wichtiger ist als, sagen wir, die Zahl der von Qassam-Raketen getöteten und verwundeten Israelis. Das Wort „Völkermord“ wird in Sachen Palästinenser haufenweise eingeworfen, obwohl, sollte Israel einen solchen gegen sie verüben, das der schlechteste Völkermord aller Zeiten wäre, angesichts ein paar wenig tausend Toten seit 1948 gibt (selbst wenn der Unabhängigkeitskrieg eingerechnet wird) und dem Wachstum der palästinensischen Bevölkerung seit damals. Vergleiche mit tatsächlichen Völkermorden wie der Vernichtung von zwei Dritteln des europäischen Judentums, stoßen bei diesem Troll auf taube Ohren.

Der wirklich nervige Depp, der glaubt dieser Blog sei eine Demokratie-Troll: Sie sind  nicht wirklich antisemitisch, sie sind einfach nur verdammt nervtötend. Sie labern pausenlos davon, dass der Autor keine abweichenden Meinungen zulässt, meinen aber in Wirklichkeit, dass ich nicht das schreibe, was sie wollen, dass ich es schreibe. Und wen ich sie in meinen No Israel-Bashing-Zone-Eintrag leite, dann reduzieren sie sich auf zusammenhanglose Wut. Ich habe den Verdacht, dass sie alle Probleme mit der Selbstkontrolle haben. Ich habe den Verdacht, dass mich das nicht wirklich kümmert.

Das ist ungefähr alles, an das ich im Moment denke. Ich weiß, dass ein paar Troll-Arten fehlen, aber ich kann diesen Eintrag später wieder aufsuchen. Zum Schluss würde ich gerne alle antisemitischen Trolle, die diesen Eintrag lesen, auf das Yourish.com-Mantra leiten: Antisemiten der Welt, kratzt einfach ab. Vorzugsweise möglichst bald.

6 Gedanken zu “Ein Blogger-Leitfaden zum Umgang mit antisemitisch kommentierenden Trollen

  1. Hm…wohl weniger ein Leitfaden sondern eher eine detaillierte Unmutsäußerung 😉

    Pures Israel- oder Judenbashing ist in der Tat beschränkt hoch 3. Obwohl man sagen muss, dass sich Israel in seiner jüngeren Geschichte nicht eben mit Ruhm bekleckert hat. Jedoch sollte man tatsächlich erstmal vor der eigenen Tür kehren bevor man Kritik übt.

    Leider ist wohl die Diskussionskultur a la Argument -> Gegenargument aus der „Mode“ gekommen =(

  2. Frage: wo hat den Israel in seiner jüngeren Geschichte sich eben nicht mit Ruhm bekleckert? Und bitte nicht einfach über paste ’n copy die MSM einlesen. Die MSM habe ich auch gelesen.

    Wie wäre es mit vergleichbaren Situationen anderer Nation? Wie haben die sich verhalten? Was würden andere Nationen unter vergleichbaren Verhältnissen wohl tun?

    Ich bin auch dafür zu Argumentieren und Gegenzuargumentieren. Dazu braucht man aber einen Dialogpartner!

    • Nicht mit Ruhm bekleckert, z.B.:
      – Abzug aus dem Libanon
      – Abzug aus dem Gazastreifen (vor allem die Folgen für die Rausgeworfenen)
      – Libanon-Krieg 2006
      Dabei geht es allerdings m.E. hauptsächlich um das Wie, weniger dass das jeweils stattgefunden hat.
      (Ich weiß aber nicht, ob der Heiden-Revolutionär das meinte.)

  3. „Obwohl man sagen muss, dass sich Israel in seiner jüngeren Geschichte nicht eben mit Ruhm bekleckert hat.“

    Muß man das? Gibt es irgendein Gesetz in Deutschland, welches dies explizit anordnet? Wird eine Zuwiderhandlung mit Strafe geahndet?

    Oder ist dieser Zwang eher pathologisch bedingt? Leidet man unter Entzugserscheinungen, wenn man einen Tag lang Israel nicht kritisiert?

    Und welche „jüngere Geschichte“ meinen Sie? Weswegen glauben Sie, daß sich Israel nicht „mit Ruhm bekleckert“ hat? Hat es Ihrer Meinung nach nicht genügend Nobelpreisträger hervorgebracht? Hat es nicht in allen nur erdenklichen Bereichen Erfindungen geliefert, welche der ganzen Menschheit zugute kommen? Leistet es nicht mehr karitative Hilfen in der Welt als alle ihre Nachbarstaaten zusammen genommen?

    Israel ist eine moderne, pluralistische Gesellschaft. Sie ist sicherlich nicht perfekt, aber welche Gesellschaft kann dies schon von sich behaupten? Dennoch hat diese Gesellschaft etwas, was den gemeinen deutschen Israelkritiker ad absurdum führt. Israelis sind geborene Besserwisser. Diese Eigenschaft kann zuweilen ziemlich nervig sein, hat aber auch seine positiven Aspekte. Der israelische Itzig stochert gerne in der Wunde seines Nächsten. Trifft ein Israeli seinen ohnehin schon wohlgenährten Arbeitskollegen, dann fragt er ihn, ob er denn zugenommen habe. Bestreitet ein israelischer Ministerpräsident die Anschuldigung, er habe seine Sekretärin sexuell belästigt, findet sich der Israeli, der ihn mit der Hand im Schlüpfer derselben gesehen haben will. In Israel kennt jeder jeden über mehrere Ecken und die Leute sind extrem geschwätzig. Mit anderen Worten, was auch immer im Land schief läuft, es gibt immer einen Itzig, der es gesehen hat und darüber redet. Jeder Israeli ist ein Israelkritiker. Es braucht keine deutsche Hilfe, um die Mißstände im Land zu erkennen. Wer in Deutschland also glaubt, er oder sie müsse an Israel Kritik üben, dem sei gesagt, daß dies wirklich nicht erforderlich ist. Dazu ist Deutschland selbst unvollkommen genug und man könne seine Energien dort besser nutzen!

    • Sie haben meine Frage nicht beantwortet! Wenn Sie schon hier behaupten, Israel habe sich „in seiner jüngeren Geschichte nicht mit Ruhm bekleckert“, dann begründen Sie Ihre Aussage.

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