Erziehungswissenschaftler mit falschen Fakten – Kommentar zu einem Kommentar von Micha Brumlik in der taz

Thomas Schreiber (hierzu), übernommen von honestly-concerned:

Dem Professor, Historiker und vorzüglichen Kenner Israels, Micha Brumlik, sei zugestanden, die derzeitige Regierung Israels mit der offiziell von Deutschland, der EU und den USA zur „Terrororganisation“ deklarierten Hamas zu vergleichen. Freie Meinungsäußerung endet jedoch da, wo der Kommentator mit nachweisbar falschen Fakten hantiert.

Wenn tatsächlich die israelische Regierung die „die ausschließliche Kontrolle über das ganze Territorium sowohl des Westjordanlands als auch Israels“ will und dieses mit der Siedlungspolitik beweist, sollte Brumlik erst einmal verraten, wieso er diese Absicht allein auf die derzeitige Regierung beschränkt und den Vorwurf nicht auf sämtliche israelische Regierungen seit 1967 ausweitet. Die ersten Siedlungen wurden gegründet, als Israel noch ganz „linke“ Regierungen hatte.

Brumlik irrt faktisch auch, wenn der den oben zitierten Satz auf die Hamas wie auf Israel münzt. Die Hamas will zusätzlich zu „Israel und Westjordanland“ auch den von Israel bekanntlich geräumten Gazastreifen und die von Israel abgetretenen und ebenso geräumten palästinensischen Städte im Westjordanland.

Und wenn die „derzeitige Regierung“ tatsächlich das ganze Territorium des Westjordanlands kontrollieren will, wieso hat diese Regierung dann nicht die Autonomie und Selbstverwaltung der Palästinenser aufgelöst. Mit der unter Rabin 1993 geschaffenen Selbstverwaltung, auch Autonomie genannt, hat Israel die Kontrolle der arabischen Städte an die Palästinenser mitsamt einer palästinensischen Polizei (Militär) übergeben, während gleichzeitig, auch unter ach so linken Ministerpräsidenten wie Rabin, Peres und Barak munter in den Siedlungen weiter gebaut wurde. Brumlik scheint auch nicht zu wissen, dass es ausgerechnet der rechtsgerichtete „derzeitige“ Ministerpräsident Netanjahu während seiner früheren Amtszeit war, der große Teile der umstrittenen Stadt Hebron unter palästinensische Kontrolle stellte.

Brumlik scheint nicht einmal zu wissen, dass die „palästinensischen Autonomiegebiete“ erstens nicht mit dem Westjordanland identisch sind, sondern laut den international anerkannten Osloer Verträgen und so dem Völkerrecht entsprechend, genau abgegrenzt sind und im wesentlichen allein die großen Städte umfassen und nicht das Land drumherum oder gar die im Westjordanland verstreuten israelischen Siedlungen beinhalten. Deshalb ist es faktisch falsch, dass die Israelis zwei Gräber im „palästinensischen Autonomiegebiet“ dem „nationalen Kulturerbe“ zugeschlagen haben. Beide Orte liegen in israelisch besetztem Gebiet außerhalb der „Autonomiegebiete“.

Brumlik versteht offenbar weder Englisch noch Hebräisch, denn sonst wüsste er, dass die Liste des „nationalen Kulturerbes“ ein bürokratisches Mittel der israelischen Regierung ist, Gelder für die Renovierung dieser Orte zu bestimmen. Deshalb sind keine Stätten erwähnt, die außerhalb israelischer Kontrolle, etwa in den Autonomiegebieten, liegen, wie zum Beispiel Ruinen von Synagogen mit wunderbaren aber leider völlig  verkommenen Mosaiken aus der byzantinischen Zeit. Und wenn Brumlik sich ganz schnell auf das „Völkerrecht“ beruft, möge er doch bitte mal den Paragraphen des Völkerrechts zitieren, das Besatzungsmächte verpflichtet, Orte des menschlichen Kulturerbes verfallen und verrotten zu lassen und nur ja keine Gelder ausgeben, um sie zu schützen und renovieren. Es wäre interessant zu erfahren, wo und wie das Völkerrecht mit folgenlosen Deklarationen wie „Nationalerbe“ umgeht. Ist es etwa ein Bruch des Völkerrechts, wenn Briten, die deutsche Kriegsgräberfürsorge oder Österreichs „Schwarzes Kreuz“ liebevoll und mit großem finanziellen Aufwand Kriegerfriedhöfe in Deutschland, Frankreich, vor den

Toren Moskaus und sogar in Israel instand hält, pflegt und renoviert. Und schlimmer noch: bricht die Bundesrepublik Deutschland etwa das Völkerrecht, wenn Bundeswehrsoldaten in Uniform im Beisein des Botschafters mit gehisster deutscher Flagge am Volkstrauertag mal in Nazareth und mal auf dem Zionsberg mitten in Jerusalem (ohne israelische Vertreter einzuladen) der gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs gedenken?

Nirgendwo hat die israelische Regierung behauptet, dass die geplanten 4 Millionen Euro für die Renovierung des Rachelgrabs und des Grabmals der biblischen Erzväter, das König Herodes ausgebaut hat, eine Annexion, Beschlagnahme oder ähnliches bedeuten. Der größte Teil des Grabmals der Erzväter in Hebron ist eine Moschee und wird auch weiterhin eine muslimische Gebetsstätte bleiben, verwaltet vom Wakf, der muslimischen Behörde.

Brumlik wie auch andere Kritiker des israelischen Regierungsbeschlusses haben übersehen, dass Israel „völkerrechtswidrig“ auch noch andere Stätten im besetzten Gebiet renovieren will, darunter die Ruinen von Qumran und den Archäologiepark südlich der Klagemauer im „traditionell arabischen Ost-Jerusalem“, wie es die Agenturen oft bezeichnen.

Brumlik ließ sich offenbar von der sehr geschickten palästinensischen Propaganda verblenden, die sich auf Stätten mit großem emotionalen Wert nicht nur für orthodoxe Juden, sondern auch für nicht-fromme Juden stürzen, und so dem Konflikt einen vermeintlichen religiösen Anstrich geben. Nebenbei sei angemerkt, dass das Abrahamsgrab auch Christen heilig zu sein scheint, wenn es in der Kreuzfahrerzeit gänzlich den Moslems entrissen worden ist und in eine Kirche umgewandelt wurde. Nicht für Ungut hat Abbas Israel schon mit einem „Religionskrieg“ gedroht, falls es das 3000 Jahre alte Grabmal des Abraham, das ausführlich auch schon in der (jüdischen) Bibel erwähnt ist, nicht aus der Liste des nationalen Kulturerbes streicht. Der Historiker  Brumlik scheint nicht zu wissen, dass es das Abrahamsgrab schon Jahrhunderte vor der Geburt des Propheten Mohammad gab und irgend welchen Menschen heilig gewesen sein muss, die mit Garantie keine Moslems waren. Es wäre interessant, von dem angesehenen Historiker zu erfahren, wer diese Menschen waren, welcher Kultur oder Religion sie angehört haben. Juden können es ja nicht gewesen sein, wenn Brumlik im Einklang mit den Moslems fordert, das Abrahamsgrab aus der Liste des „Nationalerbes“ des jüdischen Staates zu streichen.

Kritik an dem Regierungsbeschluss ist gleichwohl berechtigt. So ist es tatsächlich eine politische Provokation und sogar eine Dummheit von Netanjahu, in letzter Minute Hebron und das Grab vor den Toren von Bethlehem in die Liste einzufügen, weil rechte Parteien und die „Siedlerlobby“ den „rechten“ Ministerpräsidenten unter Druck gesetzt haben. Genauso überflüssig war es vielleicht, dass die gleichen rechten Organisationen auch den „linken“ Verteidigungsminister Ehud Barak (Vorsitzender der sozialistischen Arbeitspartei) wegen Ariel unter Druck setzten.

Gleichwohl sind es die Palästinenser, die sich seit einem Jahr einer Fortsetzung von Friedensgesprächen verweigern, und diesen unklugen israelischen Regierungsbeschluss mit Schützenhilfe der Amerikaner und Europäer als weiteren Vorwand benutzen, um mit Israel nicht über die Errichtung eines palästinensischen Staates verhandeln zu müssen. Man könnte meinen, dass in erster Linie nur Israel an dem palästinensischen Staat interessiert ist, keinesfalls aber die Palästinenser.

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