Der Orwell’sche Friedensprozess

Rick Richman, Commentary Magazine contentions, 24. März 2010

Wir haben George Orwell für die Feststellung zu danken, dass die Korruption des öffentlichen Lebens mit der Korruption der Sprache beginnt. Und nirgendwo ist das deutlicher gewesen als in dem „Friedensprozess“ – dessen Bezeichnung an sich sich schon als orwellianisch erwiesen hat.

Der „Friedensprozess“ hat bisher für drei Kriege gesorgt. Der erste fand ab dem im Jahr 2000 statt, nachdem Israel den Palästinensern einen Staat im gesamten Gazastreifen und praktisch der gesamten Westbank angeboten hatte. Yassir Arafat lehnte das Angebot ab, bekam bei seiner Rückkehr nach Hause einen Heldenempfang und begann einen barbarischen Terrorkrieg, der den originellen Namen „Intifada“ bekam und in israelischen Restaurants, Diskotheken, Hotels, Schulen und Bussen geführt wurde. Im Jahr 2005 entfernte Israel jeden einzelnen Soldaten und Siedler aus dem Gazastreifen, um den Palästinensern die Möglichkeit zu geben ihre Bereitschaft zu einem „Leben Seite an Seite in Frieden und Sicherheit“ zu demonstrieren; das Ergebnis war ein Raketenkrieg gegen Israel von neuen vorderen Positionen. 2008 bot Israel einen Staat auf 100 Prozent der Westbank und des Gazastreifens an (nach einem Landtausch), mit einem geteilten Jerusalem; der „Friedenspartner“ lehnte das Angebot ab. Einen Monat später musste ein neuer Krieg im Gazastreifen geführt werden, um den Raketenbeschuss zu beenden.

2003 stimmten die Palästinenser der in drei Phasen eingeteilte „auf Ergebnissen basierenden Roadmap“ zu und verfehlten es dann, Phase Eins durchzuführen – die Auflösung der Terrorgruppen und –infrastruktur – geschweige denn Phase Zwei zu beginnen. Das Ergebnis: Auf ihre „Erfüllungsverpflichtung“ wurde verzichtet und die USA bestanden auf den sofortigen Endstatus-Verhandlungen der Phase Drei.

„Friedensprozess“, „Friedenspartner“, „Intifada“, „Seite an Seite in Frieden und Sicherheit“, „Forcierung“ – all dies sind gute orwellianische Begriffe, dazu geschaffen die Tatsache zu kaschieren, dass die Palästinenser wiederholt einen Staat abgelehnt haben, um das orwellianische „Rückkehrrecht“ zu verfolgen – ein behauptetes „Recht“, das den Millionen anderer Flüchtlinge des 20. Jahrhunderts (einschließlich der 820.000 aus arabischen Ländern vertriebenen Juden) nicht gewährt wurde, geschweige denn denen, deren Flüchtlingsstatus Ergebnis ihrer Entscheidung war 1948 eine Zweistaatenlösung abzulehnen und statt dessen einen Krieg anzufangen.

Selbst der Begriff „Flüchtling“ ist orwellianisch, denn er wird nicht nur auf die 700.000 Menschen angewendet, die das Gebiet 1948 verließen (von denen ein großer Teil den eindringenden arabischen Armeen aus dem Weg gingen), sondern auch drei Generationen von Nachkommen, die niemals in Israel lebten. Das ist eine Definition, die in keinem Fall irgendwelcher anderer Flüchtlinge angewandt wird. Der Rest der Flüchtlinge dieser Welt nimmt jedes Jahr ab, da sie in anderen Ländern wieder angesiedelt werden; nur im Fall der Palästinenser nimmt die Zahl der „Flüchtlinge“ jedes Jahr zu – per Definition.

Die Obama-Administration ist noch nicht lange im Amt, hat aber bereits ihre eigenen orwellianischen Beiträge geliefert. Sechs Wochen nach seiner Amtsübernahme traf sich Benjamin Netanyahu mit Barack Obama und bot sofortige Verhandlungen ohne Vorbedingungen mit den Palästinensern an; Mahmud Abbas  lehnte das Angebot ab. Die Administration versucht jetzt Abbas dazu zu bewegen „Stellvertretergespräche“ zu führen – die orwellianische Beschreibung eines Nicht-miteinander-sprechen-Prozesses, bei dem die Palästinenser sich George Mitchells bedienen, um ihre Forderungen nach Zugeständnissen seitens des nebenan liegenden Staates Israel für Verhandlungen weiterzugeben.

Benjamin Netanyahu hat gesagt, womit er den nationalen Konsens spiegelt, dass zu einer Zweistaaten-Lösung gehören muss, dass einer der beiden Staaten als jüdisch anerkannt wird (was bedeutet: kein „Rückkehrrecht“) und dass der andere demilitarisiert ist (um ein „Friedensabkommen“ zu vermeiden, das die beiden Parteien nur für einen nächsten Krieg neu positioniert). Das sind Mindestanforderungen für einen wahren Friedensprozess statt einen orwellianischen, aber sie sind von den „Friedenspartner“-Palästinensern zurückgewiesen worden.

8 Gedanken zu “Der Orwell’sche Friedensprozess

  1. Es ist schon ein bisschen frech, ausgerechnet George Orwell, der im spanischen Bürgerkrieg an der Seite der Anarchisten gegen den Franco-Faschismus kämpfte, als Kronzeugen für die verbrecherische Politik Netanjahus anzuführen. Orwell würde heute an der Seite der Palästinenser stehen oder auch mit ihnen gegen ihre Okkupanten und Mörder kämpfen. Mit der „Korruption des öffentlichen Lebens, die mit der Korruption der Sprache beginnt“, hat er übrigens recht, aber ganz anders als der dumme Zeitschriftenartikel aus einem unbekannten Blättchen hier suggerieren will. Oder was hat es mit Jerusalem als „unteilbarer Hauptstadt Israels“ und den vielen zionistischen Lügenmärchen auf sich, mit denen Israel nun seit Jahrzehnten der Weltöffentlichkeit Sand in die Agen zu streuen versucht?

    • Man darf also etwas, das stimmt, nicht anführen, weil eventuell oder vermutlich derjenige, der darauf aufmerksam machte, heute auf der falschen Seite stehen würde?
      Ansonsten stehst du offensichtlich auf der falschen Seite. Die Lügner sind auf der arabischen Seite zu finden.
      Und wenn einer hier meint, das Commentary Magazine als „unekanntes Blättchen“ abwerten zu müssen, beweist er lediglich sein eigenes Unwissen.
      Weiter so! Du entlarvst dich als unwissender Schwätzer.

    • „Verbrecherische Politik Netanjahus“ oder „den vielen zionistischen Lügenmärchen [..], mit denen Israel nun seit Jahrzehnten der Weltöffentlichkeit Sand in die Agen zu streuen versucht“ sind natürlich alles andere als substanzlose Satzbausteine aus dem Arsenal des „Israelkritikers“, der, ich bitte darum, bestimmt aufzählen kann was verbrecherisch an der „verbrecherischen Politik Netanjahus“ ist, der nun seit einem Jahr demokratisch legitimiert im Amt ist.

      Und mit welchen „zionistischen Lügenmärchen“ – Was unterscheidet Lügenmärchen eigentlich von Märchen? – peinigt wer die arme „Weltöffentlichkeit“ seit vielleicht sechs(?) Jahrzehnten? Da muß, finde ich, schon etwas Substanz her, um die bloße Worthülse zu unterfüttern. Aber ich fürchte, das wird den „Israelkritiker“, der die Washington Post vermutlich auch ein Lokalblättchen nennen würde, weil sie im deutschen Supermarkt nicht ausliegt, überfordern.

      • Na, wir haben ja doch noch Glück gehabt: Orwell als Kronzeugen zu benennen, ist nur „ein bisschen frech“.
        Man könnte natürlich auch mal fragen, was denn an der Seite der „Anarchisten“ so toll war, wenn man sich überlegt, wie die Bolschewisten da mitmischten. (Und für ganz carlitomäßige: Das heißt nicht, dass ich die Seite Francos unterstützt hätte!)
        Außerdem dürfen wir nicht mit „demokratischer Legitimation“ kommen, schließlich sind wir gegen die demokratisch gewählte Hamas. Und wenn wir die Hamas als legitimen Vertreter der Hamas ablehnen, dann kann es nicht sein, dass Netanyahu anders behandelt wird.
        Huch, wir lehnen ja nicht die demokratische Entscheidung der PalAraber ab – nur die Hamas als Verhandlungspartner, weil die sich die Vernichtung Israels auf die Fahnen geschrieben hat. Ach, hat ja Israel umgekehrt auch und nicht nur einen Teil der PalAraber, sondern gleich alle, nicht wahr? Nur, dass dafür jeder Beweis fehlt, die Hamas ihre Ziele aber offen verkündet.
        Och, was so ein Carlito alles an Blindfisch-Qualitäten offenbart…

  2. Ist mit dem 2008 Angebot eigentlich Annapolis gemeint (das allerdings 2007war)?
    Auch nach längerem Suchen habe ich nichts richtiges (=zum Text passendes) dazu gefunden. Darf ich um Hilfe bitten?

    • Das „Angebot von 2008“ ist das, was Olmert Abbas noch kurz vor der Wahl 2009 angeboten hatte. Er und Livni hatten geheime Verhandlungen mit der PA geführt, bei denen sie praktisch alles anboten, was (vom Westen) verlangt wurde, mit Ausnahme des „Rückkehrrechts“. Mahmud Abbas lehnte ab.

      • Danke

        Ja, das Rückkehrrecht…

        wenn ich bedenke, dß ich diese Leute mit meienn Steuern in Lagern festhalte…

        Wobei Israel mit Abbas gar keinen verläßlichen Verhandlungspartner hat, solange dessen Konkurrenz in Gaza die Macht hat. Bei all dem Ärger (Achtung: Israelkritik!) den Israel sich mit dem Gaza Feldzug eingehandelt hat, hätten sie die ganze Chose auch wiedererobern können und so eine Flurbereinigung hinkriegen können (im Sinne: nur noch ein Verhandlungspartner).

        In Wikipedia Olrert 2.3 Ministerpräsident werden diese Verhandlungen nur kurz besprochen und auch sonst findet sich nicht so viel – waren ja auch geheim.
        Gibt es irgendwo eine etwas ausführlichere Darstellung dieser Verhandlungen?

        • Musst du mal googeln, ich habe derzeit nur etwas vom August 2008: Ha’aretz stellt einen Plan Olmerts vor, IMRA ist dem gegenüber sehr kritisch eingestellt.
          Mitte Oktober beschwerte sich Saeb Erekat dann, dass Livni noch nicht über Jerusalem verhandelt habe.
          Mitte Dezember beschwerte sich Erekat, dass Israel vier Siedlungsblocks behalten und einen Landtausch dafür vornehmen wollte. Das war für ihn nicht akzeptabel. Olmerts Büro antwortete, verwiesen auf Olmert-Reden, in denen dieser Rückzüge angeboten hatte, darunter auch aus Teilen von Jerusalem. Erekat „kritisierte“, dass Israel bis dahin nicht einen einzigen „Flüchtling“ zurückgenommen habe. Außerdem drückte er seine Hoffnung aus, dass der kommende Präsident Obama die Friedensverhandlungen zu einem seiner Themen höchster Priorität machen würde.
          Zwei Tage später machte Mahmud Abbas klar, dass seine Vorstellung von einer Regelung alles einschließt, was Israel 1967 eroberte – womit dann auch rein jüdische Viertel in „Ost“-Jerusalem eingschlossen sind (also hatte Jerusalem schon auf dem Tisch gelegen!), außerdem auch die Siedlungsblocks, für die Israel Land tauschen wollte. Auf die „Rückkehr“ der Flüchtlinge versprach er ebenfalls zu bestehen.
          Man sieht an diesem Vorgehen, wie das mögliche Nachgeben Israels prompt dazu führt, dass die Haltung der PalAraber sich umgehend weiter verhärtet. Der israelische Schlag gegen die Hamas wurde dann als willkommener Vorwand genutzt, um endgültig abzubrechen. Ab da haben sie darauf gewartet, dass Obama die Israelis klein kriegt. Und der hat ihnen jede Menge Munition geliefert, weitere Verhandlungen abzulehnen.

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