Zur Wahrnehmung und Darstellung von Krieg und Geschichte

„Flags of our Fathers“, ein Film von Clint Eastwood wird in meiner Fernsehzeitung so angekündigt:

Februar 1945: Nach einer erbarmungslosen Schlacht gegen die Japaner hissen US-Soldaten ein Flagge auf der Insel Iwo Jima. Das Foto, das dabei entsteht, macht sie zu Helden. Gefeiert touren drei von ihnen durch die USA…

Eine „erbarmungslose Schlacht gegen die Japaner“? Was soll uns das sagen? Dass die Amerikaner erbarmungslos waren, die Japaner nicht?

Welches Geschichtsverständnis steckt hinter einer solchen Aussage?

Jeder, der sich auch nur ein wenig mit dem Zweiten Weltkrieg im Pazifik beschäftigt hat, weiß, dass gerade die Japaner enorm erbarmungslos waren; dass das japanische Militär extrem erbarmungslos Krieg führte, Menschenleben nichts zählten und – besonders wichtig auch für diesen Fall – Soldaten sich nicht ergaben, sondern bis zum letzten Atemzug den Feind angriffen. Auch und gerade auf Iwo Jima, das eine der drei schlimmsten Schlachten der Amerikaner im Pazifik war.

Wer also von einer „erbarmungslosen Schlacht gegen die Japaner“ schreibt (oder spricht), der lässt dabei die Japaner und ihr Handeln völlig außer Acht. (Kleine Anmerkung: Der jeweilige Umgang mit Kriegsgefangenen z.B. spricht Bände – gegen die Japaner.)

Fragt sich, wie solche Darstellungen motiviert sind. Und da muss man feststellen, dass US-amerikanisches – sowie israelisches – Handeln grundsätzlich anders wahrgenommen und dargestellt wird als das anderer Staaten. Die Amerikaner und Israelis haben gefälligst ihre Soldaten zu opfern, um ihre Feinde zu schonen. Was diese Feinde machen, spielt keine Rolle.

Das fängt heutzutage schon mit dem Atombomben-Abwurf an. Er wird den Amerikanern heute als Verbrechen vorgeworfen. Das gängigste Argument dazu ist, dass die Japaner schon verloren hatten, das Kriegsende absehbar gewesen sei. Das mag aus heutiger Sicht so stimmen, damals war es überhaupt noch nicht klar. Aber selbst wenn: Was hätte dieser Krieg gekostet, wären die Bomben nicht gewesen? Selbst nach Hiroshima und Nagasaki war für die Kapitulation ein Machtwort des Tenno nötig – das erste Mal, dass der Mann sich durchgesetzt irgenwo hatte. Japanische Truppen kapitulierten nie, sondern griffen in aussichtsloser Lage in selbstmörderischer Absicht an, um nicht in Gefangenschaft zu geraten. Es muss also davon ausgegangen werden, dass das Kaiserreich nicht aufgegeben hätte, bevor es von den Alliierten – sprich: den Amerikanern – vollständig erobert worden wäre. Die Militärführung hatte berechnet, dass eine Invasion der japanischen Inseln mindestens eine Million tote US-Soldaten kosten würde; und bis dahin mussten sie erst noch kommen! Es standen noch eine ganze Reihe anderer Stellen an, die „auf dem Weg“ hätten freigekämpft werden müssen – von nicht auf dem Weg liegenden besetzten Gebieten ganz zu schweigen. Wie viele Japaner bei einer Invasion umgekommen wären, steht in den Sternen. Der Massen-Selbstmord japanischer Zivilisten auf Saipan am Ende der dortigen Kämpfe lässt Schlimmstes vermuten.

Wie sieht es also aus mit dem bevorstehenden Ende? Düster sieht es aus. Die Amerikaner hatten eine schlimme Wahl getroffen, die aber dafür sorgte, dass es insgesamt weit weniger Tote gab – auf beiden Seiten.

Erstaunlich ist dabei allerdings, dass den Japanern dieser Vorwurf so (meines Wissens) nicht gemacht wird. Was für Nazideutschland gilt – sinnlos weiter einen Krieg geführt, der verloren war – wird auf Japan so nicht angewandt. Hier sind die USA diejenigen, denen Vorwürfe gemacht werden – und das, weil sie einen Weg wählten, der den Krieg rasch beendete. Die USA hätten also den Krieg gegen Japan in die Länge ziehen sollen, damit eine – zugegeben furchtbare – Waffe nicht eingesetzt wird, die fast schlagartig die Kämpfe beendete? Sie hätten für Millionen weitere Tote sorgen sollen? Welche Logik soll das sein?

Wer war also derjenige, der erbarmungslos Krieg führte? Die Amerikaner, wie die Ankündigung des Films suggeriert?

Es passt allerdings ins Bild: Auch in Vietnam wird nur von amerikanischen Gräueln geredet; was der Vietcong schon seit Anfang der 1950-er Jahre trieb, fällt unter den Tisch. Ähnliches erleben wir heute in Sachen Irak und Afghanistan. Was die vom Iran unterstützten Terroristen im Irak treiben, was die Taliban in Afghanistan tun, wird mehr oder weniger mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen. Geht man gegen diese vor und es wird – so unabsichtlich oder unvermeidbar das gewesen sein mag – auch nur einem Zivilisten ein Haar gekrümmt, wird gegen die Amerikaner (und sonstigen Alliierten) gewütet. Zweierlei Maß ist eine schon fast harmlose Beschreibung des Umgangs damit. Erst gestern behauptete wieder ein Journalist, der Angriff auf die entführten Tanklaster habe die afghanische Bevölkerung das Vertrauen in die Bundeswehr bzw. Deutschland verlieren lassen – während aus dem Umfeld des „Tatortes“ genau das Gegenteil zu vernehmen war. (Schade, dass die alte „Soldatenglück“-Seite abgeschaltet ist, sonst könnte man auf die entsprechenden Aussagen verlinken; die neue hat nur zwei weniger ergiebige Einträge dazu.)

Auch im Nahen Osten finden wir dieses „Phänomen“:  Den Israelis wird „unverhältnismäßiges“ Vorgehen vorgeworfen – ohne zu berücksichtigen, dass die gezielte Tötung eines Massenmörders (oder auch „geistlichen Führers“, sprich Mordbefehlshabers) weit weniger Verluste – auch und gerade bei der Zivilbevölkerung – verursacht, als wenn das Militär eine Festnahme auf Feindgebiet versucht. Von Israelis erwartet man, dass sie sich abschießen lassen – ohne zu berücksichtigen, dass viele IDF-Aktionen abgebrochen wurden, um zivile Verluste zu vermeiden; ohne zu berücksichtigen, dass jede abgebrochene Aktion gegen Terroristen Verluste bei den Israelis nach sich zieht. Die sind offenbar in Ordnung, denn entsprechende Vorwürfe an die Palästinenser sind selbst mit der Lupe nicht zu finden.

Was bleibt? Wieder einmal die Feststellung, dass eben nicht alle gleich sind, weil zumindest zwei immer mit anderen Maßstäben gemessen werden – ganz gezielt und absolut unfair. Und das gerne auch im Nachhinein, oft mit Wissen, das die Protagonisten nicht haben konnten und unter Ausblendung von Fakten. Wir haben uns geistig wirklich unheimlich weiter entwickelt!

4 Gedanken zu “Zur Wahrnehmung und Darstellung von Krieg und Geschichte

  1. Es bedarf im Westen eine neue Generation von Historikern, welche nicht komplett blind auf dem linken Auge ist. Möchtest Du den Anfang machen?

  2. Sehr scharfe Beobachtung!
    Es sind genau solche Schlagzeilen und Zweizeiler, die die Meinung prägen und nicht die ellenlangen Abhandlungen und Kommentare.

  3. „mokusatsu“ – ein sehr interessanter Bericht über die Doppeldeutigkeit dieses Begriffes in der Übersetzung der japanischen Antwort an die Alliierten auf das Ultimatum zur bedingungslosen Kapitulation (Potsdamer Erklärung).
    Ein Beispiel das wohl auch gerade in Bezug auf die journalistischen Tätigkeiten im Rahmen der Nahost Krise den Kreis wiederholt schließt.
    Manchmal, scheint es, hat sich nicht allzu viel verändert.

    Klicke, um auf mokusatsu.pdf zuzugreifen

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