„Journalisten aus dem Westen arbeiten immer mit mir zusammen“

Tuvia Tenenbom, Hudson New York, 29. März 2010

Haben Sie schon einmal von Mahmud Darwish gehört? Seine Bücher werden hier im „Yafa: Book Store & Coffee Shop“ verkauft, wo man süßen und bitteren Kaffe zum Vierfachen des Preises anderer Cafés in der Gegend nippen kann, aber man bekommt die Chance seinen Geist mit den hochfliegendsten Dingen zu unterhalten.

Nicht von ihm gehört? Macht nichts. Mahmud Darwish, der im August 2008 starb, ist der am meisten gefeierte palästinensische Schriftsteller unserer Zeit. Viele der hier verkauften Bücher sind in Arabisch geschrieben und neun von zehn israelischen Intellektuellen, die vorbeikommen, können – nur so am Rande gesagt – kein Arabisch lesen.

Entspannen Sie. Schlürfen Sie noch etwas länger heißen Kaffee, trinken Sie zwischendurch etwas Kaltes. Ihnen wird hier mit Sicherheit nicht langweilig. Es gibt auch ein paar Bücher auf Hebräisch, für diejenigen Juden, die darauf bestehen zu lesen; kaufen muss man nicht.

Die Drinks sind in diesem Geschäft teurer als Papier und der Besitzer wird dankbar Ihnen dankbar sein, egal, wie Sie Ihre Zeit verbringen. Einige Leute, diejenigen, die nicht gerne lesen und trinken, kommen her um zu hören. Dieser Ort ist Frieden, gegen Krieg; jedermann in Sichtweite ist friedlich und verträglich.

Die meisten, die eintreten – das wird Sie nicht überraschen – sind linke Israelis, für die das Coffee Shop ein Mekka ist. Einige Juden kommen her, um eine Rede zu halten und ihre Waren zu verkaufen. Wie Prof. Shlomo Sand. Haben Sie von dem gehört? Wenn nicht, dann sollten Sie das ändern. Michel, der Besitzer des Coffee Shop gehört z.B. zu den Bewunderern. „Normalerweise“, sagt Michel mir, während er mir seinen teuren Kaffee einschenkt, „gebe ich Leuten eine Stunde für ihre Rede. Aber Prof. Sand gab ich drei Stunden.“ Michel ist Araber, Prof. Sand ist ein Jude und die Liebe zwischen ihnen überquert die Grenzen nationaler Identitäten. „Er hat einen außergewöhnlich guten Geist“, sagt Michel mir. „Haben Sie sein neuestes Buch gelesen?“

Prof. Sand, der Autor von „Die Erfindung des jüdischen Volkes“, ist Professor für moderne Geschichte an der Universität Tel Aviv. Anscheinend erlebte der hochverehrte Professor irgendwann einen unkontrollierbaren intellektuellen Drang auch in der antiken Welt herumzutapsen. Was er gefunden zu haben behauptet – und was Michel so sehr schätzt – ist, dass die Juden von heute nicht die Nachkommen der Juden von vor zweitausend Jahren sind. Die Wesen, die sich im heutigen Israel „Juden“ nennen, stammen nach Prof. Sand aus dem Königreich der Chazaren im Kaukasus. Die Chasaren wurden, so sagt er, von ihren Herrschern dazu angestiftet zum Judentum zu konvertieren, aber sie haben keine Beziehung zu den antiken Juden. Die offensichtliche politische Schlussfolgerung schmeckt Michel wie Honig: Die Juden Israels haben keinen rechtlichen oder ethischen Anspruch auf das Land.

Erledigt. Die israelischen Juden sind falsche Juden. Aber was ist mit Michel? Wo liegen seine Wurzeln? Um anzufangen, das herauszubekommen, frage ich ihn, ob er Christ oder Muslim ist. „Ich lehne es ab“, sagt er, „das zu beantworten.“ Warum? „Wenn Sie diese Frage stellen, müssen Sie Jude sein.“ Ich? Seit wann das? „Nur Juden stellen diese Frage, weil sie die Palästinenser auseinander bringen wollen.“ Ich versuche ihn zu beruhigen. „Ich bin deutscher Journalist“, erkläre ich ihm. „Ich entschuldige mich, aber manchmal müssen Journalisten dumme Fragen stellen.“ Michel akzeptiert meine Erklärung. „Ich glaube an Jesus Christus und ich bin Katholik“, sagt er stolz.

Hier, wie auf der anderen Seite der Grenzen in Jordanien, woher ich vor nicht allzu langer Zeit kam, lieben Sie Deutschland. Und auch einige deutsche Bücher. Eines davon, ins Arabische übersetzt, steht stolz im Bereich der ausgestellten Bücher über unserem Tisch: „Mein Kampf“.

„Das ist ein altes Buch“, erinnere ich Michel. „Warum verkaufen Sie es?“ Neue, frisch kochende Flüssigkeit wird für uns beide von Hana eingegossen, Michels Bruder. „Araber“, sagt Michel und nippt an seinem heißen Kaffee, „wollen wissen, was den Juden in dem geschah, was sie ‚Holocaust‘ nennen. Und wir wollen, dass die Araber das wissen, damit sie die Juden verstehen.“ In der Tat, ein ausgezeichneter Versuch von Multikulturalismus. Verkauft er auch Bücher jüdischer Autoren über den so genannten Holocaust? „Ja, natürlich tun wird das. Viele.“ Kann ich ein paar davon sehen? „Sie wollen sie sehen?“ Ja. „Jetzt?“ Ja. „Sie möchten, dass ich..?“ Ja, möchte ich. Kein Problem, wir erden Ihnen gerne welche zeigen. Michel steht auf und geht, um nach diesen Büchern zu suchen. Bücher jüdischer Autoren über einen so genannten Holocaust werden nicht im Bereich der ausgestellten Bücher eingestellt. Michel braucht etwa fünfzehn Minuten, um sie zu finden, alldieweil er sich mit Hana darüber berät, welche Bücher er mir zeigen soll. Schließlich kommt er mit vier Büchern „über den Holocaust“ zurück und legt sie mit triumphierender Geste vor mir ab. Natürlich sind alle in Arabisch.

Ich öffne das erste Buch. Darin geht es um die palästinensische Wirtschaft unter der Besatzung. „Was hat dieses Buch mit dem zu tun, was die Juden Holocaust nennen?“, frage ich ihn. Uhps – er ist völlig überrascht. „Sie lesen Arabisch? Aus Deutschland?!“ Die restlichen Bücher, die „Holocaust-Bücher“, sind ebenfalls politische Bücher über Palästinenser. Haben nichts mit Juden zu tun, keines von Juden geschrieben und keines davon über irgendeinen Holocaust. „Ist das alles, was Sie haben?“, frage ich ihn.

„Sind Sie sicher, dass Sie Journalist sind?“, kommt die Antwort. „Journalisten aus dem Westen“, sagt mir Michel, „tun das nie. Sie arbeiten immer mit mir zusammen; sie hinterfragen mich nie. Sie sind wie Mahmud Darwish. Sie sind tief. Mit Ihnen ist es nicht einfach. Ich werde dieses Interview niemals vergessen. Glauben Sie, ich sollte ‚Mein Kampf‘ herausnehmen? Ich werde tun, was Sie mir sagen.“ „Sie können ‚Mein Kampf‘ weiter verkaufen“, sage ich ihm. „Das ist ein gutes Buch. Ein Klassiker.“

Als der das hört, fühlt sich Michel wohl genug, mir ein paar intime Details aus seinem Leben mitzuteilen. Seit drei Jahren, vertraut er mir an, trifft er sich mit einer jüdischen Frau. Sind sie verheiratet? No. Irgendwelche Hochzeitspläne? Um Gottes Willen! „In Israel“, informiert er mich, „kommen die Kinder nach der Mutter. Wenn ich Kinder mit meiner Gefährtin habe, werden das Juden sein und ich werde keine Juden in die Welt setzen!“ Macht absolut Sinn. Wer braucht schon kleine Juden? Sie könnten aufwachsen und Riesenprobleme schaffen. Michel wird das nie zugeben, aber er und ein extremistischer Rabbi, Yitzhak Shapira, haben eine ähnliche Philosophie. Shapira ist ein Mann, der Araber jeglichen Alters nicht ausstehen kann; er behauptet in einem Buch mit dem Titel Torat Hamelekh, dass es erlaubt ist unter bestimmten Umständen arabische Kinder zu töten. Kleine Araber könnten eines Tages groß werden und wer weiß, was sie tun, wenn sie da hin kommen?

Frida, Hanas Tochter und Michels Nichte, belauschte unser Gespräch. Frida ist eine Achtzehnjährige mit schönen schwarzen Augen, einem scharfen Blick und einen Lächeln, das töten kann. Sie hat keine Probleme mit erwachsenen Leuten, d.h. Juden. Wie kommt dasl? „Wenn alle Juden sterben“, erklärt sie mit einem bezaubernden Lächeln, „werden wir, die Palästinenser, uns gegenseitig umbringen, wie wir das im Gazastreifen tun. Es ist besser, die Juden hier zu haben. Wenn die Juden in Palästinenser bleiben, werden wir sie töten, nicht einander.“

Hana lächelt. Er liebt sein Tochter und ist stolz auf ihre Klugheit. Er hätte gerne, dass sie einen netten Mann heiratet, „wenn immer sie sich aussucht“. Demokratie. Ich frage ihn, was passieren würde, wenn seine Tochter eines Abends heim käme und ihm sagte: „Papa, ich habe den perfekten Mann für mich: Er ist groß, er ist klug, er hat starke Muskeln, er ist reich, er ist dunkelhäutig und sein Name ist Mosche Cohen.“ Wie würde er reagieren? Hana zögert nicht eine Sekunde. „Ich hoffe bei Gott, dass ich in diesem Moment keine Waffe dabei habe.“ Warum die Angst, würde er seine Tochter erschießen? „Nein, nicht sie.“ Herrn Mosche Cohen? „Nein, nicht ihn.“ Wen anders würde er dann erschießen? „Ich würde mich selbst erschießen. Wenn die Tochter, die ich groß gezogen habe, sich in einen Juden verguckt, dann verdiene ich es nicht zu leben.“

Die Kaffeetrassen sind inzwischen leer, aber niemand geht, um sie wieder zu füllen. Michel spricht: „Wir haben viele Russen in diesem Land. Ich kann ‚Mein Kampf‘ auf Russisch bekommen und hier verkaufen. Glauben Sie, dass ich ein paar davon haben sollte? Ich werde einen oder zwei Tage brauchen, um die russische Ausgabe zu bekommen.“

Gut, dass Michel wieder auf das Thema Bücher zurückkommt. Das ist immerhin ein Ort für intellektuelle Gespräche, nicht für Geschwätz über Männer und Frauen. Ich frage Michel, ob er Prof. Sands Buch wirklich gelesen hat. Ja, natürlich hat er das gemacht, versichert er mir, von vorne bis hinten. Ich erinnere ihn daran, dass Prof. Sand in demselben Buch behauptet, dass die heute in Israel lebenden Palästinenser die Nachkommen der antiken Juden sind. Wie denkt er darüber? „Was ist das für ein Gefühl am Morgen aufzuwachen, ein Buch zu lesen und festzustellen, dass man Jude ist?“, frage ich meinen neuen Freund. Als eine Art Antwort bekomme ich die Rechnung: fünfundsechzig Schekel. Eine ziemliche Stange Geld für türkischen Kaffee.

Mit einem bitteren Geschmack im Mund verlasse ich Michel & Co. Sind diese Leute die Ausnahme oder sind sie in der arabischen Welt die Regel? Der beste Weg, das herauszufinden, geht mir durch den Kopf, besteht darin, mit mehr Leuten zu reden. Aber wie soll ich das tun? Soll ich Leute auf der Straße anhalten, Männer und Frauen, die ich nicht kenne, und sagen: Entschuldigen Sie, wie denken Sie über die Juden?

Als ich über dieser komplizierten Frage grübele, strahlt mir das Glück und ich bemerke die Werbung für eine Demonstration, die ein paar Straßen weiter stattfindet. Ich liebe Demonstrationen. Wenn man sich einer anschließt, fühlt man sich als Teil einer Gruppe; man ist nicht allein auf diesem Planeten. Interessant ist, worum es bei dieser Demonstration geht. Als ich den Platz erreiche, sehe ich auf dem Podium einen Mann, der in Arabisch spricht; er drischt auf „die jüdischen Besatzungskräfte in unserem besetzen Land“ ein, verlangt das Ende von all dem und schäumt gegen die jüdischen Besatzer. Alle spenden Beifall. Nicht ein einziger Mund widerspricht, nicth eni Finger wird missbilligend erhoben. Ich denke, hier muss niemand gefragt werden, was er von den Juden denkt. Das ist ziemlich deutlich.

Was nicht deutlich wird, ist etwas ganz anderes. Das hier ist Tel Aviv-Jafo, wohlbehalten in den „Grenzen von 1948“ gelegen. Und wenn Tel Aviv-Jafo, die israelischste aller Städte, besetztes Land ist, wohin soll ein Jude gehen? Ich gehe wieder in Richtung von Michel’s, ein Versuch einen Intellektuellen zu finden, um das in der verdienten Tiefe zu diskutieren. Aber der „Yafa: Book Store & Coffee Shop“ ist am Abend geschlossen. Hitler ist drinnen und Michel ist bei seiner Jüdin. Gibt es irgendjemanden hier, der bereit ist erhabene Dinge mit mir zu diskutieren? Ich versuche es mit Ilana, einer jüdischen Dame, die ein Stockwerk über Michels Geschäft wohnt. Ilana liest begeistert, liebenswürdig heißt sie mich in ihrem Apartment bekommen, während sie ihre Pall Mall-Zigaretten Kette raucht. Als wir uns setzen, erzählt sie mir, wie ihre Familie es schaffte sich vor den Nazis zu verbergen und den Holocaust zu überleben. Hat sie je „Mein Kampf“ gelesen, frage ich sie. Nein, hat sie nicht. Sie hat das Buch noch nicht einmal gesehen. „In Israel“, verrät sie mir, „ist es illegal. Man kann es nirgendwo finden.“ Als ich ihre Bemerkung höre, versuche ich mein geistig Bestes, um mir zu überlegen, wie die Augen dieser intelligenten Dame dabei versagen können die buchstäbliche Realität unter ihrer Nase zu sehen.

Während die Nacht vorbei geht, um der Sonne Platz zu machen, denke ich an diese Leute von gestern. Ich denke an Ilana, an Michels Freundin, an Prof. Sand und viele andere Juden in dieser Gegend. Wer, frage ich mich nach langem Nachdenken, war der Idiot, der gesagt hat, die Juden seien schlau? Es gibt sicherlich eine ziemliche Menge jüdischer Intellektueller in Tel Aviv-Jafo, aber Intellektualität garantiert nicht immer Weisheit. Natürlich gibt es Ausnahmen: der Juden Michel zum Beispiel, gehört dazu. Er liebt die chasarischen Intellektuellen und ich glaube, ich weiß auch, warum. Wer sonst, sagen Sie mir bitte, zahlt fünfundsechzig Schekel für türkischen Kaffee?

4 Gedanken zu “„Journalisten aus dem Westen arbeiten immer mit mir zusammen“

  1. Exzellenter Artikel. Ich habe mir die Freiheit genommen, ihn auch auf Campusblog zu veröffentlichen mit einem Verweis auf diese Seite. Bitte meldet euch, wenn ihr damit nicht einverstanden seid.

    Grüsse

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