Das falsche Thema „Rasse“ im arabisch-israelischen Konflikt

Barry Rubin, 5. August 2010

Als die Kellnerin, deren Familie aus Äthiopien gekommen war, die Pizza auf den Tisch des Tel Aviver Restaurants stellte, dachte ich über den lächerlichen Missbrauch von „Rasse“ als Faktor im arabisch-israelischen Konflikt nach. Unabhängig von der Hautfarbe gehören wir nicht über die Staatsbürgerschaft zum selben Land, sondern auch auf eine sehr umfassende Art derselben Nation, demselben Volk an, die für Länder, die einfach nur geografische Einheiten sind, nicht gilt.

Unter dem Haufen lächerlicher Dinge, die zum arabisch-israelischen Konflikt gesagt, gedacht und geschrieben werden, steht der Vorwand, er habe etwas mit „Rasse“ zu tun ganz oben auf der Liste. Dieser Vorwurf wurde aus zwei Gründen eingeworfen. Erstens ist es ein unverfrorener Versuch Israel zu dämonisieren und zu delegitimisieren.

Zweitens gibt es, als Teil des ersten, aber auch infolge von Trends in westlich-intellektuellen Diskussionen eine Verschmelzung von Nationalität und Rasse. Oft wird der Versuch unternommen, jegliche Form von Nationalismus im Westen als Rassismus darzustellen, obwohl das nie auf nationalistische Situationen in der Dritten Welt angewendet wird. Weder bei internen Konflikte im Irak (zwischen Sunnis, Schiiten und Kurden), noch im Libanon (zwischen zahlreichen Gruppen) geht es um Rasse; sie entstammen nationalen, ethischen und religiösen (manchmal alles auf einmal) Konflikten.

Eine der grundlegendsten Lektionen bei der Betrachtung von Auslands- oder internationalen Angelegenheiten besteht darin zu begreifen, dass Länder einfach nicht über alles gleich denken. Amerika – und auf andere Weise Europa – ist von der Rasse besessen gewesen. Das heißt nicht, dass alle anderen auch rassisch orientiert sind. Israelis denken nicht an Hautfarbe an sich und sind sich sehr bewusst, dass Juden, auch wenn sie eine gemeinsame Herkunft haben, von vielen Kulturen und Gesellschaften beeinflusst sind.

Heute heiraten Juden, deren Vorfahren aus Europa kamen fast zur Hälfte solche, die aus den Nahen Osten kamen; daher gibt es keine Möglichkeit die Menschen zu klassifizieren. Fakt ist, dass Israelis weit weniger als andere Länder an den geografischen Lebenswegen der Leute interessiert sind.

Was soll man darüber hinaus über solche „dunkelhäutigen“ Israelis wie meinen ungarisch-jemenitischen Kollegen sagen oder meinen aus Syrien stammenden Pianisten-Nachbarn – dessen Frau über Amerika aus Polen kommt? Hier ist das überhaupt kein Thema. Und viele Israelis europäischer Herkunft sind in ihrem Erscheinungsbild nicht gerade „weiß“.

In der Tat hat Israel bei weitem mehr „Schwarze“ unter seinen Juden (aus Äthiopien), als die Palästinenser. Die israelischen Medien benutzen nie rassische Stereotype oder Beinamen, während arabische und palästinensische Medien zahlreiche rassistische Bemerkungen und Karikaturen über amerikanische Spitzenpolitiker wie Colin Powerll, Condoleezza Rice und jetzt auch Barack Obama anbringen. Einer der Führer der islamistischen Bewegung in Israel – mit anderen Worten: er gehört der hiesigen arabischen Minderheit an – sagte in einem seiner letzten Radio-Interviews , es sein eine Schande, dass ein schwarzer israelischer Soldat von einen arabischen Muslim fordern könne sich auszuweisen. Doch solcher Rassismus der arabischen/palästinensischen Seite wird in den westlichen Medien ignoriert.

Es hat zwar einige Vorfälle in Reaktion auf die Ankunft der Juden aus Äthiopien gegeben, doch waren es wenige und wurden allgemein abgelehnt. Darüber hinaus hat Israel der amerikanischen „Black Hebrew“-Bewegung Zuflucht gegeben, als es sie sehr einfach hätte deportieren können.

Offiziell wird geschätzt, das mindestens 19 Asylsuchende von ägyptischen Kräften im Sinai erschossen wurden. Meines Wissens ist in dieser Kategorie noch nie jemand in Israel verletzt worden.

Ich hatte Freunde, zumeist Filipinos, die illegale Arbeiter waren (sie blieben länger als ihre Aufenthaltserlaubnis erlaubte) und aus Israel ausgewiesen wurden und das einfach akzeptierten; sie arbeiteten bald darauf in einem anderen Land. Niemand unter ihnen hegt einen Groll gegen Israel; im Gegenteil, sie könnten als Bürger-Botschafter für unser Land wirken. Niemand unter ihnen berichtete – und die Gruppen der Arbeitervertreter haben nie einen gemeldet – auch nur von einem einzigen Fall „rassischer“ Misshandlung und ich glaube nicht, dass es jemals einen rassischen Übergriff oder gar Beleidigung eines ausländischen Arbeiters in Israel gegeben hat. Das Problem ist natürlich nicht, dass es gelegentlich fürchterliche wirtschaftliche Ausbeutung und skrupellose Arbeitgeber gibt; das ist in der heutigen Welt keinesfalls untypisch.

Die israelisch-palästinensischen und arabisch-israelischen Konflikte sind keineswegs „rassisch“. Nationale Identität ist etwas sehr anderes als „Rasse“ im Allgemeinen. Israelis und Araber sind nicht einfach über die Hautfarbe zu unterscheiden, obwohl es natürlich Ausnahmen gibt. Ich war in einer israelischen Regierungsagentur und traf einen hochrangigen Beamten, dessen Hautton dunkler war als der von Barack Obama. Das fiel mir auf, weil ich plante den Artikel zu schreiben, den Sie gerade lesen.

Ich kam zu dem oben erwähnten Treffen mit einem Taxi vom Taxistand in meinem Viertel. Ich gab die Adresse an und der Fahrer kehrte dazu zurück auf Arabisch in sein Handy zu sprechen, was der einzige Grund war, dass ich erkannte, dass es sich um einen israelischen Araber handelte. Ich hätte es nicht sagen könnten, hätte ich ihn einfach nur betrachtet.

Der Versuch antiisraelischer Verleumder, hier einen Rasse-Aspekt einzubringen, ist grotest unsinnig. Wer jemals Syrien bereist hat, würde feststellen, dass die durchschnittliche Hautfarbe der Menschen dort heller ist als die der Durchschnitts-Israelis. Allgemein gesagt gibt es in „Rassenbegriffen“ weniger Variation zwischen Israelis und palästinensischen Arabern, als es sie unter den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gibt.

Es trifft auf die Bedingungen hier einfach nicht zu. Palästinensische Araber sind zwar einen Ton oder zwei dunkler als Israelis, aber man kann in den EU-Mitgliedsstaaten stärkere Unterschiede finden.

Wenn man aber jemanden als „Rassisten“ etikettieren kann, weil er sich in einem Konflikt mit einer anderen Nation oder Gruppe befindet, dann „beweist“ das automatisch, dass er sich auf der falschen Seite befindet. Ist der Konflikt jedoch ein nationaler, dann muss man erst einmal darüber nachdenken. Wer hat in den folgenden Konflikten Recht: die irischen Katholiken oder die Protestanten? Die Basken oder Spanien? Die Bosnier oder die Serben? Die Russen oder die Tschetschenen? Die Somalier oder die Äthiopier? Die irakischen Sunniten, die Schiiten oder die Kurden? Indien oder Pakistan? Aserbaidschan oder Armenien? usw.

Die Antwort kann nicht automatisch abgeleitet werden. Aber etikettiere eine Seite als rassistisch und die Diskussion ist beendet. Dies ist also ein Täuschungstrick, kein Werkzeug für Verständigung.

Die Lächerlichkeit der Versuche amerikanische oder europäische Verhältnisse auf Israel zu transferieren wurde von einem amerikanischen Studenten verkörpert, der einen israelischen Professor fragte, wie viele Schwarze das Basketballteam seiner Universität habe. Tatsächlich gibt es viele in den Profi-Teams, aber sie sind natürlich alle aus den Vereinigten Staaten, obwohl ich glaube, ein oder zwei sind konvertiert und in Israel geblieben.

Ich glaube nicht, dass die Tatsache in Frage gestellt werden kann, dass es weit mehr Rassismus in Europa oder der arabischsprachigen Welt gibt als in Israel – und das ist eine Untertreibung.

8 Gedanken zu “Das falsche Thema „Rasse“ im arabisch-israelischen Konflikt

  1. Sehr richtig. Der Begriff der Rasse spielt für das Selbstverständnis von Juden überhaupt keine Rolle – es heißt „Volk Israel“ und nicht „Rasse Israel“. Wenn manche Leute also meinen, ein jüdischer Nationalstaat, wie ihn der Zionismus vertritt, sei an sich schon rassistisch, der spricht sich selbst das Urteil – weil der Judentum als Rasse definiert. Und das tun Rassisten.

    Und Rassismus im Alltag? Rubin trifft den Nagel auf den Kopf. Hautfarbe als Rasse zu bezeichnen ist eine amerikanische Angewohnheit, die mir in amerikanischen Foren immer wieder auffällt. Da wird der Begriff Rasse oft benutzt, und zwar oft synonym mit Nationalität oder ethnischer oder nationaler Zugehörigkeit. Da kommen dann drollige Threads raus wie „welche rassische Herkunft haben die Teilnehmer hier?“ und die Antworten reichen von „italienisch“ über „walisisch“ bis „native American“. Ich habe längst eingesehen, daß Amerikaner das Wort ganz anders benutzen als wir.

    Und daß die Rassismuskeule nicht weniger tödlich ist als die Antisemitismuskeule, glaube ich auch.

    Israel ist hautfarbenmäßig viel gemischter, als sich der nie in Israel gereiste Mitteleuropäer vorstellt. Das Judentum ist ein starker Leim, eine Identität, die jüdische Israelis zusammenschweißt, egal ob die Familien seit Generationen in Tiberias wohnt, zu Fuß aus dem Jemen eingwandert ist, aus Südamerika, Äthiopien oder Schweden gekommen ist. Israel, Jerusalem, das Judentum – das sind die verbindenden Elemente.

    Wie jemand das als Rassismus bezeichnen kann, ist mir unverständlich. Es ist Zeichen von Ignoranz, Bosheit oder beidem.

  2. >>Es ist Zeichen von Ignoranz, Bosheit oder beidem.<<
    Und bei so manchem eigentlich auch ein Zeichen von Rassismus…

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