Deutsche Demonstranten begehen 9/11 mit Vorwürfen: „Inside Job“ und „Reichstagsbrand“

John Rosenthal, Weekly Standard, 21. September 2010

Woanders als unter den Genossen des Faisal Abdul Rauf, sollten man meinen, dass der 9/11-„Trutherism“ [„9/11 Truther“ sind die Leute, die behaupten, die USA steckten hinter den Anschlägen von 2001] weitgehend eine Sache der Vergangenheit ist. Das Hauptziel der „9/11 truth“-Bewegung war im Grunde genommen immer die als Bush-Administration bekannte ruchlose Ränkeschmiede. Mit dem Ende der zweiten Amtszeit Präsident Bushs hatte die „Bewegung“ ihren raison d’être verloren.

Inzwischen muss die weitaus größte Mehrzahl der Amerikaner Wichtigeres zu tun. Doch Fotografien einer Demonstration, die zum Jahrestag des 9/11 in Berlin stattfand, legt nahe, dass der 9/11-„Trutherism“ in Deutschland gesund und munter ist.

Fakt ist, dass das, was als „Trutherism“ bekannt wurde, in Europa lange weit verbreitet war, bevor die „Inside Job“-These in den USA irgendwelche Anhänger hatte. Wie ich in meinem Artikel „The Legend of the Squandered Sympathy” diskutierte, tauchte die „Inside Job“-These erstmals auf den Seiten der meinungsbildenden französischen Zeitung Le Monde auf, gerade mal eine Woche nach den Anschlägen. Dort wurde sie von niemand geringerem als einem Wissenschaftler des Nationalen Wissenschaftlichen Forschungszentrums CNRS vorgestellt.

Die erste französische Ausgabe von Thierry Mayssans möchtegern-9/11-Enthüllungsbericht L’Effroyable Imposture – etwa: „Der erschreckende Schwindel“ – wurde ganze sechs Monate nach den Anschlägen veröffentlicht. Es schoss rasch an die Spitze der französischen Bestsellerliste, wobei 200.000 Stück innerhalb von Wochen verkauft wurden. Die Veröffentlichung einer englischen Ausgabe mit dem Titel 9/11, The Big Lie (9/11, die große Lüge) geschah beinahe unbemerkt. Sie sollte allerdings für den einige Jahre später aufkommenden amerikanischen „Trutherism“ als eine der Hauptquellen dienen.

Das deutsche Verlangen nach der „Inside Job“-These war möglicherweise noch gieriger als das französische. Bis zum Sommer 2003 wurde der deutsche Buchmarkt überschwemmt mit dem, was heute als „trutheristische“ Literatur bekannt wäre, einschließlich der deutschen Ausgabe von Meyssans Opus und mehrerer einheimisch deutscher Angebote mit Titeln wie Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 9/11, Operation 9/11: Angriff auf die Welt und Die CIA und der 11. September: Der internationale Terror und die Rolle der Geheimdienste. Der letzte wurde von Andreas von Bülow geschrieben, einem ehemaligen Minister für Wissenschaft und Forschung in der deutschen Bundesregierung. Derzeit ist die siebte Auflage im Angebot.

2007 beging der öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehsender ZDF den sechsten Jahrestag des 9/11 mit der Ausstrahlung einer Dokumentation mit dem Titel „Der 11. September: Was wirklich geschah“. Die Dokumentation gab wohlwollend – wenn auch etwas uneindeutig – den Vertretern der „Inside Job“-These Gehör. (Lesen Sie dazu meinen Artikel “America is Somehow to Blame: German Public Television on 9/11”.) Eine mit der Ausstrahlung verbundene Online-Umfrage ist auf der ZDF-Website immer noch vorhanden. [Screenshot] Zu Zeitpunkt, als dieser Artikel geschrieben wird, identifizieren volle 67 Prozent der Teilnehmer „George W. Bush“ (27%) oder „US-Behörden“ (25%) oder die „Rüstungslobby“ (15%) als hinter den Anschlägen steckend. Lediglich 25 Prozent wählten die vierte Möglichkeit: Osama bin Laden.

„Regime Change“ in den USA scheint den Hunger nach „9/11-Wahrheit“ in Deutschland nicht gestillt zu haben. Der Gnurpsnewoel-Blog dokumentierte, dass die „Truther“ früher in diesem Monat in Berlin in großer Zahl auf der Demonstration „Freiheit statt Angst“ am Samstag, 11. September unterwegs waren. Die komplette Sammlung an Fotos kann man sich hier ansehen. (hat-tip: Classless Kulla)

Die Fülle an Schildern mit Truther-Themen ist besonders auffallend, weil die Demonstration per se nichts mit den Angriffen auf die USA vor neun Jahren zu tun hatte. Ihr vordergründiger Zweck war gegen behauptete „unverhältnismäßige Überwachung“ seitens der „Regierungen und Unternehmen“ zu protestieren. (Ein englischsprachiger „Aufruf zum Handeln“ ist hier abfragbar.) Doch die Tatsache, dass die Organisatoren sich entschieden ihre Demonstration genau am 11. September abzuhalten – als wollten sie die Bedeutung negieren oder „bestreiten“, die mit diesem Datum verbunden ist – könnte vielleicht kein Zufall sein. Immerhin: Wenn der 9/11 ein „Inside Job“ war und nicht das Werk der „externen“ islamischen Extremisten, die typischerweise verantwortlich gemacht werden, dann gibt es nur noch mehr Gründe „Überwachung durch die Regierung“ abzulehnen. Vielleicht glauben die Demonstranten, dass die Terroranschläge auf Bali, in Madrid, London, Mumbai und so weiter auch alles „Inside Jobs“ waren.

Die meisten der abgebildeten Schilder sind in englischer Sprache verfasst. Es ist, als ob die jungen deutschen Protestierenden die alten europäischen Verschwörungstheorien mit der neuen amerikanischen Marke reimportiert hätten. Aber ein Schild ist typisch deutsch. Auf ihm steht: „9/11 = Reichstagsbrand“.

Es verweist auf das Feuer im Reichstag im Februar 1933, das bekanntlich vom Nazi-Regime ausgenutzt wurde, um seine Macht zu konsolidieren und seine politischen Gegner zu verfolgen. Regelmäßig wurde nahe gelegt, dass die Nazis selbst für die Brandstiftung verantwortlich waren. Die Gleichsetzung „9/11 = Reichtstagsbrand“ ist lange eine bevorzugte metaphorische Redewendung bei Deutschlands selbst gezogenen „Trutherism“ gewesen – man sollte es angesichts der historischen Präzedenzfälle besser „9/11-Revisionismus“ nennen.

Es liegt eine gewisse Ironie in der Tatsache, dass solcher 9/11-Revisionismus auf Berlins „Freiheit statt Angst“-Demonstration im Überfluss vorhanden war. Wie das deutschsprachige Werbematerial klar macht, war die praktische Hauptzielsetzung der Unterstützer-Organisationen die Bekämpfung de so genannten Datenspeicherungsgesetztes. Im März hob das deutsche Verfassungsgericht ein deutsches Gesetz auf, mit dem eine Minimum-Datenspeicherungsanforderung umgesetzt werden sollte, die mit einer Direktive der Europäischen Union von 2006 ausgegeben wurde.

Wie ich hier und hier bereits ausgeführt habe, haben die fragliche Direktive und die sie umsetzenden europäischen Gesetze nichts mit „Überwachung“ zu tun. Sie verlangen lediglich, dass Telekommunikationsfirmen eine vorgegebene Zeit lang einfache Kundendaten sichern, die sie ohnehin automatisch ganz selbstverständlich generieren: die Art von Daten, die amerikanischen Ermittlern halfen das Komplott zu 9/11 und, unter anderem, seine vielen Verbindungen zu Deutschland zu rekonstruieren.

5 Gedanken zu “Deutsche Demonstranten begehen 9/11 mit Vorwürfen: „Inside Job“ und „Reichstagsbrand“

  1. Wenn man sich die Kriegsvorwände Amerikas aus den vergangenen Zeiten anschaut, dann kann man schon ins Grübeln kommen. Natürlich, der gesunde Menschenverstand ruft gleich : „Halt, die eigene Regierung kann doch nicht, um einen Kriegsvorwand zu schaffen … „, aber mit den Totenzahlen verglichen, die dann im Kriege fallen oder sterben, sind die Opfer, die bei den Vorwänden umkommen, Pillepalle. Und ich bin kein Verschwörungstheoretiker! Demokratien haben überhaupt in der Vergangenheit unter allen möglichen Vorwänden Kriege angezettelt und die heutigen Demokraten unterscheiden sich von denen damals kaum.

  2. Hm. „Und ich bin kein Verschwörungstheoretiker!“ Sagt jeder Verschwörungstheoretiker. Hm.
    Kriegsvorwände. Hm. Pearl Harbor. Eroberung Europas durch die Nazis. Die Kommunisten überfallen Südkorea. Die Kommunisten überfallen Südvietnam. Saddam überfällt Kuwait. Saddam verarscht die Welt zwar, aber er tut alles, damit haufenweise Gründe vorliegen, dass man gegen ihn vorgeht. Die Islamisten erklärten den USA den Krieg und haben ihre Zentrale in Afgahnistan. Alles nur Vorwände, kein Grund gegen irgendwen vorzugehen. Super!

  3. ‚dass die Terroranschläge auf Bali, in Madrid, London, Mumbai und so weiter auch alles „Inside Jobs“ waren.‘ So denke ich auch, lassen wir 9/11 Einen sein oder nicht, der Punkt ist, das war nur 1 einziger Akt des Dschihad, einer von vielen, vielen, die nie und nimmer nicht alle Inside Jobs waren. Manche Leute scheinen dieser Vorstellung doch tatsächlich anzuhängen und sind beleidigt, wenn man sie von Verschwörungswolke 7 holt.

  4. Tu nicht so, als wäre Amerika wegen Hitler in den Krieg gezogen oder um die Demokratie oder die Juden zu retten.Amerika ging es immer nur um seine wirtschaftlichen und damit politischen Interessen. Waren die in Gefahr, hat Amerika sich eingemischt. Das ist auch in Ordnung aber man sollte das nicht mit Glorienschein umgeben oder heiligsprechen.

    • Womit sich die voll durchideologisierte Knalltüte endgültig als solche offenbart hat. GEschichtsrevisioninsmus ist sein oberstes Gebot.
      Wenn die USA ihren wirtschaftlichen Interessen gefolgt wären, hätten sie die Briten nie und nimmer unterstützt. Das Wirtschaftsestablishment in den USA war am Erhalt seiner Interessen und Profite in Deutschland interessiert. Es wimmelte in den Eliten von Nazi-Sympathisanten.
      So viel nur zu diesem Fall.

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