Wer kommt aus Bethlehem?

Reich an christlicher Geschichte, sollten Bethlehems jüdische Wurzeln nicht vergessen oder ignoriert werden

Moshe Dann, YNet, 16. Dezember 2010

Für die, die außerhalb Israels aufwuchsen, bringt die Frage vertraute Weihnachtslieder, Einkaufs-Countdowns, Weihnachtsmänner und Rentiere zurück. Am Heiligabend strömen zur Geburtskirche in Bethlehem, um dort zu feiern. In der frühbyzantinischen Zeit (im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung) von Königin Helena, der Mutter von Kaiser Konstantin („dem Großen“) gebaut, gedenkt diese Kirche der Geburt Jesu. Die jüdische Geschichte bietet allerdings eine andere Perspektive.

Als der Patriarch Jakob, seine Frauen und Familie nach Eretz Israel zurückkehrten, nach Hebron in sein altes Zuhause zurückkehrten, ereignete sich eine Tragödie. In der Nähe eines Ortes namens Efrata, der Beth-lehem („Haus aus Brot“) genannt wurde, starb Rahel bei der Geburt ihres Babys Benjamin, der lebte. „Und Jakob begrub sie dort an der Straße nach Efrata, das jetzt Betlehem heißt. Er stellte auf ihrem Grab einen Denkstein auf; der steht dort noch heute als Grabmal Rahels.“ (1. Mose 35,19-20)

Seit Jahrtausenden von Juden – und seit kurzem von ein paar Muslimen – als heilige Stätte verehrt, wurde ein Ehrenmal über dem Grab gebaut, das den Gräbern an der Patriarchenhöhle in Hebron und dem Josephsgrab in Nablus ähnelt. Mitte des 19. Jahrhunderts baute Moses Montifore ein kleines Gebäude mit Kuppel um das Grab. Nach 1948, als den Juden der Besuch der Stätte verboten war, bauten örtliche Araber einen Friedhof, Häuser und Geschäfte darum herum; seit 1967 haben sie die Bautätigkeit in der gesamten Gegend ausgeweitet.

Da die Angriffe auf Betende während des „Oslo-Friedensprozesses“ intensiver wurden, wurde ein festungsartiges Gebäude um das ältere Bauwerk errichtet, das von IDF-Soldaten bewacht wird. Trotz dieser Probleme kommen weiterhin Zehntausende Juden, um die Stätte zu besuchen. Eine Kollel-Jeschiva lernt tagsüber hier. Die Stadt Bethlehem, nur ein paar Meter entfernt, wird von der palästinensischen Autonomiebehörde kontrolliert und Israelis ist das Betreten der Stadt nicht gestattet.

Hunderte Jahre nach Rahels Tod, nachdem das jüdische Volk Ägypten verließ und in Eretz Israel einzog, war Bethlehem ein blühendes jüdisches Dorf. In der Zeit der Richter gab es eine Hungersnot im Land und eine der prominentesten Familien Bethlehems (Elimelech und seine Frau Naomi mitsamt zwei Söhnen, Machlon und Kiljon) und zog gegenüber der judäischen Wüste in das Land Moab (heute in Jordanien). Die Söhne heirateten nichtjüdische Frauen (Ruth und Orpa); bald darauf starben alle männlichen Mitglieder der Familie dort.

Verwitwet und alleine, entschied sich Naomi in ihre Heimatstadt zurückzukehren, begleitet von ihren Schwiegertöchtern. Unterwegs kehrte Orpa allerdings um; Ruth flehte darum bleiben zu können. „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, bleiben ich auch; dein Volk ist mein Volk und dein Gott mein Gott.“ (Ruth 1,16) Diese beeindruckende Stellungnahme des Glaubens identifiziert Ruth als Inspirationsquelle und vielleicht die erste „Konvertitin“.

Das Leben war für die beiden Witwen nicht einfach. Sie sammelten Essen aus den Ecken der Felder, wo es für die Armen übrig gelassen wurde. Aber Boas, eine Nachkomme von Perez (aus der Zeit Moses), ein Richter und Gemeindeleiter in Bethlehem, nahm Ruth wahr und verliebte sich in sie. Sie heirateten und hatten einen Sohn, Oved, der schließlich Isai zeugte, den Vater von David.

Isai lebte während der Herrschaft König Sauls in Bethlehem. Als dem Propheten Samuel klar wurde, dass Saul nicht länger ein geeigneter Herrscher war, ging er nach Bethlehem, um sich nach einem Nachfolger umzusehen (1. Samuel 16,1). Samuel ging zu Isais Haus und bat ihn, seine Söhne zu mustern. Isai präsentierte stolz sieben, jeden einzelnen edler, weiser und würdiger als der andere. Doch Samuel was nicht zufrieden. „Hast du noch weitere?“, fragte er. Zögerlich holte Isai seinen jüngsten Sohn, David, von seiner Arbeit – er hütete Schafe und Ziegen. Als Samuel ihn sah, salbte er ihn auf der Stelle vor seiner Familie zum Thronerben; Messias, „der Gesalbte“.

Entsprechend der jüdischen Tradition „wird der Messias aus dem Hause David kommen“, was die davidische Linie bedeutet. Wörtlich interpretiert könnte das allerdings erklären, warum das Neue Testament die Geschichte von Jesu Geburtsort in Bethlehem entstehen lässt. Wer kommt aus Bethlehem? Reich an christlicher Geschichte und Bedeutung, sollten seine Wurzeln in der jüdischen Geschichte weder vergessen noch ignoriert werden.

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