Wer hat Angst vor der israelischen Demokratie?

Daniel Greenfield, Sultan Knish, 28. Dezember 2010

Haben Sie gehört? Die israelische Demokratie ist gefährdet. Das ist der aktuellste Israel-Thema in den Medien. Und woher kommt die Bedrohung der israelischen Demokratie? Aus seiner Demokratie. Verwirrt? Das liegt wahrscheinlich daran, dass Sie glauben, das Wort „Demokratie“ habe etwas mit der Abstimmung des Volkes und dem Recht jedes Menschen zu tun, unabhängig von seiner Religion, seinem Herkunftsland oder Akzent für die Partei seiner Wahl zu stimmen. So irregeleitet diese Abstimmung auch sein mag. Denn tatsächlich bedeutet sie das Recht der Medienexperten, Akademiker und elitären Richter zu diktieren, wie das Land geführt wird, auf Grundlage der Werte einiger anspruchsberechtigten Oberklasse, die sich balgt, um an der Macht zu bleiben.

Aus ihrer Sorge um die israelische Demokratie haben die amerikanischen Medien und die Obama-Administration Netanyahu unter Druck gesetzt, seine Koalition „auf breitere Füße zu stellen“, indem sie die Shas-Partei der Nahost-Juden und die Partei „Israel ist unser Zuhause“ der russischen Einwanderer durch die Kadima-Partei ersetzt. Traditionelle Forderungen nach einer breiteren Koalition bedeutet normalerweise eine, die mehr Menschen des Landes repräsentieren. Doch wegen ihrer Angst vor der „israelischen Demokratie“ handelt es sich hier um die Forderung nach einer Koalition, die weniger Bereiche des Landes repräsentieren.

Linke, die normalerweise überall Diversität wertschätzen, wollen die Tür für eine breite Koalition in Israel schließen. Warum? Weil Juden aus dem Nahen Osten und russische Einwanderer eher rechts sind und Diversität nur ein legitimer Wert ist, wenn sie dazu dient die Linke zu begünstigen. Wenn aber die Rechte Wahlen gewinnt, flitzen die Experten plötzlich an ihre Tastaturen, um eine dringende telegrafische Warnung rauszuschicken: DIE DEMOKRATIE IST DURCH DEMOKRATIE BEDROHT. STOP: DEMOKRATIE MUSS ABGESCHAFFT WERDEN UM DEMOKRATIE ZU ERHALTEN. STOP. Wenn aber die Demokratie die Demokratie bedroht, dann ist es nicht die Demokratie, die unter Beschuss steht. Das ist das Bestehen einer kleinen Gruppe mächtiger Leute darauf, dass sie ihren Willen bekommen, egal, was die Öffentlichkeit will.

Der Aufreißer des Atlantic, Jeffrey Goldberg, haut mit seiner Orwellschen Grammatik auf den Putz, wenn er warnt, „breite Schwaden der israelischen Gesellschaft“ würden die Demokratie des Landes untergraben. Dazu führt er orthodoxe Juden, nahöstliche Juden, Siedler und russische Juden an. Mit anderen Worten: die Mehrheit im Land. Und wie untergräbt diese furchtbare Mehrheit der Israelis die Demokratie des Landes? Nun, sie gehen zu den Wahlen und stimmen für die Parteien, die sie mögen. Und dann repräsentieren diese Parteien sie in der Knesset und der Regierungskoalition. Diese klare Bedrohung der Demokratie darf nicht heruntergespielt werden.

Es überrascht nicht, dass Jeffrey Goldbergs Liste der „Furchtbaren 4“ alle mit der Rechte in Verbindung stehen. Noch weniger überrascht, dass sie alle ethnische und religiöse Minderheiten vertreten, die vom einheimisch geborenen Säkularismus des linken Establishments abweichen. Mit Goldbergs Erzählerei ist jeder vertraut, der mit einem Oberklassen-Linken gesprochen hat, der sich darüber beschwert, dass religiöse Leute in sen Viertel ziehen, während noch sein Gesicht bei dem Gedanken rot anläuft, dass ein Arbeiter sich über Muslime beschwert, die in dessen Viertel ziehen.

Das ist eine reichlich vertraute Geschichte. Die amerikanischen Progressiven des 19. Jahrhunderts, die für die Rechte der Sklaven kämpften, hatten und agitierten gegen irisch-katholische Einwanderer als Bedrohung der Demokratie. Ihre Toleranz, die sehr weit zu gehen schien, erreicht schlagartig ihre Grenze, wenn sie auf Leute traf, sie ihnen ausreichend glichen; die machte ihr Anderssein wütend, statt sie exotisch zu machen. Die Juden des New York des 19. Jahrhunderts reagierten ziemlich genauso auf die Flut russisch-jüdischer Immigranten, die ihre Religion der alten Schule,schrullige Eigenarten und den jiddischen Dialekt mitbrachten. Und sie reagierten ganz ähnlich wie die Elite der Arbeitspartei auf die Ankunft der Juden aus dem Nahen Osten – mit Abscheu und einem kalkulierten Versuch ihnen im Namen der Zivilisierung ihre Religion und ihre Kultur abzustreifen.

Doch trotz all der Strahlenaussetzung, Sticheleien und Polizei-Schlagstöcken haben sich die Nahost- und russischen Juden immer noch nicht anständig auf die Standards der Fakultät der Hebräischen Universität und des Obersten Gerichtshofs zivilisiert. Sie bestehen immer noch darauf Muslime verdächtig zu finden (das muss Rassismus sein). Sie wollen, dass Israel ein starkes Land ist, das selbst für sich eintritt (ganz klar Rassismus). Sie glauben, dass Gesetze für die Menschen gemacht werden sollten, statt um von der EU genehmigt zu werden. Und sie wollen Israel als ein Land sehen, das demokratischer, weniger bürokratisch und weniger der Kontrolle durch die Eliten unterworfen ist, die sie diskriminieren (haben Sie je etwas so Rassistisches gehört?). Sie sind eine klare Bedrohung der israelischen Demokratie. Oder eher der Teil davon, der seine eigene undemokratische Machtausübung an die Stelle der Demokratie setzt.

Der Sturz der Arbeitspartei-Elite begann, als ein rassistischer Knacks in ihrem eigenen Wahlkampf half zu Begins Sieg zu führen. Seitdem glaubt jede linke Partei, dass sie die sefardischen oder russischen Stimmen dadurch gewinnen kann, dass sie ihre Mitläufer, die dafür bezahlt werden diesen Gemeinschaften schöne Augen zu machen, auf den Parteilisten puscht. Und wenn sie dann mit Bupkes enden, machen sie (was auch sonst) den Rassismus dafür verantwortlich. Wie der Pharaoh es bei den Kindern Israels machte, flüstern sie sich bedeutungsschwer zu, dass dieser Pöbel ihnen zahlenmäßig bald überlegen sein wird. Und was dann? Premierminister Lieberman? Präsident Ovadya Josef? Siedler mit nuklearen Handfeuerwaffen? Katzen und Hunde, die auf der anderen Seite des Jordan Balalaika spielen und dabei Gebetsamulette um den Hals tragen? Und was wird Europa denken? Ribono Shel Olam, was wird die Washington Post denken?

Dieser Karneval der Bigotterie findet seinen Widerhall in einem Echoraum, da die abnehmende Linke amerikanischen Journalisten und Diplomaten die Gefahren einflüstern, die „all diese Leute darstellen“. Diejenigen, die nicht in Zelten lebten oder mit meinem Großvater zu Mapai-Treffen gehen. Die Amos Oz nicht gelesen haben, sich nicht um das jährliche Rabin-Erinnerungstag kümmern oder, noch schlimmer, immer noch zu ihrem Daf Yomi-Unterricht gehen ohne einen Gedanken an sein Erbe zu verschwenden. Die riesige Mehrheit des Landes, die einfach nicht in die Vision eines heruntergekommenen Linken passt, die vor langem schon das Land aufgegeben hat, aber immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben hat, sie mit sich in den Abgrund zu ziehen.

Und so erledigt der symbolische Pro-Israel-Blogger des Atlantic, der den israelischen Staat so sehr liebt, dass er neulich die amerikanischen Juden aufforderte nach dem verheerenden Karmel-Feuer kein Geld nach Israel zu spenden, seinen Teil des Nachplapperns. Nach einem Eintrag, in dem er Jerusalems Diversität feierte, brachte er einen, in dem er warnte, die Diversität Israels werde sein Tod sein. Der Unterschied: Sein Jerusalem-Eintrag feierte Israelis nicht jüdische Diversität. Aber seine „Furchtbaren 4“ verurteilten Israels jüdische Diversität. Wie Israels VIP-Linken, die sich schamlos gelbe Sterne anheften, um gegen die Abschiebung afrikanischer illegaler Ausländer zu protestieren, gleichzeitig aber die Abschiebung jüdischer Einwohner Jerusalems, Judäas und Samarias fordern, geht es um die Festlegung der Grenzen der zulässigen Bigotterie.

Man kann sogar ihr Argument sehen. Sie brauchen illegale afrikanische Ausländer zur Reinigung ihrer Häuser, so wie sie Muslime brauchen, die billig ihre Besorgungen erledigen – aber was können sie schon mit den bärtigen Siedlern anfangen, die ihnen nicht für ein paar wenige Münzen den Boden wischen, sondern den Hass auf ihre Kameraden im Brüsseler Zweig der Sozialistischen Internationale entfachen? Die verschmähen Sefarden und die verachtenswerten Russen lehnten es ab Mitglieder de Unterklasse zu sein. Sie lehnten es ab ein paar Almosen zu bekommen, um den Hebel für die Arbeitspartei zu betätigen. Stattdessen bestanden sie auf Demokratie. Und das macht sie zur Bedrohung der Demokratie.

Die Arbeitspartei ist tot. Das Narrativ der Recht dominiert. Warum? Weil die Linke jeden Kontakt mit der Vernunft verloren hat, sogar die Ausrede der nationalen Sicherheit aufgegeben hat und derart tief in die Korruption abgetaucht ist, dass sie noch nicht einmal den Tiefpunkt erreicht hat. Die Kadiam-Partei, die Obama und die Auslandsmedien so gerne in Netanyahus Koalition sehen würden, ist das Geschöpf zweier Premierminister, von denen einer vor Gericht steht und der andere einer Anklage nur deshalb entging, weil er ins Koma fiel. Es handelt sich um eine Partei, die nur existiert, weil sich die auf allen Seiten korrupten Cretins sich noch nicht entscheiden konnten, welche andere Partei sie für sie verlassen sollen. Sie wird derzeit von einem Schützling des Mannes geführt, der er erste israelische Premierminister sein könnte, der ins Gefängnis wandert. Und diese ansonsten hirnfreie Führerin weiß, dass er einzige Weg an die Spitze der ist, dass Obama Netanyahu unter Druck setzt und dazu bringt ihr zu geben, was sie will, damit sie in die Koalition eintritt.

Die Experten wollen Ihnen weis machen, dass die israelische Demokratie von Ovadaya Josef bedroht ist, der örtlichen Version eines Pat Robertson; und dass der verrückte Avigdor Lieberman, der gerade erst nachdrücklich erklärte, Israel sollte eine Entschuldigung bei der Türkei wegen der Konfrontation mit den islamistischen Fanatikern an Bord der Mavi Marmara nicht einmal diskutieren. Doch dieselben Medien, die nicht schnell genug das Fauchen anfangen konnten und auf Lieberman spuckten, weil er das Offensichtliche sagte, priesen Obama als weisen und besonnenen Führer, als der dasselbe sagte. Was ist der Unterschied zwischen Geisteskrankheit und Weisheit? Natürlich die politische Zugehörigkeit.

Israels Demokratie wird nicht von denen bedroht, die aus der muslimischen Welt und der Sowjetunion geflohen sind und die es aufnahm. Diese Flüchtlinge sind der Grund dafür, dass es existiert. Sie wird auch nicht von der wachsenden Zahl religiöser Juden bedroht, ob nun in Jerusalem oder in Judäa. Ein Land kann ohne Religion nicht lange überleben. Und der religiöse Zionismus ist zum Rückgrat des Zionismus geworden. Er wird allerdings von einer kleinen Zahl mächtiger Eliten bedroht, die ihre rechtliche Position, ihre Zeitungskolumnen und ihre akademischen Posten nutzen, um der Demokratie die Tür zu verbarrikadieren. Es sind Typen wie Haim Ramon von der Arbeitspartei, die bekanntlich brüllten: „Wenn ihr unsere Demokratie nicht akzeptiert, dann werden wir euch zermalmen!“ – Sie sind die wahre Bedrohung.

All diese Kolumnen, die vor der Gefahr für die israelische Demokratie durch die Mehrheit der Bürger Israels warnen, sind nichts als gütigere, freundlichere Nachplapperer Ramons, die ihre Art als „Demokratie“ definieren und den Weg, den die Leute gehen wollen, als undemokratisch. Wenn all die Goldbergs vor den Gefahren warnen, dass eine Mehrheit an Minderheiten ihren linken Konsens in den Schatten stellen, dann predigen sie einen leiseren Fanatismus. Keine laute Beleidigung oder eine falsche Verhaftung, sondern komplette Unterstellung. Keine direkte Äußerung, dass Sefardim primitive Barbaren sind, Russen alle zu Prostituierten gehen oder orthodoxe Juden fanatisch primitiv sind. Stattdessen wird das Ganze von Etikettierungen begleitet, sie seien allesamt Bedrohungen der Demokratie. Durch die Geißelung ihrer gewählten Vertreter als primitiv, fanatisch und barabarisch. Es ist dieselbe Botschaft, nur etwas eleganter formuliert.

Diese ganze Sorge um die israelische Demokratie ist ein eingewurzeltes Geständnis, dass die Stimmen eines Menschen nicht so viel wert ist wie die eines anderen. Dass der Dot.com-Unternehmer, der gerade aus Malta zurückkommt, um seine Stimme für Meretz abzugeben, ein informierter Wähler und ein Segen für die israelische Demokratie ist. Und dass der Dunkelhäutige, Hutträger oder Russki, der seine Stimme für Shas, Yachdut HaTorah oder Yisreal Beitenu abgibt, ein ignoranter Lump ist, was die Demokratie angeht, und ein Bad und einen Tracht Prügel braucht, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Linke amerikanische Juden, die sich nicht unbedingt in die Probleme der israelischen Demokratie stürzen, plappern unbewusst dieselben Vorurteile nach. Sie behandeln die Demokratie als Fixwert, der ihre Werte verkörpert. Dadurch, dass sie Demokratie mit dem Linkssein gleichsetzen, zeigen sie, dass sie die wahre Bedrohung der Demokratie sind.

Linke Juden, die sich sorgen, ob sie in der Lage sein werden weiter Zionisten zu bleiben, wenn ihnen die Regierung Israels nicht gefällt, verstehen nicht, worum es geht. Der Zionismus ist nicht die Befürwortung einer Regierung, sondern eines Rechtes. ER ist nicht der Prozess, mit dem das Land geführt wird, sondern die Inspiration seiner Existenz. Man muss nicht eine Regierung respektieren, um den Prozess zu respektieren, der die Regierungen wählt. Ein Land mag aus Idealen heraus gegründet sein, aber selbst das kleinste Land besteht immer noch aus deiner großen Masse an Menschen, die sich von Generation zu Generation ändern. Jeder, der glaubt, er müssen in der Lage sein Israel in jeder Generation abzusegnen, damit er Zionist sein kann, sollte sich jetzt ausklinken.

Israel ist nicht das eine oder das andere; es ist viele davon. Es ist die Quelle vieler religiöser Ideen der Welt und der Ort, wo sie alle zusammenkommen und es ausfechten. Es ist atemberaubend sozialistische und kapitalistisch, säkular und religiös, bis zur Lächerlichkeit multikulturell  und genauso vorurteilsbelastet. Man kann japanischen Rabbinern begegnen, jüdischen Antisemiten und Leuten, die sich für die Reinkarnation König Davids halten, ohne sich mehr als ein, zwei Kilometer weit zu bewegen. Was heißt, dass Israel in vielen Dingen ist wie Amerika oder die demokratischeren Teile der Welt und so wenig wie der Großteil des undemokratischen Nahen/Mittleren Ostens, wo Unterschiede bestraft werden und anderer Meinung zu sein ein Verbrechen ist. Und in genau das würde sich Israel verwandeln, sollten die professionell um die Demokratie Besorgten ihren Willen bekommen.

Der Zionismus ist, wie jede Nationalbewegung, das idealistische Sprungbrett für eine reale Gesellschaft. Und reale Gesellschaften sind hässlich. Sie haben große Momente und sie haben hässliche. Für jede noble Ansprache gibt es einen unehrenhaften Skandal. Und für jede Tugend gibt es ein Verbrechen. Für diejenigen, die sich so anspruchsvoll um Israels Demokratie sorgen, gibt es neben der Dämonisierung des größten Teils des Landes, weil die einfach nicht so stimmen, wie sie sollen, eine ganz einfach Lösung: Hinziehen und selbst abstimmen.

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