Die Al-Jazira-Dokumente

Al-Jazira hat nach eigenen Angaben Dokumente erhalten, von denen es behauptet, sie böten einen Einblick in die Gespräche und Verhandlungen zwischen der PA und der Regierung Olmert bzw. US-Vermittler George Mitchell und auch der damaligen US-Außenministerin Rice. Sie sollen zeigen, dass die PA unglaublich große Zugeständnisse gemacht habe: Praktisch alle „jüdischen“ „Ost“-Jerusalemer Viertel (mit Ausnahme von Har Homa) sollen bei Israel bleiben können; einen Landtausch (recht stark konkretisiert) wird akzeptiert; und Ma’ale Adumim soll den Arabern zugeschlagen und entjudet werden. Das jüdische und das armenische Viertel der Jerusalemer Altstadt sollten bei Israeli verbleiben. Die Kontrolle über den Tempelberg soll Erekat sogar einem internationalen Gremium zugestanden haben. Außerdem soll die PA zu Kompromissen beim „Rückkehrrecht“ der „Flüchtlinge“ bereit gewesen sein. Glaubwürdigkeit wird u.a. mit (eigenen Fassungen von) Olmerts Grenzziehungsvorschlag, deren palästinensische Version und einer angeblich Mahmud Abbas durch Israel Mitte 2008 vorgelegten Karte angestrebt.

Die PA hat diese Angaben sofort heftig bestritten. Viele Teile der Dokumente „wurden gefälscht, als Teil der Hetze gegen die PA und die Palästinenserführung“. Über die „jüdischen Enklaven in Ostjerusalem“ habe man gar nicht verhandelt, weil die Israelis nicht darüber reden wollten. PLO-Generalsekretär Yassir Abed Rabbo sagte in einer Pressekonferenz, die Verhandlungen zwischen PA und Israel gehörten zu den „transparentesten der modernen Geschichte“, um deutlich zu machen, wie absurd die Al-Jazira-Angaben sein sollen. (Das stimmt nicht, denn Olmert bzw. Livni verhandelten völlig abgeschirmt und ohne die Öffentlichkeit zu informieren; auch die PA gab erst einmal nichts dazu bekannt, so lange die Verhandlungen liefen.) Mahmud Abbas betont, dass die PA die Arabische Liga über Verhandlungen mit Israel und den Amerikanern immer voll informiert gehalten habe.

Die PA-Führung wehrt sich gegen die Angaben der Al-Jazira-Leaks auch verbal immer heftiger: Das sei ein Paket an Lügen und Halbwahrheiten, heißt es aus Ramallah. Und: Diese seien Teil der israelischen Hetze (gegen die PA). Es wird betont, dass man keinen Millimeter vor Israel und seinen Forderungen zurückgewichen sei.
Etwas widersprüchlich ist allerdings Abbas‘ Äußerung, die Dokumente bewiesen, dass die Großzügigkeit der PA weiter ging als bisher offen gelegt; allerdings handle es sich um eine heftige Verwechslung (oder auch ein „Durcheinander“), weil als palästinensisch dargestellte Dinge in Wirklichkeit israelische seien.

Das wiederum sei Absicht. Und damit begründen sie in der Fatah und PLO die Vermutung (sie selbst sind sich da absolut sicher), dass es sich um eine gezielte Kampagne gegen die PA handelt. Al-Jazira wolle die PA und ihren Präsidenten Abbas systematisch so schädigen, wie Israel es mit Yassir Arafat gemacht habe (eine angebliche Kampagne vor Camp David 2000).

Die Hamas höhnt natürlich, die Dokumente bewiesen, dass die PA Verrat am palästinensischen Volk übt. Andere, von denen nicht bekannt ist, dass sie der Hamas in die Hände spielen würden, stimmen ein: Bassam Abu Sharif, ehemaliger Arafat-Berater und auf Kriegsfuß mit der PA, bezeichnet die Dokument als „glaubwürdig“, ohne am darin beschriebenen Geschehen beteiligt gewesen zu sein.

Interessant sind einige israelische Reaktionen. Tzipi Livni will sich nicht äußern, angeblich um ihre Vertraulichkeit nicht zu verletzen und um israelische Interessen zu schützen, prahlt aber mit dem persönlichen Preis, den sie wegen ihrer Verhandlungen und sie vertraulich zu halten hätte zahlen müssen. Außerdem betont sie, während ihrer Verhandlungen alle Grundlagen gelegt zu haben, um den Konflikt verantwortungsvoll und ernsthaft zu beenden – implizit wieder die Behauptung, dass Netanyahu keinen Frieden will und diese Grundlagen zerstört habe.

Avigdor Lieberman will in den Veröffentlichungen den Beweis sehen, dass keine noch so linke Regierung einen Frieden mit den Palästinensern erzielen kann. Olmert und Livni hatten keinen Erfolg.

Olmert selbst lässt sagen, dass die Dokumente jede Menge „Ungenauigkeiten“ enthalten. Hochrangige israelische Beteiligte an den Verhandlungen sagen, die „veröffentlichten Äußerungen sind unwahr“.

Was ist von den Veröffentlichungen zu halten?

Befremdend ist, dass die Dokumente praktisch die israelische Position der PA zuweisen. Diese hat IMMER das Gegenteil von dem verkündet, was diese Dokumente behaupten. Nun wäre es nicht verwunderlich, wenn die Terrorchefs in Ramallah lügen, aber eine derartige grobe Wende ist selbst ihnen nicht zuzutrauen, zumal die bisher berichtete Version (Olmerts unglaublich dummes Angebot mit der rüden Ablehnung der PalAraber, denen selbst das nicht genug war) von niemandem bestritten wurde. Es wäre für die Araber ein Propagandaerfolg gewesen, Israel bloßzustellen und es glaubwürdig als Friedensfeind darstellen zu können. (Das hindert z.B. die ARD aber nicht daran die Dokumente für glaubwürdig zu halten und Israel explizit als nicht friedenswillig zu denunzieren, weil diese Dokumente das ja genauso belegen wie die Friedenssehnsucht und Kompromissbereitschaft der Araber. (tagesschau von heute, 20 Uhr)

Sollte die hier den Arabern zugeschriebene Position von denen wirklich vertreten worden sein, dann wäre Israels Haltung eine einzige Lüge – genau das, was unsere „Israelkritiker“ ja immer so gerne kolportieren. Aber wieso sollte Israel dem nicht zustimmen, was es immer wieder gefordert hat? Und wieso sollten die Araber in der Öffentlichkeit derart gegenteilig reden, wenn ihr Angebot so aussah, wie Al-Jazira behauptet? Hätten sie nicht wenigstens ansatzweise etwas unternehmen müssen, um ihr Volk auf die Wende vorzubereiten?

Störend auch die Wortwahl, die Saeb Erekat in den Mund gelegt wird: Er redet von „Jerusalem“, nicht Al-Quds, als er angeblich die Großzügigkeit seines Angebots betont – und benutzte das Hebräische Wort dafür. Wie glaubwürdig ist das? Hat es je eine Gelegenheit gegeben, bei der etwas derartiges geschah? Ich kenne das nur umgekehrt: Ein durchgeknallter israelischer Linker bekniete über das Fernsehen Yassir Arafat: „Abu Amar, hab‘ keine Angst!“ Da wollte sich einer anbiedern, um seine extremistische Agenda durchzubekommen, der träumte Arafat sei nicht der Extremist und Terrorchef, der er war.

Weiterhin stinkt, dass Al-Jazira sich den britischen Guardian als Kooperationspartner aussuchte. Das Blatt ist als übelste Antiisrael-Propagandamaschine bekannt. Für eine seriöse Story hätten sich die Araber ein internationales Medium besserer Reputation und mehr Reichweite suchen können. Die BBC ist ebenfalls antiisraelische bis zum Geht-nicht-mehr, allerdings auch dafür bekannt, dass sie gerne recherchieren. Üble Sauereien begehen sie selbst, aber sie wollen ungern anderen aufsitzen. Ein US-Organ wie die New York Times oder die Washington Post wäre ebenfalls nicht schlecht gewesen. Aber die Qataris suchten sich ein Organ aus, bei dem sie sicher sein konnten, dass sie das auf jeden Fall fressen.

Alles in allem habe ich Zweifel, dass an den Dokumenten etwa echt ist. Zum ersten Mal gebe ich der PA – in Teilen – Recht: Das ist konstruiert, um etwas zu erreichen. Ob sie damit wirklich die PA denunzieren wollen oder das nur ein Nebenprodukt ist, während Israel das Hauptziel ist und „bewiesen“ werden soll, dass die Juden Friedensfeinde, Araberfresser und illegale Okkupanten und Unterdrücker sind, kann noch nicht gesagt werden.

Die ARD ist Al-Jazira allerdings schon auf den Leim gegangen. Nur allzu gerne, natürlich.

(Alle Al-Jazira-Links über IMRA erhalten.)

7 Gedanken zu “Die Al-Jazira-Dokumente

  1. Nabil Shaath hat die Katze schon aus dem Sack gelassen. Halt Dich gut fest und atme tiiief durch, damit Du es verkraftest: die Dokumente sind echt, vielleicht nicht in jedem Detail treu wiedergegeben, aber sie sind echt.

    http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4018817,00.html

    (Wie auch Elliott Abrams meinte. http://blogs.cfr.org/abrams/2011/01/24/the-palestine-papers-first-look/?utm_source=feedburner&utm_medium=twitter&utm_campaign=Feed:+eabrams+(Elliott+Abrams:+Pressure+Points)&utm_content=Twitter )

    Da bist Du aber platt!

    • Hm, gleich zwei, die mit der PA ihre Hühnchen zu rupfen haben. Da bin ich eehr skeptisch, was den Wahrheitsgehalt der beiden angeht.

    • Ich denke mal, diese Einschätzung hier sagt auch viel – nämlich dass, sollten die Dokumente authentisch sein, ihr Wahrheitsgehalt eher beschränkt sein dürfte:
      Palestinian officials reviewing the documents after the meetings may have “improved” them, putting words in their own mouths (rather in the way our own members of Congress can “revise and extend” their remarks to improve them) or with less friendly objectives putting words in the mouths of others.

    • Und dieser Punkt spricht auch nicht für die Interpretation, dass die Palästinenser großzügige Angebote machten, die die Israelis ablehnten:
      what some newspapers are calling “offers” or “agreements” made in the 2007-2008 negotiations are far less than that–are in fact most often preliminary probes or efforts to smoke out the other side.

  2. Allerdings denke ich, dass Khaled Abu Toameh wahrscheinlich recht hat: Was Al-Jazira da gemacht hat, dürfte der PA-Führung wahrscheinlich den Garaus machen.

  3. Saeb Erekat: „On several occasions I have said on al-Jazeera that we, the Palestinian Authority, would never give up any of our rights. If we did indeed offer Israel the Jewish and Armenian quarters of Jerusalem, and the biggest Yerushalayim as they claim, then why did Israel not sign a final status agreement?“ he asked. „Is it not strange that we would offer all these concessions which Israel demands, yet there is still no peace deal?“
    Mein Reden – hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mit diesem Schandmaul einmal etwas gemein haben würde…

  4. Nachdenken. Auf reale Situation transferieren.

    Wie auch immer: diese Dokumente werden eine Wirkung haben, und zwar unabhängig davon, ob sie authentisch, selektiert oder fabriziert sind.

    Es wäre nicht die schlechteste Idee, sich darauf einzurichten. Eine Überlegung wäre, ob die israelische Führung den Angeboten denn hätte vertrauen können.

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