Experten: Israel hat Angst vor Demokratie

Franziska Engelhardt vom Schweizer Fernsehen berichtet nur – hoffe ich. Denn was sich diese „Experten“ da wieder leisten, ist unter aller Kanone.

Die Schlagzeile steht in „Gänsefüßchen“, zeigt damit an, dass es sich um ein Zitat handelt: „Israel hat wenig Interesse an demokratischen Nachbarländern“. Im Teaser folgt die erste Klatsche für den Judenstaat: „Israel, das sich bis anhin als einzige Demokratie im Nahen Osten rühmt, kommt eine demokratisierte Nachbarschaft nicht sehr gelegen.“ Ergänzt durch „Dies sagen Nahost-Experten gegenüber «tagesschau.st.tv».

Schnell wieder dafür gesorgt, dass man nicht selbst dafür haftbar gemacht werden kann, man zitiert ja nur. Vielleicht ist es ja auch tatsächlich so. Dann folgen die Experten:

Arnold Hottinger, langjähriger NZZ-Nahostkorrespondent:

Die israelische Regierung will Land besetzen und keinen Frieden haben. Das Land hätte mehr Probleme mit demokratisierten, arabischen Nachbargesellschaften». Dies ist die Einschätzung Hottingers auf die Frage, wie sich eine mögliche Demokratisierungswelle auf Israel auswirken würde.

Diese Koryphäe fängt gleich mit etwas an, das kompletter Blödsinn ist. Israel hat immer wieder bewiesen, dass es auf Land verzichtet, wenn es Frieden bekommen kann. Wobei „kann“ besonders wichtig ist, denn in den meisten Fällen hat es keinen Frieden bekommen, sondern weiteren Krieg; nach dem Suezkrieg bekam es keinen Frieden; nach dem Abzug aus Teilen des Golans im Zuge der Waffenstillstandsvereinbarungen mit Syrien 1974 bekam es keinen Frieden; nach dem Friedensschluss mit Ägypten zog es sich zum zweiten Mal aus dem Sinai zurück (aber was für ein Frieden ist das?); aus dem Libanon zog es sich noch nicht einmal mit einer Vereinbarung zurück und bekam nur mehr Terror; noch schlimmer kam es nach dem Abzug aus dem Gazastreifen 2005. Wenn Hottinger also behauptet, Israels Regierung wolle Land besetzen, dann hat er entweder keine Ahnung oder er ist böswillig. Beides zeichnet ihn als typischen Experten europäischer Prägung aus.

„Aber sollten [sic] es tatsächlich in mehreren arabischen Ländern dazu kommen, dann wäre dies problematisch für Israel“, vermutet Hottinger.
Er denkt, dass alle arabischen Bevölkerungen härtere Linien gegen Israel fahren würden, als es dies die jetzigen Regierungen tun.

Das mag er denken und wahrscheinlich sogar Recht haben mit dem Versuch der härteren Linie – aber was soll das Problem für Israel sein? Dass die Bevölkerung auf einmal die Regierung macht? Und dann auch offiziell hinter verschlossenen Türen so redet, wie die bisherigen Regierungen dieser Länder „inoffiziell“ handelten und ihre Presse offen tönen ließen? Wie soll diese „härtere Linie“ aussehen? Meint Hottinger, dass die neuen, demokratischen Regierungen dann einen Krieg gegen Israel anfangen? Isoliert ist Israel ohnehin schon. Die zwei Staaten, mit denen es Friedensverträge hat, wetteifern mit den anderen um die Krone der Hetze. So lange kein Krieg begonnen wird, hat Israel kein Problem.

Dann noch ein Schmankerl:

Für die ägyptische Bevölkerung beispielsweise ist es ein Skandal, dass Hosni Mubarak mit den Israeli in Sachen Gaza-Blockade zusammenarbeitet – und damit die Palästinenser hungern lässt.

Verbreitet er hier bewusst die Unwahrheit von der Hungersnot in Gaza oder gibt er „nur“ „neutral“ die vermutliche Volksmeinung wieder, wenn er den Hunger anführt? Aber wer verbreitet denn diese Mär? Die von den Potentaten kontrollierten Medien. Selbst in Ägypten hat Mubarak das nicht verhindert – also zugelassen. In Jordanien ist es ebenso – mit dem Unterschied, dass König Hussein das noch in Grenzen hielt, während sein Sohn sich selbst auch immer mehr in der Hetz-Rhetorik gefällt. Welchen Unterschied soll das für Israel machen?

Hottinger wird von Pascal Weber (SRF, Israel) sekundiert: Die Regierung Israels hat wenig Interesse and einer politischen Veränderung im Nahen Osten, aber aus anderen Gründen: „Eine Demokratie bedeute für Israel mehr Instabilität und Ungewissheit, weil sie schneller wandelbar sei.“ Ah ja. Sind Demokratien eher geneigt, Kriege zu führen und Israel anzugreifen? Neigen Demokratien weniger dazu öffentliche Regierungsäußerungen auf der diplomatischen Ebene hinter verschlossenen Türen nicht mit dem übereinstimmen zu lassen, was der eigenen Öffentlichkeit verbreitet wird? Heucheln Diktaturen weniger als Demokratien? Oder will er uns nur sagen, dass da eine arabisch-muslimische Demokratie eher über kurz als über lang dann doch islamistisch wird – und damit keine Demokratie mehr ist?

Da nützt es nichts, dass Weber doziert, Israel habe sich ganz gut eingerichtet und Mubarak sei ein Verbündeter. Israel (jedenfalls die nicht extreme Linke dort) weiß, dass Ägypten kein Verbündeter ist, sondern nur eine Fassade aufrecht erhält, von der Kairo meint, sie nutze dem Regime. Tut sie ja auch…

Dabei geht es Netanyahu laut Weber gar nicht darum, dass er Demokratie nicht mag. Was für eine Erkenntnis! Ein bösrechter israelischer Ministerpräsident findet Demokratie nicht schlecht? Wo gibt’s denn so was? Weber ist ja schon fast ein Revoluzzer! Nun ja, er schränkt das ja mit dem Adjektiv „grundsätzlich“ ein. Und wovor hat Netanyahu Angst? Ah, vor den Islamisten, die da an die Macht kommen könnten! Ist ja auch recht unwahrscheinlich, dass Islamisten das gelingt und noch unwahrscheinlicher, dass die dann schlimme Finger sind, nicht wahr?

Hottinger findet weiter, dass die USA, „Israels Hauptstütze“, genauso denken, weshalb Amerika mit „den Diktatoren vieler arabischer Länder gute Beziehungen“ pflegen. Ah, die Europäer sind da wohl anders, besonders in Sachen Iran, nicht wahr? Oh, Entschuldigung, Amerika hat ja „eine neue Linie eingeschlagen, es hat gemerkt, dass die Diktatoren keine Zukunft haben“. Ja, Obama, der Messias – und was hat er damit erreicht? Dass sie ihn überall in der islamischen Welt als einen Typen betrachten, den sie verarschen können und der ein absolutes Weichei ist, mit dem man den Molli machen kann. Aber das sehen solche Experten ja nun ganz anders:

«Israel muss Angst haben, dass sich die amerikanische Linie zu ihren Ungunsten verändert. Wenn es plötzlich mehrere Demokratien im Nahen Osten gibt, dann hat Israel nicht mehr die einzige. Und damit würde das Land von den USA weniger gestützt», so Hottinger.

Klar doch, Obama unterstützt Demokratien und lässt Israel fallen. Haben die ersten zwei Jahre ja gezeigt, wie der Demokratien unterstützt – in Honduras wurde einer gestützt, der eine Diktatur aufbauen wollte und als die Demokratie sich gegen ihn wehrte, wurde sie zum Paria. Syrien, eine der schlimmsten Diktaturen, wird seit 2009 hofiert und hat jetzt wieder volle diplomatische Beziehungen zu den USA. Braucht es Demokratie, um mit Obama kuscheln zu dürfen? Nö. Das Gegenteil ist eher der Fall, denn echte Demokratien hat der Mann bis heute lieber vor den Kopf gestoßen, als es sich mit Diktatoren zu verderben. Israel gehört vom Anfang seiner Präsidentschaft zu denen, die vor den Kopf gestoßen und herumgeschubst werden.

«Wenn es künftig rund um Israel friedliebende Demokratien geben sollte, dann wird es schwierig für die Regierung, ihre Position zu rechtfertigen. Denn diese baut ihre Angst auf dem Islamismus auf», sagte Weber.

Natürlich. Auf die Idee, dass Israel sich mit Demokratien vielleicht wirklich einigen könnte, statt die Scharaden der Terroristen und Diktatoren umschiffen zu müssen, kommt das Superhirn nicht. Was übrigens offenbart, wie der Typ tickt: Israel, die Demokratie, ist schlecht. Israel ist gar nicht demokratisch, weil es keine Demokratien um sich herum haben will. Israel ist nicht friedenswillig (deshalb will es ja auch unbedingt mit Abbas verhandeln – ach ja, das ist ja nicht ernst, weil die Terroristen ihre Forderungen nicht durchsetzen können und deshalb zurecht Verhandlungen verweigern…). Israel will Land (oben schon als Blödsinn entlarvt).

Es ist wie üblich bei europäischen „Experten“: Das Bild muss stimmen und in diesem ist Israel grundsätzlich der Böse und die Araber sind die Guten. Die Araber springen als Demokratie dann zwar härter mit Israel um, aber das ist ja auch gerechtfertigt, weil Israel nur das Böse will. Ach nein, nur diese böse Regierung ist friedensunfähig. So wie die Regierung Olmert; und die Regierung Barak; und die Regierung Peres; und die Regierung Rabin – ach nein, der nicht, der hat nicht lang genug überlebt, um so hingestellt zu werden.

Den „Experten“ fällt wahrscheinlich gar nicht auf, wie verlogen sie da reden. Sie glauben den Palli-Leaks von Al-Jazira und müssen damit auch einer Tzipi Livni unterstellen, dass sie keinen Frieden will – die den Arabern mindestens so viel anzubieten bereit ist, wie Barak 2000 und Olmert 2008; eher mehr. Ja, wer soll denn Israel regieren, bis die Experten zufrieden sind? Uri Avnery wäre wohl die einzige Möglichkeit eine israelische Regierung zu bekommen, die nicht innerhalb kürzester Zeit in Grund und Boden verdammt wird. Aber wahrscheinlich müssten sie Felicia Langer, die Hausfrau-Tochter aus dem Kandertal und weitere solche Vögel Israel auflösen, damit die „Experten“ zufriedengestellt werden. Dann können diese Juden nicht mehr „rühmen“, sondern sind so gestutzt, wie es sich gehört.

4 Gedanken zu “Experten: Israel hat Angst vor Demokratie

  1. mit diesen künstlichen oder besser gesagt zwangs-Vorstellungen entlarvt sich der Antisemit. Fehlt nur noch, dass die Israel für das Ausbleiben einer demokratischen Entwicklung in den Nachbarländern verantwortlich machen. Am besten gleich die USA mitverantwortlich machen. Der grosse und der kleine Teufel sind an allem schuld.

  2. dürfte dich interessieren, denn hier erfolgt bereits die „israelkritische“ Umdeutung, bei der den „Revolutionen“ völlig unreflektiert der Charakter als „Demokratisierung“ attestiert wird:

    Ob die Revolutionen in Tunesien und Ägypten einen Domino-Effekt wie 1989 bewirken, kann niemand vorhersagen. Irritierend ist nur, dass Israel noch immer den arabischen Despoten die Hand reicht, anstatt mithilfe kluger Diplomatie neue Sicherheitsgarantien mit den Nachfolgern von Mubarak und Co. auszuhandeln.
    http://www.theeuropean.de/christian-boehme/5612-umbruch-im-arabischen-raum

    Ganz anders Wolffsohn:

    „Das Volk steht auf gegen die alten Herrscher, doch wie soll es nach der Revolution in Tunesien und Ägypten weitergehen? Die Geschichte lehrt, dass auf eine Phase der Liberalität nach Revolutionen oft schnell ein totalitäres Regime folgt.

    […] Das Muster ist klar: Schritt eins ist die Befreiung. Beim zweiten Schritt übernehmen die Gemäßigten. Die Erwartungen der Bevölkerung sind riesig und können nicht schnell genug erfüllt, die erhoffte „Ware“ – sprich: Lebensverbesserung – kann nicht sofort „geliefert“ werden. Nun schlägt die Stunde der Radikalen, Schritt drei. Sie übernehmen das Ruder und verdrängen die Gemäßigten. Dagegen bäumen diese sich auf. Vergeblich. Das Radikalen-Regime greift zu Unterdrückung und Terror. Das gemäßigte Bürgertum hat statt Teufel nun Beelzebub. Warum sollte es in Ägypten und Tunesien anders sein?“
    http://www.wolffsohn.de/index.php?mact=News,cntnt01,detail,0&cntnt01articleid=340&cntnt01returnid=15

    • Schauen wir uns die Umfragen in Ägypten an – mehr als 3/4 der Menschen sind Judenhasser und wollen den Friedensvertrag mit Israel aufkündigen. Wundert es, dass Israel da sehr zurückhaltend ist? So viel zu den Boehmes…
      Wolffsohn: Ich fürchte, da wrid dieser Schritt 2 gar nicht groß zum Tragen kommen. Und die Extremisten haben tatsächlich immer gelauert, um sich die Macht zu krallen, sobald es eine Möglichkeit gibt. Obama und Europa arbeiten kräftig daran, dass der 2. Schritt ausgelassen werden kann, indem sie die Mudlimbruderschaft jetzt schon wie die zukünftigen Herrscher umschmeicheln.

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