Israel und arabische Demokratie

Caroline Glick, 4. Februar 2011

Im Verlauf der letzten Woche ist Israel kritisiert worden, es unterstütze den demokratischen Wandel in Ägypten nicht ausreichend. Während Premierminister Benjamin Netanyahu darauf Acht gab die Sache der Demokratie zu loben, während er vor den Gefahren einer islamische Machtergreifung im bevölkerungsreichsten arabischen Staat warnte, sind viele Israelis nicht so diplomatisch gewesen.

Um zu verstehen warum, muss man eine kleine Tour durch die arabische Welt unternehmen.

Mitten in der tunesischen Revolution des letzten Monats stellte die Jewish Agency Geld für die Evakuierung der Mitglieder der jüdischen Gemeinde des Landes, die es zu verlassen wünschten. Bis zum ende der französischen Kolonialherrschaft 1956 zählte die jüdische Gemeinschaft Tunesiens 100.000 Mitglieder. Aber wie in allen jüdischen Gemeinschaften in der arabischen Welt zwang das Aufkommen des arabischen Nationalismus Mitte des 20. Jahrhunderts die überwältigende Mehrzahl der tunesischen Juden das Land zu verlassen. Heute gehört die winzige jüdische Gemeinschaft Tunesiens mit zwischen 1.500 und 3.000 Mitgliedern zu den größten in der arabischen Welt.

Bisher haben sechs Familien das Land Richtung Israel verlassen. Viele weitere dürften folgen. Vor zwei Wochen sagte Daniel Cohen von der jüdischen Gemeinschaft Tunesiens der Ha’aretz: „Wenn die Lage sich weiter entwickelt wie im Moment, werden wird definitiv das Land verlassen oder nach Israel auswandern müssen.“

Seitdem ist Rached Ghannouchi, der Führer der islamistischen Partei Tunesiens, Ennahda, nach 22 Jahren im Exil in London nach Tunesien zurückgekehrt. Er war vom Regime des vertriebenen Präsidenten Zine el-Abidine Ben-Ali wegen Terrorismus-Vorwürfen in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Dann legten Montagabend nicht identifizierte Angreifer Feuer an einer Synagoge in der Stadt Ghabes und verbrannten die Thora-Rollen. Im Interview mit AFP sagte Trabelsi Perez, der Präsident der Ghriba-Synagoge, das Verbrechen sei um so schockierender angesichts der Tatsache, dass sie geschah, als Polizei in der Nähe stationiert war.

Am Tag nach dem Anschlag widersprach Roger Bismuth, Präsident der jüdischen Gemeinschaft Tunesiens, der Ansicht, die Verbrennung der Thora-Rollen habe etwas mit Antisemitismus zu tun. Der Mann, der die jüdische Gemeinschaft Tunesiens vor dem Aufkommen des neuen Regimes repräsentierte, sagte der Jerusalem Post, der Anschlag sei der Fehler der Juden, „weil sie [die Synagoge] offen gelassen hatten… Das ist kein Anschlag auf die jüdische Gemeinde.“

Die Angst, die jetzt bei den Juden Tunesiens umgeht, überrascht nicht. Dieselbe Angst ergriff die weit kleinere jüdische Gemeinschaft, nachdem die USA und Großbritannien 2003 Saddam Husseins Regime stürzten. Die irakische Gemeinschaft war bis zum Zweiten Weltkrieg die älteste und wohl erfolgreichste jüdische Gemeinschaft in der arabischen Welt. Ihre 150.000 Mitglieder waren während der Zeit der britischen Herrschaft führende Geschäftsleute und Staatsbedienstete.

Nach der Gründung Israels entzog die irakische Regierung den Juden des Landes die Staatsbürgerschaft, zwang sie zur Flucht und stahl ihr Eigentum bis hin zu ihren Eheringen. Das enteignete Eigentum der irakischen Juden ist heute auf mehr als 4 Milliarden Dollar wert.

Nur 7.000 Juden blieben nach der Massen-Aliyah von 1951 im Irak. Bis zum  Sturz Saddams im Jahr 2003 verblieben nur noch 32 Juden. Sie waren hauptsächlich Alte und Verarmte. Und Dank der Drohungen der Al-Qaida und der Schikanierung durch die Regierung waren sie alle gezwungen zu fliehen.

Kurz nachdem sie Saddam stürzten, fanden US-Streitkräfte die Archive der jüdischen Gemeinschaft, die im Keller des Gebäudes der Geheimpolizei in Bagdad überschwemmt waren. Das Archiv wurde getrocknet und eingefroren und zur Konservierung in die USA geschickt. Letztes Jahr verlangte die irakische Regierung trotz der Tatsache, dass Saddams Geheimpolizei das Archiv nur in seinem Besitz hatte, weil sie es den Juden stahl, seine Rückgabe als nationaler Schatz.

Als der umkämpfte ägyptische Präsident Hosni Mubarak seine Gegenoffensive gegen die regierungsfeindlichen Demonstranten begann, fingen seine Sprachrohr an zu behaupten, die Demonstranten seien vom Mossad aufgehetzt worden.

Die gegen das Regime Protestierenden ihrerseits behaupten, Mubarak sei eine israelische Marionette. Die Demonstranten schwenken Plakate mit Mubaraks Abbild, das mit einem Davidstern bepflastert ist. Das Foto eines Bildnisses des neu ernannten Vizepräsidenten und Geheimdienstchefs Omar Suleiman brannt auf dem Tahrir-Platz und zeigte ihn als Juden dargestellt.

Am Mittwochabend brachte Zvi Yehezkeli, Kommentator für Arabisches bei Kanal 10 einen bedrückenden Bericht zum Status der Gräber jüdischer Weiser, die in der muslimischen Welt verbrannt wurden. Der Bericht hielt die Reisen von Rabbi Yisrael Gabbai fest, einem ultraorthodoxen Rabbiner, der sich die Mühe machte diese wichtigen Schreine zu bereisen. Wie Yehezkeli berichtete, reiste Gabbai letzte Woche in den Iran und besuchte die Gräber der Purim-Helden Königin Esther und Mordechai, des Juden sowie die der Propheten Daniel und Habakuk.

Er war bewegt in den Iran reisen zu können, nachdem Präsident Mahmud Ahmadinedschad die Zerstörung der Gräber von Esther und Mordechai befahl. Die iranischen Medien folgten Ahmadinedschads Erlass mit einer Kampagne, in der sie behaupteten Esther und Mordechai seien für die Ermordung von 170.000 Iranern verantwortlich.

Gabbais Reisen haben ihn in den Iran, den Gazastreifen, den Jemen, Syrien, den Libanon und darüber hinaus geführt. Und in der gesamten arabischen und muslimischen Welt sind jüdische Friedhöfe, wie auch die schwindenden jüdischen Gemeinden, das Ziel antisemitischer Angriffe. „Wir reden über tausende Friedhöfe in der gesamten arabischen Welt. Es ist überall dasselbe Problem“, sagte er.

Israelis sind in unserer Kritik an der westlichen Unterstützung für die Regimegegner in Ägypten überwältigend unverblümt; das liegt an unserer tief sitzenden Besorgnis, dass das derzeitige Regime durch eines ersetzt wird, das von der Muslimbruderschaft beherrscht wird. Diese repräsentiert ein Minimum von 30 Prozent der Ägypter und sie ist, abgesehen von dem Regime, die einzige gut organisierte politische Kraft des Landes.

Die organisatorischen Fähigkeiten der Muslimbrüder und ihre Bereitschaft Gewalt einzusetzen, um ihre Ziele zu erreichen, wurde wahrscheinlich innerhalb von Stunden nach dem Beginn der Unruhen demonstriert. Kurz nachdem die Demonstrationen begannen, wussten Agenten des palästinensischen Zweigs der Muslimbruderschaft im Gazastreifen – das ist die Hamas – dass sie die Grenze in den Sinai zu überschreiten hatten. Und letzten Donnerstag wurde eine Polizeiwache in Suez mit Panzerfäusten und Brandsätzen angegriffen.

Die Hamas hat eine lange Geschichte an Operationen im Sinai. Sie hat auch enge Verbindungen mit Beduinen-Banden in der Gegend, von denen berichtet wird, sie seien am Angriff auf eine weitere Polizeiwache im nördlichen Sinai beteiligt gewesen.

Der westlichen – und besonders amerikanischen – Bereitschaft vorzugeben, dass die Muslimbruderschaft irgendetwas anderes als eine totalitäre Bewegung ist, wird von den Israelis mit Unglaube und Erstaunen aus dem gesamten politischen Spektrum begegnet.

Es ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Muslimbruderschaft an die Macht kommt, nicht eine Abneigung für arabische Demokratie, die bei Israel dafür gesorgt hat den Volksaufstand gegen Mubaraks Regime zu fürchten. Wäre die Muslimbruderschaft in Ägypten kein Faktor, dann wäre Israel vermutlich gegenüber den Ereignissen dort einfach gleichgültig gewesen, wie es das gegenüber der Entwicklung der Demokratie im Irak und dem Volksaufstand in Tunesien war.

Israels Gleichgültigkeit gegenüber der Demokratisierung der arabischen Welt ist für einige seiner traditionellen Unterstützer in konservativen Kreisen in den USA und Europa Grund für Betroffenheit gewesen. Den Israelis wird Provinzialismus vorgeworfen. Als Bürger der einzigen Demokratie im Nahen Osten werden wir gerügt, dass wir Demokratie bei unseren Nachbarn nicht unterstützen.

Fakt ist, dass die israelische Gleichgültigkeit für demokratische Strömungen in arabischen Gesellschaften nicht Provinzialismus geschuldet ist. Die Israelis sind gleichgültig, weil wir erkennen, dass egal, ob sie unter autoritärer Herrschaft oder in einer Demokratie lebt, für die arabische Welt das einigende Empfindung der Antisemitismus ist. Entzweit entlang sozioökonomischen, Stammes- religiösen, politischen, ethnischen und anderen Linien ist der Kleber, der die arabischen Gesellschaften zusammenbindet, der Hass auf Juden.

Eine Meinungsumfrage des Pew Research Center zu arabischen Haltungen zu Juden vom Juni 2009 macht das klar. 95 Prozent der Ägypter, 97% der Jordanier und Palästinenser sowie 98 Prozent der Libanesen brachten nachteilige Meinungen über Juden zum Ausdruck. Drei Viertel der Türken, Pakistanis und Indonesier äußerten sich ebenfalls feindselig gegenüber Juden.

In der gesamten arabischen und muslimischen Welt ist völkermörderische, antisemitische Propaganda alles durchdringend. Prof. Robert Wistrich schrieb: „Die Allgegenwart des Hasses und der Vorurteile, der von diesem Hardcore-Antisemitismus veranschaulicht wird, übersteigt die Dämonisierung früher historischer Perioden – ob der des christlichen Mittelalters, der Spanischen Inquisition, der Dreyfus-Affäre in Frankreich oder der Judeophobie des zaristischen Russland. Das einzige vergleichbare Beispiel wäre das Nazideutschlands, bei dem wir ebenfalls von einem ‚eliminatorischen Antisemitismus‘ völkermörderischen Ausmaßes sprechen können, der letztlich im Holocaust gipfelte.“

Das ist der Grund, dass für die meisten Israelis die Frage, wie die Araber regiert werden, so irrelevant ist wie es die Ergebnisse der US-Präsidentenwahlen von 1852 für die amerikanischen Schwarzen waren. Da beide davon ausgeschlossen waren, ist ihnen gleichgültig, wer an der Macht ist.

Was diese Zahlen und das antisemitische Verhalten der Araber den Israelis zeigen: Es macht keinen Unterschied, welches Regime wo herrscht. So lange die arabischen Völker Juden hassen, wird es keinen Frieden zwischen ihren Ländern und Israel geben. Niemand wird für besser sein als Mubarak. Es kann nur dasselbe sein oder schlechter werden.

Das ist der Grund, dass niemand von der demokratisch gewählten irakischen Regierung erwartet, dass sie einen Friedensvertrag mit Israel schließt oder auch nur die Beendigung des offiziellen Kriegszustands mit dem jüdischen Staat erwartet. In der Tat bleibt der Irak im offiziellen Kriegszustand mit Israel. Und nachdem der unabhängige Abgeordnete Mithal al-Alus Israel im Jahr 2008 besuchte, wurden zwei seiner Söhne ermordet. Alusis Leben bleibt dauerhaft bedroht.

Einer der stärkere Besorgnis erregenden Aspekte der westlichen Medienberichterstattung zu den Tumulten in Ägypten im Verlauf der letzten beiden Wochen war, dass die Medien jede Spur für den Antisemitismus der Demonstranten beseitigten. John Rosenthal stellte das diese Woche im The Weekly Standard heraus, Die Welt in Deutschland brachte ein Foto auf der Titelseite, das im Hintergrund ein Poster Mubaraks mit eine Davidstern auf der Stirn zeigte. Die Bildunterschrift dazu erwähnte das antisemitische Bild nicht. Und die Online-Ausgabe brachte das Foto gar nicht.

Und Schriftsteller Bruce Bawer vermerkte auf der Internetseite von Pajamas Media, dass Jeanne Moos von CNN die Schilder der Demonstranten absuchte, wobei sie feststellte, wie authentisch und herzerwärmend ihre mit Rechtschreibfehlern behafteten englischen Botschaften waren, es aber zu erwähnen versäumte, dass eines dieser von ihnen gezeigten Schilder Mubarak als Juden porträtierte.

Angesichts der obsessiven Berichterstattung der westlichen Medien zum arabisch-israelischen Konflikt, dann scheint es auf den ersten Blick merkwürdig, dass sie die Häufigkeit von Antisemitismus unter den vermeintlich pro-demokratischen Demonstranten ignorieren. Überlegt man dann, so überrascht das nicht.

Wenn die Medien über den überwältigenden Judenhass in der arabischen Welt im Allgemeinen und in Ägypten im Besonderen berichten würden, würden sie das Narrativ des arabischen Konflikts mit Israel ruinieren. Dieses Narrativ erklärt die Wurzeln des Konflikts durch frustrierten arabisch-palästinensischen Nationalismus. Sie leugnen standhaft jegliche tiefer sitzende Antipathie gegen Juden, die auf den jüdischen Staat projiziert wird. Die Tatsache, dass der eine jüdische Staat alleine gegen 23 arabische und 57 muslimische Staaten steht, deren Bevölkerungen in ihrem Judenhass vereint sind, erfordert notwendigerweise eine Überarbeitung des Narrativs. Also wird ihr Hass ignoriert.

Aber wir Israelis brauchen CNN nicht, um uns zu sagen, welche Gefühle unsere Nachbarn uns gegenüber hegen. Wir wissen das schon. Und weil wir das wissen, wünschen wir ihnen mit ihren Demokratiebewegungen zwar alles Glück und würden das Aufkommen einer toleranten Gesellschaft in Ägypten begrüßen, erkennen wir auch, dass die Toleranz enden wird, was die Juden angeht. Und ob sie nun Demokraten oder Autokraten sind, haben wir die Erwartung, dass sie uns weiter hassen werden.

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