Jean-Jacques Jihad

Es gibt einen Grund, dass Linke und Islamisten kollaborieren: Totalitarismus

Andrew McCarthy, National Review online, 5. März 2011

Das einzige, was absolut nicht tolerierbar war, war wahre Freiheit, die Freiheit des Individuums. Für Jean-Jacques Rousseau wäre der „Gesellschaftsvertrag“ dann nur eine „Leerformel“. Der nicht weiter reduzierbare Kern seines Utopia, das „Vorhaben, das alleine den Übriggebliebenen Macht geben kann“, lautete schlicht: „Wer immer es ablehnt dem allgemeinen Willen zu gehorchen, wird von der Gesamtheit dazu gezwungen es zu tun.“

Ah ja, der „allgemeine Wille“. Jede moderne totalitäre Bewegung steht deshalb in der Schuld des Genfer Philosophen aus dem 18. Jahrhundert, der in „Der Gesellschaftsvertrag“ behauptete, die verpflichtende Versklavung eines Menschen unter den Staat – die Verkörperung dieses allgemeinen Willens – „bedeutet nichts weniger, als dass er dazu gezwungen wird frei zu sein“. Was wir heute „orwellianisch“ nennen, war Rousseau schon lange, bevor es einen Orwell gab. „Freiheit“ war nicht mehr als Unterwerfung.

Das ist der Grund, weshalb Rousseau den Islam so bewunderte.

Die Geschichte des Islam und die der modernen Linken ist eine der Zusammenarbeit, wann immer es ein Hindernis ihrer so unterschiedlichen Konzepte von „sozialer Gerechtigkeit“ und der perfekten Gesellschaft gibt. Es gibt immer Zweckbündnisse, die nicht länger halten als der Feind besteht, der sie einander in die Arme treibt. Aber es sind zuverlässig sie – die Islamisten und die Linken – die zusammenkommen, wenn es in dem Mix eine dritte Partei gibt. Selten wird einer von beiden mit einem gemeinsamen Feind gegen den anderen arbeiten. Heuet ist der gemeinsame Feind der Islamisten und der Linken die individuelle Freiheit, besonders die soziale, wirtschaftliche und ökonomische Freiheit, wie sie von der amerikanischen Verfassung garantiert wird und wie sie von deren Gestaltern entworfen wurde. Gestaltet bedeutet: von Männern geschaffen, die eine Regierung als notwendiges Übel betrachteten, das rigoros eingeschränkt werden muss, damit es nicht die wahre Freiheit verschlingt – nicht als essenziell Gutes, das zum Zweck der Durchsetzung von Vesklavung ermächtigt wird.

Zusammenarbeit von Islamisten und Linken – Beispiele aus der Vergangenheit und solche, die sich direkt vor unserer Nase abspielen – sind zahlreich, so zahlreich, dass ich zugebe von der Regelmäßigkeit der Frage verblüfft bin, ob sie wirklich alle geschehen. Dass es Absprachen gibt, kann nicht geleugnet werden.

Diese Absprachen sind ein wichtiges Thema meines Buches The Grand Jihad: How Islam and the Left Sabotage America (Der Große Jihad: Wie der Islam und die Linke Amerika sabotieren) – wobei „Großer Jihad“ und „Sabotage“ die Begriffe der Islamisten selbst für das sind, was sie als ihren Plan zur „Zerstörung der westlichen Zivilisation“ nennen. Als das Buch im vorigen Frühjahr veröffentlicht wurde, hatte das Center for Constitutional Rights, ein vom radikalen Anwalt William Kunstler in den 1960-er Jahren gegründetes Flaggschiff der Neuen Linken, fast ein Jahrzehnt damit verbracht von im Krieg gegen die Vereinigten Staaten gefangen genommene Jihadisten zu verteidigen anzuführen. Das Muslim Public Affairs Council (MPAC) – dessen Gründer begeisterte Bewunderer der Hisbollah und der Muslimbruderschaft waren und dessen derzeitiger verantwortlicher Direktor direkt nach den Anschlägen des 9/11 sagte: „Wir sollten den Staat Israel auf die Liste der Verdächtigen setzen.“ – stand an der Spitze islamistischer Organisationen, die seinerzeit für die Inkraftsetzung von Obamacare warben, als das MPAC ansonsten nicht mit den zahlreichen Behörden der Exekutive beschäftigt war, die bei ihm regelmäßig Input zu jeder Menge Themen erhalten wollen.

Das alles sollte keine Überraschung sein, da die Geschichte mit Bündnisse aus Islamisten und Linken übersät ist – z.B. die Unterstützung der Muslimbruderschaft für den von der Sowjet-Marionette Gamal Abdel Nasser geführten Coup zum Sturz der von den Briten gestützten ägyptischen Monarchie; der bekannte „islamische Sozialismus“ der pakistanischen Volkspartei; die Mischung aus Islamisten und Linken, aus der die PLO immer bestand. Sagen wir aber einmal, das sei nicht der Fall gewesen. Geben wir vor, die letzten 30 Jahre hätte es nichts gegeben, von den iranischen Kommunisten, die Khomeinis Revolution unterstützten bis zur „Friedens-Flottille“ des letzten Sommers, die eine gemeinsame Anstrengung islamistischer Funktionäre und erklärter Kommunisten wie Bill Ayers war, um Israels Blockade des von der Hamas kontrollierten Gazastreifens zu brechen. Die tagtägliche Kooperation von Islamisten und Linken direkt unter unserer Nase würde immer noch offenkundig sein.

Die interessante Frage ist nicht, ob sie stattfindet, sonder warum. Für jeden, der das Thema untersucht, wie es der Freiheit liebende muslimische Reformer Zuhdi Jasser es getan hat, ist die islamistische Begeisterung für Obamacare leicht zu entschlüsseln. Islamistische Organisationen, erklärt Dr. Jasser, sind kollektivistische Gruppen. Sie gehen direkt mit der sozialistischen Plattform der Muslimbruderschaft konform, die – so drückt es Dr. Jasser aus – darin besteht, „die Macht der Regierung durch Bezugsrechtsprogramme, Steuererhöhungen und die Beschränkung freier Märkte wann und wo immer möglich zu verstärken“. Diese Plattform ist das Erbe von Bruderschaftsgründer Hassan al-Banna und Sayyid Qutb, dem beeindruckendsten Theoretiker der Bruderschaft. Jahrzehnte nach ihrem Tod bleiben diese beiden Männer Pflichtlektüre für angehende islamistische Aktivisten in von der Bruderschaft angeregten Redouten wie der Muslim Student Association, der Islamic Society of North America und dem International Institute of Islamic Thought.

Ein lebhaftes Ziel dieser Organisationen ist es, dass islamische Prinzipien von Regierungen anerkannt und über die Erzwingungsmacht des Staates durchgesetzt werden. Diese Prinzipien müssen nicht mehr als „islamisch“ bekannt sein, als linke Glaubenssätze als „links“ beworben werden. Sie müssen nur widerspiegeln, was Islamisten wie Linke „soziale Gerechtigkeit“ nennen.

Wahrscheinlich wird das am deutlichsten in Qutbs Traktat „Soziale Gerechtigkeit im Islam“ illustriert. Das Buch lehrt, dass es im Islam um das Kollektiv geht und dass diejenigen, die sich der muslimischen Ummah widersetzen „zur Freiheit gezwungen werden müssen“ (wie es Rousseau gesagt haben würde). Nach Qutb ist die „Integration“ der Menschheit in „eine unbedingt notwendige Einheit“ unter der Scharia „eine Voraussetzung für wahres und vollständiges menschliches Leben, was sogar die Anwendung von Gewalt gegen diejenigen rechtfertigt, die von ihr abweichen, damit diejenigen, die vom wahren Weg abgehen auf ihn zurückgeholt werden können“. Das allumfassende Prinzip ist die „wechselseitige Abhängigkeit und Solidarität der Menschheit“, wobei das Wohlergehen des Einzelnen durch seine Unterwerfung unter den islamischen Staat erreicht wird. Und „wer immer den Blick auf dieses Prinzip verloren hat, muss mit allen Mitteln zurück gebracht werden“. Auf diese Weise, führt Qutb näher aus, macht die Scharia „Unglauben“ zu einem „Verbrechen“, das „in der Bestrafung mit dem Verbrechen des Mordes gleich gesetzt ist“. Formen des Verrats wie Abfall vom Glauben und das Schüren von Zwietracht in der Ummah sind Kapitalverbrechen. Wie in allen totalitären Systemen ist Freiheit eine Illusion: Sicherheit durch Versklavung.

Damit befindet sich der Islam in virulenter Gegnerschaft zum Kapitalismus, der Wirtschaftsform der wahren Freiheit. Qutb erläutert die wirtschaftlichen Grundsätze des Islam: Menschliches Leben wird durch große Anhäufungen persönlichen Reichtums und die Bereicherung, die Geldgeber durch Zinseinnahmen auf Kredite gewinnen (die durch die Scharia verboten sind) erniedrigt. Von solchen Abmachungen wird gesagt, dass sie den Schuldner und die Arbeiterklasse versklaven, so dass sie Menschen zu Göttern über andere Menschen machen. Selbstverständlich befürwortet der Islam – nominell – Privateigentum und ist bezüglich der Anreize zu menschlichen Leistungen weniger gleichgültig als die Linke. Das aber nur, weil individuelle Leistung letztlich ein gesellschaftlicher Aktivposten ist, der die Dominanz der Ummah verstärkt. Der „Eigentümer“ der Güter ist lediglich ein Verwalter; sein Reichtum ist Allahs Eigentum. Er unterliegt der Beschlagnahme durch Allahs Vertreter auf Erden, dem islamischen Staat, für das, was als kollektives Gutes der muslimischen Nation erachtet wird.

Das ist die Form des allgemeinen Willens des Islam: dass über die Scharia die zentrale Einbildung durchgesetzt wird, dass es keinen Gott außer Allah gibt. Freiheit war für Qutb eine Befreiung von der Sklaverei des Menschen durch Menschen. Aber keine Befreiung von aller Sklaverei. Freiheit war „Unterwerfung“ unter Allah – und zwar nicht nur spirituelle Unterwerfung, sondern totale Unterwerfung. Autorität ist im Islam einheitlich und unteilbar. Sie erkennt keine Unterschiede zwischen dem Heiligen und dem Säkularen an. Die Scharia ist nicht einfach ein Satz spiritueller Prinzipien. Der Islam ist ein allumfassendes politisches, wirtschaftliches, gesellschaftliches und militärisches Programm mit eigenem Rechtskodex, der jeden einzelnen Aspekt des Lebens reguliert.

Es kann keine Aufgliederung oder Verengung geben. Den Umfang der Scharia zu begrenzen – wie Qutb es formulierte: „den Islam auf die Gefühle und rituellen Zyklen zu beschränken und ihn von der Teilnahme an den Aktivitäten des Lebens auszuschließen und seine vollständige Dominierung einer jeden menschlich-säkularen Aktivität zu hemmen“ – würde sie auf etwas anderes als das göttliche Gesetz reduzieren. Das wäre nicht länger der Islam. Daher hat die Menschheit nicht die Freiheit Allahs Gesetz einzuengen, noch weniger Bestimmungen einzuführen, die ihm widersprechen. Die Gesetzgeber im islamischen Staat sind nicht im westlichen Sinne demokratisch, selbst wenn sie von der Gemeinschaft gewählt sind. In einem Scharia-Staat, so hat Bruderschaftsführer Scheik Yussuf Qaradawi angemerkt, machen Gesetzgeber nicht wirklich Gesetze; sie sind lediglich Behältnisse des göttlichen Gesetzes, das im Wesentlichen vor mehr als einem Jahrtausend in Stein gemeißelt wurde.

Im Islam ist es Allahs Scharia, die die Rolle von Rousseaus allgemeinem Willen füllt. Daher stellte Qutb zu Rousseaus großem Umbruch, der Französischen Revolution, dass das, was sie „theoretisch mit menschlichen Gesetzen begründete… vom Islam in der Praxis vor mehr als vierzehn Jahrhunderten in umfassender und erhabener Form aufgebaut wurde.

Eine solche Symmetrie entging Rousseau nicht; für ihn war Etatismus die „Religion des Bürgers“. Vor allem sollte er das Heilige und das Säkulare in eine einzige Gewalt verschmelzen. Wie in den heidnischen Staaten der Antike schloss Rousseaus Vision des idealen Regimes seine Götter, seine eigenen Schutzpatrone; sie hat ihre Dogmen, ihre Riten und ihren vom Gesetz vorgeschriebenen äußerlichen Kult; außerhalb der Einzelnation, die ihr folgt, ist die ganze Welt in ihrem Sichtfeld ungläubig, fremd und barbarisch; die Pflichten und Rechte des Menschen erweitern sich nur so weit, wie ihre eigenen Altäre reichen.

Die Ähnlichkeit zu Qutbs Islam ist erstaunlich. Für den Islamisten ist die gesamte Welt in unvereinbare Sphären geteilt: die perfekte gesellschaftliche Gerechtigkeit des Dar al-Islam, dem Reich der Muslime, und der unaufgeklärten Dunkelheit, die so bezeichnend Dar al-Harb genannt wird, „das Reich des Krieges“ – ungläubig, fremd und barbarisch.

Kein Wunder also, dass Rousseau den Islam überschwänglich lobte. Aber nicht irgendeinen Islam; sein Lob war für die frühen Muslime reserviert, den ersten Generationen des Islam. „Mahomet vertrat sehr vernünftige Ansichten“, meinte er im Gesellschaftsvertrag. Der Prophet „verband sein politisches System gut zusammen“, machte aus dem zivilen und dem spirituellen eines. „So lange die Form seiner Regierung unter den ihm folgenden Kalifen weitergeführt wurde, war diese Regierung tatsächlich ein einzige und insoweit gut.“ Erst als „die Araber“ von diesem Modell abwichen – als sie, „wohlhabend geworden, gelehrt, zivilisiert, schlaff und feige“, wurden sie „von Barbaren erobert“ – dieser Islam wurde zum Opfer dessen, was Rousseau (und Qutb) als die christliche Dystopie betrachtete: „die Teilung zwischen den beiden Mächten“ der Religion und des Staates.

Die Muslimbruderschaft, daran sollte man sich erinnern, predigt eine salafistische Ideologie: eine Verkürzung auf die Prinzipien der salafia, die „gerecht geführten Kalifen“, die Mohammeds unmittelbare Nachfolger waren. Die Reform des Islam, auf die Banna und Qutb drängten, war eine Aktion zur Säuberung von denselben barbarischen Einflüssen – besonders westlicher, jüdisch-christlicher Einflüsse – die Rousseau als so korrumpierend ansah.

Zwischen Islamisten und Linken gibt es einige bedeutende Unterschiede. Qutb betrachtete den Kommunismus als weitaus wünschenswerter als den Kapitalismus, aber zu sehr besessen von einem wirtschaftlichen Determinismus, der das Spirituelle ignorierte. Die beiden Lager gehen bezüglich der Gleichberechtigung der Frau und der Nichtmuslime auseinander, zu Fragen sexueller Freizügigkeit und Abtreibung. Wenn die Welt nur von Islamisten und Linken bevölkert wäre, könnten sie nicht miteinander auskommen. Ihr Zweckbündnis kann brutal unglückliche Enden haben, sobald der gemeinsame Feind, der sie zusammenführte, erst einmal überwunden wurde. In Ägypten wurden die Islamisten von Nasser brutal verfolgt; im Iran wurden die säkularen Linken von Khomeini vernichtet.

Nichtsdestotrotz ist das, was die Islamisten und die Linken bei all ihren Unterschieden eint, stärker als das, was sie derzeit trennt. Beide unterstützen totalitäre Systeme. Sie würden beide versuchen die Menschheit neu zu schaffen, mit der Absicht uns durch die Verpflichtung auf ihre utopischen Pläne zu perfektionieren. Ihre allgemeiner Wille kann freien Willen nicht ertragen. Beide verabscheuen individuelle Freiheit, uneingeschränkte Vernunft, Gewissensfreiheit, Chancengleichheit statt Ergebnis und bourgeoise Werte, zu denen die Hingabe an fundamentale westliche Prinzipien und Traditionen gehört.

Das ist der Grund, dass Islamisten und Linke zusammenarbeiten. Es ist der Grund, dass sie weiterhin zusammenarbeiten werden, so lange es Widerstand gibt.