Jahreszeiten auf Arabisch

Yaakov Kirschen, DryBones, 18. Juli 2011

Media_httpwwwdrybones_zzewb

Die angenehmen berauschenden Tage des Arabischen Frühlings liegen hinter uns. Es waren die guten, alten Zeiten, als der Westen die süße Brise des Wandels eingeatmet und von Demokratie und dem Aufblühen des neuen Nahen Ostens fantasierte. Es war eine Zeit der unschuldigen Hoffnung, der schönen Blumen und süßen, knuddeligen Hoppelhäschen. Es war Frühling. Doch irgendwie, fast ohne, dass sie es bemerkten, hat die Jahreszeit gewechselt. Irgendwie sind wir in den Sommer gerutscht. Einen langen, heißen arabischen Sommer, in dem die unerbittliche Sonne den Himmel über dir verbrennt und die Hitze am Boden in Wellen um dich herum aufsteigt.

Die Solidarität in Ägypten wandelt sich in hitzige Muslim-Attacken auf koptische Christen. Von der NATO eingerichtete Flugverbotszonen in Libyen verwandelt sich in gezielte Tötungen, Bombenangriffe und die Verführung eines Bürgerkriegs. In Syrien äschert die Hitze ihre Opfer ein und die ganze Welt schaut zu. Ja, wir befinden uns in den Tiefen des arabischen Sommers und der Westen versucht zu ignorieren, was jetzt am Horizont Kraft sammelt. Es ist eine bittere, erbitterte und unvermeidliche Jahreszeit, die von dort hier ankommt – eine, auf die Amerika und der Westen anscheinend völlig unvorbereitet sind: der iranische Winter.

Bevor uns die westlichen Experten den Begriff des Arabischen Frühlings gaben, schwätzten sie vor allem über die Arabische Straße. Es war eine faszinierende Vorstellung. Die arabische Welt war eine Ansammlung von Diktaturen und Monarchien. Jeder Staat lief nach dem Prinzip „ein Mann – eine Stimme“, d.h. der Mann, der das Sagen hatte, war der Mann mit der einen Stimme. Das bedeutete, dass niemand, insbesondere kein westlicher Politiker oder Journalist wusste, was die in diesen totalitären Ländern lebenden Menschen wollten, dachten oder glaubten. Es gab keine Möglichkeit die öffentliche Meinung zu beurteilen, denn die Öffentlichkeit hatte Angst ihre Meinung zu sagen. Also erfanden die angeblichen Experten für den Nahen Osten das Nächstbeste. Sie nannten es die Arabische Straße. Und einige Zeit lang hörten wir ihnen zu, wie sie uns erklärten, was die so genannte Arabische Straße dachte und was die Arabische Straße wollte, bis die Explosion der arabischen Unzufriedenheit sie überraschte. Also prägten sie den Begriff Arabischer Frühling, um das Geschehene zu erklären.

Als ich noch Kind in Brooklyn war, gab es eine beleibte Kindergeschichte, die ich liebte. Sie hieß „Der Grashüpfer und die Ameise“. Es handelt sich um eine Fabel Aesops, aber ich besaß die Kleine Goldschnitt-Ausgabe. Handelnde des kleinen Moralspiels sind ein Grashüpfer, der den ganzen Sommer herumfiedelt und eine Ameise, die sich auf den kommenden Winter vorbereitet. Die Moral von der Geschichte gründet auf der Annahme, dass die Ameise die fleißig ist und der Grashüpfer faul und nur an Spaß interessiert. Aber vielleicht lagen Aesop und die Herausgeber des kleinen goldenen Buches und Walt Disney alle falsch. Vielleicht war es nicht so, dass der Grashüpfer nur faul war und Spaß wollte. Vielleicht war er einfach zu dumm um zu wissen, dass es nicht auf ewig Sommer bleiben würde. Vielleicht wusste er nicht, dass der Winter kommen würde, so wie die Typen, die die amerikanische Außenpolitik betreiben. Die Auswirkungen eines atomar bewaffneten und mit Raketen ausgerüsteten, islamistischen iranischen Staates auf den Verlauf der Geschichte wird umfassend sein… und das um so mehr, als Amerika das zulassen wird.

Was meinen Sie?

3 Gedanken zu “Jahreszeiten auf Arabisch

  1. Hat das nuklear bewaffnete Nordkorea den Süden angegriffen? Nein. Warum nicht? Weil auch die politische Führung Nordkoreas am Leben hängt. Die politische Führung des Iran ist auch nicht anders gestrickt. Die wollen alle leben und dann auch noch gut und komfortabel. Und nicht als Flüchtling in irgendeinem Busch. Immerhin hätte der Iran auch die Möglichkeit, Israel bereits mit konventionellen Mitteln anzugreifen über Hamas und Hezbollah, wenn er die derart aufgerüstet hat, wie immer geschrieben wird. Er könnte praktisch das ganze Land Israel mit Raketenbeschuß überziehen und wäre dann noch fein raus, denn offiziell hätte er damit nichts zu tun. Das Ganze wird überbewertet und ist eher eine Sicherheitsgarantie für den Iran um keinen demokratischen Regimewechsel von aussen aufgedrückt zu bekommen.

    Andererseits ist es den Palästinensern dann ja auch nicht zuzumuten, verstrahltes Gebiet zu besiedeln.

    • 2003 legte der damalige iranische Präsident Hashemi Rafsanjani dar, dass schon „eine einzige Atombombe innerhalb Israels alles zerstören“ würde, während der Schaden des potentiellen Gegenschlags für die islamische Welt begrenzbar sei. „Solch eine Möglichkeit in Betracht zu ziehen, ist nicht irrational.“ Auch mit eine Million Toten, so die Logik Rafsanjanis, würde die islamische Welt noch überleben, während Israel schon vernichtet sei.

      Brauchen Sie es noch deutlicher?

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.