Der Vorsitzende des Pfarrerverbands hat den Schuss immer noch nicht gehört

ideaSpektrum berichtete in der aktuellen Ausgabe (36/2011, S. 6) erneut über die Reaktionen auf die antisemitische Hetzschrift des Dr. Vollmer.

Das Blatt gibt sich neutral und will nur berichten, was völlig legitim ist. Dabei wird ausführlich der Vorsitzende des Pfarrerverbandes, Klaus Weber, zitiert, der im Namen des Vorstands einmal mehr betont, dass die im Pfarrerblatt veröffentlichten Texte ausschließlich die Meinungen der jeweiligen Autoren darstellen und nicht vom Verband selbst getragen werden. Der Pfarrerverband stehe „unmissverständlich“ hinter der Position der Leitung der EKD […] sowie der Erklärungen zahlreicher Landessynoden, […] in denen das Existenzrecht Israels betont werde. Das üblich Bla-bla-bla also.

Dann kommt auch wieder Übliches, das aber keine heiße Luft ist, sondern Programm: Der Vorstand des Pfarrerblattes stellt fest, „dass ‚offenes und freies Forum‘ bleiben solle. Auch künftig werde es für unbequeme Positionen Raum bieten. Die eingegangen Rückmeldungen würden ‚mit großer Sorgfalt‘ geprüft und bewertet. Das Pfarrerblatt werde die kontroversen Leserreaktionen veröffentlichen.“

Sie prüfen also. Hm. Gibt’s dann Noten? Und worauf prüfen sie?

Scherz beiseite – im Pfarrerblatt soll „diskutiert“ werden, hieß es neulich und soll weiter gelten. Dass Diskussion Rede und Gegenrede beinhaltet, die jeweils aufeinander reagieren, scheint da weniger zu gelten, denn wenn im September einfach „geprüfte“ Reaktionen gegenüber gestellt werden, die nicht aufeinander Bezug nehmen, ist das für mein Verständnis keine Diskussion. Aber egal, darum geht es weniger. Das Entlarvende an Herrn Webers Äußerungen ist das hier: Das Pfarrerblatt wird

auch künftig für unbequeme Positionen Raum bieten.

Das Pfarrerblatt bezeichnet Vollmers antisemitische Hetze als „unbequeme Position“. Das ist es also, mehr nicht? Nach Maßgabe des Vorstands des Pfarrerverbandes ist Antisemitismus nur unbequem, man muss ihn also zulassen? Nach Maßgabe des Pfarrerverbandes sind Lüge und übelste Geschichtsklitterung und eine „Unbequemlichkeit“?

Wenn ein Theologe theologischen Unsinn verzapft, was den persönlichen Glauben angeht, kann man das „diskutieren“. Aber wenn ein Theologe (oder sonst wer) diesen Unsinn dazu nutzt dem jüdischen Volk das Selbstbestimmungsrecht abzusprechen, indem er ihm das Recht auf einen eigenen Staat verbietet, dann ist das nicht mehr diskutierbar, sondern schlicht abzulehnen – ohne weitere „Diskussion“. Wenn ein Theologe (oder sonst wer) die Völkermörder rechtfertigt, die Juden umbringen, vernichten und/oder ins Meer treiben wollen, dann ist das kriminell und hat in einem Organ innerhalb der Kirche nichts verloren. Antisemitismus ist keine „Unbequemlichkeit“, sondern inakzeptabel, ohne Wenn und Aber.

Dass der Vorstand des Pfarrerverbandes das nicht begreifen will, spricht Bände. Dieser Vorstand ist eine Truppe, die relativiert, Völkermord und Antisemitismus nicht klar ablehnt und Leuten eine Bühne bietet, die der Kirche und ihren Vertretern (das sind Pfarrer schließlich „auch“) nicht nur einen Bärendienst leistet, sondern klar antiisraelische Positionen zulässt, die der behaupteten Unterstützung der „Positionen der Leitung der EKD … sowie der Erklärungen zahlreicher Landessynoden“ widerspricht.

Der Vorstand des Pfarrerverbandes positioniert sich. Und das ist wahrlich kein Ruhmesblatt, das schon gar nicht von Anstand getragen. Wer „unbequeme Meinungen“ wie die antisemitische des Dr. Vollmer zulässt, ohne ihr auf der Stelle – noch in der selben Ausgabe – entgegenzutreten, der fördert diese; und wer sich diesen Lügen, Verdrehungen, antisemitischen Positionierungen und „historischem Schwachsinn“ (Landesrabbiner Henry G. Brandt) so windelweich „neutral“ gegenüber darstellt, der entlarvt sich als rückgradlos und heuchlerisch. Der betreibt nicht einmal Schadensbegrenzung, denn diese bestünde darin, sich klar gegen Vollmers Hetze zu stellen und klar zu sagen, dass so etwas nicht noch einmal vorkommt.

Wenn diese Redaktion und wenn dieser Verband nicht einmal dazu in der Lage ist, dann stellt er sich letztlich auf die Seite der Antisemiten, Völkermörder, Terroristen und Lügner. Da kann Herr Weber noch so oft sagen, dass die Texte im Organ seines Verbandes ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autoren wiedergeben. Im Pfarrerverband veröffentlichte Texte werfen auch ein Licht auf den Verband selbst; der Umgang mit antisemitischer Hetze eines Autoren und der Kritik daran entlarvt die wahre Haltung des Verbandes. Und die ist offensichtlich übel, denn sie tritt den Lügen und der Hetze nicht entgegen, sondern verharmlost sie als „unbequeme Meinung“ – und legitimiert sie damit. Wer Antisemitismus, Lüge und Geschichtsfälschung legitimiert, ist selbst Teil des Übels.

Ein Gedanke zu “Der Vorsitzende des Pfarrerverbands hat den Schuss immer noch nicht gehört

  1. HaShem macht Hawdala, er gibt jedem die Möglichkeit, sich zu entscheiden, auf welcher Seite er stehen will.
    Die Zeiten werden gefährlicher.

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