Rain Man

Steven Plaut, 6. Januar 2012

Es regnet diese Woche in Israel – ein ungewöhnliches Ereignis. Ich war gestern draußen, als ein leichter Regen fiel; noch nicht einmal genug, dass die Autofahrer die Scheibenwischer an amchten. Eine Gruppe Israelis drängte sich unter der Markise eines Geschäfts, um dort Schutz zu finden und zu warten, bis der „Sturm“ vorüber war. Das erinnerte mich an diesen Text, den ich früher schon über das Leben in Israel eingestellt hatte:

Rain Man

Diese Woche regnete in Israel ziemlich stark. Nicht genug, um den See Genezareth oder das Wasserdefizit in Ordnung zu bringen. Die Behörden sagen, Israel müsse 133 Tage wie diesen haben, um den See zu füllen.

Aber das brachte mich ans Denken und ich dachte, ich sollte meine Gedanken zu Israelis und Regen mit Ihnen teilen. Israelis erfanden den USB-Speicherstick, Heilmittel für Krebs und israelische Komponenten befanden sich in der Rakete, die auf dem Mond landete. Aber die Israelis verstehen Regen einfach nicht.

Vor allem sind Israelis davon überzeugt, dass im Regen rauszugehen tödlich ist. Menschen schmelzen im Regen. Besonders Kinder. Und das muss auch kein sonderlich starker Regen sein. Es ist absolut üblich Israelis Dinge wie dies sagen zu hören: „Ich muss zur Post, aber ich kann nicht gehen, weil es nieselt.“ Postboten hören übrigens auf die Post auszutragen, wenn es regnet. Katjuscha-Raketen machen nur laute Geräusche, aber die Israelis sind überzeugt, dass ein bisschen Niederschlag dich auf jeden Fall umbringen wird.

Bei den ersten Regentropfen leeren sich die israelischen Straßen. Donner ist so ungewöhnlich, dass das Judentum einen besonderen Segen erfunden hat, den man sagt, wenn man ihn hört. Die Winter sind in Israel so mild, dass die typischen Tagestemperaturen im Januar und Februar zwischen 15°C und 25°C betragen. (An meiner Universität ist ein Mathematik-Professor, der dort seit 40 Jahren lehrt und immer noch nicht in langer Hose oder Schuhen auf den Campus gekommen ist.) Wenn beim Regen noch der Wind bläst, sind die Israelis überzeugt, dass der Todesengel das Land heimsucht. Ich verließ einmal mein Gebäude auf dem Campus auf den Karmel-Bergen als die Temperatur 10°C betrug und der Wind blies. Während ich auf den Bus wartete, beschwerten sich alle Israelis um mich herum und schrien, Israel habe sich in Sibirien verwandelt. Eine Reihe russischer Israelis aus Sibirien stand daneben und lag vor Lachen fast am Boden.

Weil der Regen so ungewöhnlich ist, wissen die Israelis nicht, wie man dabei Auto fährt. Wenn die Ampel grün wird und die Räder des Autos durchdrehen, weil die Straße nass ist, dann glauben Israelis, man müsse das Gaspedal durchtreten, um sie schneller drehen zu lassen, bis sie dich mit schlechter Traktion von dem Fleck wegbringen, an dem du feststeckst. Israelis haben keine Erfahrung mit Eis auf der Straße und erkennen das Gefühl eines rutschenden Autos nicht. Wenn sie also auf eine schlüpfrige Straße geraten, merken sie nicht einmal, dass die Räder rutschen.

Israelis haben nie herausbekommen, dass Hüte den Regen aus dem Gesicht und vom Kopf fernhalten. Ihre größte Angst im Regen scheint zu sein, dass der Hut nass werden könnte. Religiöse Israelis tragen immer Hüte, aber sie ziehen ihnen Plastikhüllen über, wenn es regnet, damit sie nicht nass werden und der Regen so das Plastik hinunter in ihr Gesicht laufen kann. Für ultraorthodoxe Israelis ist dem Wetter zu trotzen ein Akt der Frömmigkeit und des Stolzes. Darum werden die Ultraorthodoxen, wenn draußen im August 45°C im Schatten sind, ihre Verachtung für die Meteorologie bekunden, indem sie Wintermäntel tragen. Am besten setzt man sich im Sommer im Bus nicht neben einen Typen mit schwarzem Mantel, wenn die Fenster zu sind.

Teil des israelischen Problems mit Regen manifestiert sich auch in der israelischen Furcht davor im Winter Eiskrem zu essen. Israelis sind allseits und leidenschaftlich überzeugt, dass man, wenn man im Winter Eis isst, eine Racheninfektion bekommt und einen furchtbaren Tod stirbt. Die Infektion wird übrigens vom Kalendermonat verursacht, man wird sie also bekommen, wenn man im Januar Eis isst, auch wenn es draußen 25°C sind. Ich saß einmal im Winter auf einer Bank und aß Eis und die vorbei kommenden Leute kamen immer zu mir und fragten, ob ich diesen Winter eine Schutzimpfung gegen Racheninfektionen bekommen hätte. Israelische Hundebesitzer lassen den Hund immer Woll-Pullover tragen, wenn sie im Regen am Abend bei 10 Grad raus gehen, damit der Hund nicht zu Tode friert.

Bibi Netanyahu isst vermutlich im Winter Eis, aber das liegt zum Teil daran, dass er in seiner Jugend in den USA lebte. Kein anderes israelisches Kabinettsmitglied hat sich jemals durch Eis essen im Winter gefährdet und das Schicksal herausgefordert.

Eine Weile war Israel einzigartig in der Welt, weil israelische Supermärkte etwas vermarkteten, das sie „Winter-Eiskrem“ nannten. Niemand wo auch immer sonst auf der Welt hat je von so etwas gehört. Winter-Eiskrem ist ein wenig weicher als normale Eiskrem und man wollte die Israelis überzeugen, dass es nicht so kalt war wie normale Eiskrem (egal, dass es in demselben Tiefkühler gelagert wurde), so dass man es also essen konnte, ohne das Risiko zu haben sich sofort zu Tode zu quälen. Das hat sich aber nie durchgesetzt, ich vermute, weil die Israelis es dann doch vorzogen den Todesengel nicht in Versuchung zu führen.

Noch etwas ist, dass kein Israeli jemals in der Geschichte in seiner oder ihrer Kontaktanzeige geschrieben hat, dass sie er oder sie gerne lange romantische Spaziergänge im Regen macht. Und wenn man mit einem Israeli ein Date haben will, dann sollte man das NIE in der EIGENEN Kontaktanzeige schreiben. Israelis glauben, Spaziergänge im Regen werden die umbringen. Und wenn wir schon dabei sind: Man sollte auch nie schreiben, dass man im Winter Eiskrem isst.

Und da die Israelis schon Probleme haben Regen zu begreifen, dann haben sie noch MEHR Probleme Schnee zu verstehen. Zugegeben, Schnee ist in diesem Teil der Welt, ungeachtet von Weihnachtskrippen, äußerst ungewöhnlich. Jerusalem hat in der Regel ein- oder zweimal im Jahr Schnee. Auch Safed kann Schnee bekommen, genauso der Golan.

Israelis begreifen Schnee nicht. Ein Schneesturm schweißt alle nordamerikanischen und russischen Israelis zusammen; sie versammeln sich in brüderlicher Glückseligkeit und machen sich über die Sabres lustig, während sie sich einen Ast lachen. Allem voran tragen Israels im Schnee immer Regenschirme, damit die Flocken ihre Hüte und ihr Haar nicht beschädigen. Zweitens binden sie große Plastik-Müllsäcke um die Schuhe, damit der Schnee nicht das Leder oder das Plastik berühren und es zerstören. Und es ist selbstverständlich, dass eine Schneeflocke zu schlucken dich auf der Stelle umbringen wird. Die Israelis begreifen Regen und Schnee nicht. Aber auch Fahrstühle verstehen sie nicht. Jeder einzelne Israeli glaubt, dass man, wenn man im Erdgeschoss steht und in die 10. Etage will, den „ABWÄRTS“-Knopf drücken muss, damit der Fahrstuhl weiß, dass er HERUNTER kommen soll, um dich aufzunehmen und hoch zu fahren. Israelis sind stärker überzeugt, dass Fahrstühle auf diese Weise funktionieren, als dass morgen die Sonne aufgehen wird. Ich versuchte ein paar Male Israelis zu erklären, die den Abwärts-Knopf gedrückt hatten, um hoch zu fahren, dass sie den falschen gedrückt hatten. Als sie meinen amerikanischen Akzent hörten, stießen sie sich einander mit den Ellbogen in die Rippen und kommentierten, wie einfältig und naiv diese Amerikaner doch sind.

In einigen Fällen hat den falschen Fahrstuhlknopf zu drücken zwingend Vorteile. Ich bin überzeugt, dass viele Pläne von Terroristen zur Ermordung von Israelis in großen Gebäuden verhindert wurden, weil die Israelis den Bewaffneten entkamen, indem sie den falschen Fahrstuhlknopf drückten. Sie werden sich erinnern, dass es eine erfolgreiche Ermordung eines israelischen Ministers, Rehavam „Ghandi“ Zeevi, durch Terroristen in einem Jerusalemer Hotel gab. Ich habe den Vorfall untersucht und – leider Gottes – wurde der arme Mann getötet, weil er versehentlich den richtigen Fahrstuhlknopf drückte.

*****

Vor ein paar Tagen war Weihnachten, das in Israel ein ziemlich normaler Arbeitstag ist. Aber es brachte mir ein paar Dinge aus meiner Kindheit in Philadelphia in Erinnerung. Als ich neun Jahre alt war und in der Woche vor Weihnachten in meinem Viertel im Friseurstuhl saß, um meinen zweiwöchentlichen „crew cut“ zu bekommen, kam ein als Weihnachtsmann verkleideter Typ herein. Er begann Lutscher an alle Kinder zu verteilen, die in der Reihe der Friseurstühle saßen, um ihre Haare geschnitten zu bekommen. Als er zu mir kam, war ich etwas scheu und zögerlich. Ich sagte dem „Weihnachtsmann“: „Hör mal, ich bin nicht sicher, ob es in Ordnung ist, wenn ich einen Weihnachtslutscher von dir annehme, denn ich bin jüdisch.“ Der Weihnachtsmann kam ganz nahe an mich heran, zwinkerte mir zu und sagte: „Das ist schon in Ordnung, ich auch!“

3 Gedanken zu “Rain Man

  1. Im Winter ißt der gemeine Israeli Krembo, also eine Art Schoko-Kuß, damit normale Eiscreme ihn nicht umbringt. Allerdings ist der Jubel, mit dem die Leute rauslaufen, wenn der erste Regen fällt, jedes Jahr wieder schön zu sehen. Im Kibbuz tanzen die Kinder auf dem Rasen vor Aufregung und schreien „ha yore, ha yore“, wenn es zum ersten Mal im Jahr regnet.

    Es gibt einen extra Ausdruck für den ersten Regen im Jahr (yore) und einen für den letzten (malkosh). Ab März fragen alle, wenn Regen fällt: ist das nun der Malkosh? Ist es nun schon wieder vorbei?

  2. Oh, und noch was. Eine Studentin, die aus Deutschland kam, rief mich letztes Jahr an, um mir zu erzählen, wie es war. „Und stell dir vor, du wirst es nicht glauben – es hat mitten im Sommer geregnet! Gerade als wir da waren! Mitten im August!“ Ich habe sie aus allen Himmeln gerissen, als ich ihr erzählt habe, daß das der Normalfall ist 🙂 Sie wollte es nicht glauben. Ihre Kinder waren in riesiger Aufregung – sie hatten REgen im Sommer gesehen!

  3. Ach, das ist einfach mein Thema. Sorry.

    Hier ein Link zu einer Geschichte mit einem Bild von im REgen tanzenden Kindern. Damit keiner denkt, ich erfinde sowas.

    http://israelity.com/2010/12/06/rain-rain-come-again-today/

    Und hier ein Bild von einem Ultra-Orthodoxen mit Plastikschutz auf dem Hut.

    Das ist aber, weil die Hüte so kostbar sind. Die würden durch den Regen wirklich verderben, denn sie sind keine Regenhüte. Der festliche Streimel aus Pelz würde nie mehr so schön puschelig sein, wenn er Regen abkriegte…

    http://desertpeace.files.wordpress.com/2012/01/haredi-soldier.jpg?w=477&h=294

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