Einführung in den Nahen Osten

Yoram Ettinger, Israel HaYom, 4. Januar 2012

Im Streben nach Frieden, Allianzen und Interessen haben westliche Politiker dazu tendiert die verblüffenden Realitäten im Nahen Osten auf dem Alter der allzu starken Vereinfachungen und des Wunschdenkens zu opfern. Doch ihre Versuche Politik ohne Grundlagen umzusetzen haben oft dazu gedient Flammen zu entfachen statt regionale Feuer zu löschen.

Der im Libanon geborene Professor Fouad Ajami, angesehener Historiker und ehemaliger Direktor der Nahost-Studien an der John Hopkins Universität, behauptete, die Realitäten in der Region stellen „eine Chronik der Illusionen und Verzweiflung und von Politik dar, die wiederholt in Blutvergießen ausartete“. („The Arab Predicament“, Cambridge University Press, 1990)

Westliche politische Entscheidungsträger und diejenigen, die die öffentliche Meinung formen, würden vom Studium der Schriften einiger Schlüssel-Historiker und -Wissenschaftler profitieren, deren Forschung bestätigt, dass die Grundlagen im Nahen Osten die letzten 14 Jahrhunderte über weitgehend intakt waren.

Zum Beispiel schrieb der verstorbene, im Irak geborene Professor und führende Nahost-Historiker Eli Kedourie von der London School of Economics in „Islam in the Modern World“ (Mansell publishing, 1980): „Die Tatsache, dass er aus muslimischen und arabischen Welt kommende politische Terrorismus ständig in den Schlagzeilen ist, darf die bedeutendere Tatsache nicht verschleiern, dass dieser Terrorismus eine recht alte Geschichte hat … die aus der Welt des Islam nicht leicht zu entfernen sein dürfte.“

Unterdessen schrieb der verstorbene, in Ägypten geborene Professor P. J. Vatikiotis von der London University School of Oriental and African Studies – ein weiterer herausragender Nahost-Historiker – in „Arab and Regional Politics in the Middle East“ (Croom and Helm, 1984): „Die Nutzung des Terrorismus durch [arabische] Staaten oder Herrscher … erfolgte aus innenpolitischen, regionalen und internationalen Zielsetzungen… Herrscher dieser Herkunftsländer und dieses Hintergrunds sind Machtmenschen … Wenn der Islam und diejenigen, die behaupten ihn zu repräsentieren und die sein Recht und seine Herrschaft über den Menschen, die Gesellschaft und die staatliche Gemeinwesen umgesetzt sehen wollen, alle anderen menschlichen Formen von Recht und Herrschaft ablehnen … dann gibt es hier klar eine unüberbrückbare Kluft zwischen ihnen und allen anderen sozialen und politischen Übereinkommen … Die Zweiteilung zwischen dem Islam und allen anderen Systemen weltlicher Regierung und Ordnung ist klar, scharf und dauerhaft; sie ist außerdem feindselig.“

Die Annahme, dass er stürmische arabische Winter von 2011 eine vorübergehende Störung ist, die durch das Allheilmittel einer Verfassung behoben werden kann, ist losgelöst von allen lange andauernden Realitäten in der Region. Darüber hinaus richtete sich die meiste arabische Wut gegen Araber und fand ihren Ausdruck lange vor dem Aufruhr und dem Gemetzel von 2011, der die arabische Straße ergriff. In den 1970-er und 1980-er Jahren wurden rund 200.000 Libanesen bei interner Gewalt getötet; 1982 schlachtet Hafez Assad Zehntausende Syrer ab; Saddam Hussein ermordete rund 200.000 Iraker, während weitere 300.000 Iraker 1980 bis 1986 im Krieg gegen den Iran getötet wurden; im 1983 bis 2011 andauernden Bürgerkriegs wurden rund 2 Millionen Sudanesen wurden getötet und 4 Millionen verdrängt; öffentliche Hinrichtungen und Enthauptungen werden in Saudi-Arabien regelmäßig vorgenommen. Und das sind nur ein paar Beispiele.

Die tiefen Wurzeln der zeitgenössischen islamischen Gewalt werden von Professor Efraim Karsh hervorgehoben; er ist Kopf der Middle East and Mediterranean Studies am Londoner King’s College, Herausgeber des Middle East Quarterly und Autor von „Islamisc Imperialism: A Historiy“ (Yale University Press, 2006): „In der langen Geschichte des islamischen Imperiums wurde die große Kluft zwischen Größenwahn und den Kräften des Lokalpatriotismus immer wieder durch Waffengewalt überbrückt, was Gewalt zu einem Schlüsselelement der islamischen politischen Kultur machte… Arabische Herrscher überzeugten ihre Völker systematisch dazu zu glauben, dass die unabhängige Existenz ihrer jeweiligen Staaten eine vorübergehende Anomalie war. Das Ergebnis war ein Erbe unterdrückerischer Gewalt, die den Nahen Osten [ab dem siebten Jahrhundert] bis ins 21. Jahrhundert heimsuchte. … Es ist zweifelhaft, ob die Gesellschaften des Nahen Ostens in der Lage sein werden … ihr imperialistisches Erbe hinter sich lassen und sich liberale Demokratie westlichen Typs zu eigen machen, für europäische Nationen Jahrhunderte brauchten, um sie zu erreichen…“

Der erwähnte Professor Vatikiotis hielt eine Schlüsselvorlesung für politische US-Entscheidungsträger: „Innerarabische Beziehungen können nicht in ein Spektrum linearer Entwicklung besteckt werden, wo es eine Entwicklung von der Hölle ins Paradies oder umgekehrt gibt. Stattdessen ist ihr Kurs teilweise zyklisch, teilweise ruckartig gewunden und ruht gelegentlich in einer „Grauzone“ aus. Zweitens müssen die amerikanischen Entscheidungen aufgrund der Annahme getroffen werden, dass, was die Araber wollen oder anstreben, nicht immer – wenn überhaupt je – das ist, was die Amerikaner wollen; Fakt ist: Die beiden Anliegen könnten diametral entgegengesetzt sein und sich radikal unterscheiden.“

Westliche Interessen und das Streben nach Frieden würden sich dramatisch verbessern, wenn die Entscheidungen in der westlichen Politik sich auf die Kenntnisse dieser Ältesten der Nahost-Geschichte gründeten. Aus der Geschichte zu lernen bedeutet, dass man teure Fehler vermeidet – statt sie ständig zu wiederholen.

Ein Gedanke zu “Einführung in den Nahen Osten

  1. du setzt lernfähigkeit beim menschen voraus. wir sehen ja, wie gut das die letzten jahrtausende funktioniert hat 😀

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