Zeitgenössischer französischer Antisemitismus: Barometer zur Beurteilung von Problemen in der Gesellschaft

Manfred Gerstenfeld interviewt Shmuel Trigano, 06.02.2012 (direkt vom Autor)

„Die Möglichkeit der Wiedergeburt einer antisemitischen (antizionistischen) Strömung im französischen Empfinden, die sich mit klassischem islamischem Antijudaismus zusammenschließt, spiegelt die Lage der französischen Gesellschaft wider. Neuankömmlinge wie auch Staatsbürger zeigten – seit inzwischen einem Jahrzehnt – wie die symbolische und mythologische Stellung der Juden in der französischen Gesellschaft und der europäischen Mentalität instrumentalisiert werden kann, um die eigene Agenda voranzutreiben. Mehrere politische Parteien, Politiker und Publizisten haben in verschiedenen Bereichen Juden als Hilfsmittel benutzt.

Es gab in der französischen öffentlichen Meinung eine große antisemitische Welle, als im Jahr 2000 der zweite palästinensische Aufstand losbrach. Israel wurde als monströs dargestellt, als Nazistaat, der Kinder töten wollte. Dieser antiisraelische Diskurs hat tiefer liegende Wurzeln. Antisemitische Stereotype waren – wenn auch im Hintergrund – bereits während des Oslo-Prozesses präsent. Juden wurden damals oft beschuldigt sie hätten ‚der Shoah zu sehr ein Denkmal gesetzt‘, um sie für Prestige, Macht und Besitzergreifung auszubeuten.“

Shmuel Trigano ist Professor für Soziologie an der Universität Paris, Präsident des Observatoire du Monde Juif und Autor zahlreicher Bücher, die sich auf jüdische Philosophie und jüdisches politisches Denken fokussieren.

Trigano vermerkte, dass es, um die derzeitige Lage zu verstehen unerlässlich sei, sich nicht nur an die im Jahr 2000 beginnende wesentliche Zunahme des gewalttätigen Antisemitismus in Frankreich zu denken, sondern auch an die Reaktion der Öffentlichkeit darauf. „Sie war, was die Nachkriegszeit betrifft, ohnegleichen. Die Haupttäter waren französische Staatsbürger mit muslimisch-arabischem und subsahara-afrikanischem Immigranten-Hintergrund. Es gab ähnliche – wenn auch nicht so viele – Vorfälle während des ersten Golfkriegs Anfang der 1990-er Jahre.“

Trigano erinnert sich, dass über antisemitische Gewalt sowohl durch die Presse wie die Behörden mehrere Monate lang weitgehend nicht berichtet wurde. „Selbst jüdische Organisationen blieben stumm, höchstwahrscheinlich, wie wir später feststellten, auf Ersuchen der von Lionel Jospin geführten sozialistischen Regierung. Dieses Schweigen war ein weiterer Faktor dafür, dass die jüdische Gemeinde sich sowohl von den französischen Behörden wie von der selbstgefälligen Gesellschaft im Stich gelassen fühlte.

Die Lage der Juden in Frankreich verschlechterte sich, als verschiedene Medien Meinungen zum Ausdruck brachten, dass die Gewalt und der Hass angesichts der Ereignisse im Nahen Osten und der Politik Israels durchaus nachvollziehbar seien. Das implizierte, dass das Schicksal der französischen Juden von der Politik Israels und der französischen Kritik daran bestimmt würde.

Während der ersten Monate der Anschläge forderte das französische Judentum Hilfe, doch niemand hörte zu. Das führte viele französische Juden zu der Erkenntnis, dass ihr Platz und ihre Staatsbürgerschaft im Land inzwischen infrage standen. Sie begriffen, dass die Behörden bereit waren die jüdische Gemeinde für den Erhalt des sozialen Friedens zu opfern. Dieser Standpunkt wurde von der pro-arabischen Politik Frankreichs im Irak-Krieg bekräftigt.

Jüdische Bürger konnten nicht verstehen, dass gewalttätiges Handeln gegen sie im Namen von Entwicklungen in 3.000 Kilometern Entfernung begangen wurde. Heute gibt es gibt es noch Leute, die sich an die Worte des ehemaligen sozialistischen Außenministers Hubert Védrines erinnern, die in verschiedenen Variationen von mehreren Politikern wiederholt wurden: ‚Man muss nicht notwendigerweise schockiert sein, dass junge Franzosen mit Migrationshintergrund eine Leidenschaft für die Palästinenser haben und wegen dem, was ihnen geschieht, sehr erregt sind.‘“

Trigano merkte an: „Einzelne Juden reagierten entsprechend ihrer Erfahrungen aus der Vergangenheit. Eine bekannte französisch-jüdische Psychoanalytikerin, die verstorbene Janine Chasseguet-Smirgel, sagte mir, dass sie sich an die 1930-er Jahre erinnert fühlte. Anfangs schien mir das übertrieben, denn Frankreich gilt als Demokratie und offene Gesellschaft. Dennoch war es schwer zu verstehen, wie der Diskurs der freien Presse eines liberalen Staates derart gleichförmig der Regierung folgen konnte. Daraufhin verstand ich die Realität in der Sowjetunion besser.

Meine eigenen Assoziationen waren bei der Flucht unserer Familie aus Algerien im Juni 1962, als wir zwei Tage lang mit nur zwei Koffern auf einem Militärflugplatz warteten. Wir hatten die Tür unseres Hauses abgeschlossen und waren gegangen, als die Behörden uns im Stich ließen. Wir mussten uns selbst retten, damit wir in dem Chaos nicht getötet wurden.

Diese traumatischen Gefühle haben die französischen Juden nicht losgelassen, obwohl zwei Jahre später Nicolas Sarkozy als Innenminister der neuen Regierung 2002 den Versuch begann den Antisemitismus zu bekämpfen. Vielleicht wurde die Öffentlichkeit sich des Problems zu spät bewusst. In Frankreich ist die Selbstzensur im antisemitischen Diskurs zusammengebrochen. In der Öffentlichkeit wird regelmäßig Antisemitisches zum Ausdruck gebracht. Eine demokratische Regierung kann dieses Phänomen in keiner Weise verändern. Die Medien und die Regierung nennen diesen Antisemitismus fälschlich ‚inter-ethnische Spannungen‘.

Eine Folge der gegen die Juden gerichteten Feindseligkeit ist die zunehmende Entwicklung eines jüdischen mentalen und Verhaltens-Ghettos. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt und zogen sich infolgedessen aus der breiteren Gesellschaft zurück, um unter jüdischen Freunden zu sein. Ein weiteres Phänomen des neuen Jahrhunderts ist die zunehmende Zahl von Schülern und Lehrern an privaten jüdischen Schulen, weil sie sich an öffentlichen Schulen gefährdet und wehrlos fühlen.

Der ideologische Prozess der Förderung antijüdischen Hasses ist seit mehr als zehn Jahren vor einem Hintergrund fortgeführt worden, in dem Islamisten, linksextremistische und rechts gerichtete Kreise sich treffen. Juden sind eine zu schwache Wählerschaft, als dass man von der derzeitigen politischen Strömung eine Veränderung erwarten könnte. Allgemein gesagt gibt es in der öffentlichen Meinung Frankreichs wenig Mitgefühl für die Juden und Israel.“

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Vorsitzender des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs.

Werbeanzeigen