Libysche Juden beobachten das Libyen nach Gaddafi

Manfred Gerstenfeld interviewt Maurice Roumani (direkt vom Autor)

„Libysche Juden begrüßten fast einhellig den Sturz Muammar Gaddafis; sie glaubten, er verdiene sein Schicksal. Gaddafi war berüchtigt dafür antiisraelisch zu sein. Mit den libyschen Juden in Italien veranstaltete er Spielchen: Mal gab er sich ihnen nahe, bei anderen Gelegenheiten distanziert. Bei seinem letzten Besuch in Rom im Jahr 2010 war Gaddafi zu einem Treffen mit den Juden nur während des Sabbat bereit. Er war sich sehr bewusst, dass ein solches Treffen demütigend wäre, da die Juden ihren heiligen Tag würden entweihen müssen. Nur ein paar Frauen trafen sich mit ihm. Sie wurden später vom Großteil der Gemeinde dafür getadelt.

Gaddafi hatte Entschädigungen für das riesige Kollektiv- und Privatvermögen versprochen, das die Juden zurückließen, als sie zur Flucht aus Libyen gezwungen wurden. Allerdings hielt er dieses Versprechen nie. Gaddafi lud außerdem Juden zur Rückkehr nach Libyen ein, was diese als List ansahen. Alles, was sie wollten, war die Rückgewinnung ihres Besitzes oder die Geschäftsverbindungen zu Libyen zu erneuern.“

Maurice Roumani
Maurice Roumani

Professor Maurice Roumani, weltweit anerkannter Experte für das libysche Judentum, lehrte Politik und Naher Osten an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva; er ist Gründungsdirektor des dortigen J. R. Elyachar Center for Sephardi Studies. Das jüngste seiner vielen Bücher heißt „The Jews of Libya: Coexistence, Persecution, Resettlement“ (Die Juden Libyens: Koexistenz, Verfolgung, Umsiedlung; 2008)

Er merkt an: „Die große Mehrheit der libyschen Juden lebt heute in Israel. Sie betrachteten Gaddafis Sturz noch positiver als libysche Juden andernorts – hauptsächlich in Italien, den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Gaddafi hatte wiederholt seine ehemaligen Landsleute in Israel eingeladen nach Libyen zurückzukommen, womit den Palästinensern erlaubt würde Palästina zurückzubekommen. Gaddafi unterstützte außerdem den Terrorismus.

Der allgemeine Konsens unter libyschen Juden gegenüber den derzeitigen Herrschern, dem Nationalen Übergangsrat (Transitional National Council, TNC) besteht in Skepsis und Ambivalenz. Niemand weiß, wohin die Entwicklungen des ‚Arabischen Frühlings‘, einschließlich denjenigen in Libyen, führen werden. Die islamische politisch Kultur Nordafrikas unterscheidet sich von der des Nahen Ostens. In der Vergangenheit war Libyen durch starken Nationalismus und moderaten Islamismus gekennzeichnet. Für die Zukunft gibt es dafür allerdings keine Garantie.

Über Repräsentanten im Ausland hat die World Organization of Libyen Jews in Or Yehuda aus Israel einige Kontakte zum TNC. Gegenwärtig befindet sich das Land erst am Anfang damit sein Haus zu bestellen. Es gibt Stammesrivalitäten, viele Milizen behalten ihre Waffen, es gibt keine nationale Armee und es fehlen Recht und Ordnung. Darüber hinaus gibt es keine politischen Parteien und deshalb keine Zivilgesellschaft. Es wird lange dauern, bis eine libysche Verfassung formuliert und ausgerufen werden kann. Hoffentlich wird dies den Minderheiten einen respektierten Status im Land bringen.

Die Haltung der zukünftigen libyschen Regierung zu den libyschen Juden im Ausland wird weitgehend von ihrer Zusammensetzung abhängen. Es ist viel zu früh um zu bewerten, wie die Rolle der Islamisten aussehen wird oder die der revolutionären Elite. Libyen als muslimisches Land kann die geopolitische Situation im Nahen Osten, einschließlich der Palästinenserfrage, nicht ignorieren.

Der Psychologe David Gerbi ist ein libyscher Jude, der versucht hat in dieser Situation eine aktive Rolle zu übernehmen. Er ist 1955 in Libyen geboren und wurde nach dem Krieg von 1967 zum Flüchtling. Wie so viele andere Juden wurde er nach Italien ausgeflogen. Die libysch-jüdische Gemeinde, die auf 2.500 Jahre Geschichte zurückblicken kann, hörte auf zu existieren, als Gerbi seine Tante – die letzte Jüdin Libyens – 2003 nach Rom holte. Viele Jahre lang war er dafür, Brücken zu den Arabern zu bauen. Gerbi besuchte das Land wieder im Jahr 2007 und erneut 2011, als er versuchte den Opfern der Revolution in den Krankenhäusern humanitäre Hilfe zu bringen.

Als er in Libyen war, versuchte er die ehemaligen Synagogen zu besuchen und ehemalige Friedhöfe zu finden. Viele waren unter Gaddafis Regime vorsätzlich zerstört worden. Gerbi versuchte eine Mauer einzureißen, die das Betreten der Ruinen einer Synagoge in Tripoli verhinderte, doch eine Miliz stoppte ihn. Gerbi ist desillusioniert, denn zuerst wurde er von Gaddafis Anhängern misshandelt und später vom TNC – was so weit ging, dass sein Leben in Gefahr war. Gerbi erkennt heute, dass die TNC-Führung in ihrer Haltung gegenüber den Juden ein doppeltes Spiel treibt und ambivalent ist.

Gerbis Timing war falsch. Er hätte warten sollen, bis sich der Staub legte und erst dann mit dem anfangen, was er machte. Ein Jude, der kommt, um jüdisches Erbe wiederherzustellen, in einem Land, in dem eine Revolution läuft, ist das Letzte, was der TNC am Hals haben wollte.“

Roumani schließt: „Es mag immer noch etwas Sympathie für Juden unter älteren Libyern vorhanden sein. Was die libyschen Juden angeht, so wird die Haltung der Regierung gegenüber der Entschädigungsfrage ein entscheidender Testfall sein. Wenn Entschädigungen für Kollektiv- und Privateigentum gezahlt wird und wenn Synagogen restauriert werden können, könnten die libyschen Juden – zumindest diejenigen, die außerhalb Israels leben – gelegentlich das Land besuchen.“

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Vorsitzender des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs.

Advertisements