Die israelische akademische Linke und die Bewegung Im Tirtzu

Haim Kreisel, Jerusalem Post, 5. Februar 2012

Ich habe mich oft an Marx‘ berühmtes geflügeltes Wort erinnert gefühlt, dass Geschichte sich zweimal ereignet, zuerst als Tragödie, dann als Farce.

In der akademischen Welt, zu der ich gehöre, sind die letzten Beispiele von „Geschichte als Farce“ die jüngsten Versuche einiger meiner Kollegen von der israelischen (radikalen/anti-/post-)zionistischen Linken einen neuen Buhmann zu schaffen, von dem sie dann behaupten können er verfolge sie und stelle eine direkte Bedrohung der Freiheit der israelischen Gesellschaft, wenn nicht gar der westlichen Zivilisation dar.

Ich verweise damit auf die jüngsten lächerlichen Versuche all jene, die sich der wachsenden Stärke dieser Bewegung in der akademischen Welt entgegenstellen, als Erben des toten Senators Joseph McCarthy hinzustellen, insbesondere die Mainstream-Studentenbewegung Im Tirtzu und ihre angebliche „schwarze Liste“.

Ich bestreite die Behauptung nicht, dass Im Tirtzu Listen von Akademikern zusammenstellt, die gegen die zionistische Idee (oder Israel als jüdischen Staat) schreiben und lehren und auch so weit geht, einige von ihnen öffentlich zu kritisieren. Im Tirtzu fordert gelegentlich sogar den Rauswurf eines Akademikers, dessen Gehalt größtenteils von der Regierung gezahlt wird, aber dennoch internationale Boykotte Israels fordert, sogar den der Universität, zu denen sie/er gehört.

Aber das eine „schwarze Liste“ zu nennen, mit all den damit verbundenen historischen Assoziationen, ist – nun: grotesk. Jede Liste ohne wirklichen politischen oder ökonomischen Einfluss ist nicht einmal eine blasse Imitation derjenigen, die vom House for Un-American Acitivities Committee in den USA in den 1950-er Jahren zusammengestellt wurde. Viele der Profis, insbesondere aus der Unterhaltungsindustrie, aber auch solche in der akademischen Gemeinschaft, deren Namen als Mitglieder der Kommunistischen Partei oder auch nur deren Sympathisanten ihren Weg auf die Liste des Komitees fanden, wurden entlassen und für jeden anderen Job abgelehnt. Viele Karrieren wurden zerstört, Familien litten enorm und Paranoia herrschte eine Zeit lang in gewissen Kreisen der amerikanischen Gesellschaft vor (obwohl McCarthy selbst in seinen Glanzzeiten die prominenten Gegner nicht ausgingen).

Doch die Tragödie von gestern wird heute zur Farce; ich kenne keinen von Im Tirtzu kritisierten Akademiker, der/die als Folge davon seinen/ihren Job verloren hat oder dessen/deren akademische Karriere in Gefahr gebracht wurde. Fakt ist: Ich kann als akademischer Insider Zeugnis ablegen, dass Behauptungen Im Tirzus stimmen, in einer Reihe Fakultäten in den Sozialwissenschaften linksextreme (oder „post“-zionistische) Positionen einzunehmen genau genommen einen Vorteil verschafft und sicherlich im Beförderungsprozess hilfreich ist.

Es ist viel leichter ideologische, antiisraelische Artikel zu veröffentlich, als stärker nuancierte und das nicht nur in der öffentlichen Presse, sondern auch in zweitklassigen akademischen Magazinen. Darüber hinaus gibt es tatsächlich eine mächtige Gruppe antiisraelischer Akademiker in der Welt da draußen, die mehr als zufrieden sind Empfehlungsschreiben für Mitreisende in der israelischen akademischen Gemeinschaft zu erstellen; im Verlauf der Jahre habe ich die Gelegenheit gehabt solche Briefe zu lesen.

Der Fall eines meiner Fakultätskollegen, der auf Im Tirzus „schwarzer Liste“ weit oben steht, ist ein typisches Beispiel. Seit er seine berühmt-berüchtigte Kolumne in einer berühmten amerikanischen Zeitung schrieb, in der er zum akademischen Boykott Israels aufrief, hat sein Schicksal eine sicherlich interessante Wendung genommen, die sehr anders aussieht als die, die man erwartet hätte, hört man das Klagen der radikalen Linken.

Er ist – völlig zurecht – aufgrund seiner akademischen Bilanz zum Associate Professor befördert worden; seine außercurricularen politischen Aktivitäten wurden – richtigerweise – von allen Komitees der Universität, die mit seiner Beförderung zu tun hatten, ignoriert. Er wurde von seinen Kollegen in eines der wichtigsten Komitees der Fakultät gewählt und vom Dekan zum Vorsitzenden der Fakultät und Finanzbeauftragten ernannt. Forderungen nach seiner Entlassung durch Leute von außerhalb der Universität werden als lächerlich und sicherlich kontraproduktiv von der akademischen Welt (einschließlich diesen Autors) abgelehnt und stehen bei fast Null, ungeachtet der Selbstdarstellung einiger rechts gerichteter Politiker.

Kurz gesagt: Wir erleben eine außergewöhnliche Form des „Märtyrertums“ für die Sache, ein Punkt, der niemandem von uns in der akademischen Welt entgeht.

Lassen Sie mich hinzufügen, dass die Chancen, dass die ideologisch linksextrem orientierte Fakultät, zu der er gehört – Politik und Regierung – geschlossen wird, praktisch bei Null liegen, trotz der schwer beleidigenden akademischen Berichte, die sie sich von einem sehr prominenten akademischen Komitee eingehandelt hat, das vom Israel Council for Higher Education ernannt wurde, um alle politikwissenschaftlichen Fakultäten des Landes zu untersuchen. Die Fakultät ist in der studentischen Beliebtheit infolge des Berichts sogar gestiegen, wird so gut wie sicher mehr  Posten bekommen (um die akademischen Forderungen des Berichts zu erfüllen) und die neu Ernannten werden  – wenn die Geschichte irgendetwas lehrt – ähnliche ideologische Ansichten aufweisen wie die älteren Mitglieder der Fakultät.

So viel zu Im Tirzus „schwarzer Liste“. Kein Wunder also, dass einige meiner Kollegen derzeit in Facebook unterschreiben, sie wollten, dass auch ihre Namen einer solchen Liste hinzugefügt werden.

Derweil fahren diejenigen, die zur israelischen (radikalen/anti-/post-) zionistischen Linken gehören, damit fort ihre ideologischen Sichtweisen mit dem Inhalt ihrer Herzen in den israelischen Mainstream-Medien (wenn nicht den westlichen Medien) zu verkünden, während sie auf nicht existierende Versuche einprügeln, ihre „freie Meinungsäußerung“ einzuschränken, wann immer sie kritisiert werden.

Warum also dieses ganze Getue? Warum die Notwendigkeit sich als Opfer einer imaginären brutalen Maßregelung durch die Regierung darzustellen? Ist das vielleicht das Ergebnis des wachsenden Drucks alte, fest verwurzelte Gewohnheiten zu ändern wie z.B. niemand einzustellen, der nicht dem eigenen Lager angehört oder Seminare abzuhalten und akademische Konferenzen zu organisieren, in denen selbst zionistische Mainstream-Ansichten wenig, wenn überhaupt zum Tragen kommen – alles unter dem Banner „kritischen“ Denkens und der akademischen Freiheit? Das führt zu der Frage, ob es wirklich schwarze Listen gibt und wenn, wer wirklich deren Opfer sind. Wer versucht hier in Wirklichkeit wen zum Schweigen zu bringen?

Ich kann also all meine Kollegen von der radikalen Linken, die sich über Bedrohung der freien Meinungsäußerung und Versuche die akademische Freiheit einzuschränken beschweren, nur an die unsterblichen Worte des amerikanischen Comicstrips Pogo erinnern: „Wir haben den Feind gestellt und es sind wir.“

Werbeanzeigen