Muslimische Verschwörungstheorien schaden Juden

Manfred Gerstenfeld interviewt Richard Landes (direkt vom Autor)

In diesem neuen Jahrhundert erleben wir das Wiedererwachen von Verschwörungstheorien. Muslimische Gesellschaften ragen am stärksten dabei heraus sie anzufertigen, in Umlauf zu bringen und an sie zu glauben. Die bekannteste Verschwörungstheorie ist wahrscheinlich die, dass die Amerikaner selbst oder der Mossad die Terroranschläge des 9/11 ausführten und nicht die jihadistischen Täter der Al-Qaida. Dieser Glaube durchzieht die Eliten der gesamten muslimischen Welt. In ruhigeren Zeiten blieben Verschwörungstheorien eine Randerscheinung. Nach dem Zweiten Weltkrieg glaubten viele Menschen, die westliche Kultur habe sie definitiv marginalisiert, einschließlich des „Haftbefehls zum Völkermord“ – die Protokolle der Weisen von Zion.

Aus der muslimischen Welt kommende Verschwörungstheorien werden von einem überraschenden weiteren Phänomen begleitet. In der Vergangenheit suchten Verschwörer einen heimtückischen „anderen“ als Verantwortlichen – die Juden, die Aussätzigen, die Hexen, die Kommunisten. Jetzt finden wir Westler, die an Verschwörungstheorien glauben, die sich gegen sie selbst richten – zum Beispiel die über 9/11 – und mit denen sie die paranoiden Beschuldigungen ihrer Feinde bestätigen. Das Lied der postmodernen Verschwörungstheorien lautet: „Wir sind schuld, ‚unser‘ Feind ist unschuldig.“

Richard Landes
Richard Landes

Professor Richard Landes von der Boston University ist als Wissenschaftler für die Zeit des Mittelalters ausgebildet. Er konzentriert sich auf die Interaktion zwischen Eliten und gewöhnlichen Bürgern in verschiedenen Gesellschaften. Er hat viele Bücher veröffentlicht und betreibt mehrere Internetseiten, darunter „The Second Draft“[i] und den Blog „The Augean Stables“.[ii]

Landes stellt fest: Im letzten Jahrtausend westlicher und Nahost-Geschichte gilt, dass um so fiebriger die Verschwörungstheorie war, die Juden um so mehr eine Schlüsselrolle spielten – von den Ritualmord-Vorwürfen und internationalen Komplotten bis hin zu globalen Ambitionen zur Versklavung der Menschheit. Von ihrer Ohnmacht angesichts des Schwarzen Todes in Schrecken versetzte Gemeinschaften machten die Juden verantwortlich und beschuldigten sie die Brunnen zu vergiften, um ihre Nachbarn zu töten. Verschwörungstheorien vereinfachen das moralische Universum mancher Menschen: „Die schlimmen Dinge, die uns passieren, sind nicht unser Fehler, sondern geschehen wegen des Bösen anderer.“

Verschwörungstheorien fordern und rechtfertigen extremes Handeln. Alles ist erlaubt, wenn man um seine bloße Existenz gegen einen Akteur kämpft, der sich „unserer“ Vernichtung verschworen hat. Im schlimmsten Fall sind sie „Haftbefehle zum Völkermord“.[iii]

Das Buch „Die Protokolle der Weisen von Zion“ ist zum Beispiel eine erkennbare Fälschung. Wenn Leser unvoreingenommen sind, können Historiker das dokumentieren.[iv] Aber ein rationales Herangehen hat nur beschränkten Einfluss auf Gläubige, die wie Hitler argumentieren, dass selbst, wenn „Die Protokolle“ eine Fälschung ist, es eine höhere Wahrheit darstellt.[v] Die Schoah bietet das alarmierendste Beispiel: Sie wurde begangen von Menschen im Griff einer Massenparanoia, die an eine gigantische jüdische Verschwörung glaubten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Nazi-Verschwörungstheorien über die Juden Nutznießer der Zuflucht bei arabischen Gastgebern.[vi] Angesichts ihres demütigenden Fehlschlags beim Versuch einen unabhängigen Staat der Dhimmis im Herzen des Dar-al-Islam auszumerzen, wandten sich die Araber den „Protokollen“ zu – nicht eine bunt zusammengewürfelte Armee aus Juden besiegte die Macht von sieben arabischen Armeen, sondern eine riesige internationale Verschwörung.

Seit dem Jahr 2000 hat sich allerdings die Verschwörungsmentalität in der arabischen und muslimischen Welt erheblich verändert. Die Intensität, Vielfalt und Raffinesse der Darstellung der Verschwörungen sind exponentiell gestiegen.[vii] Die Mainstream-Medien sind Gastgeber für alle möglichen Arten von Verschwörungsgeschichten, die von mit dem Blut muslimischer Jungen von Juden hergestelltem Backwerk[viii] bis zu aufwändigen Filmproduktionen reichen, die grauenhafte, blutrünstige jüdische Verschwörungstheorien zur Vernichtung der Araber und des Islam darstellen.[ix]

Der Inhalt solcher Medienveröffentlichungen – vom Fernsehen der Palästinensischen Autonomiebehörde über Al-Jazira zur wichtigen ägyptischen Tageszeitung Al-Ahram – offenbaren einen Grad an Paranoia, Aufhetzung und Verschwörungsglauben, der in der Geschichte wenige Parallelen habt. In der arabischen und muslimischen Welt machen sich Eliten öffentlich Verschwörungen zu eigen, einschließlich moderater, pro-westlicher, liberaler muslimischer Kreise.[x] Verschwörungstheorien sind in dieser Kultur derart überzeugend, dass ein Beobachter es so beschreibt: „Wenn du im Nahen Osten Politik mit einer Verschwörungstheorie erklären kannst, dann mach doch.“[xi] Historiker der Zukunft werden wahrscheinlich feststellen, dass der derzeitige Antisemitismus in arabischen und muslimischen Gesellschaften einen noch größeren Höhepunkt erlebte als der der Nazis.[xii]

In der Vergangenheit inspirierte der Verschwörungsglaube bei Muslimen einen gewissen Fatalismus: Wer kann einen solchen Feind bekämpfen? Aber im 21. Jahrhundert haben diese Schilderungen zu Handeln angespornt. Tatsächlich bilden sie den Kern der Ideologie hinter Selbstmord-Bombenanschlägen, dem Fluch unseres neuen Jahrhunderts.

Viele „Progressive“ des Westens nehmen diese Verschwörungstheorien an, die sich gegen sie selbst und die bürgerliche Gemeinwesen richten, in denen sie leben. Dies führt zur Vermählung eines vormodernen Sadismus mit postmodernem Masochismus. Muslime erheben paranoide Anschuldigungen, die den Westen zum Sündenbock machen. Hyperselbstkritische Westler akzeptieren diese als wahr.

Organisationen wie die Hisbollah, die Hamas und Al-Qaida schalteten Anfang des 21. Jahrhunderts auf Offensive – mit westlicher Kooperation. Zum Sündenbock machen sie insbesondere Israel, den Juden unter den Nationen.[xiii] Der erste spektakuläre Erfolg ergab sich beim Ausbruch der Zweiten Intifada im Herbst 2000.[xiv] Die Palästinenser mögen im Feld verloren haben, aber sie gewannen den Propagandakrieg.

Landes schließt: „Jeder Progressive oder Liberale, der im 21. Jahrhundert eine lebhafte multikulturelle, bürgerliche Gesellschaft haben will, muss sich der zwanghaften Vorliebe der muslimischen Welt, andere zum Sündenbock zu machen, entgegen stellen. Wir sollten ihnen sagen: „In Frieden mit Israel zu leben lernen ist Teil der Zugehörigkeit zu einer reifen Weltgemeinschaft. So lange ihr eure eigenen Bürger als Opfergabe auf dem Altar der Rache eure verlorenen Ehre behandelt, dürft ihr euch nicht bei uns beschweren ‚sie‘ würden ‚euch‘ unterdrücken.“

[i] www.seconddraft.org
[ii] www.theaugeanstables.com
[iii] Norman Cohn: Warrant for Genocide. New York (Oxford University Press) 1970.
[iv] Zur Beziehung zwischen den Protokollen und ihrer Inspiration, „Montesquieus und Machiavellis Dialog in der Hölle“, s. Cohns Anhang zu „Warrant for Genocide“. S. auch: Paranoid Apocalypse: One Hundred Year Retrospective on the Protocols of the Elders of Zion. NYU Press 2011.
[v] Adolf Hitler: Mein Kampf (in der Übersetzung von Ralplh Manheim, Boston [Houghton Mifflin] 1999), S. 307-308. David Redles: Hitler and the Apocalypse Complex: Salvation and the Spiritual Power of Nazism, New York (NYU Press) 2005, Kapitel 3.
[vi] Kenneth Timmerman: Preachers of Hate: Islam and the War on America. New York (Crown Forum) 2003.
[vii] Das beste Archiv zu diesen Aktivitäten findet in der Sammlung antisemitischen Materials in den arabischen Medien bei MEMRI (www.memri.org/antisemitism.html).
[viii] www.adl.org/Anti_semitism/arab/saudi_blood_l.asp.
[ix] http://memri.org/bin/articles.cgi?Page=archives&Area=sd&ID=SP62703. Horseman without a Horse
[x] Tariq Fatah: MCC Expresses Relief at Arrets of Alleged Terror Cell. Presseveröffentlichung, Muslim Canadian Congress, 3. Juni 2006. www.muslimcanadiancongress.org/20060603.html
[xi] Tom Friedman: Mideast Rules to Live by. New York Times, 20. Dezember 2006.
[xii] Matthias Küntzel: National Socialism and Anti-Semitism in the Arab World. Jewish Political Studies Review, Band 17, Nr. 1-2 (Frühjahr 2005). www.jcpa.org/phas/phas-kuntzel-s05.htm (Deutsch: http://www.matthiaskuentzel.de/contents/von-zeesen-bis-beirut)
[xiii] S. die Diskussion der Aktivitäten vor dem Jahr 2000 in: David Cook: Understanding Jihad. Berkeley (University of California Press) 2005, S. 128-161.
[xiv] Zum Einfluss der Zweiten Intifada auf den globalen Jihad s.: Richard Landes: How French TV Fudged the Death of Mohammed Al-Durah. The New Republic online, 17. Oktober 2006. www.tnr.com/user/nregi.mhtml?i=w061016&s=landes101706

Ein Gedanke zu “Muslimische Verschwörungstheorien schaden Juden

  1. Es wäre schon eine ziemliche Ironie der Geschichte, wenn es den ersten und letzten Ariern dieser Welt (den „Iranern“ = „Ariern“) gelänge, was Hitler nicht gelungen ist: die Streichung von Israel („Juden“) von der Landkarte. Der Endkampf hat also begonnen???

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