Die ungewisse Zukunft der türkischen jüdischen Gemeinschaft

Manfred Gerstenfeld interviewt Rifat Bali (direkt vom Autor)

Die jüdische Gemeinschaft in der Türkei ist eine der wenigen, die in einem muslimischen Land überlebt haben. Ihre Zahl ist jedoch enorm geschrumpft. 1927 führte die türkische Republik ihre erste allgemeine Volkszählung durch, bei der festgestellt wurde, dass 81.872 Juden dort lebten. Nach Israels Unabhängigkeit 1948 verließ ungefähr die Hälfte der türkischen Juden das Land Richtung Israel. In den folgenden Jahren ging die Auswanderung parallel zu politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen weiter. Gegenwärtig liegt die Zahl der Juden irgendwo zwischen 16.000 und 20.000.

In den vergangenen Jahren ist die jüdische Gemeinschaft zum Ziel von viel Feindseligkeit und Beschimpfungen durch die islamischen und ultranationalen Sektoren des Landes geworden. Der Zionismus und Israel werden öffentlich dämonisiert und dieses Empfinden überschreitet die Grenze zum Antisemitismus. Es ist undenkbar, dass ein türkischer Jude öffentlich pro-israelische Äußerungen tätigt, um all die falsche Berichterstattung und Desinformation zu Israel und dem Zionismus richtigzustellen.

Rifat N. Bali
Rifat N. Bali

Rifat N. Bali ist ein unabhängiger Wissenschaftler. Er ist Research Fellow am Alberto Benveniste-Zentrum für Sephardische und Kulturstudien in Paris. Er hat zahlreiche Bücher und Artikel zur Geschichte des türkischen Judentums geschrieben.

Am 31. Mai 2010 stoppten die israelischen Verteidigungskräfte das türkische Schiff Mavi Marmara aus der Flottille der Free Gaza-Bewegung und der türkischen Stiftung für Menschenrechte, Freiheit und Humanitäre Hilfe (IHH). Bei dem sich daraus ergebenden Kampf wurden acht türkische und ein türkisch-amerikanischer Staatsbürger getötet.

Das wurde für die jüdische Gemeinschaft zu einem entscheidenden Moment. Die türkische Öffentlichkeit nahm den Vorfall als Mord an muslimischen Türken durch die jüdische Armee wahr. Eine neue Welle des Antisemitismus und der Verschwörungstheorien kam in den türkischen Medien auf und wurde von Personen des öffentlichen Lebens unterstützt. Eine Verschwörungstheorie besagte, Israel stecke hinter dem Anschlag der separatistischen Kurdischen Arbeitspartei (PKK) auf eine türkische Militärbasis ein paar Stunden nach der IDF-Intervention gegen die Mavi Marmara.

Es war keine Überraschung, dass die türkischen Medien die jüdischen Leiter aufforderten zu erklären, auf welcher Seite sie stehen. Das Oberrabbinat antwortete einige Stunden nach dem Vorfall: „Wir sind betrübt von der gegen das Schiff Mavi Marmara durchgeführten militärischen Intervention zu erfahren, das in Richtung Gaza fuhr. Die Tatsache, dass es nach Angaben der ersten Berichte, die uns erreichten, bei der Intervention Tote und Verletzte gegeben hat, hat unsere Trauer noch weiter verstärkt. Wir teilen die Reaktion des Landes auf die Art des Aufhaltens der erwähnten [Hilfs-] Anstrengungen voll und ganz; unsere Trauer ist dieselbe, wie die der allgemeinen Öffentlichkeit.“

Neben dieser Erklärung versuchte die jüdische Gemeinschaft so weit wie möglich unterzutauchen. Die entstandene Nische wurde von zwei jüdischen Personen des öffentlichen Lebens der Türkei gefüllt. Mario Levi ist ein bekannte Romanautor. Er sagte der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“: „Als Juden in Istanbul sind wir mit dem Volk von Gaza solidarisch.“ Er fügte an, dass er nicht glaube, in der Türkei gäbe es Antisemitismus.

Roni Margulies ist ein jüdischer, trotzkistischer Dichter und Kolumnist für die linksliberale Zeitung Taraf. Er erklärte, er billigte die Gaza-Flottille, missbilligte Israels Angriff und wünschte, er hätte dort sein können. Er vermerkte: „Für einen Juden ist Israel zum Leben der gefährlichste Ort der Welt. Israel ist eine Gefahr für das Weltjudentum.“ Sowohl Levi als auch Margulies Äußerungen wurden von den türkischen Medien positiv aufgenommen. Der Mavi Marmara-Vorfall hat damit einmal mehr gezeigt, dass die türkische Öffentlichkeit und Medien einen Antizionisten als guten Juden und einen pro-zionistisch eingestellten als schlechten Juden betrachten.

In einem solchen Umfeld kann die Führung der türkischen jüdischen Gemeinschaft der türkischen Gesellschaft nicht die Hand entgegen strecken. Um die Identität der türkisch-jüdischen Jugend zu erhalten, wird ihnen Zionismus und eine Zuneigung zu Israel als zwei Hauptthemen gelehrt. Jedoch raten jüdische Eltern ihren Kindern in der Öffentlichkeit keine Davidstern-Ketten zu tragen und die gehässige Kritik an Israel im öffentlichen Raum der Türkei so weit wie möglich zu ignorieren.

Die türkische jüdische Gemeinschaft hat für die Regierung ein Mehrwert-Element. Von ihr wird erwartet, dass sie hilft die amerikanisch-jüdischen Organisationen zu überzeugen ihren Einfluss zu nutzen, um die offizielle Anerkennung der mörderischen Deportation der Armenier durch die ottomanischen Türken von 1915 als Völkermord zu vereiteln.

In den vergangenen Jahrzehnten hat es zunehmend Gewalt gegen die jüdische Gemeinschaft gegeben. Es gab 1993 einen Mordversuch an Jak V. Kamhi, Präsident der „Stiftung 500 Jahre“ und prominenter Geschäftsmann. Die Stiftung wurde 1989 gegründet, um den 500. Jahrestag der Ankunft sephardischer Juden in ottomanischem Land zu feiern. 1995 gab es einen weiteren Versuch, der sich gegen Professor Yuda Yürüm, den Präsidenten der kleinen jüdischen Gemeinde in Ankara richtete. 2003 wurde der Istanbuler Zahnarzt Yasef Yahya ermordet. Später im selben Jahr gab es zwei Selbstmord-Bombenanschläge radikaler Islamisten gegen die zwei Istanbuler Synagogen Neve Shalom und Beth Israel.

Bali schließt: Das langfristige Überleben der türkischen jüdischen Gemeinschaft ist ungewiss. Ihr Einfluss auf die Gesellschaft ist vernachlässigbar. Sie spielt im kulturellen, politischen und intellektuellen Leben des Landes keine Rolle. Es gibt in der türkischen Zivilgesellschaft niemanden, der auf das weit verbreitete, feindselige Reden antwortet. Die jüdische Gemeinschaft ist daher, was den Schutz ihrer Mitglieder angeht, völlig abhängig von der Regierung.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Vorsitzender des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs.

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