Das gefährliche Versagen der Medien

Evelyn Gordon, 12. März 2012 (über Israel Matzav)

Wir wissen jetzt, dass uns eine politisierte Presse uns Jahre lang mit falschen Informationen zu einer überlebenswichtigen Sicherheitsfrage fürtterte.

Der staatliche Rechnungsprüfer veröffentlichte den Entwurf eines Berichts zur dysfunktionalen Beziehung zwischen zwei Männern, die Jahre lang Israels Verteidigungsbetrieb leiteten: Verteidigungsminister Ehud Barak und den ehemaligen Generalstabschef Gabi Ashkenazi. Der Bericht wurde nicht öffentlich gemacht, aber zu den Medien sickerte durch, dass Lindenstrauss die Verantwortung nicht zu gleichen Teilen zuwies. Barak, befand er, behandelte Ashkenazi manchmal schlecht (keine Überraschung; er ist berüchtigt für seine grottenschlechten zwischenmenschlichen Fähigkeiten). Aber es war Ashkenazi, dessen Stab mit seinem Wissen und seiner Einwilligung aktif nach Dreck über Barak gruben. Es war Ashkenazi, der Monate lang ein explosives Dokument vor seinen zivilen Vorgesetzten verbarg, obwohl er glaubte, dass es eine authentische Anstrengung enthüllte, dass die Wahl seines Nachfolgers untergrub (es erwies sich später als Fälschung). Und es war Aschkenazi, der, nachdem das Dokument ans Tageslicht kam, weniger als aufrichtig war, was seine Beziehung zu dem mutmaßlichen Fälscher  Boaz Harpaz (ein ehemaliger Armee-Offizier mit einer bunt schillernden Vergangenheit) angeht, sowohl der Öffentlichkeit als auch der Polizei gegenüber.

Es ist offensichtlich zutiefst verstörend, dass der Generalstabschef, der sich Tag und Nacht der Verteidigung Israels hingeben sollte, sich stattdessen kräftig damit beschäftigte Dreck über den Verteidigungsminister auszugraben. Es ist aber gleichermaßen verstörend, dass die Öffentlichkeit das ohne Lindenstrauss nie erfahren hätte: Jahre der Medienberichterstattung über unser funktionsgestörtes Verteidigung-Duo machte ausschließlich Barak verantwortlich und proträtierte Ashkenazi als blütenrein.

Schlimmer noch: Es handelte sich nicht um einen unschuldigen erfolgten menschlichen Irrtum: Es war eine bewusste Entscheidung der ideologischen Agenda der Medien.

Offen gesagt mögen Israels Journalisten weder Barak noch seinen Boss, Premierminister Benjamin Netanyahu. Sie können Netanyahu nicht ausstehen, weil der es ablehnte den Palästinensern gegenüber weitreichende Zugeständnisse zu machen; sie verabscheuen Barak, weil der sich Netanyahus Regierung anschloss und dann die Arbeitspartei spaltete, um in der Regierung zu bleiben; und sie verabscheuen beide Männer wegen ihrer Falkenhaltung zum Iran. So hat jeder, der gegen Netanyahu und Barak ist, die Garantie bei den Medien ein wohlwollendes Ohr zu finden, besonders, wenn er sich wegen seiner „moderaten“ politischen Ansichten als Opfer darstellt.

Und genau das ist es, was der politisch gerissene Ashkenazi tat: Er erzählte den Medien, Barak hasse ihn, weil er gegen einen überstürzten Angriff auf die Atomanlagen des Iran sei. Und das das sauber in das von den Medien vorgefasste Narrativ der Medien passte, nahmen die Journalisten das begierig auf und sahen nicht weiter nach.

Glücklicherweise machte es dann Lindenstrauss: Er befragte hunderte Menschen und hörte tausende Bänder aus Ashkenazis Büro ab (wo alle Gespräche routinemäßig aufgezeichnet wurden). Und er kam zu dem Schluss, dass die Fehde nichts mit dem Iran zu tun hatte, sondern alles mit Ashkenazis persönlichen Ambitionen: seinem Verlangen seine eigene Macht auszubauen und seine Widerwille sich seinen zivilen Vorgesetzten unterzuordnen.

Dieses ungeheuerliche Versagen der Medien ist aus mehreren Gründen beängstigend. Erstens waren Ashkenazis politische Ambitionen kein Geheimnis. Und wenn Lindenstrauss nicht gewesen wäre, hätte er in ein paar Jahren auf einer Welle der Lobhudelei durch die Medien in ein öffentliches Amt geschwemmt werden. Außer purer Ignoranz könnten die Israelis einen machthungrigen Offizier gewählt haben, der zivile Kontrolle über das Militär verachtet und seine Zeit und Energie mit der niedrigsten Form kleingeistigen poltischen Aktivitäten verschwendet.

Zweitens schloss das jede tatsächliche Untersuchung der Fähigkeiten der IDF aus: Nachdem sie Ashkenazi als ihren weißen Ritter auserkoren hatten, hätten die Medien es kaum riskieren können sein Image mit ernsthafter Untersuchung seiner beruflichen Leistungen zu untergraben. Daher wurde uns z.B. versichert, dass er die Armee nach dem Zweiten Libanonkrieg „rehabilitiert“ habe, ohne dafür irgendwelche tatsächlichen Belege zu haben: Ihr Erfolg gegen die Hamas im Gazastreifen 2009 sagt nichts über ihre Fähigkeit die Hisbollah zu besiegen, die ein weitaus härterer Gegner ist.

Drittens verurteilten die Medien mit ihrer Einseitigkeit Israel zu Jahren einer unglaublich gefährlichen Situation – einer, in der ihre beiden obersten Verteidigungsvertreter kaum miteinander zu reden in der Lage waren – indem sie sie Barak die üblichen demokratischen Mittel entziehen: Er konnte Ashkenazi einfach nicht feuern und einen neuen Generalstabschef ernennen, weil die Medien ihn hätten kreuzigen können. In anderen Demokratien ist die Entlassung eines untergebenen Offiziers Standardvorgehensweise – man betrachte z.B. die Entlassung von General Stanley McChrystal durch US-Präsident Barack Obama im Jahr 2010. Doch indem sie Ashkenazi als Heiligen darstellten, statt als den aufsässigen Offizier, der er war, machten die Medien seine Entlassung politisch unvertretbar, selbst wenn es rechtlich möglich wäre (eine offen Frage, angesichts der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von 1996, dass „unpolitische“ zivile Bedienstete nicht ohne guten Grund entlassen werden können: Wer weiß, ob das Gericht, ohne die Erkenntnisse von Lindenstrauss, die zerrüttet Beziehung zwischen Barak und Ashkenazi als ausreichenden Grund erachtet hätte?)

Und schlussendlich wird eine zutiefst verstörende Frage aufgeworfen: Worüber werden wir infolge der ideologischen Einseitigkeit der Medien noch alles nicht informiert?

In einem unabsichtlich verräterischen Op-Ed schrieb Ha’aretz-Kolumnist Ari Shavit letzte Woche, das Ashkenazi seine Insubordination als legitim betractete, weil er „vier gewählten Offiziellen unterstellt war, die von der Öffentlichkeit als illegitim angesehen werden – den Premierministern Ehud Olmert und Benjamin Netanyahu und den Verteidigungsministern Amir Peretz und Barak.“ Ich habe keine Ahnung ob Ahskenazi tatsächlich so dachte. Aber Shavit denkt eindeutig so und viele seiner Kollegen ebenfalls.

Doch bezüglich Netanyahu ist diese Behauptung (anders als bei Olmert und Peretz, deren öffentliche Unterstützung nach dem Zweiten Libanonkrieg tatsächlich ausblutete) schlicht unhaltbar. Nicht nur war er auf die rechtlich vorgeschrieben Weise zum Premierminister gewählt worden (indem er eine Koalition zusammenbaute), sondern fast jede in den letzten drei Jahren erfolgte Umfrage hat gezeigt, dass er vermutlich auch die nächste Regierung bilden wird und dass die Öffentlichkeit ihn als besser qualifiziert das Land zu führen ansieht als jeden seiner Rivalen. Auf welcher Grundlage kommt also Shavit zu dem Schluss, dass die Öffentlichkeit Netanyah als „illegitim“ betrachtet?

Es gibt nur eine mögliche Antwort: Was Shavit meint, ist, dass die Medien Netanyahu als illegitim betrachten. Sie können seine Positionen nicht leiden und wollen ihn nicht als Premier. Und deshalb ist alles erlaubt, um seine Regierung zu untergraben – selbst die Sicherheit des Landes auszuhöhlen, indem man einen aufsässigen Offizier vergöttert, der von untergeordneter Politik verzehrt wird und damit seine Entlassung verhindert.

So lange das bestehen bleibt, kann die Öffentlichkeit nicht hoffen von den Medien ehrliche Informationen über irgendein Handeln der Regierung zu bekommen, nicht mehr als sie sie über die Fehde zwischen Barak und Ashkenazi bekam. Das ist eine verheerende Anklage der Medien Israels – und weit gefährlicher für die langfristige Gesundheit des Landes als jeder Zank an der Spitze des Verteidigungsestablishments.