Der Neue Antisemitismus

Warum hasst die internationale Gemeinschaft Israel so sehr?

Victor Davis Hanson, Defining Ideas, 28. März 2012

Es ist nicht lange her, da brachte der Economist ein nicht mit Autor gekennzeichnetes Editorial mit dem Titel „Auschwitz-Komplex“. Der nicht genannte Verfasser machte für die Serienspannungen des Nahen Ostens sowohl Israels ungerechtfertigtes Gefühl in der Opferrolle zu sein, erwachsen aus dem Holocaust, als auch seinen Widerwillen „sein Imperium aufzugeben“ verantwortlich. Was Israels paranoide Besessenheit mit dem Schreckgespenst eines atomaren Iran angeht, tut der Autor jede wirkliche Bedrohung ab indem er verkündet, der „Iran stellt für die Israelis einen reizvollen Feind dar“ und dass die „Israelis die Quelle ihrer Angst psychologisch auf einen weit entfernteres Ziel verlagern: den Iran“.

Es ist kaum zu begreifen, wie eine Demokratie von sieben Millionen Menschen irgendwie ein „Imperium“ sein soll. Israel focht immerhin drei existenzbedrohende Kriege um seine Grenzen von 1947, als das akute Problem offensichtlich nicht Schicksal war, sondern die Anstrengungen seiner vielen Feinde seine Bevölkerung auszulöschen oder zu deportieren. Ich wüsste nicht, wie sonst man das arabische Versprechen von vor mehr als einem halben Jahrhundert bezeichnen sollte, „die Juden ins Mittelmeer zu treiben“.

Es stimmt zwar, dass israelische Streitkräfte nach dem Krieg von 1967 auf Land der Nachbarstaaten verblieben, doch nachfolgende Regierungen zogen schließlich aus dem Sinai, dem Südlibanon und dem Gazastreifen ab – Gegenden, von denen aus Angriffe gegen den Staat inszeniert wurden und immer noch werden. Die Wortwahl „reizvoll“ durch den Economist ist eine seltsam abwandelndes Adjektiv für das Nomen „Feind“, besonders für den Iran, der sowohl versprochen hat Israel auszuwischen als auch verzweifelt versucht die atomaren Mittel zur Umsetzung dieser Prahlerei zu finden.

Der Artikel des Economist ist für die europäische Wut auf Israel ziemlich repräsentativ – auf ein Land, das von den meisten der Staaten gehasst wird, die die UNO-Mitgliedsliste füllen. Oder wie es Nicky Larkin, ein irischer Dokumentarfilmer und einst vehementer Antiisrael-Aktivist, kürzlich zugab: „Von einem irischen Künstler wird erwartet, dass er Boykotte unterschreibt, einen PLO-Schal trägt und sich lauthals über Die Besatzung beschwert. Aber nicht nur Künstler sollen Israel hassen. Es wird erwartet, dass antiisraelisch zu sein Teil unserer irischen Identität ist, genauso wie von uns erwartet wird die englische Sprache übel zu nehmen.“

Wie sehen dann die Quellen des weit verbreiteten Hasses auf Israel aus? Solche Gehässigkeit kann nicht nur durch politische Unterschiede zu ihren arabischen und islamischen Nachbarn erklärt werden. Nehmen Sie doch irgendeine große Frage des Streits – besetztes Land, Flüchtlinge, ein geteiltes Jerusalem, grenzübergreifendes Übergriffe – und fragen dann, warum die Welt sich unverhältnismäßig auf Israel konzentriert, wenn gleich geartete Auseinandersetzungen überall auf dem Globus gang und gäbe sind.

Mehr als eine halbe Million Juden sind seit 1947 aus arabischen Hauptstädten ethnisch gesäubert worden

Kehrt sich die Welt sonderlich um die Prinzipien der Besatzung? Nicht wirklich. Bedenken Sie, dass seit dem Zweiten Weltkrieg Land so „besetzt“ ist wie die Westbank. Russland will die südliche Kurilen nicht abgeben, die es Japan genommen hat. Tibet hörte auf als souveräner Staat zu existieren – lange vor dem Nahost-Krieg von 1967  – als es vom kommunistischen China geschluckt wurde. Türkische Streitkräfte halten seit 1974 große Teile Zyperns besetzt. Ostpreußen hörte 1945 auf zu existieren, nachdem 13 Millionen deutsche Flüchtlinge aus ihrer alt hergebrachten Heimat vertrieben wurden, in der sie seit 500 Jahren lebten.

Die 180 km lange grüne Linie, die durch das Stadtzentrum von Nicosia verläuft, um Zypern zu teilen, lässt Jerusalem vergleichsweise vereint aussehen. Mehr als 500.000 Juden wurden seit 1947 aus den arabischen Hauptstädten ethnisch gesäubert, in Pogromwellen, die alle paar Jahrzehnte laufen. Warum werden sie nicht als Flüchtlinge betrachtet, wie man es bei den Palästinensern tut?

Es geht nicht darum, dass die Weltgemeinschaft sich nicht auf Israels Streit mit seinen Nachbarn konzentrieren soll, sondern darum, dass sie Israel wegen seiner angeblichen Verfehlungen auf eine Art heraushebt, die nicht annähernd dem entspricht, was sie bei praktisch identischen Differenzen irgendwo anders macht. Mehr als 75 Prozent der letzten UNO-Resolutionen zielen gegen Israel, das weit mehr wegen Menschenrechtsverletzungen angeführt wurde als der Sudan, der Kongo oder Ruanda, wo Millionen bei wenig beachteten Völkermorden zugrunde gingen. Warum ist die internationale Gemeinschaft derart antiisraelisch?

Eine neue Art modischer und sozial akzeptabler Antisemitismus spielt eine große Rolle. Einen großen Teil der letzten zwei Jahrtausende hindurch war Judenhass ein krudes Vorurteil, reichhaltig versetzt mit religiösen, wirtschaftlichen und sozialen Einseitigkeiten. Umgekehrt übernahmen einst Dissidenten, Linke und Anarchisten die Anprangerung des Antisemitismus, bis deutlich nach dem Zweiten Weltkrieg ein Thema der Aufklärung.

Das war einmal – mit der Gründung Israels verwandelte der Antisemitismus sich auf zwei nicht vorhergesehene Weisen. Zuerst wurde er zu Obsession der modernen Linken, die die Gründung des jüdischen Staates mit einer Art westlichem Hegemonial-Impuls verband. Dass Israel auf eine Art demokratisch war und Menschenrechte schützte, die anders war als  die ihrer autokratischen Nachbarn, spielte keine Rolle. Für die internationale Linke war Israel ein religiöser, imperialistischer und stellvertretender Westen im Nahen Osten

Die neuen Antisemiten sind nicht derb und vulgär. Es sind kultivierte Intellektuelle.

Nach dem Krieg von 1967, aus dem ein einst verletzliches Israel siegreich und scheinbar nicht aufzuhalten hervorging, verloren die Juden jegliches nachklingende Mitgefühl aus den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und Israel wurde zu einem vollwertigen westlichen Gegenteil eines Underdog, der eng mit seinem neuen Patron verbunden war, den viel beneideten und gehassten USA. Nicht nur waren die neuen Antisemiten nicht länger bloß clowneske Skinheads, Neonazis und Klansmänner, sondern sie waren geschliffene und kultivierte Intellektuelle. Die Missbilligung antisemitischer Analphabeten in weißen Tüchern war relativ leicht; aber Hamas-Karikaturen von Juden als Affen und Schweinen in Zeitungen der Westbank zu kontern, war schwierig, wenn sie im Namen der freien Meinungsäußerung an der Universität Berkeley verbreitet wurden.

Es gab eine zweite Facette des neuen Antisemitismus. Die Gründung des Staates Israel diente auch selbst als respektabler Deckmantel für Antisemitismus. Man sprach jetzt nicht davon die Juden nicht zu mögen, sondern nur von der Verachtung für den jüdischen Staat und dass man die Palästinenser so betrachtete, als seien sie die Opfer analog zu Minderheiten im Westen. Von Oxford-Professoren zu Preise gewinnenden Romanciers wurde es sozial akzeptabel die Gründung Israels auf eine Weise zu verunglimpfen, mit der man nicht sagte, dass die Juden wieder Ärger verursachten. Der Vorwurf „Juden“ hätten zu viel Einfluss, war weiterhin rückständig, aber sich Sorgen um die Macht der „jüdischen Lobby“ zu machen, war plötzlich politisch korrekt.

Öl spielte natürlich eine noch größere Rolle. Als die 1960-er Jahre kamen, war der Westen stark vom Öl und Gas aus dem Persischen Golf und Nordafrika abhängt; bis die 1990-er Jahre kamen, gab es eine Rivalität mit aufkommenden Wirtschaften in Indien und China um die Sicherstellung steter Lieferungen aus dem Nahen Osten. Nach dem schädlichen Ölstopp von 1973 bewies die arabische Welt nicht nur, dass sie bereit war Öls als Waffen gegen Israel zu nutzen, sondern auch, dass sie das effektiv tun konnte.

Auf der Kehrseite sind seit den 1960-er Jahren Billionen Petrodollars in den islamischen Nahen Osten geflossen, womit nicht nur sichergestellt wurde, dass Israels Feinde von mächtigen westlichen Freunden bewaffnet, aufstiegen und flankiert, sondern durch Beteiligungen, Spenden und Stiftungen auch tief in westlichem Denken und Gesellschaft eingebettet wurden. Universitäten strebten plötzlich nach gestifteten Nahost-Professuren und zahlreichen volle Gebühren zahlenden Studenten aus dem Nahen Osten. Hätte Israel die Ölreserven Saudi-Arabiens, dann hätte das „besetzte“ Palästina in der UNO so viel Widerhall gefunden wie heute Ossetien, der Kaschmir oder die Westsahara.

„Antiisraelisch zu sein soll Teil der irischen Identität sein“, sagt ein Filmemacher

Auch Größe spielt eine Rolle. Israel ist winzig; seine Feinde zahlreich. Für viele in der Welt ist Demografie alles: Würde ein Meinungsmacher oder Journalist sich im weitgehend islamischen Nahen Osten lieber auf die Seite von sieben Millionen Israelis stellen oder auf die von 400 Millionen ihrer Feinde? Und wenn Israel sich in den Kriegen 1947, 1956 und 1967 eindeutig gut geschlagen hat, so rochen die Kritiker nach den nächsten Runden der Kämpfe 1973, 1982 und 2006 Schwäche und fanden es bequemer, die bald als Sieger da stehende Seite vorzuziehen. Als Ergebnis fanden es Diplomaten, Militärs, Journalisten, Schriftsteller und Schauspieler einfacher die Köpfe zu zählen und den Weg des geringsten Widerstands zu gehen – angesichts Israels jüngster Unfähigkeit seine arabischen Gegner rasch und entscheidend zu besiegen.

Der Terror der letzen dreißig Jahre spielt ebenfalls eine große Rolle. Fürchteten westliche Regierungen in den 1970-er Jahren, dass ihre Olympischen Spiele, ihre Verkehrsjets, ihre Botschaften und ihre Sportmannschaften von säkular-linken palästinensischen Terroristen angegriffen werden könnten, hatten sie in den späten 1990-ern noch mehr Angst, dass Selbstmord-Bomber des radikalen Islam und Terroristen nicht nur im Ausland zuschlagen würden, sondern innerhalb Europas und Nordamerikas. Nach dem 9/11 hätte das Zeichnen einer Karikatur, die sich über einen jüdischen Rabbi lustig macht, entweder Lob oder Gleichgültigkeit geerntet; doch Mohammed oder den Koran zu karikieren stellte Morddrohungen im Herzen des postmodernen, humanitären Europa sicher.

Intellektuelle sind keine moralischen Supermänner und angeblich mutige, skandalierende Schriftsteller und Journalisten ziehen, wie wir gesehen haben, es vor ohne Angst zu leben, statt die Lage vor Ort im Nahen Osten akkurat zu beschreiben. Viele Intellektuelle gründeten ihre Entscheidung Israel zu rühmen oder nicht zu mögen nicht nur auf karriereristischen Eigennutz, sondern auch auf die sorgfältige Berechnung, dass westliche Staaten – bei all ihrem Gerede von freier Meinungsäußerung – genauso durch Terroristen verängstigt waren wie deren Ziele. Kritisiere oder karikiere den radikalen Islam und es war wahrscheinlicher, dass ein Terrorist dich erwischte, als dass deine verängstigten westlichen Regierungen dich beschützt. Fragen Sie mal Salman Rushdie oder Kurt Westergaard.

Schließlich ist Israel im Westen so etwas wie eine Entsprechung des uncoolen Images von Sarah Palin geworden – das Ziel hirnloser und uninformierter Schmähungen, was dennoch als eine Art Gütesiegel oder Mitgliedskarte für die richtigen Kreise dient. Filmemacher erstellen gewöhnlich keine mitfühlenden Dokumentationen über Israel – nicht, wenn sie Zuschüsse von Stiftungen und soziale Akzeptanz durch Ihresgleichen und ihre Aufseher haben wollen. Besuchende Journalisten und Schriftsteller mögen ihre Hotels in Israel buchen, aber gepriesen und unterstützt wird ihre professionelle Arbeit über die Westbank und das in einem Grad, dass es sie pro-palästinensisch ist und gemieden werden würde, sollte sie ausgewogen oder gar pro-israelisch sein.

Wird das Image Israels sich jemals wieder umkehren? Nur, wenn die oben genannten Kriterien verändert werden – ein verdammendes Urteil, dass öffentliche Antipathie wenig mit der Wirklichkeit der misslichen Lage Israels zu tun hat.