Wohin verfolgte Juden gehen dürfen

Michael Curtis, Gatestone Institute, 1. Mai 2012

  • Die logische Schlussfolgerung für diese Kritiker ist: Israel würde demokratischer werden, wenn es weniger jüdisch wäre. Kein zionistischer Führungspolitiker könnte dem zustimmen. Diese Kritiker ignorieren auch bequemerweise die fortgesetzte arabische Ablehnung jeglicher Kompromisslösung des Konflikts und ihre wiederholte Ablehnung jeglicher Teilungsvorschläge und -lösungen.

Im gesamten Verlauf der Geschichte haben politische Systeme ihr Ende erlebt, wenn die Bürger des jeweiligen Landes das Vertrauen in sie verloren. Der Staat Israel hat sich dieser Situation noch nicht im Extremen ausgesetzt gesehen, aber er ist vom so genannten „Postzionismus“ in Frage gestellt worden. Zu den gegenüber Israel herabwürdigenden Themen gehört, dass der Zionismus – die Bewegung für jüdische Selbstbestimmung, die zur Gründung des Staates Israel führte – ein koloniales Unterfangen sei; dass ein jüdischer Staat von Natur aus undemokratisch sei, dass er grundsätzlich unmoralisch ist, da er auf der Dominierung oder gar der Vertreibung – gewaltsam oder mit anderen Mitteln – eines anderen Volks gründete; dass die Gründung Israels für die palästinensischen Araber eine Katastrophe verursachte; dass die israelische Besatzung umstrittenen Territoriums eine Menschenrechtsverletzung sei, dass Israel eine imperialistische Macht und Bedrohung des Weltfriedens sei.

Diese Kritik ist in vielerlei Hinsicht mit Fehlern behaftet. Sie ist eine wunderlich inselartige Sicht Israels – einem Land, in einer Welt der Globalisierung und komplexen Wechselbeziehungen, das sich fortgesetztem Hass gegenüber sieht, so dass es immer bereit sein muss sich zu verteidigen. Ihre Verfechter sind singulär naiv, was ihre Erwartungen an eine perfekte soziale und politische, egalitäre, säkulare Gesellschaft angeht; und sie sind auf eine Weise der Voreingenommenheit gegen strenggläubig Religiöse schuldig, die sie gegenüber den Anhängern anderer Religionen nicht an den Tag legen. Darüber hinaus missverstehen diese Kritiker den Zionismus; das Wort „Zionismus“ wurde 1891 von Nathan Birnbaum geprägt und er schließt eine pluralistische Vielfalt von Denkansätzen ein.

Welche Aspekte der unterschiedlichen Sichten im Zionismus genau sind für diese Kritiker inakzeptabel? Wollen sie den Staat Israel eliminieren? Verfechter des Zionismus sahen, dass Juden in der Diaspora aus der Weltgeschichte ausgeschlossen wurden und glaubten daher, dass es nötig war, einen Staat als nationale Einheit für das jüdische Volk zu gründen. Die israelische Unabhängigkeitserklärung spricht vom „natürlichen Recht des jüdischen Volkes, Herr seines Schicksals zu sein, wie anderen Nationen auch“. Die Fürsprecher waren unterschiedlicher Meinung zur Lösung: „Territorialisten“ wollten geeignete Gebiete, darunter Uganda, in die verfolgte Juden ziehen könnten; andere forderten einen Staat in Palästina oder Eretz Israel [dem biblischen Land Israel]; praktische Zionisten schlugen Siedlungen vor; andere drängten auf eine Lösung durch politische und diplomatische Mittel; Sozialisten stritten mit der politischen Rechten; Nationalisten waren anderer Meinung als Internationalisten; und die Religiösen lebten neben den Freidenkern.

Die Postzionisten argumentieren, dass der Zionismus ein koloniales Konzept ist, das im Grunde genommen auf einer Ungerechtigkeit gegenüber den örtlichen Arabern gründete und dass heute die Unterschiede in Israel bezüglich Status, Einkommen und Rechten zwischen Juden und israelischen Arabern bedeutet, dass der Staat infolge dessen undemokratisch sein muss. Die logische Schlussfolgerung wäre für diese Kritiker, dass Israel demokratischer sein würde, wenn es weniger jüdisch wäre. Herzl und viele andere hätten dieser Schlussfolgerung widersprochen. Er schrieb 1895 in seinem Tagebuch, dass jüdische Besiedlung dem Land sofort Vorteile bringen würde und: „Wir werden Personen und andere Religionen respektvoll tolerieren und ihr Eigentum, ihre Ehre und ihre Freiheit mit den härtesten Zwangsmitteln schützen.“

Die fundamentale externe Wirklichkeit – die denen entgangen zu sein scheint, die die Legitimität Israels in Frage stellen – ist, dass viele arabischen Staaten und die Palästinenser, nachdem sie Krieg führten und sich ständig mit Feindseligkeiten beschäftigten, es immer noch ablehnen Israels Legitimität anzuerkennen. Zwangsläufig ist Sicherheit unerlässlich; das Problem ist: In welchem Ausmaß sollte diese in arabische Ansprüche auf das Land und ihre Rechte eingreifen? Die gegenwärtige Mainstream-Sichtweise ist: Ein sicheres Israel ist besser als ein territorial ausgeweitetes.

Natürlich besteht in Israel eine Vielfalt an Meinungen zur Beschaffenheit der Wirtschaft und des freien Marktes, zu den kulturellen Identitäten, die das Mosaik der Gesellschaft ausmachen und zu den Ungleichheiten sowohl innerhalb der jüdischen Gemeinschaft als auch zwischen Juden und Nichtjuden. Doch zu schlussfolgern, der Zionismus sei eine kolonialistische und rassistische Bewegung, geht weit über rationale Analyse hinaus und grenzt an Antisemitismus.

Trotz der unterschiedlichen Einstellungen gegenüber den Arabern im Territorium hat es nie eine offizielle Politik gegeben, sie aus dem Gebiet zu vertreiben. Dessen ungeachtet beharren Kritiker Israels auf Vorwürfen, der Zionismus habe diese Auffassung gefördert. Sie irren sich in diesem Glauben, so wie sie es bei ihrer Aversion gegen die Ausübung israelischer [militärischer] Macht zur Selbstverteidigung tun, während sie sich gleichzeitig vor jedem Vorschlag einer realistischen Alternative drücken.

Die wichtigste Behauptungen der Kritiker sind, Israel sei zu nationalistisch – dass es nicht länger ein jüdischer Staat sein solle, sondern stattdessen ein demokratischer, was eine Inkompatibilität der beiden impliziert; und dass Israel seine Besatzung eroberten Gebiets beenden soll, selbst während es von vielen Ländern bedroht wird, die wiederholt verkündeten, sie würden es gerne vertrieben sehen. Diese Kritiker ignorieren auch bequemerweise die fortgesetzte arabische Ablehnung jeglicher Kompromisslösung des Konflikts und ihre wiederholte Ablehnung sämtlicher Teilungsvorschläge und -lösungen. Der Postzionismus tendiert dazu antizionistisch zu werden – die Verneinung, dass Israel ein legitimes Recht hat zu existieren, sich aber bezüglich des Rechts eines anderen neu geschaffenen Staates wie Moldawien oder Bangladesch wohlfühlen.

Daher ist es ein Glück, dass das Buch „The Founding Fathers of Zionism“ (die Gründerväter des Zionismus) von Benzion Netanyahu, dem gerade verstorbenen, 102 Jahre alten Patriarchen einer wichtigen israelischen Familie (zu der Jonathan gehört, der gefeierte Held, der getötet wurde, als er am 4. Juli 1976 die Mission zur Rettung jüdischer Geiseln leitete, die von der PLO am Flughafen Entebbe festgehalten wurden; Benjamin, Premierminister Israels und Iddo, ein prominenter Arzt) aus dem Hebräischen übersetzt wurde und zum ersten Mal auf Englisch veröffentlicht wurde. Der Autor ist als angesehener Forscher bekannt, besonders wegen seines 1.400 Seiten starken, kontroversen Buchs The Origins of the Inquisition in 15th century Spain (Die Ursprünge der Inquisition im Spanien des 15. Jahrhundert), das er Jonathan widmete.

Netanyahus Buch ist eine Reihe von Aufsätzen zu fünf wichtigen Autoren – Leon Pinsker, Theodor Herzl, Max Nordau, Israel Zangswill und Wladimir (Ze’ev) Jabotinsky – die Beiträge zur intellektuelen Basis des Zionismus und damit indirekt zur Gründung des Staates Israel leisteten.

Früher war Netanyahu Aktivist in der Revisionistischen Zionistischen Bewegung, eine Zeit lang Sekretär ihres Gründers Jabotinsky und während des Zweiten Weltkriegs Leiter des US-Zweigs der Bewegung. 1940 genehmigte er Jabotinskys Kampagne, der 1920 die Haganah als separate Kampfgruppe formierte, zur Schaffung einer jüdischen Streitkraft um Nazideutschland zu bekämpfen und einen jüdischen Staat zu fordern. Obwohl er seine wohlwollende Meinung zu Jabotinsky nie aufgab, sind seine Aufsätze überaus fair in ihrer Bewertung all seiner fünf Gründer.

Netanyahu geht dem Zionismus bis ins Russland des späten 19. Jahrhunderts und dem Aufkommen eines nationalen Bewusstseins in Osteuropa zurück nach, zum Teil als Ergebnis religiöser Sehnsüchte, doch hauptsächlich als Resultat von Angriffen auf Juden und den dort offenkundigen Antisemitismus.

Es stimmt natürlich, dass mancher in der jüdischen Gemeinschaft das Land nicht als erforderliche Heimat aller Juden anerkannte, die jetzt Israel ist. Die Gründer in Netanyahus Buch sahen das anders. Ihre Argumente, die einen wichtigen Teil bei den intellektuellen Grundlagen spielten, auf denen der Staat Israel errichtet wurde, gründeten auf der Erkenntnis – die sich als vorausahnend erwiesen – dass die europäischen Juden ohne einen jüdischen Staat, indem sie geschützt wären und sich selbst verteidigen konnten, dem Untergang geweiht wären. Für Netanyahu war die Motivation des Zionismus, ebenfalls durch ihre Gründer zum Ausdruck gebracht, nicht religiös, sondern politisch.

Die Erklärung auf dem von Herzl 1897 in Basel einberufenen Ersten Zionistischen Kongress war: „Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstadt für die Juden.“ Das implizierte eine internationale Charta dafür, dass Juden nach Palästina zurückkehrten. Das Ergebnis, glaubte Herzl, wäre nicht nur ein Staat, sondern auch das Ende des Antisemitismus. Herzl betonte die Notwendigkeit, dass das jüdische Volk regiert und an seine eigenen Kräfte glaubt. Netanyahu fasst Herzl in drei Worten zusammen: „Glaube, wage und wünsche.“ In Herzls Roman Altneuland schließt eine der Figuren: „Wenn ihr wollt, ist es kein Traum.“

Herzls Beiträge zum Zionismus – eine Kombination aus Realismus und Optimismus – betonte ein Prinzip, das Postzionisten tendieren abzulehnen: dass Juden „ein Volk sind, ein einziges Volk“.  Bedrängnis, sagte er, „bindet uns zusammen und so vereint entdecken wir plötzlich unsere Stärke“. Er drängte zur Wiederherstellung des jüdischen Staates, in dem eine für die Juden normale Gesellschaft bestehen würde. Der neue Staat, sagte er mit einer Beharrlichkeit, die seine entschlossenen diplomatischen Anstrengungen unterstrichen internationale Unterstützung zu erhalten, muss ein gesichertes Souveränitätsrecht haben und einen von der internationalen Gemeinschaft anerkannten Rechtsanspruch.

Es überrascht nicht, dass der längste Aufsatz in Netanyahus Buch der zu seinem Helden Jabotinsky ist, dem Redner, Schriftsteller und Denker, der Sprachen, Literatur und Geschichte beherrschte. Dieser Held bewunderte Herzl, die befreite, starke Persönlichkeit, die ein Vorbild des stolzen, unabhängigen Juden war, der in der Lage war zu regieren und für das neue jüdische Rechtsgebilde eine Notwendigkeit.

Jabotinsky forderte sowohl politischen als auch militärischen Widerstand gegen jedes Zugeständnis bei Rechten, die den Juden zustanden, sowohl als Einzelperson wie auch als Volk. Dazu trat er in Russland für jüdische Selbstverteidigung ein. Als Privatmann schuf er im Ersten Weltkrieg die Jüdischen Legionen und nach dem Krieg die Irgun Zva’i Leumi (Nationale Militärische Organisation). Netanyahu betont, dass er auf sowohl politischen als auch militärischen Widerstand gegen die britische Herrschaft drängte. Der politische Kampf sollte einer des steten politischen Drucks sein, der über diplomatische Nettigkeiten hinaus ging; im Extremfall wäre er ein bewaffneter Aufstand gegen Großbritannien.

Jabotinskys umstrittenste Meinung war seine Politik gegenüber den lokalen Arabern. Er sagte die arabischen Pogrome gegen Juden vom April 1920 voraus und organisierte die Verteidigung dagegen, für die er für 15 Jahre ins Gefängnis geschickt wurde, auch wenn man ihn bald freiließ. Er erkannte, dass Araber nicht freiwillig der Erfüllung des Zionismus zustimmen und gegen die jüdische Einwanderung kämpfen würden, auch wenn diese ihnen kulturelle und wirtschaftliche Vorteile bringen würde. Daher sein berühmtes Eintreten für eine Eiserne Mauer sowie eine starke, legale militärische wie politische Streitmacht, um die Araber zu überzeugen, dass sie die Juden nicht zwingen könnten die Gegend zu verlassen. Für ihn war das Land Israel nur mit Gewalt(androhung) zu erwerben.

Alle fünf Autoren forderten eine nationale Heimstatt für das jüdische Volk und die Schaffung eines souveränen Staates, der Macht ausüben konnte. Das unausweichliche interne Problem ist die Präsenz einer arabischen Minderheit, die heute ein Fünftel der Bevölkerung stellt. Die zionistischen Pioniere waren sich dieses Problems bewusst und legten für diese Minderheit individuelle und kollektive Rechte fest.

Wie immer die unterschiedlichen Formulierungen des Zionismus aussahen, alle Fürsprecher teilten die Ansicht, dass das Gebiet der Geburtsort und die alt hergebrachte Heimat des jüdischen Volkes ist, verbunden durch historische Bande und religiöse sowie kulturelle Traditionen. Der Zionismus forderte keine Vertreibung der nicht jüdischen Bevölkerung auf umstrittenem Land und fordert sie auch weiter nicht; und trotz der Resolution 3379 (XXX) der UNO-Vollversammlung vom 10. November 1975, die 1991 zurückgenommen wurde, dass Zionismus eine Form von Rassismus sei, ist der Zionismus kein rassistisches Konzept.

Netanyahu bietet eine wertvolle Rolle dabei uns an die Notwendigkeit zu erinnern, dass ein geschützter und sicherer Staat gegründet werden musste, in dem Juden ein gesundes und normales Leben führen können, statt dass wie in den 1940-er Jahren Bootsladungen an Flüchtlingen abgewiesen werden, damit sie ertrinken.