Israel, die Europäische Kommission, Europa und die Niederlande

Manfred Gerstenfeld interviewt Frits Bolkestein (direkt vom Autor)

Frits Bolkestein
Frits Bolkestein

Von 1994 bis 2004 war Frits Bolkestein der für den internationalen Markt, Steuerwesen und die Zollunion zuständige und verantwortliche EU-Kommissar. Davor war er niederländischer Verteidigungsminister und Chef der liberalen Partei VVD. 2005 wurde er Professor – für den intellektuellen Hintergrund politischer Entwicklungen – sowohl an der Universität Leiden wie an der Technischen Universität Delft.

Bolkestein stellt fest: Die israelische „Akte“ bei der Europäischen Union ist eine schwierige, weil so viele Faktoren mitspielen. In den letzten Jahren hat Israel zweifellos eine Publicity-Schlacht verloren. Das ist jedoch nur einer der Faktoren, die eine Rolle spielen. Ein weiterer ist, dass Menschen sich Zahlen beugen. Es gibt Hunderte Millionen Araber und weniger als acht Millionen Israelis. Drittens gibt es das Thema Öl. Öl-Verträge werden binational verhandelt und das macht sie hoch politisch. Die Araber haben Öl ohne Ende und könnten eines Tages wieder ein Embargo verhängen. Die Niederlande hatten diese Erfahrung bereits 1973 gemacht.

Der vierte Faktor ist der Einfluss so vieler europäischer Muslime als Wähler mit ihrer Macht über die Außenpolitik. Als er französischer Außenminister war, traf ich Dominique de Villepin auf einer Bilderberg-Konferenz und fragte ihn, wie die französische Außenpolitik durch die Präsenz von fünf bis sechs Millionen Muslimen betroffen ist. Er antwortete: „Überhaupt nicht.“ Das war nicht allzu überzeugend.

Der fünfte Faktor kompliziert die Sache weiter; es ist der Schuldkomplex gegenüber den Juden und Israel. Das trifft in erster Linie auf Deutschland zu. Doch es ist auch in den Niederlanden wichtig, hauptsächlich weil 75 Prozent der niederländischen Juden im Holocaust ermordet wurden. Heute ist dieses Gefühl eher verblasst und ich denke nicht, dass es in anderen europäischen Staaten weiterhin von Bedeutung ist.

An sechster Stelle steht der Antisemitismus, der in Europa auch die politische Sphäre beeinflussen kann. Er verkleidet sich oft als Antiisraelismus. David Pryce-Jones diskutierte einst in einem Artikel im Commentary eingehend den kaum verborgenen Antisemitismus im französischen diplomatischen Dienst.[1]

Ich bin nicht Experte genug um zu bewerten, ob das stimmt. Ich erinnere mich aber daran, dass de Gaulle die Juden 1967 ein „herrisches und arrogantes Volk“ nannte. Solche Äußerungen macht man nicht in Unschuld. Wenn die Franzosen etwas aufgeheizt sagen: „Wir sind keine Antisemiten und schon gar nicht unser diplomatischer Dienst“, dann stelle ich das in Frage. Ich erinnere mich gut an eine Karikatur in der Zeitung Le Monde zu diesem Punkt, die einen Juden in Konzentrationslager-Kleidung zeigte, der in provokativer Pose wie Napoleon da stand, mit einem Fuß auf dem Stacheldraht.

Bolkestein sprach auf einer Gedenkfeier zur 65. Jahrestag der Kristallnacht in Amsterdam im November 2003; dort sagte er:

„Der Kern des Nahost-Konflikts ist der Widerwille der Araber Israels Existenz anzuerkennen. Muslimischer Terror gegen Europa ist nicht das Ergebnis des israelisch-palästinensischen Konflikts. Er richtet sich direkt gegen die westliche Kultur, die von vielen Muslimen als Bedrohung angesehen wird.“

Laut Bolkestein müssen alle oben erwähnten Themen im Kontext der derzeitigen Probleme Europas gesehen werden. Ein Thema, der ihn beherrscht, ist das, was er den europäischen „Selbsthass“ nennt. In der Einführungsvorlesung zu seiner Professur sagte er: „Eine wichtige Frage ist, warum und wann die Westeuropäer im Allgemeinen und die Niederländer im Besonderen ihr Selbstvertrauen verloren. Aus meiner Sicht geht das auf den Ersten Weltkrieg zurück, die Konfusion der Zwischenkriegszeit, den Zweiten Weltkrieg und die Ermordung der Juden. All das ist durch die Kulturrevolution von 1968 und die darauf folgenden Jahre verstärkt worden.“

Er fügt hinzu: Wenn man die Universale Erklärung der Menschenrechte als Maßstab anlegt, dann ist die dominante Zivilisation Europas derzeit der islamischen Zivilisation überlegen. Alle Zivilisation gründet auf Urteilsvermögen. Ich glaube, dass die Zivilisation Roms der Galliens überlegen war. Ich betrachte das unionistische Amerika als der Sklaven haltenden Konföderation überlegen und das demokratische Nachkriegsdeutschland dem kommunistischen Ostdeutschland überlegen.

Bolkestein merkt an: In der Europäischen Kommission versuchte ich zweimal das Problem der multikulturellen Gesellschaft und die Risiken unbegrenzter muslimischer Einwanderung anzusprechen. Meine Kollegen hinkten den Niederlanden in dieser Frage zehn Jahre hinterher und wollten das Thema nicht diskutieren. Ich sagte einem Kommissar, dass sie mich fast als Rassisten betrachteten. Er antwortete: „Lassen Sie das Wort ‚fast‘ weg.“

2010 zitierte ich Bolkestein in meinem Buch Het Verval, Joden in een stuurloos Nederland. Er hatte gesagt: „Juden müssen erkennen, dass es für sie in den Niederlanden keine Zukunft gibt und dass sie ihren Kindern am besten empfehlen sollten in die USA oder nach Israel zu gehen.“ Er kam aufgrund der Probleme, die er für die Niederlande voraussah, zu diesem Schluss, insbesondere derer, die aus der erfolglosen Integration vieler muslimischer Einwanderer und den Problemen ergeben, die dies für bewusste Juden schaffen würde.[2] Das verursachte einen beträchtlichen öffentlichen Aufschrei. Gleichzeitig wurden viele Artikel veröffentlicht, die die gegenwärtige Belästigung erkennbarer Juden in den Niederlanden beschrieben.

Dies ist die gekürzte Version eines Interviews, das auf Niederländisch in Manfred Gerstenfelds Bestseller „Het Verval, Joden in een stuurloos Nederland“ (Der Niedergang: Juden in den führungslosen Niederlanden, 2010) erschien.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Vorsitzender des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs


[1] David Pryce-Jones: Jews, Arabs, and French Diplomacy. Commentary, Mai 2005.

[2] Manfred Gerstenfeld, Het Verval: joden in een stuurloos Nederland. (Amsterdam, Van Praag, 2010), 109. [Niederländisch]

2 Gedanken zu “Israel, die Europäische Kommission, Europa und die Niederlande

  1. in fast alles shuls in NL gab es heute shavuoth Gebet, überall minyan. Obenstehende Behauptungen sind haltlose sensationalistische Wehrufe….

    • Ah, alles eitel Sonnenschein im Oranje-Staat? Nie Probleme mit Muslimen (kein Mord an Van Gogh? Kein gar nichts mit Marokkanern?), alles in Ordnung, keine EU-Rassismusvorwürfe gegen Leute, die nicht so ganz ins politisch korrekte Bild passen, Gerd Wilders existiert nicht und hat mit seinem antiislamistischen Aktivitäten keine Erfolge?
      Nur, weil die Synagogen die jüdischen Feste noch feiern können, heißt es nicht, dass die Gefahren nicht da sind!

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