Es gab also im Juni 67 keine Bedrohung? Echt?

Robert Werdine, Times of Israel, 31. Mai 2012

Nach meinem Kalender steht der 45. Jahrestag des Sechstagekriegs bevor und der Kehrreim, der die Bedrohung leugnet und herunterspielt, der sich der jüdische Staat damals gegenüber sah und der aus den Kreisen von Israels revisionistischen Kritikern ausströmt, wird zweifelsohne wieder zu hören sein.

Ich muss zugeben, dass ich das immer reichlich seltsam fand. Als passionierter Student der Militärgeschichte habe ich das Studium der Umstände des Sechstagekriegs (wie ich das bei allen arabisch-israelischen Kriegen mache) immer faszinierend gefunden: die Rollenverteilung der Beteiligten, das Drama des Cowntdowns zum Krieg, der Zusammenprall von Selbstüberhebung und Heldentum, von Mut und Feigheit, aber vor allem, wie ein kleiner, junger Staat seinen Weg durch eine Krise der Gefahr und Ungewissheit tastete, hin zu Kontrolle, Sicherheit und Sieg. Wenn ich das ignoriere, dann ist meine Ignoranz unheilbar, da ich keine Mühen gescheut habe das zu begriefen; und ich habe so ziemlich jedes Buch dazu durchstöbert, das ich in den letzten 25 Jahren in die Hände bekommen konnte. Wie jemand die Umstände des Konflikts kennen kann und einfach auf eine Landkarte sehen und die Gefahr nicht sehen kann, der sich Israel Anfang Juni 1967 ausgesetzt sah, ist mir ein Rätsel.

Natürlich gibt es da immer das arabische Narrativ, das – vorhersagbar – das israelische Handeln als nicht provozierte Aggression darstellt; das ist nicht überraschend. Doch es verstört, dass das westliche, revisionistische Narrativ herunterspielt, dass die Bedrohung fortbesteht. Nach Angaben des „Neuen“ Historikers und Kolumnisten Tom Segev in seinem ansonsten sehr interessanten und informativen „Israel, the War, and the Year That Transformed the Middle East“ (2006 – Israel, der Krieg und das Jahr, das den Nahen Osten verwandelte) gab es mi Mai und Juni 1967 keine arabische Bedrohung – schon gar keine „existenzielle“ Bedrohung des Lebens des jüdischen Staates. Die Israelis, die im Schatten des Holocaust immer noch die Hände rangen, reagierten über, obwohl sie in Wirklichkeit nichts zu fürchten hatten außer die Furcht selbst. Segev sieht in diesen zum Krieg führenden Tagen in Israel nichts als Panik und Hysterie. Jede Sorge zu der Gefahr, die jetzt an Israels Grenzen klingelt, „hat keine Grundlage in der Realität“ und „es gab in der Tat keine Rechtfertigung für die Panik, die dem Krieg voraus ging, auch nicht für die Euphorie, die danach um sich griff“.

Hier schüttelt Segev den Kopf und gibt angesichts des in Erwartung eines Massakers vor dem Krieg schon Gräber aushebenden Israelis ein „ts-ts-ts“ von sich:

„Nur eine Gesellschaft, die durchtränkt ist von der Erinnerung an den Holocaust konnte sich derart akribisch auf den nächsten vorbereiten.“

Und dann gab es – natürlich – Israels kriegslüsterne Generäle:

„Die klammerten sich an die israelische Kultur der Jugend fest; sie waren wie brünstige heranwachsende Jungs oder Bullen. Sie glaubten an Gewalt und wollten Krieg. Krieg war ihr Schicksal.“

Norman Finkelstein, der mit einer widerlichen und abscheulichen Schmutzkampagne zu Berühmtheit aufstieg, der jüdische Staat nutze den Holocaust als Ermächtigung für seine angebliche Kriminalität und Unterdrückung, geht sogar noch weiter als Segev. In einer provokativen Rezension von Michael Orens Six Days of War (2002) postuliert er die volle Verantwortung Israels für die Krise mit Syrien, die zu dem Konflikt führte; er argumentiert, dass das alles – weit davon entfernt die Antwort auf eine echte Bedrohung zu sein – alles ein zynischer Landraub war, um die Grenzen des nicht bedrohten jüdischen Staates auf Kosten seiner schutzlosen, Frieden anstrebenden arabischen Nachbarn auszudehnen und um dem ägyptischen Diktator Gamal Abdel Nasser und dem arabischen Nationalismus einen tödlichen Schlag zu versetzen. Er deutet außerdem an, dass der israelische Angriff auf das amerikanische Spionageschiff USS Liberty kein Versehen war.

„Es gab tatsächlich keine Rechtfertigung für die Panik, die dem Krieg voraus ging…“

„Sie glaubten an die Gewalt und wollten Krieg…“

Wirklich?

Der Dritte arabisch-israelische Krieg war von keiner Seite vorher geplant. Die Krise, die zum Konflikt führte, erwuchs natürlich direkt aus dem nicht vorhandenen Frieden zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn, damals in seinem 19. Jahr. In den Jahren seit den Waffenstillstandsvereinbarungen von 1949 hatten die Israelis praktisch einer Epidemie von Infiltrationen und Terrorangriffen an all ihren Grenzen erlitten, die im Verlauf der Jahre in einem anscheinend endlosen Kreislauf destabilisierender arabischer Angriffe und israelischer Gegenangriffe und Vergeltung weiterging.

Die Stationierung von UNO-Friedensschützern 1957 im Sinai nach dem Suezkrieg von 1956 machte die Grenze nach Ägypten weitgehend ruhig, doch an den Grenzen zu Syrien und Jordanien flammten ständig Angriffe und Gegenangriffe auf. Der Krise im Mai und Juni 1967 gingen direkt die fortgesetzten Bemühungen der Syrer voraus die Israelis daran zu hindern das Land in der demilitarisierten Zone an ihrer Grenze zu kultivieren; und der „Wasserkrieg“ zwischen Israel und Syrien, von syrischen Anstrengungen provoziert das Wasser des Jordan abzuleiten, hätten die Kapazitäten des israelischen Wasserleitsystems um rund 35% und Israels gesamte Wasserversorgung um rund 11% gekürzt.

Die Syrer feuerten im November 1964 massiv auf den Kibbutz Dan, weitere drei Male im Verlauf des Jahres 1965; jedes Mal erhielten sie eine scharfe Reaktion der IDF. Im Juli 1966 wurde ein weiterer syrischer Angriff von der israelischen Luftwaffe beantwortet, die einige Bulldozer zerstörte und eine syrische MiG-21 abschoss, die eingreifen wollte.

Im Januar 1967 feuerten syrische Panzer – ohne unprovoziert und ohne Warnung – rund 30 Granaten auf den Kibbutz Almagor und streuten massiv Feuer aus leichten Maschinengewehren af den Kibbutz Shamir, wobei zwei Personen verletzt wurden. Bei weiterem von diesen Aktionen provozierten Geplänkel wurde ein Israeli getötet und zwei andere wurden von einer Anti-Personen-Mine verletzt, für die die Terroristen der Fatah die Verantwortung reklamierten, die aber syrische Erkennungszeichen trugen. Und für den Fall, dass daran gezweifelt wird, wer hier die ersten Schüsse abgab, wollen wir die seltene Offenheit einer Sendung von Radio Damaskus vom 17. Januar 1967 die Dinge richtigstellen lassen:

<„Syrien hat seine Strategie geändert und sich von der Verteidigung auf Offensive verlegt… Wir werden die Operationen fortführen, bis Israel eliminiert worden ist.“

Nacn weiteren Provokationen wurde von Levi Eskol, dem damaligen israelischen Premierminister, Ende März die Entscheidung getroffen auf den nächsten syrischen Angriff auf die demilitarisierte Zone heftig zu antworten. Als dann am 7. April zwei Traktoren, die in der Nähe von Tel Katzir arbeiteten, wie von den Israelis erwartet von den Syrern mit Feuer aus 37mm-Kanonen beschossen wurden, schossen israelische Panzer zurück und die Syrer antworteten nicht mit Beschuss der Panzer, sondern damit die nahe gelegene israelische Siedlung mit 81mm- und 120mm-Mörsern zu bombardieren.

Der Golan war daraufhin übersät mit Kanonen- und Maschinengewehrfeuer; bis 13:30 Uhr stellten UNO-Beobachter fest, dass etwa 247 syrische Artilleriegranaten den Kibbutz Gadod getroffen hatten, wo mehrere Gebäude zerstört wurden. Die israelische Luftwaffe handelte direkt, handelte rasch und beschoss syrische Bunker und Artilleriestellungen. Syrische MiG-21 trafen am Himmel über Damaskus auf Mirages der IAF; innerhalb von dreißig Sekunden schoss die IAF sechs MiGs ab und stellten komplette Überlegenheit im syrischen Luftraum her. Um ihren Triumph zu betonen, flogen die IAF-Mirages dann eine Siegesschleife um Damaskus.

Am 8. April 1967 polterte Radio Damaskus:

„Unser bekanntes Ziel ist die Befreiung Palästinas und die Liquidierung des dortigen zionistischen Bestandes. Unsere Armee und unser Volk werden jedem arabischen Kämpfer ihre Unterstützung geben, der für die Rückkehr Palästinas handelt.“

Am 10. April 1967 prahlte der Beamte al-Bath, wie immer ohne angesichts von Desaster und Blamage den Mut zu verlieren, ausgelassen:

„Unser heldenhaftes Volk, das Kriegslieder singt, sehnt sich danach die letzte Schlacht zu beginnen. Es gibt keine Möglichkeit die Besatzung zu beseitigen, als die Basen des Feindes zu zerschlagen und seine Macht zu zerstören.“

* * *

Abgesehen von der Gewalt an den Grenzen war eines der Dinge, die die Krise vom Mai 1967 so schwierig einzudämmen machte, das ständige Macho-Gehabe und das konkurrierende, rhetorische Muskelspiel der regionalen Araberführer darüber, wer „dem Zionismus und Imperialismus gegenüber weich“ sei und wer nicht.

Der Vorfall vom 7. April – unter anderem – löste eine neue Runde interarabischen Gezänks aus und die gegenseitige Verspottung unter den arabischen Hauptstädten nahm merklich zu. König Hussein, der nach dem Samu-Angriff von 1966 Nasser verhöhnte hatte, er „verstecke sich hinter den Röcken der UNEF“, stichelte jetzt wegen seiner Untätigkeit wegen des Vorfalls am 7. April und schlug ihm den folgenden sarkastischen Spott entgegen: „Unser Feind weiß leider jetzt, wie ernst es Präsident Abdel Nasser meint, als er in seiner jüngsten Rede sagte, die VAR [Vereinigte Arabische Republik – heplev] würde sich der Schlacht in dem Moment anschließen, in dem Syrien von Israel angegriffen wird.“

Hussein hatte die Ba’ath-Partei in Damaskus verhöhnt, indem er (fälschlich) feststellte, man hätte an den drei abgeschossenen syrischen Flugzeugen, die in Jordanien abstürzten, Raketen aus Holz gefunden; Assad, hieß es, würde ihnen keine echten geben.

Um nicht ausgestochen zu werden, antwortete Nasser: „Jordanien wird eine Garrison des Imperialismus, ein Trainingslager für Söldnerbanden, ein reaktionärer Außenposten zum Schutz Israels.“ Hussein sei, wie sein Großvater, mit den Juden im Bunde, die „geborene Spione, aufgezogen in Verrat“ seien – Hussein arbeitete für die CIA. Und: „Hussein ist ein Lakai der Imperialisten.“

Hussein antwortete im Gegenzug, es sei Nasser, der „der einzige arabische Führer ist, der in Frieden und Ruhe mit Israel lebt. Nicht ein Schuss ist aus seiner Richtung gegen Israel geschossen worden… Wir hoffen, er ist mit seiner Schande zufrieden.“

Wie fiese Teenager reizten sich die arabischen Führer auf diese Weise einander mit unerträglichem Gruppendruck, um irgendwie gegen Israel vorzugehen; zusätzlich zu diesem ständig eskalierenden Austausch von Schulkinder-Verhöhnungen zwischen den arabischen Hauptstädten erfuhr die bereits gespannte Lage am 13. Mai eine weitere Steigerung: Die Sowjets informierten die Ägypter offiziell (und falsch), dass Israel Syrien angreifen werde. Am selben Tag forderte Hafez al-Assad, dass Ägypten Israel als Ablenkung angreifen solle.

Als jedoch der ehemalige ägyptische Feldmarschall Muhammed Fawzi zu Konsultationen in Damaskus eintraf, war er überrascht keinerlei Beweise dafür zu finden, dass die IDF Truppen an der syrischen Grenze zusammenzieht: kein Mobilisierung der Reserve und keine ungewöhnliche Stationierung von Truppen und schweren Waffen.

Am 14. Mai lud Levi Eshkol den sowjetischen Botschafter in Syrien zu einer Inspektion der israelischen Seite der Grenze ein; sie wurde abgelehnt, wahrscheinlich aus dem einfachen Grund, dass die Sowjets – die ihre eigenen Lügen nicht glaubten – wussten, dass es keine Stationierung von Truppen gab. Am nächsten Tag vermerkte Odd Bull, der Chef der UNO-Waffenstillstandsbeobachter, er habe „absolut keine Berichte über Truppenstationierungen“ von Grenzbeobachtern erhalten.

In den nächsten Tagen warf Nasser die den Frieden schützenden UNEF-Truppen (United Nations Emergency Force) aus dem Sinai, remilitarisierte den Sinai und den Gazastreifen und blockierte am 22. Mai die Straße von Tiran – alles gesetzeswidrig und eklatante kriegerische Akte. Auch er selbst hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Er nannte die UNEF „eine Truppe, die dem Neoimperialismus dient“ und befahl ihren Abzug bis zum 16. Mai. Drei Tage später parierten sie und an diesem Abend plärrte Radio Kairo: „Das ist unsere Chance, oh Araber, Israel einen tödlichen Vernichtungsschlag zu versetzen.“

Nasser sagte am 27. Mai in einer Rede vor einer Versammlung der arabischen Gewerkschaften:

„Wir wissen, dass die Schließung des Golfs von Aqaba Krieg mit Israel bedeutet. Wenn der Krieg kommt, wird er total sein und das Ziel wird die Vernichtung Israels sein. Das ist arabische Macht.“

Israels Abzug aus den im Krieg 1956 besetzten Sinai und Gazastreifen 1957 hing damals von der Garantie der UNO ab, dass der Sinai und der Gazastreifen entmilitarisiert blieben, vom internationalen Status des Golfs von Aqaba und der Straße von Tiran und der Unantastbarkeit der maritimen Rechte Israels dort. Die UNO stationierte die United Nations Emergency Force, um die Friedenssicherung im Sinai entlang der israelisch-ägyptischen Grenze zu beobachten. Israel legte außerdem fest, dass jeder Bruch dieser Garantien durch Ägypten eine Kriegshandlung darstellt und dass Israel sich auf seine Rechte unter Artikel 51 der UN-Charta berufen würde, um sich zu verteidigen.

Am 20. Februar 1957 sagte Präsident Eisenhower:

Wir sollten davon ausgehen, dass Ägypten, wenn Israel sich zurückzieht, die israelische Schifffahrt daran hindert den Suezkanal oder den Golf von Aqaba zu benutzen. Sollte Ägypten, was zu bedauern wäre, danach die Waffenstillstandsvereinbarung oder andere internationale Verpflichtungen verletzen, dann sollte die Vereinigung der Nationen entschieden damit umgehen.

Man muss nicht erst erwähnen, dass mit dem Handeln Nassers im Mai 1967 „von der Vereinigung der Nationen“ nicht „entschieden umgegangen“ wurde und dass Israel, das seinen Rückzug aus dem Sinai von den Versprechen der USA und der UNO abhängig gemacht hatte, dass der nicht kriegerische Status des Sinai und des Gazastreifens und israelische maritime Rechte am Golf von Aqaba und der Straße von Tiran sicher gestellt würden, die als internationale Wasserstraße anerkannt waren, vollständig im Stich gelassen wurde. Im Mai 1967 bestätigte sogar Eisenhower in einem Interview die von den USA 10 Jahre zuvor Israel gegenüber eingegangenen Verpflichtungen, sehr zum Beschämen der Johnson-Administration, die dieser Verpflichtung ganz geschäftig auswich.

Als UNO-Generalsekretär U-Thant sich mit Nasser traf, um ihn zum Überdenken seines Handelns zu drängen, sagte Nasser ihm:

„Wir werden nie in einer besseren Position sein als jetzt. Unserer Streitkräfte sind gut ausgerüstet und ausgebildet. Wir werden alle Vorteile haben, wenn wir zuerst angreifen. Wir sind uns des Sieges sicher. Meine Generäle sagten mir, dass wir gewinnen werden – was würden Sie ihnen sagen?“

Und so taten die Vereinten Nationen – wie drei Jahrzehnte später bei Saddam Hussein und den 17 nicht durchgesetzten Resolutionen des Sicherheitsrats zur fehlenden Einhaltung der Zusammenarbeit mit den Inspektoren, unternahm die UNO absolut nichts zu Nassers offenen Missachtung des internationalen Rechts und seiner dreisten Werbung für seine Absichten einen Akt unrechtmäßiger Aggression zu begehen, außer sich laut über dessen „unglückliches“ und „nicht hilfreiches“ Verhalten zu beschweren. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal war Israel von der UNO komplett beschwindelt worden, um die Versicherungen zu seiner Sicherheit zu akzeptieren und dann restlos seinem Schicksal überlassen zu werden.

Am 27. Mai hatte der sowjetische Botschafter Nasser informiert, dass die Amerikaner von einem bevorstehenden ägyptischen Angriff auf Israel Wind bekommen hätten. Am selben Tag gab der ägyptische Feldmarschall ‘Amer Befehle zum Angriff auf den Negev aus, doch Nasser – auf die mögliche amerikanische Intervention und das offensichtliche, von den Sowjets zum Ausdruck gebrachte Unbehagen zu eine solchen Eventualität hingewiesen – widerrief den Befehl. ‘Amer war wütend. Ungeduldig und erpicht darauf in den Krieg zu ziehen, hatte er Nasser gesagt: „Durch das Warten verliert Ägypten den Krieg noch bevor er angefangen hat.“

(‘Amer sollte bald schon allen Krieg bekommen, den er wollte.)

Es gibt einige Hinweise darauf, dass Nasser durch die Remilitarisierung des Sinai, den Rauswurf der UNEF und die Schließung der Straße von Tiran einen blutlosen politischen Sieg gerade eben noch ohne Krieg anstrebte, der sein Prestige als erster Führer der arabischen Welt konsolidieren würde; er war geleitet von seinem Glauben, das die UNO die Supermächte intervenieren würden wie ein Ringrichter beim Boxen, um Israel und die Araber zu trennen und sie zurück in ihre Ecken zu schicken, bevor alles außer Kontrolle geriet.

Es ist freilich klar, dass Nasser die Anwesenheit der UNEF im Sinai 1967 in einer Weise betrachtete, die der des Saddam Hussein bezüglich der UNO-Waffeninspekteure in den 1990-er Jahren glich – als fremden Übergriff auf seine Souveränität und Beleidigung für sein Prestige und dass Nasser – wie er von der UNO und seinen hochrangigen Militärberatern wusste – dass es keine israelische Drohung gegen Syrien gab, dass er lediglich diese jüngste Krise als Gelegenheit nutzte sei rauszuwerfen.

Das ist zweifellos wahr. Doch das Gewicht der Beweise überzeugt sogar noch mehr, dass er auch von einem Glauben geleitet war – weithin vom arabischen Lager geteilt – dass endlich die Zeit für den finalen Showdown mit dem „zionistischen Gebilde“ gekommen war, um die Demütigungen von 1948 und 1956 wegzuwischen und dass Israel, das seinen Sieg von 1956 nur mit der Hilfe von Großbritannien und Frankreich erzielte, der vereinten Macht der Araber nicht alleine widerstehen könne und dass nur Krieg wiedergewinnen konnte – und musste – was den Araber durch Krieg genommen worden war.

Gleichermaßen klar ist, dass er nicht aufgrund eines Masterplans handelte und lediglich seine Rhetorik und sein Handeln entsprechend der Ereignisse improvisierte, deren Diener er öfter war als deren Herr. Doch mit dem Rauswurf der UNEF, der Remilitarisierung des Sinai und der Schließung der Straße von Tiran zündete er ein Feuer an, das er jetzt nicht löschen konnte, ohne einen demütigenden Prestigeverlust hinzunehmen – was immer seine vorrangige Sorge war. Die durch diese Handlungen geschaffene Krise brachte sein Prestige in der arabischen Welt in nie da gewesene Höhe; überschwängliches Lob floss ihm jetzt aus jedem arabischen Lager zu. Die Hauptstädte im gesamten Nahen Osten waren jetzt im Griff eines hysterischen Taumels zum Anfeuern eines Krieges und versanken in Ozeanen von Demonstranten, die Nassers Lob brüllten und Israels Untergang proklamierten; Presse und Propaganda beschäftigten sich eifrig damit in Karikaturen und gedruckt Israels Nachruf zu verfassen. Die arabische Welt war wie nie zuvor gegen ihren gemeinsamen Feind geeint.

Die Würfel waren gefallen: Es gab kein Zurück mehr. UNO-Generalsekretär U-Thant glaubte zweifelsohne, dass, hätte Israel der Stationierung von UNEF-Truppen auf seiner Seite der Grenze zugestimmt, der Krieg hätte vermieden werden können, doch das war naiv. Hätten die Ägypter angegriffen, wären die UNEF-Truppen einfach marginalisiert oder einfach ignoriert worden. Wenn es zu Entscheidungen über Leben oder Tod kommt, dann vertrauen Staaten ihr Schicksal nicht unwirksamen Friedensschützern an, sollten das auch nicht tun. Sie hätten so viel Chancen gehabt einen Angriff der anderen Seite zu verhindern, wie ihre Jungs mit den blauen Helmen sie hatten, die ethnischen Säuberungen und Morde in Bosnien 1992 bis 1995 und den Völkermord in Ruanda 1994 zu verhindern.

Die Wahrheit ist: Wie viel Druck aus immer ausgeübt wurde, von der UNO oder sonst jemanden, er hätte Nasser nie veranlasst sich von dem Punkt zurückzuziehen, zu dem er jetzt vorangeschritten war. Er muss gewusst haben, dass sein Tun Krieg bedeutete; doch Nasser war Nasser und so mag es sein, dass er sich selbst so weit täuschte zu glauben, dass das nicht so war. Selbst die Sowjets, die in der Region immer gerne die Flammen schürten, wollten keinen Krieg, waren verblüfft, dass Nasser die Straße von Tiran sperrte. Sie wussten, was das bedeutete.

Am 30. Mai unterschrieb König Hussein von Jordanien in Kairo einen Militärpakt mit Nasser. Am selben Tag übernahmen irakische Truppen Stellungen in Jordanien. Der irakische Präsident Aref sagte am 31. Mai:

„Unser Ziel ist klar: Israel von der Landkarte zu wischen.“ Er fügte hinzu: „Es wird keine jüdischen Überlebenden geben.“

Nasser sagte am 31. Mai:

„Die Armeen Ägyptens, Jordaniens, Syriens und des Libanon stehen an den Grenzen Israels bereit… um sich der Herausforderung zu stellen und hinter uns stehen die Armeen des Irak, Algeriens, Kuwaits, des Sudan und die gesamte arabischen Nation.“

Ahmed Shukairy, PLO-Vorsitzender, sagte am 1. Juni:

„Die Juden Palästinas werden gehen müssen… Jeder aus der alten jüdischen Bevölkerung Palästinas, der überlebt, darf bleiben, aber mein Eindruck ist, dass von ihnen niemand überleben wird.“

Radio Damaskus sagte:

„Arabische Massen, dies ist euer Tag. Eilt zum Schlachtfeld… Lasst sie wissen, dass wir auch den letzten imperialistischen Soldaten mit den Eingeweiden des letzten Zionisten aufhängen werden.“

Hafez al-Assad sagte seinen Truppen in einem Furcht erregenden Hinweis auf das, was er 20.000 seiner eigenen Leute 15 Jahre später in Hama antun würde:

„Schlagt die [zivilen] Siedlungen des Feindes, verwandelt sie in Staub und ebnet die arabischen Straßen mit den Schädeln der Juden. Schlagt sie ohne Gnade.“

Assad sagte ebenfalls:

„Unsere Streitkräfte sind jetzt absolut bereit nicht nur die Aggression zurückzuschlagen, sondern auch den Befreiungsakt selbst zu initiieren und die zionistische Präsenz im arabischen Heimatland platzen zu lassen. Die syrische Armee, mit dem Finger ab Abzug, ist geeint … Ich als Mann des Militärs glaube, dass die Zeit gekommen ist in eine Vernichtungsschlacht einzutreten.“

Bis zum 4. Juni hatten Ägypten, Syrien, Jordanien und der Irak allesamt die Reservisten eingezogen, mobilisiert und an der israelischen Grenze zusammengezogen.

An der ägyptischen Grenze hatten die Ägypter inzwischen vom Erez-Checkpiont im nordöstlichen Gazastreifen bis hinunter zu al-Qusayma im Süden drei aktive Divisionen stationiert, eine Division an der Grenez südlich von Kuntilla, drei Divisionen hinter den vorderen Stellungen und mehrere gemischte Panzer- und Artillerie-Brigaden im westlichen und südlichen Sinai – alles in allem rund 100.000 Soldaten, 900 Panzer und rund 800 Kanonen schwere Artillerie.

Jordanien hatte rund 56.000 Soldaten zusammengezogen und mit ihnen neun Infanteriebrigaden, zwei gepanzerte Brigaden, eine Panzergrenadierbrigade und eine irakische Brigade stationiert. Sie hatten 294 Panzer und 194 Kanonen.

Syrien führte rund 70.000 Soldaten ins Feld; es stationierte sechs Infanteriebrigaden mit zwei Bataillonen Falschirmjägern und Spezialkräften, dazu zwei Panzerbrigaden, eine Panzergrenadierbrigade und ein unabhängiges gepanzertes Bataillon. Sie hatten 300 Panzer und 265 Kanonen.

Israel konnte dem gegenüber rund 250.000 bis 264.000 Mann mobilisieren, die zu drei Vierteln aus Reservisten bestanden, dazu rund 100.000, die an den Grenzen stationiert werden konnten. Sie waren in 11 Infanteriebrigaden, zwei Fallschirmjägerbrigaden, zwei unabhängigen Einheiten Spezialkräfte der Infanterie und drei mechanisierte Infanteriebrigaden aufgeteilt. Sie hatten etwa 1.100 Panzer und 400 Kanonen, die sich in 12 Artillerie- und 6 gepanzerte Brigaden aufteilten.

* * *

Die Zahl der Albtraum-Szenarien, der sich die Israelis nun gegenüber sehen, war damit endlos. Zuerst war da der Faktor Zeit. Edward Luttwak und Daniel Horowitz erklärten in ihrer exzellenten Studie der IDF:

„Es gab eine grundlegende Asymmetrie in der Struktur der Kräfte: Die Ägypter konnten ihre große Armee lange dienender Soldaten an der israelischen Grenze stationieren und auf unbestimmte Zeit dort halten; die Israelis konnten gegen diese Stationierung nur Reserveeinheiten mobilisieren und Reservisten konnten nicht sehr lange in Uniform gehalten werden. Ägypten konnte daher in der Defensive bleiben, während Israel angreifen müsste, sollte die Krise nicht diplomatisch entschärft werden.“ („The Israeli Army: 1948-1973“, S. 110)

Zweitens – und das ist überaus wichtig – hatten die Israelis, wie 1948, einen eindeutigen geografischen Nachteil. Es stimmt zwar, dass sie den Vorteil der inneren Linie hatten, aber das wurde durch die Länge der Grenzen zunichte gemacht, die sie verteidigen mussten, auch durch die Enge der Küstenebene, die ihre Fähigkeit erschwerte Kräfte von Norden nach Süden und umgekehrt zu verschieben, dazu die Fähigkeit Syriens, Jordaniens und Ägypten anzugreifen oder jederzeit eine Kombination zahlreicher Finten und tatsächlicher Angriffe nach Wahl zu unternehmen, die dafür sorgen, dass die nummerisch unterlegenen Israelis die 875km Grenze entlang zu hüpfen und eine Eventualität nach der anderen zu verhindern, ohne die Garantie, dass sie je entscheidend viele Kräfte aufbringen würden, um irgendeiner von ihnen entgegenzutreten. Ihr einziger Vorteil lag daher in Ahnungen. Der einzige Weg das Stattfinden solch eines Angriff effektiv abzuschrecken, war ihm zuvor zu kommen.

Der Konsens der amerikanischen Geheimdienstler vor dem Krieg war, dass Israel in einem Krieg gegen die Araber gewinnen würde, egal ob sie angriffen oder in der Defensive blieben. Während zwar klar ist, dass diese Sicht zu einem israelischen Erstschlag voll zutraf, sieht die Vorstellung, dass Israel einen Angriff der Araber innerhalb seiner Waffenstillstandslinien von 1949 verkraften könne, im Rückblick total unglaubwürdig aus.

Ein Angriff nur der Ägypter vom Sinai aus in den Negev könnte den Israelis ein wenig, wenn auch nicht viel, Polster zum Absorbieren eines Panzerangriffs gegeben haben und sie eine mobile Verteidigung durchführen lassen, bei der die Überlegenheit der IDF bei Taktik und militärischer Führung einen marginalen Vorteil geschaffen hätten, aber das hätten die ägyptischen Überlegenheit bei Masse und Ausrüstung aufgewogen, ganz zu schweigen von ihrer Möglichkeit sich ganz auf das vordere Gewicht ihres Angriffs in einer einzigen Richtung an verschiedenen Punkten der 340km langen Grenze Ägyptens und des Gazastreifens mit Israel konzentrieren zu können, ohne Sorge um ihre Nachhut oder Flanken; die Israelis andererseits, zahlenmäßig unterlegen, hätte dieser Streitmacht mit weniger als der Hälfte ihrer mobilisierten Kraft entgegentreten müssen, während der Rest ihrer Reserven in Verteidigungshaltung entlang der 540km gewundener Grenze mit Jordanien und Syrien standen.

Angesichts des totalen Fehlens an strategischer Tiefe entlang der 330km langen Grenze mit der Westbank, wo Israelis Wespentaille entlang der Küstenebene durch den Schlag von ein paar wenigen schweren, gut platzierten jordanischen gepanzerten Kolonnen durchtrennt werden konnte, war dieses Szenario besonders höllisch. Alle wichtigen israelischen Bevölkerungszentren lagen innerhalb kurzer Schlagdistanz aus der Westbank heraus: Netanya 15km, Tel Aviv 18km, Beer Sheva 16km, Haifa 34km, Aschdod 35km und Aschkelon nur 11km vom Gazastreifen entfernt, ganz zu schweigen von Städten wie Eilat und Jerusalem, die direkt in der Schusslinie lagen und schutzlos Einkesselung und Belagerung ausgesetzt.

Ihre Streitkräfte müssten sie an ihrer Ostgrenze aufzuteilen, um der Vielzahl an Eventualitäten zu begegnen und ohne irgendwelchen Raum zum Manövern und sich wieder einzugraben zu haben, könnten ihre nummerisch unterlegenen Kader zerschlagen oder umgangen werden und ihre Einheiten im Norden und Süden von den anderen getrennt, umzingelt und in Stücke geschnitten werden. Selbst das genialste taktische Flair der Israelis wäre nicht in der Lage gewesen das zu aufzuhalten. In diesem Fall würden die Geographie, die zahlenmäßige Überlegenheit der Araber an Personal und Ausrüstung und der Vorteil des Timings die Israelis mit ihrer überlegenen Taktik, Führung und Moral in einen schweren Nachteil bringen. Israel würde aller Wahrscheinlichkeit nach zerstört worden sein.

Es erscheint absolut plausibel, dass Israels revisionistische Kritiker und Widersacher in ihrem fiebrigen Versuch die Geschichte des Kriegs von 1967 umzuschreiben, sich die Umstände des Mai und Juni 1967 ansehen können und zu dem Schluss kommen, dass es keine reale und unmittelbare Bedrohung des Überlebens Israels gab, doch die Israelis entschieden sich einmal mehr lieber zu überleben statt unterzugehen.