Charakterskizzen: Amsterdam und Antisemitismus

Manfred Gerstenfeld interviewt Charles Dahan (direkt vom Autor)

An Yom Kippur verließ ich zusammen mit einem Jura-Professor die wunderschöne Portugiesische Synagoge in Amsterdam. Vor dem nahe gelegenen Jüdischen Historischen Museum sangen einige marokkanische Jungs auf Arabisch ein Lied mit einer schönen Melodie. Der Professor sagte: „Sehen Sie sich diese Kids an.“ Er stellte fest, wie angenehm ihr Gesang war.

Ich sagte: „Sie wissen nicht, was sie singen! Der Text lautet: ‚Hier kommen die Juden, Tod den Juden! Wir werden sie kriegen.‘“ Er meinte: „Das ist unmöglich. Sehen Sie, wie nett sie sind!“ Ich wurde sehr wütend, aber Niederländer sind naiv und wollen nicht glauben, was direkt vor ihren Augen geschieht.

Charles Dahan mit Fiete Hartog
Charles Dahan mit Fiete Hartog

Charles Dahan ist Weinhändler in Amsterdam; er wurde im marokkanischen Marrakesch geboren. Seine Muttersprache ist Arabisch. 1956 wanderte er im Alter von 20 Jahren nach Frankreich ein. Später heiratete er eine niederländische Jüdin und zog nach Amsterdam.

Dahan stellt fest: Meine Erfahrungen sind wie Kurzgeschichten, nichts Besonders, aber oft der Tatsache geschuldet, dass ich Arabisch verstehe. Vor ein paar Jahren brach die Abwasserleitung vor unserem Haus. Die Stadtverwaltung schickte Arbeiter, die sie reparieren sollten. Einer davon war ein Araber. Als ich an ihm vorbei ging, sprach ich ihn auf Arabisch an. Ich fragte ihn, ob er ein Tasse Kaffee haben wollte. Ich brachte sie ihm. Er sagte: „In Amsterdam sind die Juden die Bosse und wir haben sogar einen jüdischen Bürgermeister.“ Ich antwortete: „Nun, ich muss jetzt zur Arbeit.“ Ich nahm die leere Tasse und schloss die Tür.

Dahan fährt fort: Wenn es unter den muslimischen Einwanderern in Amsterdam Antisemiten gibt und wenn sie in der Schule antisemitische Äußerungen von sich geben, ist das nichts, das von alleine kommt. Sie haben davor niemals Juden gesehen. Es spielt keine Rolle, ob sie hier oder im Rif-Gebirge in Marokko geboren wurden, wo kaum noch Juden übrig sind. Sie erlernten den Antisemitismus von ihren Eltern Zuhause oder dadurch, dass sie Satellitenfernsehen sehen.

Zum Problem des Antisemitismus in den Niederlanden gehören nicht nur Muslime. Ein niederländischer Arzt, der in meiner Straße wohnt, besuchte mich oft, weil er gerne Wein trinkt. Als seine Tochter einen irakischen Araber heiratete, sagte er mir: „Meine Tochter brachte einen Juden mit nach Hause.“ Ich sagte: „Was meinen Sie mit ‚einen Juden‘? Er ist ein irakischer Muslim und Araber – warum nennen Sie ihn einen Juden?“ Er sagte: „Das ist alles dasselbe – für mich ist er ein Jude.“ Er wusste, dass ich jüdisch bin, aber er hatte etwas zu viel getrunken.

Dahan erzählt weiter: „Einer meiner Kunden war Textilgroßhändler. Er kaufte Wein immer en gros. Wann immer ein Kunde zu ihm kam, öffnete er einen Flasche Wein, bevor sie übers Geschäft sprachen. Der Kunde trinkt ein wenig, kauft ein wenig, das ist eine sehr gute Art den Wein zu vermarkten – was gut für ihn war, war gut für mich.

Eines Tages kam er mit drei oder vier Freunden daher. Ich ließ ihn einige Weine probieren. Er sagte: „Ich bringe Ihnen ein paar neue Kunden – Jugendfreunde. Sie lieben Wein genauso wie ich. Zeigen Sie uns etwas.“ Sie wollten singen und ich sagte: „Bitte, singen Sie.“

Sie fingen an Nazi-Lieder zu singen. Ich sagte: „Was singen Sie da? Sind Sie irre?“ Sie sagten: „Wir gehören alle demselben Club an.“ Wie sich herausstellte waren sie alle Nazi-Kollaborateure gewesen. Ich sagte: „Hören Sie auf zu singen! Sie wissen, dass ich Jude bin! Und wenn Sie etwas bestellen wollen, dann schicken Sie mir die Bestellung per Fax oder Telefon. Auf Wiedersehen.“

Dieser Textil-Großhändler war sehr höflich. Ich habe eine Mesusa an meiner Türe. Als er das erste Mal zu Besuch kam, sagte er, als er sie sah: „Haben Sie die Wohnung von einem Juden gekauft?“ Ich antwortete: „Ich weiß nicht, wer der der Vorbesitzer war oder ob er Jude war.“ Er deutete auf die Mesusa und sagte: „Nur Juden haben das an ihrer Tür.“ Dann sagte ich ihm: „Ich bin Jude und ich habe sie angebracht.“

Es störte ihn nicht. Er fand meine Preise und die Weine ansprechend. Wenn er herkam, trank er, so viel er wollte. Aber als er bei dieser einen Gelegenheit betrunken war, war sehr klar, was er dachte. Ich habe nie wieder Geschäfte mit ihm gemacht.

Vor fünfzehn Jahren hatte ich ein Zoll-Lager für Wein im Amsterdamer Hafen. Ein Niederländer hatte ein Lager nebenan. Jedem Morgen fragte er mich: „Haben Sie sich noch nicht entschieden nach Israel zu gehen?“ Ich fragte ihn: „Warum fragen Sie mich das?“ Er sagte: „Weil ich Ihr Lager brauche.“ Ich ignorierte ihn; dann sagte er mir eines Tages: „Die Juden haben in Israel nichts verloren, es gehört den Arabern.“

Dahan schließt: Das sind alles kleine Geschichten aus Amsterdam.

Dies ist die gekürzte Version eines Interviews, das auf Niederländisch in Manfred Gerstenfelds Bestseller „Het Verval, Joden in een stuurloos Nederland“ (Der Niedergang: Juden in den führungslosen Niederlanden, 2010) erschien.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

Ein Gedanke zu “Charakterskizzen: Amsterdam und Antisemitismus

  1. „…aber Niederländer sind naiv und wollen nicht glauben, was direkt vor ihren Augen geschieht.“Nicht nur die Niederländer! Viele Menschen wollen einfach nicht sehen, was ihnen nicht in den Kram passt, selbst wenn es sich um ein Feuerwerk handelt.

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