Christlich-jüdische Beziehungen nach dem Holocaust

Manfred Gerstenfeld interviewt Tzvi C. Marx (direkt vom Autor)

Der Mai 1948 war der Beginn eines neuen Zeitalters für die christlich-jüdischen Beziehungen. Die Gründung des Staates Israel war ein theologischer Eingriff in das christliche Bewusstsein. Sie brach die christliche Selbstgefälligkeit, man sei in Gottes Augen das „wahre Israel“ und das Christentum habe das antike Israel ersetzt, die klassische christliche Ersetzungstheologie.1

Die schwer verdauliche Tatsache des Staates Israel untergrub 1.800 Jahre christlicher Theologie. Offenbar hatte Gott seine Versprechen an die Juden nicht widerrufen. Das förderte in einigen christlichen Kreisen ein Umdenken bezüglich der Juden.

Tzvi C. Marx
Tzvi C. Marx

Tzvi C. Marx lehrt am Windesheim College (Utrecht) in den Niederlanden Judaismus. Er ist ordinierter Rabbiner der Yeshiva Universität. Er besitzt einen Doktortitel der Katholischen Universität Utrecht.

Marx fügt hinzu, dass die Gründung Israels in christlichen Kreisen viel Energie freisetzte. Einige Christen gaben sich Verleugnung hin, indem sie behaupteten, der Staat stelle keine neue Frage für die Theologie dar, sondern diene lediglich als Schuld-Kompensation für den Holocaust. Nach diesem Konzept war Israel bloß ein Rehabilitationszentrum für vertriebene und übel zugerichtete Juden und sollte später in einen universaleren arabischen Staat subsumiert werden, in dem Juden willkommen, aber nicht dominierend sein würden. Viele derer, die keine Verleugnung betrieben, warfen stattdessen einen neuen Blick auf das Judentum und beschäftigten sich damit es zu studieren.

Marx betont, dass die Debatte der frühen 1950-er Jahre zu einem nicht missionarischen christlichen Herangehen an das Judentum nicht von der Schoah ausgelöst wurde. Im Gegenteil: Jüdisches Leid in welchem Ausmaß auch immer ist mit christlicher Standard-Theologie vereinbar. Der heilige Augustinus unterstrich, dass die Juden leiden mussten, weil sie die Annahme des christlichen Glaubens ablehnten und wegen der Kreuzigung Jesu.2 Ihr Exil und ihre Zerstreuung sind ein Merkmal göttlichen Missfallens.

Das ist auch der Grund, dass Papst Pius X. 1904 Herzls Annäherungsversuche zurückwies. Herzl drängte ihn die zionistische Bewegung und den Anspruch des jüdischen Volks auf die historische Heimat anzuerkennen. Der Papst antwortete, da das jüdische Volk Jesus nicht anerkannte, könne er es nicht anerkennen. Er fügte hinzu, dass er den Juden, wenn sie sich zum christlichen Glauben bekehrten, Priester stellen würde, die sie taufen und sie im Heiligen Land als Christen willkommen heißen würden.3

Die christlich-jüdischen Beziehungen bestehen aus mehreren Komponenten. Ein Aspekt ist, dass eine Reihe Christen Judaismus studieren. Ein zweiter ist der interreligiöse Dialog und ein dritter betrifft die christlichen Einstellungen zu Israel. Diese sind zu einem gewissen Ausmaß miteinander verflochten. Zu den zahlreichen Motiven hinter dem Anstieg des christlichen Studiums des Judentums gehören:

  • „Den Juden Jesus“ bzw. die jüdischen Wurzeln des Christentums verstehen.
  • Neugestaltung der christlichen Identität, da die Christen jetzt nicht länger das „neue“ Israel sein können.
  • Das Judentum aus sich selbst heraus als vitalen Glauben zu verstehen. Das wird begleitet von dem Wunsch die Welt der jüdischen Exegese zu entdecken, die sich von der christlichen unterscheidet. Christen können die jüdische Art der Interpretation der Bibel, jüdisches Gebet, Philosophie und chassidische Erzählungen und das jüdischen Erbe im Christentum lernen, insbesondere im Neuen Testament, wo jüdische Lehrer, Gelehrte und Rabbiner eine bedeutende Rolle spielen. Dazu gehört die Betrachtung Jesu als jüdischen Lehrer.
  • Die Suche nach persönlicher spiritueller Bedeutung, nachdem man einen der Pfeiler christlicher Identität verloren hatte.
  • Bestätigung christlich-messianischer Hoffnungen im Tanach.
  • Studium des Judaismus als Teil weltweiter religiöser Phänomene, besonders an Universitäten.
  • Eine Reue-Handlung vollführen und damit die Erhaltung jüdischen Bewusstseins durch Lernen, als Kompensation für die Schoah.

Seit den 1960-er Jahren haben diese Graswurzel-Bewegungen unter vielen Christen ein tiefes Bewusstsein der Bedeutung des Judentums für die christliche Identität geformt. Durch die Rückkehr zu den biblischen Wurzeln des Christentums fanden Protestanten mit einem historisch „jüdischen“ Jesus eine mögliche Lösung ihrer theologischen Probleme mit den „trinitarischen Glauben“ bzw. die Büßerqualität des Todes Jesu.

Marx stellt fest: Die optimistische Erwartung, dass das dritte Jahrtausend ein neues Zeitalter der universalen Versöhnung einleiten würde, wird sich nicht erfüllen. Es gibt Besorgnis erregende Trends, die eine erneute Anstrengung erfordern die Gewinne der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ins einundzwanzigste Jahrhundert zu übertragen – eine Zeit, die allgemein von wieder auflebender islamischer kultureller Militanz in Europa gekennzeichnet ist.

Der derzeitige israelisch-palästinensische Kampf bietet einen guten Deckmantel für die Rückholung alter antijüdischer Gefühle. Diese liegen so tief, dass sie fast nicht überwunden worden sind, selbst mit theologisch transformativen Äußerungen wie der Nostra Aetate und der der Evangelischen Kirche des Rheinlands.4 Diese beiden Dokumente repräsentieren Bemühungen von Christen, ihren uralten theologischen Antijudaismus zu überwinden, der tief in ihren Traditionen, heiligen Schriften und ihrer Liturgie eingebettet ist.

Die christlichen Vorurteile gegen Juden leben in der Erinnerung, in Gebräuchen, Sprache, Ritualen, dem Kanon und der Liturgie der Kirchen weiter. Wir müssen uns der erneuerten Wut dieser wieder erweckten Gefühle entgegen stellen, die jetzt unter der Flagge des Islam mit seiner Ablehnung der jüdischen Präsenz im Nahen Osten als unabhängigem Gemeinwesen – Israel – aktiv sind. Die Kultur des paranoischen Antijudaismus lebt weiter. Wir müssen unser Äußerstes tun, um unsere Energien zu ergänzen und Verbündeten zu werben, damit wir im Kampf über diese Kultur die Oberhand behalten.“

Dies ist die gekürzte Version eines Interviews, das auf Niederländisch in Manfred Gerstenfelds Bestseller „Het Verval, Joden in een stuurloos Nederland“ (Der Niedergang: Juden in den führungslosen Niederlanden, 2010) erschien.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

1 auch Substitutionstheologie, Enterbungstheologie, Enteignungstheologie oder Ablösungstheologie genannt.
2 Augustinus‘ (354 – 430) Bezeugungsdoktrin (Testimonium) „erzeugte ein Bild des Juden als lebendes Fossil, gebunden vom toten Buchstaben seines Gesetzes, blind für die richtige Interpretation der Bibel und gefangen in den Ritualen der heiligen Schriften, eine Art Jude, den es niemals wirklich gab“, außer Augustinus‘ Vorstellung. Dieser Jude war infolge seiner demütigenden Lebenslage ein notwendiger Zeuge der Wahrheit des Christentums. Ram Ben-Shalom: „Medieval Jewry in Christendom“, in: Martin Goodman (Hg.): The Oxford Handbook of Jewish Studies. Oxford University Press, Oxford 1999, S. 162-163.
3 Aus: “Pope Benedict XVI: Preliminary Observations by Rabbi Gilbert S. Rosenthal”, 21. April 2005.
4 Erklärung der Synode der Evangelischen Kirche des Rheinlands. “…stellt sich die Landessynode der geschichtlichen Notwendigkeit, ein neues Verhältnis der Kirche zum jüdischen Volk zu gewinnen… Die Einsicht, daß die fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes, seine Heimkehr in das Land der Verheißung und auch die Errichtung des Staates Israel Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk sind.“ Offizielle Erklärung der Kirche vom Januar 1980 (von Dr. Gerstenfeld auf Englisch zitiert aus: Dr. Dagmar Pruin: The Jewish-Christian Dialogue in Germany: What Lessons Can We Draw from It for a Dialogue with the Muslim World?“, http://www.aicgs.org/analysis/c/pruin021507.aspx)

Ein Gedanke zu “Christlich-jüdische Beziehungen nach dem Holocaust

  1. Heplev,
    vielen Dank dafür, dass Du dieses Interview zugänglich gemacht hast.
    Die getroffenen Aussagen sind für mich sehr einleuchtend.
    Ja, es ist so!
    Das Eis auf dem die Christen stehen, welches sie vom Judenhass trennt, ist sehr dünn. Und immer wieder brechen mehr oder weniger große Teile der Christen ein. Nach meiner Wahrnehmung die deutschen Evangelen mehr als die Katholen. Allerdings muss ich die fundamentalistischen, ach so wir sagen trinitarischen Katholiken, wie z.B. die Pius-Gemeinschaft ausnehmen. Die haben nie auf diesem Eis gestanden.

    Interpretiere ich dieses Interview falsch, wenn ich meine Theorie, dass der Krieg zwischen Israel und den Arabern ein Religionskrieg ist, bestätigt sehe?

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