Die verzogenen linken Radikalen

Op-Ed: Provokative Aktivisten aus dem Ausland nutzt Israels Toleranz und komfortablen Lebensstil aus

Tal Dror, YNetNews, 23. April 2012

Während meines ersten Jahrs an der Hebräischen Universität arbeitete ich in einer typischen Jerusalemer Bar – morgens Kaffee und Gebäck, mittags Hamburger und abends jede Menge Bier. Die Nähe der Bar zu Jerusalems Stadtzentrum macht sie bei den Friedensaktivisten aus dem Ausland beliebt, die recht oft in Jerusalem ankommen. Bei zahlreichen Gelegenheiten sprach ich mit denen, die sich nach einem weiteren Tag der Proteste in Scheik Jarrah oder Bil‘in einen Drink griffen. Immer wieder wunderte ich mich – warum bemühen sie sich überhaupt herzukommen? Wie kann ein 20-jähriger dänischer Junge eines Morgens aufwachen und seinen Eltern sagen, er fliege in den Nahen Osten?

Eine Auslandsreporterin aus Spanien, der israelischen Rotwein liebt, erzählte mir einmal, dass jeder Auslandskorrespondent davon träumt nach Israel geschickt zu werden. „Das ist für Auslandskorrespondenten das Paradies!“, sagte sie. „Wo sonst kannst du in einer Stadt wie Tel Aviv ins Restaurant gehen, einen Drink nehmen oder auf der Dizengoff-Straße tanzen gehen und in einem schicken Hotel schlafen, wenn das einzige, das dich von deinem authentischen „Schlachtfeld“ trennt, eine 45-minütige Fahrt nach Jerusalem oder Bil’in oder Na’alin ist?

In der Tat, Israel besitzt eine eigenartige Dissonanz, die wir im Lauf unserer Jahre des Lebens durch dem Schwert entwickelt haben. Der Süden wird bombardiert, eine Million Bürger sitzt in Bunkern, aber 15 bis 20 Kilometer weiter – ist alles wie immer. Wir haben eine Situation geschaffen, in der das kleine Israel aus zwei Parallel-Universen besteht. Der Auslands-Aktivist passt perfekt in eines – und nur das eine – dieser Universen: das gute, bequeme und stille.

Der zweite Grund wurde mir von zwei schwedischen Aktivisten erklärt, die den Mix von Arak und frischem Grapefruitsaft in ihren Cocktails liebten. Ich stellte ihnen einmal die Klischee-Frage, die einem immer einfällt: „Warum ausgerechnet Israel? Warum nicht Syrien? Ägypten? Russland oder China?“ Einer von ihnen machte ein ernstes Gesicht: „Bist du verrückt?“, fragte er mich. „Das sind alles extrem gefährliche Orte!“

In dem Moment wurde es mir klar.

Diese Leute wissen, dass ihnen hier nichts Schlimmes passieren wird. Die massive Bloßstellung des hochrangigen IDF-Offiziers, der einen Demonstranten schlug und die Menge an Verurteilung, die er erhielt, beweist, wie ungewöhnlich dieser Vorfall war. Wenn das Schlimmste, das dir passieren kann, ein Schlag ins Gesicht ist und du damit bei deinen Freunden zum Kriegshelden wirst – warum solltest du dann kein Schild hochhalten? Warum solltest du nicht einen Stein auf einen Soldaten oder Polizisten werfen?

Es ist nur ein Spiel

Immerhin würdest du in Ägypten oder Syrien zu einer weiteren Leiche auf der Straße werden. In China oder Russland würdest du dich für den Rest deines Lebens im Gefängnis wiederfinden, wenn du auch nur versuchst dort die Hand gegen einen Polizisten oder Soldaten zu erheben.

„Moment mal“, fragte ich in aller Ernsthaftigkeit. „Ihr würdet nicht hierher kommen, würdet ihr glauben, dass ihr schwer verletzt werden könntet?“ Mein schwedischer Freund grinste. „Ich glaube nicht“, sagte er. „Ich mag ein Radikaler sein, aber ich bin auch verwöhnt!“ Und sie brachen beide in Lachen aus.

Da erkannte ich, dass für viele dieser Friedensaktivisten aus dem Ausland das alles nur ein Spiel ist. Und in diesem Spiel sind wir, die Israelis und die Palästinenser, die Spielfiguren. Sie kommen von allen Ecken der Welt in ein weit weg liegendes Land, in dem sie niemals vorher gewesen sind. Sie bieten Soldaten und Polizisten die Stirn, blockieren Straßen und halten Schilder. Außerdem – solange sie am Ende des Abends ihr kaltes Bier bekommen, solange sie ihren Kopf ein einem bequemen und freundlichen Hostel auf ein Kissen legen können – werden sie weiter kommen.

Sie nutzen aus, worauf wir am meisten stolz sind: unsere Freiheit, Demokratie und Toleranz, die zu verlieren wir so große Angst haben. Sie nutzen das seltsame System aus, das wir entwickelt haben, das es uns erlaubt uns von der Realität abzukoppeln und unser Leben weiter zu leben, selbst wenn ganz in unserer Nähe echte Kämpfe stattfinden.

Ich hoffe, dass sie, wenn sie nun mal hier sind, hinter der Schutzwand des Hasses, in der Lage sein werden, das Licht in der Existenz Israels zu sehen. Ich hoffe, sie werden begrüßen, wie glücklich sie sind „verwöhnte Radikale“ hier bei uns zu sein. Dann könnten sie einen Schritt zurücktreten und das Gebrüll von „Palästina wird frei sein, vom Fluss bis zum Meer“ etwas zurückfahren. Hoffentlich werden sie erkennen, dass, wenn das tatsächlich geschieht und Israel verschwindet, sie keinen anderen Ort haben werden, an den sie gehen können.

Tal Dror ist Student im zweiten Studienjahr für Internationale Beziehungen und Nahost
an der Hebräischen Universität in Jerusalem