Juden und Antisemitismus in der Schweiz

Manfred Gerstenfeld interviewt Simon Erlanger (direkt vom Autor)

Es gibt in der Schweiz rund 18.000 Juden. Das ist ungefähr dieselbe Zahl wie im Jahr 1900. Die Gesamtbevölkerung hat sich allerdings seit damals auf 7,8 Millionen mehr als verdoppelt. Die Zahl der in Israel lebenden Schweizer Juden und ihrer Nachkommen beträgt 14.000 Da es in der Regel die Jungen und Aktiven waren, die die Schweiz Richtung Israel verließen, tendiert die Schweizerische jüdische Gemeinde dazu älter zu sein, wobei viele ihrer Mitglieder in den Außenbezirken der Gemeinden leben.

Demografisch konzentriert sich das jüdische Leben heute auf Zürich und in geringerem Ausmaß auf Genf und Basel. Nur in Zürich bleibt die Zahl der Juden konstant bei rund 6.000. Die Jüdische Gemeinde Basel zum Beispiel ist im Verlauf der letzten dreißig Jahre um ein Drittel zurückgegangen und beläuft sich nun auf etwa 1.100. Viele kleine Gemeinden sind seit den 1990-er Jahren bereits verschwunden und andere werden wahrscheinlich innerhalb einer Generation gabt wegfallen.

Simon Erlanger
Simon Erlanger

Simon Erlanger ist Journalist und  Historiker. Er wurde 1965 in der Schweiz geboren und in Basel und Jerusalem ausgebildet. Er lehrt an der Universität Luzern jüdische Geschichte und arbeitet außerdem als Redakteur für einen Fernsehsender in der nordwestlichen Schweiz.

Erlanger sagt: Nach dem Sechstagekrieg wurde der Antizionismus der  Neuen Linken in der Schweiz zu einem politischen Faktor, der die traditionell proisraelische Haltung der sozialdemokratischen Linken außer Kraft setzte.1 Antisemitische Vorfälle waren während der 1970-er Jahre selten, begannen sich aber nach dem Libanonkrieg von 1982 zu vermehren. Zu dieser Zeit wurden dann zum Beispiel Friedhöfe fast regelmäßig geschändet.2 Während der 1980-er und 1990-er Jahre kam außerdem eine militante, extreme Rechte auf. Wegen der liberalen Gesetze des Landes nutzten Holocaustleugner und -revisionisten die Schweiz als Basis. Das änderte sich mit der Einführung eines „Antirassimus-Gesetzes“ 1994 zum Besseren.

Als 1987 die Erste Intifada ausbrach, waren die meisten schweizerischen Mainstreammedien Israel gegenüber feindselig geworden und die allgemeine Atmosphäre für Juden hatte sich verschlechtert. Seit damals hat die Schweiz einen nie da gewesenen Anstieg sowohl des traditionellen Antisemitismus wie auch seines neueren Deckmantels „Antiisraelismus“ erlebt.

Eine Umfrage stellte im Jahr 2007 fest, dass mehr als 86 Prozent der schweizerischen Juden Einseitigkeit und Entstellung durch die Medien beklagen. Sie betrachten dies als Beitrag für eine beträchtliche Abnahme der Sicherheit im persönlichen wie gemeindlichen Bereich. Es gibt viele verbale und manchmal physische Angriffe. Diese werden selten dokumentiert. 2007 richtete die SIG (der Schweizerische Israelitische Gemeindebund) ein Institut ein, um Daten zu sammeln und Statistiken bereitzustellen. Eine weitere Organisation, die CICAD3, berichtet über antisemitische Vorfälle im westlichen, Französisch sprechenden Teil der Schweiz. Die meisten schweizerischen jüdischen Gemeinden verwenden wichtige Sicherheitsmaßnahmen.

Ein besonderes Schweizer Element des Aufkommens des Antisemitismus war die Affäre um die inaktiven jüdischen Bankkonten von 1992 bis 1998. Viele Jahre lang hatten die Nachkommen von Holocaust-Opern Ansprüche auf Konten erhoben, die ihre ermordeten Verwandten in schweizerischen Banken führten. Dieses Thema war unmittelbar nach dem Krieg und dann wieder in den 1950-er Jahren aufgebracht worden. Nachdem die Banken geringe Summen an jüdische Organisationen und den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund gezahlt hatten, wurde die Sache als erledigt angesehen.

In den 1990-er Jahren wurden Rückgabefragen erneuert. Bezüglich der Schweiz entwickelte sich das in eine Auseinandersetzung über die Geschichte des Landes während des Zweiten Weltkriegs. Zu dieser gehörte eine wirtschaftliche Kollaboration mit den Nazis mit dem Waschen von gestohlenem Gold und der antijüdischen Flüchtlingspolitik. Die Regierung lehnte es wie die Banken anfangs ab mit den jüdischen Beschwerdeführern zu kooperieren. Später engagierten sich dazu wichtige jüdische Organisationen und die US-Regierung. Das führte zur schlimmsten außenpolitischen Krise der Schweiz in Jahrzehnten. Letztlich wurde eine finanzielle Regelung zwischen Schweizer Banken und jüdischen Organisationen erzielt.

Die Schweiz musste sich dann einer Vergangenheit stellen, die nicht dem heldenhaften Selbstbild entsprach, das man pflegte. Der Mythos der Neutralität, während man gleichzeitig Nazideutschland Widerstand leistete, wurde weitgehend ausgemustert. Viele Schweizer fühlten sich durch eine feindselige Außenwelt – hauptsächlich Juden und Amerikaner – unter Druck gesetzt, die aus politischen und finanziellen Zielen danach strebten das Selbstverständnis der Schweiz zu schädigen. Daraufhin entstand ein beträchtlicher Anstieg des Antisemitismus und Antiamerikanismus.

1996 bezeichnete der damalige Schweizer Präsident Pascal Delamuraz die Rückerstattungsdebatte als „Erpressung“ und stellte die Frage, ob Auschwitz denn in der Schweiz liege. Das gab dem Antisemitismus eine neue Seriosität. Die Debatte über die Geschichte der Schweiz während des Krieges relegitimisierte Antisemitismus in vielen Teilen der Gesellschaft und löste eine antisemitische Welle aus.

Im Jahr 2001 gab es eine weitere antisemitische Welle. Der damalige Wirtschaftsminister, Bundesrat Pascal Couchepin schlug zusammen mit der SIG vor, das Verbot des Schechtens (der rituellen Schlachtung) abzuschaffen. Nicht nur militante Tierschutzgruppen, sondern ein Großteil der Öffentlichkeit war über diesen Vorschlag empört. Artikel und Leserbriefe benutzten offen die Sprache des traditionellen Antisemitismus, was früher inakzeptabel gewesen wäre. Die Regierung ließ den Vorschlag fallen, um den inneren Frieden zu bewahren.

Bezüglich der Zukunft schließt Erlanger: Viele junge Schweizer Juden sind im Verlauf der Jahrzehnte ausgewandert, während viele andere aus der organisierten jüdischen Gemeinschaft und oft auch aus jeder Form jüdischen Lebens ausgestiegen sind. Die Zukunft der Gemeinschaft – auch wenn sie auf einem guten Fundament steht und begütert ist – gibt Anlass zu Sorge.


Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

 


1 Christina Späti: Die schweizerische Linke und Israel: Israelbegeisterung, Anti-Zionismus und Anti-Semitismus zwischen 1967 und 1991. Berlin, Klartext Verlagsgesellschaft, 2006.
2 vgl. Hans Stutz: Rassistische Vorfälle in der Schweiz. Zürich, GRA-Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, 1992 (jährlich veröffentlicht).
3 Coordination Intercommunautaire Contre l’Antisémitisme et la Diffamation