Eine Amerikanerin beobachtet antiisraelische Einseitigkeit in Frankreich

Manfred Gerstenfeld interviewt Nidra Poller (direkt vom Autor)

Ich verstehe es so, dass die französische Medieneinseitigkeit sich im Verlauf des letzten Jahrzehnts verändert hat. Ich glaubte immer, die Presse arbeite unter einer subtilen Form von Regierungsdruck, doch die Feindseligkeit der Medien war während der fünfjährigen Amtszeit des kürzlich abgewählten Präsidenten Sarkozy zügellos; dazu gehören auch die in Staatsbesitz befindlichen Fernsehsender.

Die linke, Dritte Welt-tümelnde, antizionistische Einseitigkeit hat sich in der gesamten freien Welt verbreitet. Sie ist getrieben von kaum verhohlenen persönlichen Überzeugungen der Journalisten und – mit seltenen Ausnahmen – fehlender Integrität. Was den französischen Journalismus angeht, so ist die anhaltende Unterstützung für Charles Enderlin zwölf Jahre, nachdem er die Fälschung produzierte, der palästinensische Junge Mohammed al-Dura sei – angeblich von den israelischen Streitkräften – vor der Kamera getötet worden, ein bedeutender Hinweis auf die grässlichen Folgen von skrupellosem Journalismus.

Nidra Poller beobachtet Frankreich mit Charakterskizzen. Sie ist eine Amerikanerin, die 1972 nach Frankreich kam und seitdem dort als Autorin von Fiktion und Übersetzerin vom Französischen ins Englische arbeitete. Vor zehn Jahren wechselte sie in den Journalismus. Poller schreibt für verschiedene amerikanische Publikationen, sowohl in Print als auch online.

Von der französischen Reaktion auf den zweiten Intifada-Krieg gegen Israel, der im Jahr 2000 begann, und der dem 9/11 folgenden Flut an Antiamerikanismus geschockt, suchte ich nach Erklärungen in der französischen Kultur und Geschichte. Nachdem ich Jahrzehnte lang französische Texte ins Englische übersetzt hatte, dachte ich, dass die französische Sprache und ihre philosophische Konfiguration diese perverse Vision der derzeitigen Ereignisse formte. Für mich waren die USA ein hoch entwickeltes und mächtiges Land und Frankreich eine Nation im Niedergang, die zu feige ist sich selbst zu verteidigen.

Was die französische Presse angeht, sagt Poller: „Die französische Elite und Medien lieben Israelis und Juden, die Israel heftig kritisieren. Einige sind in Israel kaum bekannt, so Michel Warshawski; andere sind vertrauter, so Ilan Pappe und Shlomo Sand. Sie werden aufgefordert ihre Meinung abzugeben, als ob sie für den israelischen Mainstream sprechen. Dann gibt es die israelischen Stars: die Autoren David Grossmann, Amos Oz und A.B. Yehoshua. Sie sind der „Goldstandard“ – in kritischen Momenten hinzugezogen wie Orakel.

Poller sagt, dass eine einseitige Presse viele Methoden einsetzt. Wenn Israel schnell humanitäre Hilfe in ein von einem Erdbeben heimgesuchtes Land schickt, werden die Medien das entweder ignorieren, es herunterspielen oder etwas Negatives finden, das sie dazu sagen können. Grotesk verzerrte Darstellungen des „israelisch-palästinensischen“ Konflikts werden als Dokumentationen präsentiert. Getürkte Fotos von angeblich von israelischen Soldaten oder „Siedlern“ verübten Gräueltaten finden ihren Weg auf die Titelseiten und in die Hauptnachrichtensendungen. Wenn das Tage später als Fälschung entlarvt wird, erwähnen die Medien das nicht.

Poller vermerkt, dass der Einfluss all dessen allmählich wirkt: Man könnte vermutlich einen größeren, halbwegs pro-israelischen Bereich der öffentlichen Meinung mobilisieren, wenn die französischen Medien vielfältiger wären. Viele Menschen schämen sich etwas zu sagen, wenn sie glauben, dass keiner ihre Sicht teilt und dass es schlecht ist die eigene Meinung zu Gehör zu bringen.

International gibt es wenig unabhängige Nachrichtenbeschaffung. Ein Großteil der Auslandsnachrichten kommt von Agence France Presse, einer Nachrichtenagentur, die zum Teil im Eigentum der französischen Regierung und gegen Israel eingenommen ist. Darauf ist erfolglos wiederholt ein Schlaglicht geworfen, genau festgestellt, analysiert und verurteilt worden. Das ist die Folge einer zunehmenden Angst in Frankreich vor dem, was die Muslime tun könnten. Die Falschberichterstattung ist aber nicht auf Themen zu Israel oder die Juden beschränkt, sondern erfolgt weltweit.

Es gibt wenig Kritik an den nationalen Medien Frankreichs. Das scheint ein tief sitzendes kulturelles Problem zu sein. Es steht möglicherweise in Verbindung mit der französischen Bildung. Franzosen kritisieren ständig ihre Kinder und dieselbe Haltung herrscht in Schulen vor. Vielleicht fühlen sich die Franzosen von Zeichen der Missbilligung so bedroht – wegen der nörgelnden Kritik, die sie in ihrer Jugend hören und die sie ablehnen.

Das französische Sozialsystem zeigt allerdings zahlreiche Zeichen des Zusammenbruchs. Eine beträchtliche Anzahl Lehrer wird von ihren Schülern körperlich misshandelt. Gangster schießen auf die Polizei. Gerichte behandeln Kriminelle oft als arme, unschuldige Opfer. Es gibt zu wenig Gefängnisse.

Das gewalttätige Klima in Frankreich hat Auswirkungen auf die Juden als französische Bürger und – dramatischer – als Juden. Poller merkt an: Wenn sie mit französischen Juden spricht, geben viele zu, dass sie für Juden keine Zukunft im Land erkennen. Doch wie immer in der Geschichte der Menschheit treffen Menschen ihre individuellen Entscheidungen. Sie mögen sagen „Ich bleibe nicht länger“ oder „So schlimm, wie es aussieht, ist es nicht wirklich und ich bleibe“ oder „Unsere Kinder werden weggehen“.

Es gibt unter den französischen Juden einen klaren Trend ihre Kinder aus öffentlichen Schulen zu nehmen und in private zu geben. Es gibt eine stete, aber keine massive Auswanderung nach Israel. Eingelullt von der Abnahme der antisemitischen Angriffe sind Juden in regelmäßigen Abständen wegen entsetzlicher Morde bestürzt. Opfer der Vergangenheit waren Sébastien Selam und Ilan Halimi. Dieses Jahr ermordete Mohamed Merah Juden: Rabbi Jonathan Sandler, seinen Söhne Aryeh und Gavriel und Miriam Monsonego. Eine dreifache Zunahme antisemitischer Anschläge folgte diesen von Völkermordabsichten motivierten Morden und brachte die Krise an die Grenze der Belastbarkeit. Französische Juden fordern jetzt etwas Konkreteres als tränenreiche Feiern.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.