Die ägyptischen Anfänge der Jahrtausende andauernden Geschichte des Antisemitismus

1. Oktober 2012 um 15:02 | Veröffentlicht in Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Pieter van der Horst (direkt vom Autor)

Soweit wir wissen, war Alexandria in Ägypten der Geburtsort der Ideologie des Antisemitismus. Auch in Kleinasien, der heutigen Türkei, gab es seit dem vierten oder dritten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung große jüdische Gemeinden. Es gab aber keinen endemischen Judenhass, wie es in Alexandria der Fall war.

Der Anfangshinweis auf eine negative Haltung gegenüber Juden ist am Beginn des dritten Jahrhunderts vor der christlichen Zeitrechnung in den Schriften eines ägyptischen Priesters namens Manetho zu finden. Dieser Griechisch sprechende Ägypter widmet einen großen Teil seines Hauptwerks, das die Geschichte Ägyptens behandelt, dem Exodus der Israeliten.

Pieter van der Horst

Pieter van der Horst

Professor Pieter van der Horst studierte Klassische Philosophie und Literatur und hat einen Doktortitel in Theologie von der Universität Utrecht. Nach Abschluss seiner Ausbildung war er dort Professor für jüdische Studien und andere Fächer. Van der Horst ist Mitglied der Königlichen Niederländischen Akademie der Künste und Wissenschaften.

Manetho stellt die Geschichte des Exodus auf den Kopf. In der Bibel ist er ein Akt Gottes zur Befreiung des jüdischen Volkes aus ägyptischer Knechtschaft. In Manethos antibiblischer Geschichte ist er eine Vertreibung der Juden aus Ägypten auf Befehl des ägyptischen Gottes, weil das Land von unreinen Menschen gereinigt werden musste.

Diese „antijüdische Version des Exodus“ gibt den Ton an für eine Reihe solcher Neuerzählungen der biblischen Geschichte durch nachfolgende Autoren im zweiten und ersten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung (v.Chr.) und später. Judenhass in wachsendem Ausmaß begann nach der Eroberung des Nahen Ostens durch Alexander den Großen im vierten Jahrhundert v.Chr. Die Offenbarung der Kultur einer Nation gegenüber einer anderen ist für die hellenistische Ära und die Zeit ab Alexander typisch. Von da an erleben wir, wie diese Art des Hasses sich allmählich in Griechenland und später auch der römischen Gesellschaft weiter und weiter verbreitet.

Der bedeutende jüdische Apologet Flavius Josphus aus dem ersten Jahrhundert widmet ein Buch – allgemein bekannt als Contra Apionem (Gegen Apion) – der antijüdischen Verleumdung in griechischer und ägyptisch-griechischer Literatur der vorausgehenden Jahrhunderte. Josephus‘ Text handelt unter anderem vom Höhepunkt dieser Literatur, geschrieben von einem alexandrinischen, Griechisch sprechenden Ägypter namens Apion, der in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts n.Chr. lebte.

Einige der frühesten griechischen Beobachter des Judentums waren positiv eingestellt. Zum Beispiel machten zwei Schüler des Aristoteles, Theophrastos und Klearchos, kurze und extrem positive Bemerkungen über Juden. In Philosophen-Kreisen gab man manchmal Bewunderung für die Ablehnung der Vielgötterei durch die Juden Ausdruck. Dass ihr einziger Gott nicht einmal mit Namen genannt, nicht in welcher Form auch immer bildlich dargestellt wurde, machte sie für philosophische Denker anerkennenswert, die dazu neigten ein abstraktes Konzept einer Gottheit zu entwickeln.

Das meiste antijüdische Material griechischer und lateinischer Autoren stammt aus vorchristlicher Zeit. Es gibt zwei bedeutende Unterschiede zwischen griechischen und römischen Haltungen gegenüber den Juden. Als die Römer mit Juden in Kontakt kamen, wurden sie auch der antijüdischen Propaganda verschiedener griechischer Autoren ausgesetzt. Obwohl es auch einige antijüdische Literatur von außerhalb Alexandrias gibt, ist es bedeutsam, dass die Hauptprotagonisten der antijüdischen Propaganda aus dieser Stadt kamen; neben Manetho und Apion gibt es weitere. In Alexandria fand das im Jahr 38 n.Chr. erste antijüdische „Pogrom“ – man kann es als einen organisierten und offiziell tolerierten Angriff auf Juden definieren – statt.

Van der Horst erklärt: Nur ein Werk verweist auf dieses Progrom. Es wird allgemein In Flaccum genannt und wurde vom jüdischen Philosophen Philon von Alexandria beschrieben, der von etwa 25 v.Chr. bis 50 n.Chr. lebte. Er war Zeuge des Ereignisses. Niemand sonst erwähnt diesen dramatischen Vorfall, außer Philons späterer Zeitgenosse Flavius Josephus.

Der antike Hass auf Juden entstammte zum Teil davon, dass sie anders waren, was die zwischenmenschliche Seite des Themas betrifft. Ein zweiter, mindestens genauso wichtiger Aspekt ist die negative Betrachtung des jüdischen Monotheismus. Es gab Bewunderung für diesen Monotheismus in den gebildeteren und philosophischen Kreisen, doch andernorts rief er viel Wut hervor, da er als hochmütiger Exklusivismus gesehen wurde. Griechen und Römer betrachteten diese Ablehnung ihrer Wahrheiten als schiere Arroganz. Sie fühlten sich als Glaubende nicht ernst genommen.

Ein erschreckender Aspekt der Geschichte des Judenhasses, nämlich die dreiundzwanzig Jahrhunderte Antisemitismus, die wir kennen, ist die Hartnäckigkeit so vieler Leitgedanken, wie dass  Juden gefährlich und Feinde der Menschheit sind. Das Bild des Juden als Feind ist grotesk und leicht als purer Unsinn zu bloßzustellen. Dennoch werden diese Bilder unter vielen Millionen Menschen in der gesamten Welt am Leben gehalten. Die Tatsache, dass dies überhaupt möglich ist, ist einer der beängstigendsten Aspekte der Geschichte des Judenhasses.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

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