Ha’aretz, Gideon Levy und die Ente der israelischen Apartheid

Ben-Dror Yemeni, Times of Israel, 26. Oktober 2012

„Umfrage: Die meisten Israelis würden Apartheid-Regime unterstützen“, brüllte die Ha’aretz-Schlagzeile Anfang dieser Woche. Wäre das wahr, dann wäre das in der Tat eine Besorgnis erregende Entwicklung. Doch die folgenden Informationen werden demonstrieren, dass der Artikel einige der krassesten antiisraelischen Lügen enthält, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden. Und dem unvergleichlichen Gideon Levy – der mehr auf Englisch gelesen wird als auf Hebräisch – wurde die Aufgabe erteilt die Umfrage der großen, weiten Welt zu erklären.

Das Ergebnis? Israel ist offensichtlich nicht nur auf dem Weg Südafrika zu werden. Es hat sich bereits in Südafrika verwandelt. Die Lüge hat überall in der Welt Wellen geschlagen, verbreitete sich wie ein Buschbrand. Das Ziel ist erreicht.

Es ist nicht einfach eine Lüge zu entlarven, die bereits weltweit Fuß gefasst hat. Doch anscheinend gibt es keine Alternative dazu das wenigstens zu versuchen. Also bringen wir die Fakten – nur die Fakten – und lassen sie für sich sprechen. Hoffentlich hört jemand zu.

Gideon A und Gideon B

Gideon Levys Name ziert die Verfasserzeile des Hauptartikels, zu dem die Umfrageergebnisse gehören. Derselbe Gideon Levy schrieb auch den begleitenden Kommentar-Artikel. Doch Levy war vermutlich derart beschwingt, dass er nicht einmal merkte, dass er sich in Lügen verstrickt.

Nach Angaben der Umfrage sind 53 Prozent der Israelis nicht dagegen einen arabischen Nachbarn zu haben. So viel ist klar. Doch als Gideon Levy vom Berichten zu unverhohlener Hetze übergeht, die sich als „Interpretation“ ausgibt, schreibt der: „Die Mehrheit will keine arabischen Nachbarn.“ Könnte es sein, dass der zweite Gideon Levy nicht sauber las, was vom ersten Gideon Levy geschrieben wurde?

Gehen wir weiter: Nach Angaben der Umfrage unterstützen 33% der Israelis, dass den israelischen Arabern das Wahlrecht aberkannt wird. Das ist an sich eine Besorgnis erregende Zahl. Doch wenn es um die „Interpretation“ geht, schreibt Levy: „Die Mehrheit will keine arabische Wahlstimme für die Knesset.“ Wieder schient der interpretierende Levy den Reporter Levy nicht gelesen zu haben. Ist er überhaupt in der Lage einen Satz zu formulieren, der ausschließlich die Wahrheit enthält? Und wo zur Hölle ist der Lektor? Gab es nicht einen einzigen Lektor, der die Ergebnisse der Umfrage anständig analysieren konnte?

Doch wieder einmal waren die Lügen dazu bestimmt Levy die Rechtfertigung für seine politische Schlussfolgerung zu verleihen; die besteht darin, dass die Möglichkeit eines jüdischen und demokratischen Staates Israel ausgelaufen ist. In der Vergangenheit schrieb ich, dass Gideon Levy der „Baron der Fälschungsindustrie“ ist. Levy besteht darauf mehr und mehr Beweise dafür zu liefern.

Außergewöhnliche deduktive Logik

Nach Angaben der Umfrage sind 69% der Israelis dagegen den palästinensischen Arabern Stimmrecht bei Wahlen zu geben, wenn die Territorien annektiert werden.

Klingt erschreckend.

Der wahre Grund, dass die meisten Israelis gegen die Annektierung der Territorien sind, ist allerdings am wahrscheinlichsten, dass sie einen binationalen Staat vermeiden wollen oder nicht das Risiko eines Apartheidstaates eingehen wollen. Doch Ha’aretz bringt eine außergewöhnliche Logik zustanden, indem erklärt wird, die meisten Israelis unterstützten Apartheid. Das ist, als deutete eine Umfrage darauf hin, dass die meisten Israelis gegen Gewalt sind – doch dass sie bei einem Straßenräuber auch mit Gewalt reagieren würden – und ein Bericht mit der Überschrift ausgebrütet würde: „Die meisten Israelis unterstützen Gewalt.“ Das ist die Story der Ha’aretz-Schlagzeile. Sie gründet auf einer rein heuchlerischen oder, präziser gesagt, manipulativen Situation.

Gute Nachbarn

Bleiben wir kurz bei der Frage der Nachbarn. Viele Umfragen in westlichen Ländern zeigen, dass weiße, einheimische Menschen von ausländischen Nachbarn nicht begeistert sind. 42 Prozent der Franzosen glauben nach Angaben einer Umfrage, das Muslime im Land eine „Bedrohung“ darstellen; 68% denken, dass Muslime sich nicht integrieren und 61% machen die Muslime selbst für das ihnen unterstellte Scheitert sich zu integrieren verantwortlich. Ähnliche Ergebnisse wurden in jedem einzelnen Land beobachtet, in dem diese Art Umfrage durchgeführt wurde.

Das macht nicht alle Europäer zu Rassisten. Es deutet darauf hin, dass es Bedenken gibt, selbst wenn sie nicht immer gerechtfertigt sind. Der Unterschied zwischen Israel und anderen westlichen Ländern besteht darin, dass Israel sich mitten in einem Konflikt befindet. Jüdische Israels sehen sich einem Sperrfeuer islamischer Hetze ausgesetzt; und doch haben die meisten nichts gegen einen arabischen Nachbarn und unterstützen die politischen Rechte der Araber, selbst nach den Ergebnissen dieser verzerrten Umfrage.

Das ist eigentlich eine Auszeichnung des durchschnittlichen Israelis.

Michael Ben-Ari – ein Durchschnitts-Israeli?

Nach den Angaben der Umfrage unterstützen 47% der Israelis einen Bevölkerungstransfer der israelischen Araber. Das ist interessant. Historisch hat es in Israel nur eine Partei gegeben, die einen Bevölkerungstransfer unterstützte und selbst dann nur unter der Bedingung, dass er einvernehmlich stattfindet. Diese Partei gewann nur drei Knessetsitze.

Wie hätte die Hand von Levys Lektor nicht zittern können? War er sich der Fakten nicht bewusst?

Derzeit gibt es in Israel eine einzige politische Partei, die Apartheid unterstützt. Eine rechtsgerichtete Partei, die drei Sitze gewann, hat ein Mitglied, das trotz der Tatsache erfolgreich gewählt wurde, dass seine Ideologie an den Kahanismus erinnert. Er ist das einzige derzeitige Knessetmitglied, von dem man sagen könnte, er unterstützt einen Bevölkerungstransfer. Einen von 120.

Nach der Ha’aretz würde jede Partei, die mit der Plattform eines Bevölkerungstransfers und Apartheid in den Wahlkampf ginge, automatisch die Mehrheit der Sitze in der Knesset gewinnen.

Angesichts der Umstände, unter denen die Hamas die größte Partei in den Gebieten ist, und mit Typen wie Azmi Bishara, Raed Saleh und Hanin Zoabi als den lautesten Sprechern der palästinensischen Araber hat die jüdische Bevölkerung ebenfalls einige radikale Randelemente hervorgebracht hat. Wir müssen uns gegen sie wehren. Doch die meisten Israelis offenbaren eine erstaunliche Reife und stimmen beständig für Parteien, die gleiche Rechte für alle israelischen Araber unterstützen.

Von Ungleichheit geplagt

Eine von der „SIKUY“-Gesellschaft – der niemand vorwerfen kann, sie hege irgendwelche rechtsgerichteten Neigungen – durchgeführte Studie stellte fest: „60% der [israelischen] Juden glauben, dass die Förderung der Gleichheit arabischer Bürger im Interesse des Staates ist.“ Sechzig Prozent! Zusätzlich stellte die Studie fest: „53% der jüdischen Bevölkerung in Israel macht sich wegen der Ungleichheit der israelischen Araber Sorgen“, und: „40% der Juden sind bereit einen persönlichen Preis zu zahlen, um das Ziel der bürgerlichen Gleichheit in Israel zu erreichen.“ In der Tat: einen persönlichen Preis für Gleichheit, für ein Gefühl der Partnerschaft.

Diese Umfrage war umfangreicher und gründlicher als die von einer politischen Organisation in Auftrag gegebene, die wahrscheinlich ihr Ziel im Voraus kenntlich gemacht hatte.

Die anderen Linken

Eine vom Jerusalem Institute for Israel Studies im letzten Jahr durchgeführte Studie stellte fest, dass 48% der Juden in Israel ein „Gesamtpaket“ befürworten (43% sind dagegen), das die Mobilisierung der Bürgerschaft und der Regierung zur Verbesserung der Lage der israelischen Araber innerhalb eines Rahmens von „inklusiver Staatsbürgerschaft“ einschließt. Diese Umfrage erhielt allerdings keine Schlagzeilen auf den Titelseiten.

Die Umfrage war weit seriöser und weit durchdachter; ihr akademischer Mitarbeiterstab bestand zumeist aus Linken. Nicht die Art von Linken, die Ha’aretz ausmachen, sondern die Art, die nachforschen willen, die wissen wollen, um einen Rahmen zur Verbesserung der gegenwärtigen Situation vorzuschlagen, die in der Tat der Verbesserung wert ist.

Intifada und Gleichheit

Eine mehrjährige Umfrage offenbart eine Verbindung zwischen der politischen Lage und Unterstützung für Gleichheit; 1985 unterstützten nur 44% Gleichheit, 1999 unterstützten 73% Gleichheit; 2003 waren es nur 47% und 2007 unterstützten 55% Gleichheit. Das heißt: Nach 1985 waren die Unterstützer der Gleichheit nur einmal, im Jahr 2003, auf der Höhe der Intifada, die Unterstützer der Gleichheit nicht in der Mehrheit.

Die Umfrage deutet auch darauf hin, dass die Bürger Israels, wenn man die dem Konflikt entstammende Feindseligkeit wegnimmt, weit mehr für ihre Unterstützung gekennzeichnet sind als durch Befürworter von Apartheid.

Anfechtung der Realität

Die Araber Israels genießen, nach allen vernünftigen und sinnvollen Maßstäben, mehr Bürgerrechte – weit mehr – also die Bevölkerung eines jeden anderen Landes im Nahen Osten.

Er vor kurzem veröffentlichte die führende arabische Internetseite Arab News einen Artikel von Abodoltif al-Milham, der diese Realität zeigt. Dieser wichtige Artikel, der unter anderem versuchte antizionistische und antisemitische Falschheiten über Israel als Apartheidstaat entgegenzuwirken, erhielt auch herausragende Reklame im zweitgrößten arabischen Sender, Al-Arabiya. Aber keine Sorge: Selbst wenn die Welt gelegentlich Funken der Wahrheit erfährt, stellt Ha’aretz im Gegenzug die Lüge in den Mittelpunkt. Sie wird bereitwillig die Wirklichkeit anfechten, mit Hilfe einer dubiosen Umfrage, auf die das Blatt sich stürzt, als wäre sie eine Trophäe.

Was ist Apartheid?

Das Wort „Apartheid“ hat im internationalen Recht eine Bedeutung. Seine Definition erscheint in Sektion 7 des Status des Internationalen Kriminalgerichtshof:

Mord; Ausrottung; Versklavung; Vertreibung oder zwangsweise Überführung der Bevölkerung; Freiheitsentzug oder sonstige schwer wiegende Beraubung der körperlichen Freiheit unter Verstoss gegen die Grundregeln des Völkerrechts; Folter; Vergewaltigung, sexuelle Sklaverei, Nötigung zur Prostitution, erzwungene Schwangerschaft, Zwangssterilisation oder jede andere Form sexueller Gewalt von vergleichbarer Schwere; Verfolgung einer identifizierbaren Gruppe oder Gemeinschaft aus politischen, rassischen, nationalen, ethnischen, kulturellen oder religiösen Gründen, Gründen des Geschlechts …; zwangsweises Verschwindenlassen von Personen… im Kontext eines institutionalisierten Regimes systematischer Unterdrückung und Dominanz durch eine Rassengruppe oder jede andere Rassengruppe oder Gruppe und begangen mit der Intention dieses Regime beizubehalten.

Solche Verbrechen werden in Israel niemals verübt und Gideon Levy weiß das. In einem Land, in dem Araber als Ärzte, Professoren und Richter arbeiten – in einem Land, in dem sie das Parlament wählen und ins Parlament gewählt werden können – gibt es keine Apartheid. Es gibt Vorfälle der Diskriminierung und man sollte diese Bekämpfen wie in jedem anderen demokratischen Land. Den meisten Menschen, die die Fragen der Umfrage beantworteten, ist die Definition der Apartheid nicht bekannt. Gideon Levy und Ha’aretz sollten das wissen. Doch sie entschieden sich Israel als Apartheidstaat zu bewerten.

Ein Meilenstein der Hetze

Das sind die Fakten. Man kann weitere Umfragen und andere Studien hinzufügen. Es gibt in der Tat Erscheinungsformen von Diskriminierung; es gibt Bekundungen von Rassismus – wie in allen westlichen Staaten. Und das ist eine Schande. Wenn Ha’aretz echte Ergebnisse veröffentlicht hätte, wäre das nicht ein einziges Wort der Kritik wert gewesen.

Doch Ha’aretz veröffentlichte diese Woche eine der größten Manipulationen in der Geschichte der  Hetze gegen Israel.

Es gibt eine solide jüdische Mehrheit, die die bürgerrechtliche Gleichberechtigung der Araber unterstützt. Genauso wichtig: Es gibt Umfragen, die zeigen, dass eine Mehrheit der israelischen Araber die arabische Integration in den Staat Israel unterstützt – selbst wenn dieser als jüdischer und demokratischer Staat definiert ist. Doch diese Fakten verwirren nicht diejenigen unter uns, die Hass ausbrüten. Der rechtsextreme Aktivist Baruch Marzel und Gideon Levy sind keine Kontrahenten. Sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Einer versucht den Eindruck zu vermitteln, dass die israelischen Araber die Fünfte Kolonne sind; der andere kultiviert die Ente, dass Israelis rassistische Unterstützer der Apartheid sind.

Beide schüren antiisraelischen Unfrieden und Anfeindungen unter den Nationen.

In seinem Kommentartext schreibt Levy:

Lasst die Rechte beweisen, dass wir nicht so sind, dass die meisten Israelis in Frieden mit den Arabern leben. Dass die meisten von ihnen die Araber als Volk wie sie selbst betrachten, mit gleichen Rechten und Möglichkeiten wie sie selbst.

Man muss kein Rechter sein, um zu lesen, was in der Umfrage tatsächlich gesagt wird, aus der Levy zitiert. Man muss nur lesen können. Hier ist das, was die Umfrage sagt: 53% haben nichts gegen einen arabischen Nachbarn. Nur eine Minderheit ist gegen die Gewährung der Rechte. Was genau ging diesem Mann durch den Kopf, um ihn unfähig zu machen die Umfrage zu lesen, über die er berichtet?

Es gibt für Levy weitere schlechte Nachrichten: Der Demokratie-Index dieses Jahres, der gerade vom Israel-Demokratie-Institut ausgegeben wurde, offenbart, dass die meisten Araber sich tatsächlich über Diskriminierung beschweren. Sie glauben aber auch, dass Israel demokratisch genug ist; sogar zu demokratisch. Da dieser Mann unter schweren Problemen beim Leseverständnis zu leiden scheint, werden wir ihm sagen, dass diese Statistik auf Seite 217 erscheint. Hier können israelische Araber verstehen, dass Diskriminierung nicht Apartheid und dass Israel eine Demokratie ist. Aber Gideon Levy? Der ist dazu nicht in der Lage.

Die Abscheu gegen Israel ist keine Frage eines einzelnen Textes oder eines einzelnen Autoren. Sie ist die allgemeine Linie.

In einem anderen, ebenfalls diese Woche veröffentlichten Artikel war ein wichtiger Autor wütend über Romney und Obamas Unterstützungserklärung für Israel während der dritten Debatte der Präsidentschaftskandidaten. Er erklärte, dass die USA ein „verrückter Staat“ und verglichen die amerikanische Administration mit den rückständigsten Regimen der Welt. Nach Angaben dieses Autoren hätten die beiden Kandidaten besser darüber gewetteifert, wer Israel mehr hasst. Seine Hand zitterte nicht, als er die hetzerischen Wort schrieb, die einer Hamas-Zeitung würdig gewesen wären – denn es handelt sich um Ha’aretz.

Ha’aretz ist nicht repräsentativ für die Linke. Denn es gibt zwei Linke: Es gibt eine Linke, die Frieden, Menschenrechte und einen demokratischen jüdischen Staat anstrebt; und es gibt eine Linke die solche Dämonisierung mit offenen Armen begrüßt. Ha’aretz nimmt bei dieser zweiten Linken einen Ehrenplatz ein. Aus 10 Studien zu jüdischer Haltung gegenüber Rechten von Arabern wählte Ha’aretz die belangloseste, die absonderlichste aus und machte aus ihr eine Schlagzeile. Und das wäre das nicht genug, verfälschte sie die Ergebnisse.

Heute können wir zurückblicken und sehen, wie das Image der dämonischen Juden entstand: Es braucht eine systematische Kampagne an Lügen und Gehirnwäsche. Eines Tages wird der Minister für Geschichte sich mit derselben Frage beschäftigen: Wie wurde das Image eines dämonischen Israel geschaffen? Doch die Notwendigkeit, auf die ferne Zukunft zu warten, besteht nicht. Was den Juden einst von der antisemitischen Rechten getan wurde, wird heute von der antizionistischen Linken Israel angetan. Der Unterschied zwischen beiden, wenn er nicht klar gewesen sein sollte, schwindet dahin.

Ha’aretz wird natürlich argumentieren, dass es sich um legitime „Analyse“ handelt. Die wirkliche Frage lautet aber, ob solche Propaganda „Journalismus“ genannt werden kann.

Ein Gedanke zu “Ha’aretz, Gideon Levy und die Ente der israelischen Apartheid

  1. Ja, auch Mondoweiss fand den Haaretz Artikel toll. Ein exzellenter Kontrainidikator und damit war für mich klar, daß da was nicht stimmen kann.
    Danke für die Erklärung.

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