Belgischer Antisemitismus und Antizionismus

Manfred Gerstenfeld interviewt Andre Gantman (direkt vom Autor)

Viele Jahre lang hatten Bilder aus Auschwitz die öffentliche Bekundung von Antisemitismus beschränkt. Antisemitische Gedanken sind im Denken vieler verblieben. Wie es oft auch andernorts der Fall ist, werden Antisemitismus und Antizionismus in Belgien von vielen praktiziert. Sie sind bei Politikern, Medien, Gewerkschaften, Akademikern, NGOs usw. zu finden. Das gilt sowohl für das französischsprachige Wallonien als auch das Niederländisch sprechende Flandern.

Die belgischen Behörden subventionieren mehrere Organisationen, die den wirtschaftlichen und akademischen Boykott Israels unterstützen. Dazu gehören internationale Gremien wie die katholische Pax Christi und die Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam. Der extrem linke, antiisraelische Schriftsteller Luc Catherine – Autor des Buches „The Israel Lobby“ – behauptet, es gäbe keine pro-palästinensische Lobby in Flandern. Er hat Recht, denn es gibt hauptsächlich eine anti-israelische Lobby, die Israel dämonisiert.

Andre Gantman
Andre Gantman

Andre Gantman ist ein jüdischer Jurist. Er war Stadtrat für die Liberale Partei (VLD) in Antwerpen. Zuletzt schrieb er ein Buch über Antisemitismus, „Das gespaltene Gewissen“.

Die sozialistische Gewerkschaft (ABVV) ist ein wichtiger Initiator des Antiisraelismus. Die ABVV will die israelische Histadrut aus der Internationalen Gewerkschaftsorganisation ausschließen. Die Einseitigkeit ist leicht zu erkennen. Der belgische Premierminister Elio di Rupo von den Sozialisten ist Vizevorsitzender der Sozialistischen Internationale. Die Parteien der abgesetzten Diktaturen Tunesiens und Ägyptens waren bis zum so genannten Arabischen Frühling ebenfalls dort Mitglied.

Radikale Antiisraelis findet man unter Politikern vieler Parteien. Zu den extremen gehört Eva Brems, eine Bundesparlamentarierin der flämischen Grünen. Sie ist eine frühere Vorsitzende von Amnesty International in Flandern. Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass sie Ministern provokative Fragen mit antiisraelischer Tendenz stellt.

Die französischsprachige Freie Universität Brüssel ist ein weiteres wichtiges Zentrum des Antisemitismus. Jacques Brotchi, jüdischer Professor für Medizin und Senator der wallonischen liberalen Partei (MR) trat wegen des dort eskalierenden Antisemitismus letztes Jahr vom Vorstand seiner Universität zurück.

Im März 2011 fand an der flämischsprachigen Universität gleichen Namens die jährliche Israelboykott-Woche statt. Die Europäische Union der Arabischen Studenten gehörte zu den Organisationen eines Vortrags von Azzan Tamimi, einem Unterstützer der Muslimbruderschaft. Die Verwaltung der Universität forderte, dass auch ein pro-israelischer Sprecher eingeladen wird, der nach Tamimi sprach. Tamimi, der öffentlich Terrorismus und Selbstmord-Bombenanschläge gegen Israel befürwortet, verließ die Veranstaltung nach seiner Rede. Ein paar Tage später sprach er auf Al-Jazira gegen Freiheit und Demokratie.

Von Zeit zu Zeit nimmt der muslimische Antisemitismus extreme Proportionen an. 2009 sprach ich an der Universität von Antwerpen. Ein junger Muslim, ganz in Weiß gekleidet, fragte mich: „Fließt in Ihnen Adern menschliches Blut?“ Seine Versuche mich zu entmenschlichen erinnerte mich an die Nazi-Ideologie.

Der Antisemitismus hat sich auch unter der jüngeren Generation der Muslime verbreitet. Eine 2011 von Professor Marc Elchardus von der Flämischen Freien Universität Brüssel veröffentlichten Studie zeigt, dass muslimischer Antisemitismus an niederländischsprachigen Schulen in Brüssel die Schikanierung anderer Schüler bei weitem übertrifft. Rund 50% der muslimischen Studenten hegen antisemitische Gesinnungen. Für andere Schüler liegt die Quote bei 10%. Die Studie zeigt auch, dass es weit mehr Antisemitismus als antimuslimische Gefühle gibt.

Allgemein gesagt unterschätzen die belgischen Behörden die negative Haltung der Muslime gegenüber den Juden. In der Vergangenheit waren sie von der Vorstellung besessen, dass diese Art des Antisemitismus zu kritisieren sowie islamischen Extremismus genau zu bestimmen zu Rassismus gegen Muslime ermutigen würde. Folglich würde die so genannte „multikulturelle Gesellschaft“ übel zugerichtet. 2010 organisierte die belgische Bundesregierung einen Runden Tisch zu Multikulturalismus. Aus dem Bericht zu den Diskussionen wurde klar, dass die Anwesenden bereit waren, die Grundwerte teilweise aufzugeben, die demokratische Gesellschaften sich im Verlauf der Jahrhunderte unter großen Opfern erlangt haben.

Die Teilnehmer deuteten an, dass die Gleichberechtigung der Bürger, der Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und die Gleichberechtigung von Männern und Frauen keine absoluten Werte sind. Sie scheinen zu glauben, dass ein Kompromiss gefunden werden muss, der andere Werte einschließt, die aus der falschen Vorstellung abgeleitet sind, dass die Grundsätze einer demokratischen Gesellschaft denen von Neuankömmlingen – d.h. denen der Muslime – angepasst werden sollten. Wenig überraschend wurde auch eine Empfehlung gegeben das Gesetz zu annullieren, das Holocaustleugnung strafbar macht.

Gantman konzentriert sich außerdem auf die politische Korrektheit des Mainstreams: Viele Antiisraelis legen zweierlei Maß an. Das wurde am deutlichsten durch ihre Reaktionen auf die Veröffentlichung des Goldstone-Berichts klar. Israelhasser schauen in der Regel weg, wenn in vielen anderen Ländern extreme Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit begangen werden. Als Goldstone seine Meinung 2011 zugunsten Israels änderte, beschuldigte man ihn Zionist zu sein.

Im Großen und Ganzen kann auch festgestellt werden, dass die Medien dazu tendieren auf Israel einzudreschen. So wird zum Beispiel sehr oft, wenn die israelische Luftwaffe eine defensive Aktion gegen bewaffnete Gruppen im Gazastreifen durchführt, kaum erwähnt, dass vorher israelische Städte von dort mit Raketen angegriffen wurden.

Gantman schließt: Es gibt allerdings auch einen Hoffnungsschimmer. Justizministerin Annemie Turtelboom ernannte einen Sonderermittler für die Koordination der Polizeiarbeit zur Bekämpfung des Antisemitismus.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.