Eine aus Not geborene Zeitschrift zu Antisemitismus

Manfred Gerstenfeld interviewt Steven K. Baum (direkt vom Autor)

Meine negativen Erfahrungen mit amerikanischen und britischen Redakteuren, die tendenziös gegen Israel waren, führte 2008 zur Gründung des Journal for the Study of Antisemitism (JSA – Magazin zum Studium des Antisemitismus).1 Ich machte das zusammen mit meinem Freund Neal Rosenberg. Es ist zu einer Zeitschrift geworden, in der Artikel veröffentlicht werden können, ohne der vorherrschenden antiisraelischen Rhetorik nachzugeben.

StevenKBaum
Steven K. Baum

Steven Baum ist klinischer Psychologe, der seit über dreißig Jahren privat praktiziert. Er lehrt regelmäßig und veröffentlicht Artikel, Aufsätze und Bücher. Eine Reihe davon beschäftigt sich mit Antisemitismus und Völkermord.

Er sagt: Ich begann im Fachgebiet des Alterns und der Erwachsenenentwicklung – dem Studium der Abschnitte der psychologischen Veränderungen, die auftreten, während wir altern. Bald faszinierten mich der Holocaust und andere Völkermorde. Später erkannte ich, dass die Psychologie des Antisemitismus schwer fassbar war; in den vergangenen zehn Jahren konzentrierte ich meine Aufmerksamkeit darauf, warum Menschen Juden hassen.

Baum berichtet einige seiner Erfahrungen: Ich führte eine Studie mit 100 nordamerikanischen Muslimen und 100 Christen durch, denen Tests zu den Themen Antisemitismus und anderen psychologischen Phänomenen gegeben wurden.2 Ihre Ergebnisse wurden dann bezüglich Stufen und Typen antisemitischer Überzeugungen ausgewertet. Die Ergebnisse zeigten, dass die Werte des mainstream-christlichen Antisemitismus niedrig lagen, während sie bei den meisten Muslimen hoch waren. In den muslimischen Proben trat Bedrohung der eigenen sozialen Identität als stärkstes Anzeichen des Antisemitismus auf.

Ich schickte meine Studie an das Journal of Contemporary Religion. Dessen Chefredakteurin sagte, ein Lektor wollte, dass ich diese religiösen Differenzen in Begriffen der Politik Israels gegenüber den Palästinensern erkläre. Ich antwortete, dass 1.500 Jahre antisemitischer muslimischer Kultur die wahrscheinlichste Quelle seien. Die Chefredakteurin sagte, sie würde den Artikel nicht veröffentlichen, ohne dass dieses Thema mit dem Lektor geklärt wäre.

Ich entschied mich einen Satz einzufügen, der keine Auswirkungen auf irgendetwas hatte, aber statt antisemitischer Kultur Kontext heraushob und schrieb: „Kontext muss mit gleicher Wichtigkeit überlegt werden. Die Umfrage wurde zum Beispiel kurz nach den Bombenanschlägen vom 7. Juli 2005 in London durchgeführt und der Hintergrund der Gewalt könnte die Standpunkte polarisiert haben, was die antiisraelischen Ansichten und die antisemitischen Einstufungen unter muslimischen Jugendlichen verstärkt haben könnte.“ Ich gab eine Quelle an, die das stützte. Das Journal veröffentlichte die Studie dann 2008. Die meisten Menschen begriffen aber, dass Juden und Israel nichts mit den Bombenanschlägen in der Londoner U-Bahn zu tun haben.

Um dieselbe Zeit bereitete die Cambridge University Press die Veröffentlichung meines Buches Psychology of Genocide (Die Psychologie des Völkermords) vor.3 Der bearbeitende Redakteur stellte alles in Frage, was dem Islam gegenüber kritisch war. Er stellte Fragen wie „Wie kann man etwas Negatives über den Jihad sagen? Er ist eine der Säulen des Islam.“ Ich sagte, trotz dieser Tatsache ist er ein Aufruf zum Völkermord geworden. Ich beschwerte mich beim Chefredakteur und danach gab es wenig weitere politische Infragestellungen.

Derselbe Verlag hatte eine Option für meinem nächsten Buch, Antisemitism Explained (Antisemitismus erklärt). Dessen Hauptthema war: Wenn jemand ausreichend negative und falsche Äußerungen über Juden – oder jede andere Gruppe – tätigt, dann wird ein Punkt erreicht, an dem alles kippt und die Menschen die antisemitische Täuschung als wahr annehmen. Ich bot Beweise dafür, wie das funktionierte und zog Parallelen zum Prozess der Werbepsychologie. Die Redakteure der Cambridge Press mochten die Idee. Ein Kapitel erklärte, wie muslimische Propaganda den Hass auf Israel auf die gleiche Art beeinflusste.

Der neue Lektor der Cambridge Press, mit dem ich zu tun hatte, mochte diese Erklärung antiisraelischer Ansichten nicht, obwohl sie mit dem Hauptthema des Buches übereinstimmte. Er wollte, dass ich mich auf Kontext konzentriere, d.h. die palästinensische Betrachtungweise. Ich fragte, was das mit einem Buch über Antisemitismus zu tun habe. Die Antwort lief auf „Bring das in Ordnung oder vergiss es“ hinaus. Ich wollte meine Ansichten nicht verfälschen, woraufhin der Lektor mein Buch ablehnte.

Drei Jahre lang suchte ich nach einem anderen Verleger. Ich fand schließlich die University Press of America – eine Verlagsmarke von Rowman and Littlefield – die es 2012 veröffentlichte.4

Verschiedene weitere Akademiker erzählten mir, dass sie Probleme hatten Artikel zu veröffentlichen, die Israel in ein günstiges Licht stellten. Da erkannte ich, dass es keine akademischen Zeitschriften gab, die sich ausdrücklich der Untersuchung des Antisemitismus widmeten. Pro-palästinensische Akademiker begegneten solchen Problemen aber nicht. Im Gegenteil, es gibt ein Journal of Palestinian Studies, das in vielen Bibliotheken verfügbar ist.

Baum merkt an: Das zweimal im Jahr erscheinende Journal for the Study of Antisemitism geht jetzt in sein fünftes Jahr. Es hat einen respektablen Herausgeber-Vorstand. Die in Fußnoten angeführten Originalartikel sind durch Fachleute begutachtet. Gastredaktoren haben einzelne Hefte redigiert, die sich Themen wie Osteuropa, Recht und Antisemitismus sowie Universitäten und Antisemitismus widmen. Das sind globale Phänomene. Eine weitere Ausgabe sprach Antisemitismus in Lateinamerika an.

Einige vom JSA veröffentlichte Autoren von Aufsätzen und Buchrezensionen würden Probleme haben diese an anderen Orten unterzubringen. Das Journal ist mit Eigenmitteln finanziert und nirgendwo akademisch angegliedert. Trotz dieser Nachteile gibt es jüdischen und israelischen Begegnungen mit Hass eine Stimme. Man könnte zu dem Schluss kommen, dass meine Negativerfahrungen zu einem positiven Ende geführt haben.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

1 www.jsantisemitism.org/
2 Christian and Muslim Antisemitic Beliefs. Journal of Contemporary Religion, 24/2008, S. 137-156. http://www.stevebaum.com/pdf/Mus-ChrAntisem.pdf
3 Baum, S.K.: Psychology of Genocide. New York (Cambrdge University Press), 2008.
4 Baum, S.K.: Antisemitism Explained. Lanham, MD (University Press of America), 2012.